ADB:Kircher, Athanasius

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Artikel „Kircher, Athanasius“ von Adolf Erman in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 16 (1882), S. 1–4, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kircher,_Athanasius&oldid=- (Version vom 20. Juli 2019, 12:30 Uhr UTC)
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Band 16 (1882), S. 1–4 (Quelle).
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Kircher: Athanasius K., wurde am 2. Mai 1602 zu Geisa im Eisenach’schen geboren. Auf dem Jesuitengymnasium zu Fulda erzogen, trat er 1618 zu Paderborn in die Gesellschaft Jesu. Mit Begeisterung gab er sich dort wissenschaftlichen Studien hin und alles zog den lebhaften Geist des Jünglings in gleicher Stärke an; klassische und orientalische Sprachen, Mathematik und Physik. Nach Aufhebung des Paderborner Ordenshauses lebte er in den Jesuitenniederlassungen in Münster und Köln, in Koblenz und Mainz, theilweise als Lehrer thätig. Dieser Schulunterricht scheint übrigens ziemlich das einzige Amt gewesen zu sein, zu dem ihn sein Orden je verwendet hat. Man hat ihm gestattet sein Leben ausschließlich wissenschaftlichen Studien zu widmen – die Vermuthung liegt nahe, daß er für ungeeignet zu praktischer Thätigkeit galt. Gegen 1630 erhielt er eine Professur in Würzburg und hier war es, wo 1631 sein, soviel sich sehen läßt, erstes Werk, die „Ars magnesia“ betitelte Schrift über Magnetimus erschien. Aber der 30jährige Krieg ließ ihn seine Würzburger Muße nicht lange genießen; noch in demselben Jahre floh er beim Herannahen der Schweden und 1633 zog er es vor, Deutschland ganz den Rücken zu kehren und sich in die Jesuitenniederlassung zu Avignon zurückzuziehen. Dieser Aufenthalt in Avignon wurde für K. von besonderer Wichtigkeit. Schon in Speier war ihm ein Buch über einen der römischen Obelisken in die Hände gefallen und hatte ihn veranlaßt sich mit Aegypten zu beschäftigen, jetzt in Frankreich kam er mit Gelehrten in Berührung, die ein gleiches Interesse hegten, insbesondere mit Peirescius. Noch in späteren Jahren spricht K. davon, wie ihn dieser ermuntert habe, in seinen ägyptischen Studien fortzufahren, und gewiß wird Peirescius an dem jüngeren für Aegypten begeisterten Manne Antheil genommen haben. Aber an eine enge Freundschaft zwischen beiden vermag ich nicht zu glauben. Denn unser Jesuitenpater hatte bei aller Gelehrsamkeit doch nur wenig gemein mit den großen Philologen des damaligen Frankreich. Schon damals arbeitete K. an einem „Oedipus“ betitelten Werke, das die angebliche geheime Priesterweisheit der Aegypter aus den Hieroglyphen wiederfinden sollte – Peirescius und Salmasius als echte Philologen hatten sich nähere realere Ziele gesteckt. Sie wollten die Sprache der Aegypter kennen lernen, aus der einzigen Quelle, die damals zu Gebote stand, aus dem Koptischen, dem Idiom der ägyptischen Christen. Zu diesem Zwecke hatte sich Peirescius koptische Handschriften zu verschaffen gewußt und hatte sie zum Studium an Salmasius und Samuel Petit gegeben, aber ihre Arbeit mußte nothwendig Stückwerk bleiben, so lange ihnen das wichtigste Hülfsmittel unzugänglich blieb, welches existirte. Dies war das umfangreiche koptisch-arabische Glossar, das der Reisende Pietro della Valle nach Rom gebracht hatte. Eine Ausgabe desselben, die die Congregatio de propaganda [2] fide unternommen hatte, war gescheitert, nun versuchte Peirescius es zum Studium für Salmasius zu erhalten. Seine Bitte wurde nicht gewährt, Pietro della Valle wünschte, wenn irgend möglich, jede Versendung des werthvollen Manuscriptes zu vermeiden. Es traf sich zufällig, daß K. damals gerade in Rom war; er hatte einen Ruf nach Wien erhalten und reiste 1635 über Italien dorthin. Um nun doch in irgend einer Weise