ADB:Franco von Köln

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Franco von Köln“ von Heinrich Bellermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 7 (1878), S. 246–247, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Franco_von_K%C3%B6ln&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 08:21 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Franco
Nächster>>>
Francolin, Hans von
Band 7 (1878), S. 246–247 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Franco von Köln in der Wikipedia
GND-Nummer 118684434
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|7|246|247|Franco von Köln|Heinrich Bellermann|ADB:Franco von Köln}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118684434}}    

Franco von Köln (Musiker). Diesem schreibt man allgemein eines der ältesten und wichtigsten Bücher über die Mensuralmusik aus dem Ende des 12. oder dem Anfang des 13. Jahrhunderts zu. Bestimmte Nachrichten über seine Lebensverhältnisse sind nicht auf uns gekommen. Unzweifelhaft haben aber in genannter Zeit zwei Musiker Namens F. gelebt, welche beide besonderen Fleiß darauf verwandten, die Regeln für die mehrstimmige Musik und deren Notation, die Mensuralnotation, zu ordnen und in ein bestimmtes System zu bringen. In einem anonymen Tractat aus dem 13. Jahrhundert, welchen Coussemaker in seinen Script. de mus. med. aevi Bd. I. S. 327–365 veröffentlicht hat, sind nicht unwichtige geschichtliche Angaben enthalten und zwar gerade in Bezug auf die beiden Franconen. Im zweiten Capitel „de punctis vel notis“ wird daselbst berichtet, daß Perotinus Magnus, Leoninus, Petrus genannt optimus notator, ferner Johannes genannt Primarius u. A., sich noch einer unvollkommenern Notation bedient hätten, bis zu den Zeiten des Magisters Franco des ersten und jenes anderen F. von Köln, welche ihrerseits anfingen, in ihren Büchern zum Theil von den früheren abweichend zu notiren und von diesen stammen die Regeln, wie sie für die Folgezeit überliefert und in Gebrauch geblieben sind. Hiernach ist es nun fraglich, wie sind die beiden hier genannten Männer von einander zu trennen und welchem von beiden ist das für die Musikgeschichte so bedeutungsvolle und überaus wichtige Werkchen, die „Ars cantus mensurabilis“, welche die Grundlage für die spätere Notation, namentlich im dreitheiligen Rhythmus geblieben ist, zuzuschreiben? In den zu Paris und Oxford aufbewahrten Handschriften ist dies nicht angegeben und in der zu Mailand befindlichen wird der Verfasser derselben als ein Franco Parisiensis bezeichnet. Wenn nun jener Franco primus mit diesem letzteren identisch ist, so ist kein Grund vorhanden, die „Ars cantus mensurabilis“ dem Kölner F. zuzuschreiben. Die musikalischen Geschichtsforscher des vorigen Jahrhunderts, wie Forkel, Burney u. a., haben dies aber gethan und zwar deshalb, weil sie nur einen F. annahmen und ferner, weil unter diesem Namen uns außerdem noch ein anderes Werkchen, ein „Compendium discantus“, überliefert ist, welches mit den Worten beginnt [247] „Ego Franco de Colonia“. Hieraus schlossen sie, daß, wenn der Verfasser sich selbst in erster Person de Colonia nennt, die Ueberschrift Parisiensis in der Mailänder Handschrift der „Ars cantus mensurabilis“ nur ein Fehler der Abschreiber sein könne. Jenes „Compendium discantus“ ist aber, wie aus einer Vergleichung der Intervallenlehre (d. i. die Eintheilung der Intervalle in Consonanzen und Dissonanzen) in beiden Schriften hervorgeht, um ein bedeutendes jünger als die „Ars cantus mensurabilis“, so daß dasselbe wahrscheinlich erst aus dem Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts stammt und weder vom Franco primus, noch von dem Kölner herrührt. Hiernach ist also das Ergebniß unserer Untersuchung, daß uns von F. von Köln wahrscheinlich nichts erhalten ist, daß dagegen die „Ars cantus mensurabilis“ dem Pariser oder primus Franco angehört und schließlich, daß jenes „Compendium discantus“ ohne Zweifel unecht und jüngeren Ursprunges ist. Doch wird hierdurch Werth und Bedeutung der „Ars cantus mensurabilis“ nicht im geringsten gemindert, welche stets eins der wichtigsten Documente für die Mensuralmusik aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts bleiben wird und bei Zeitgenossen und Nachfolgern in höchstem Ansehen stand, so daß sie selbst noch von Gafurius in seiner Practica musica (Mailand 1496) als eine Autorität für die Lehre von den Ligaturen angeführt wird. – Die Ansichten der älteren Geschichtsschreiber über die Persönlichkeit und Lebenszeit Franco’s hier zu wiederholen, halte ich für überflüssig; doch sei beiläufig erwähnt, daß ihn einige für einen Lütticher Bischof und Scholasticus des 11. Jahrhunderts gehalten haben, andere für den gleichnamigen Abt des Klosters zu Afflighem zu Anfang des 12. Jahrhunderts (s. o.) und noch andere für einen Rector der Capelle des heiligen Benedictus zu Dortmund um 1190.

Die „Ars cantus mensurabilis“ ist zuerst herausgegeben in Gerbert’s Script. eccles. de mus., St. Blasien 1784, Bd. III; dann in Coussemaker’s Script. de mus. med. aevi, Bd. I, Paris 1864; aus derselben ist Cap. XI De discantu et ejus speciebus, besonders (mit Uebersetzung und erklärenden Anmerkungen) herausgegeben von H. Bellermann, Berlin 1874. – Das „Compendium discantus“ ist abgedruckt in Coussemaker’s Script. de mus. med. aevi Bd. I.