jenes wichtige Glossar zugänglich zu machen, bat Peirescius seinen Besitzer, K. mit der Publikation zu betrauen. Della Valle ging darauf ein, ein Gönner Kircher’s, der Cardinal Barberini, verschaffte diesem die Möglichkeit in Rom zu bleiben – er wurde Lehrer der Mathematik am Collegium Romanum – und es fiel die schöne Arbeit, die ein Salmasius sich gewünscht hatte, in die Hände Kircher’s. Das etwa scheint der wirkliche Hergang der Angelegenheit gewesen zu sein; es war lediglich ein Nothbehelf, daß K. zur Veröffentlichung des Glossar’s gewählt wurde – er selbst stellt es allerdings anders dar. Wollen wir ihm glauben (wie es mit seiner Glaubwürdigkeit steht, wird sich freilich bald zeigen!), so wäre er schon in Avignon von Peirescius dringend gebeten worden, doch die Heraugabe des Glossar’s zu übernehmen. Er hätte sich dazu bereit finden lassen, und als die Nachricht von diesem Vorhaben Kircher’s und seinen anderen ägyptischen Studien nach Rom gelangt, hätten ihn dann Urban VIII. und Cardinal Barberini zu sich berufen. In größter Spannung hätten nun alle Gelehrten geharrt, welche Wunder er aus den Hieroglyphen und der koptischen Sprache an das Licht bringen würde, freilich hätte es auch nicht an Neidern gefehlt, die ihm mit ihren Zweifeln die größten Schwierigkeiten bereitet hätten. Schon im nächsten Jahre konnte K. auf Barberini’s Kosten als ein Specimen seiner Studien den „Prodromus Coptus“ herausgeben. Das wichtigste und beste, was dies Buch enthält, ist die erste kurze Skizze einer koptischen Sprachlehre, eine Umarbeitung ähnlicher arabischer Schriften. Desto werthloser ist der Rest des Buches. Zum großen Theil enthält es weit hergeholte Phantasien und selbst die Beweise, die er für an sich ganz richtige Sätze beibringt, sind derart, daß sie die Zweifel an der Richtigkeit seiner Forschungen nur verstärken mußten. Dürfen wir indeß seinen Versicherungen Glauben schenken, so hätte der Prodromus begeisterte Aufnahme gefunden und von allen Seiten sei er ermahnt worden, in dem begonnenen Werke fortzufahren. Trotz dieser allgemeinen Wünsche verzögerte sich aber die Veröffentlichung des Glossar’s selbst noch um volle sieben Jahre. Theils trat ein längerer Aufenthalt Kircher’s in Malta und Sicilien störend dazwischen, theils fehlten dieses Mal die Fonds zum Druck – fast möchte man glauben, daß auch Barberini die Nichtigkeit der Kircher’schen Gelehrsamkeit zu durchschauen anfing. Erst als Kaiser Ferdinand III. einen Theil der Kosten deckte, konnte das lang versprochene Werk 1643 erscheinen. Diese „Lingua aegyptiaca restituta“ ist das einzige Buch Kircher’s, das noch heute benutzt wird; es ist für die ägyptische Sprachforschung unentbehrlich, freilich nicht weil, sondern trotzdem K. es herausgegeben hat. Natürlich darf man die zahllosen Irrthümer, die es enthält, K. nicht zu hoch anrechnen; seine Aufgabe war nicht leicht und er hatte keinerlei Vorarbeiten. Manche Schnitzer sind freilich kaum glaublich, hält er doch z. B. τόμος und τομάριον allen Ernstes für arabische Worte! Schlimm ist aber die Liederlichkeit, mit der er arbeitete. Einen großen Theil der Glossen hat er aus Flüchtigkeit unrichtig abgedruckt und dadurch Irrthümer in die koptische Lexikographie gebracht, die leider noch heute sich fühlbar machen. Und ein anderes wird immer unverzeihlich bleiben. Was ihn zu den Resten des ägyptischen Alterthums hinzog, war sein Glaube an eine geheimnißvolle Weisheit, die in den Hieroglyphen niedergelegt sein sollte. In einem dunkeln richtigen Gefühl hatte er vom Koptischen Hülfe zur Erklärung der Hieroglyphen erwartet und laut verkündet, wie [3] viel seine Herausgabe jenes Glossar’s zur Aufklärung der ägyptischen Geheimnisse beitragen würde. Als er nun jetzt dies vielgepriesene Glossar näher kennen lernte, mußte es ihm bald klar werden, daß für seine Art der Hieroglyphenforschungen kaum etwas daraus zu lernen war. Ein wirklicher Gelehrter hätte dies offen eingestanden und sich an dem vielen Werthvollen, was die Handschrift enthält, für die Enttäuschung schadlos gehalten – K. hat dies nie vermocht. Er staffirt seine Schriften mit koptischen Brocken aus, um doch den Schein aufrecht zu erhalten, als hülfe ihm diese Sprache bei der Erklärung der ägyptischen Geheimnisse, ja er geht sogar noch weiter. Um den Lesern der „Lingua aegyptiaca restituta“ doch etwas bieten zu können, was seinen Versprechungen entspricht, greift er zu Fälschungen. So schiebt er zwischen die koptischen Thiernamen ein selbsterfundenes Wort mends „Bock“ ein, um daraus dann den Namen der Stadt Mendes zu erklären. So gibt er sogar eine ausführliche Liste von koptischen Werken, die sich in Kairo befinden sollen und die wunderbarer Weise alle die Religion, die Geschichte und die Astronomie des alten Aegyptens behandeln; stirnlos lügt er, dieses Verzeichniß sei ihm von dem inzwischen verstorbenen Peirescius mitgetheilt worden! Uebrigens ist diese letztere Fälschung so plump, daß sie auch Kircher’s Zeitgenossen schwerlich getäuscht haben wird.

Vollends nur als Curiosa haben Kircher’s andere Schriften über Aegypten Interesse, von welchen hier nur der „Oedipus Aegyptiacus“ genannt sei, den er schon in Avignon begonnen hatte, der aber erst 1655 und zwar wiederum auf kaiserliche Kosten erschien. Die Tollheit seiner Deutungen wirkt um so widerlicher, als sie im arrogantesten Tone vorgetragen wird. Als eine Probe der Dinge, die er in den Hieroglyphen fand, sei die Uebersetzung angeführt, die er den 13 Zeichen Kasrs Tmitians (Caesar Domitianus) angedeihen läßt: „Die wohlthätige Zeugungskraft, die über das Obere und Untere herrscht, vermehrt das Zuströmen der heiligen Feuchtigkeit, die von oben herabkommt. Saturn, der die flüchtige Zeit ordnet, der wohlthätige Gott, fördert die Fruchtbarkeit der Aecker und hat Macht über die feuchte Natur.“ Diese Verkehrtheiten brachten ihn natürlich bei den Gelehrten bald um jedes Ansehen. So schickte ihm der Berliner Orientalist Andreas Müller einen Zettel, auf den er unsinnige Zeichen geschrieben hatte, mit der Anfrage, ob dies nicht etwa Hieroglyphen seien. Und K. bejahte es und schickte umgehend eine Uebersetzung derselben zurück. Hingegen das größere Publikum täuschte K. doch durch die Sicherheit seines Auftretens und durch die Unermüdlichkeit seiner Reclame. Auf Fernerstehende wirkte es doch, daß er in jeder seiner Vorreden von der Bewunderung berichtete, die seine Arbeiten bei den Gelehrten fänden; denen imponirten doch die Dutzende von Gedichten in möglichst barbarischen Sprachen, die er vor dem Oedipus abdrucken läßt und in denen Aethiopen, Kopten, Syrer, Araber, Armenier, Chinesen den Beifall bezeugen, den Kircher’s Werke in Asien und Afrika finden. Wie gut diese Mittelchen wirkten, sieht man schon aus dem äußeren Erfolg seiner Werke; während die orientalistischen Werke ernsterer Gelehrten des 17. Jahrhunderts ungedruckt blieben, erschienen Kircher’s Folianten in glänzendster Ausstattung auf kaiserliche Kosten, sie erlebten mehrere Auflagen, ja es lohnte sogar sie nachzudrucken. Ich bin auf diese Arbeiten Kircher’s näher eingegangen, weil mir daran lag, ihn als den Charlatan zu zeigen, der er war. Er besaß eine vielseitige Bildung und großen Eifer, aber nur oberflächliche Kenntnisse und keine Idee von Methode; er war ein fleißiger Arbeiter, aber ihm fehlte Treue und Gründlichkeit. Er war kein Forscher, dem es genügt, wenn die wenigen Sachverständigen seine Arbeiten kennen; was seine Natur brauchte, war die leere Bewunderung der sogenannten „weiteren Kreise“ und um die nicht einzubüßen, erlaubt er sich selbst Fälschungen.

[4] Leider ist ein ähnliches Urtheil auch über die zahlreichen anderen Werke zu fällen, die er fast alljährlich veröffentlichte. Außer Geschichten der Sündfluth und der Sprachverwirrung, einem Leben des heiligen Eustachius, einer Topographie von Latium, außer Büchern über China, über den Geheimsinn des Bibeltextes, über arabische Philosophen, über eine Universalschrift u. a. m., hat er noch eine stattliche Reihe von Bänden naturwissenschaftlichen Inhalts geschrieben. Und unter all diesen Folianten und Quartanten über Optik und Akustik, über Mathematik, über Magnetismus, über Himmel, Erde und Unterwelt, über die Pest und über Wunderzeichen ist nach sachkundigem Urtheil auch nicht einer, der eine wirkliche Förderung der Wissenschaft enthielte. Auch in ihnen behandelt er mit Vorliebe Geheimnißvolles und Phantastisches, Zahlenmystik und ähnliches, auch in ihnen prahlt er mit wunderbaren Entdeckungen und Erfindungen, die er gemacht zu haben behauptet. Will er doch sogar ein Instrument besitzen, das nicht nur astronomische Probleme löst, sondern auch medicinische und kabbalistische Fragen beantwortet! Diejenigen Instrumente, die er wirklich erfunden hat, sind meist ganz unbedeutend; das interessanteste dürfte noch die laterna magica sein, wenn anders diese wirklich Kircher’s Eigenthum ist. Doppelt merkwürdig muß es bei einem solchen Manne erscheinen, daß er sich in einem Punkte doch der Mehrzahl seiner Zeitgenossen überlegen zeigt. Er, der selbst an Astrologie und Kabala glaubt, sieht die Nichtigkeit der Alchymie ein. In demselben Buche, in dem er von Riesen und Drachen handelt und von der Wiederbelebung einer zu Asche gebrannten Pflanze, im „Mundus subterraneus“, greift er die Alchymisten auf das heftigste an. Aber was will dieser eine gesunde Zug sagen neben der Fülle der Kircher’schen Verkehrtheit?

Sein Leben verfloß in ungestörtester Muße, selbst seine Lehrthätigkeit durfte er bald niederlegen. Die letzten vier Jahrzehnte bis zu seinem am 28. Novbr. 1680 erfolgten Tode lebte er nur seinen Studien und den Sammlungen, die er für das Collegium Romanum schuf. Denn diese letzteren sind im Wesentlichen sein Werk, und wenn wir an den litterarischen Produkten Kircher’s wenig zu loben finden, an dieser Hinterlassenschaft des eifrigen Mannes können wir uns mit gutem Gewissen freuen. Das „Museum Kircherianum“ wird seinen Namen nicht untergehen lassen.

Vgl. die Autobiographie Kircher’s im Anhange zum Fasciculus Epistolarum Ath. Kircheri von Ambr. Langenmantel. Augsburg 1684. – Werner, Geschichte der kath. Theologie, S. 68. – Peschel, Gesch. der Erdkunde s. h. v. – Carus, Geschichte der Zoologie, S. 317. – Ueber Kircher’s Museum s. Civiltà cattolica 1879, Sec. 10. vol. 12, p. 740.