ADB:Kirchhoff, Gustav

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Artikel „Kirchhoff, Gustav Robert“ von Robert Knott in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 51 (1906), S. 165–167, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kirchhoff,_Gustav&oldid=2580820 (Version vom 15. Dezember 2018, 23:19 Uhr UTC)
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Kirchhoff: Gustav Robert K., geboren am 12. März 1824 zu Königsberg in Ostpreußen. Sein Vater war Justizrath daselbst. Er besuchte mit zwei älteren Brüdern das Kneiphöf’sche Gymnasium seiner Vaterstadt, bestand mit 18 Jahren das Abiturientenexamen und bezog zunächst die Heimathsuniversität, wo er u. a. die Vorlesungen des Physikers Franz Neumann und des Mathematikers Richelot hörte. Des letzteren Tochter Clara wurde 1857 seine erste Frau. In Neumann’s mathematischem Seminar fertigte K. mit 21 Jahren seine erste Arbeit über den Durchgang der Elektricität durch Platten. Mit 23 Jahren promovirte er und erhielt ein damals selten gewährtes Stipendium zu einer wissenschaftlichen Reise nach Paris, die er jedoch der politischen Unruhen wegen nicht ausführen konnte. 1848 habilitirte er sich in Berlin; von dort wurde er 1850 als außerordentlicher Professor nach Breslau [166] berufen. 1851 kam Bunsen von Marburg nach Breslau und beide Männer verband bald eine innige fürs Leben währende Freundschaft; 1852 verließ Bunsen zwar Breslau wieder, um nach Heidelberg überzusiedeln; 1854 aber folgte ihm K. dorthin an Jolly’s Stelle. Später traten diesem Kreise noch Helmholtz und Königsberger bei. 1869 starb Kirchhoff’s erste Frau; der Ehe waren zwei Söhne und zwei Töchter entsprossen. Im J. 1868 hatte er sich ein Bein übertreten, welch scheinbar kleiner Unfall ihm ein hartnäckiges Fußleiden zuzog und ihn lange Zeit an die Krücke, ja in den Rollstuhl zwang. Weihnachten 1872 verheirathete sich K. zum zweiten Male mit Frl. Luise Brömmel aus Goslar, welche zur Zeit die Oberaufsicht in der Augenklinik Professor Becker’s in Heidelberg führte. In Heidelberg war K. Lehrer der theoretischen und Experimentalphysik. Zunehmende Kränklichkeit verleidete ihm indeß die letztere Thätigkeit mehr und mehr, sodaß er schließlich im J. 1875, nachdem er zwei andere Berufungen ausgeschlagen hatte, als Professor der theoretischen Physik nach Berlin übersiedelte. Die Wahl zum Rector mußte er 1884 wegen Kränklichkeit ablehnen; nachdem er eine kurze Zeit auf Anrathen der Aerzte auch seine Vorlesungen unterbrochen hatte, nahm er diese im Wintersemester 1885/86 unter Aufbietung aller seiner Kräfte noch einmal auf – es war zum letzten Male. Den Sommer darauf brachte er in Baden, den nächsten in Wernigerode zu. Nach Berlin zurückgekehrt wurde er bald zu wiederholten Malen von Fieberanfällen gepeinigt. Seine Frau, welche mehrere Nächte an seinem Bette wachend zugebracht hatte, ruhte am 17.October 1887 Morgens kurze Zeit aus; als sie erwachte, war K. sanft und friedlich entschlafen. Nach dem Ausspruche der Aerzte hatte ein schweres, glücklicher Weise schmerzloses Gehirnleiden seinem Leben ein Ende gemacht.

Höchste wissenschaftliche Begabung und Bethätigung ist nicht nothwendig mit Lust am Lehren verbunden. Bei K. war dem aber so. Er übte eine große Anziehungskraft auf seine Schüler aus durch seinen ruhigen, klaren, sorgsam durchdachten Vortrag, in dem kein Wort zu viel, keins zu wenig war; er bot daher in kurzer Zeit ungewöhnlich Vieles und Reichhaltiges. Er lebte äußerst zurückgezogen, ohne indeß heitere, ungezwungene Geselligkeit zu mißachten. Gerühmt wird an ihm auch seine Aufopferungsfähigkeit für Freunde, sowie seine große Bescheidenheit nicht zum mindesten in wissenschaftlichen Dingen.

Kirchhoff’s erste Arbeiten weisen fast ausschließlich eine mathematische Behandlung physikalischer Fragen auf. Sie umfassen alle Theile der Physik, die Mechanik, Elasticität, Wärmelehre, Elektricität, Optik; auf dem Gebiete der Elektricität ist da besonders hervorzuheben das nach ihm benannte Gesetz über die Stromverzweigung. Alles aber übertrifft seine 1859 erschienene Abhandlung über die Fraunhoferschen Linien und sein 1860 ausgesprochenes Fundamentalgesetz über die Emission und Absorption: „Das Verhältniß zwischen dem Emissionsvermögen und dem Absorptionsvermögen einer und derselben Strahlengattung ist für alle Körper bei derselben Temperatur dasselbe“. Dieses Gesetz lehrte die Beziehung zwischen den dunkelen Linien im Sonnenspectrum und den glänzenden Farbenlinien im Flammenspectrum der tellurischen Elemente und damit die chemische Zusammensetzung der Gestirne unzweifelhaft erkennen, und eben diese letztere praktische Ausbeute ist es, die Kirchhoff’s Namen so populär gemacht hat, wie zu unserer Zeit etwa den Röntgen’s aus einem ähnlichen Grunde. Mit Hülfe der Spectralanalyse wurden aber auch eine Menge neuer Metalle entdeckt; durch sie ist auch der Chemie ein Forschungsmittel an die Hand gegeben, von dessen Empfindlichkeit die Bemerkung eine Vorstellung geben mag, daß nach Roscoe noch der dreimillionste [167] Theil eines Milligramms Kochsalz mit Sicherheit spectral nachgewiesen werden kann. Endlich zog nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Praxis und Technik ihre Vortheile aus der Entdeckung. Die spectroscopische Methode lehrt die Gegenwart von Kohlenoxydgas im Blute erkennen; damit der moderne Gußstahlproceß gelinge, darf der Luftstrom nicht über das Entkohlungsstadium hinaus in dem flüssigen Metalle aufsteigen; ein Blick durch das Spectroscop in den Flammenkegel des Convertors lehrt den richtigen Zeitpunkt mit zweifelloser Sicherheit feststellen.

Seine „Vorlesungen über mathematische Physik“ hat er selbst nicht mehr herausgeben können. Nur der erste Theil „Die Mechanik“ ist noch von ihm selbst in drei Auflagen besorgt; nach seinem Tode sind alle Theile von Anderen bearbeitet erschienen. Das Verzeichniß seiner zahlreichen Abhandlungen findet sich in Poggendorff’s Biographisch-litterarischem Handwörterbuch.

Gustav Robert Kirchhoff. Festrede z. Feier des 301. Gründungstages der Karl-Franzens-Universität zu Graz gehalten am 15. November 1887 von Dr. Ludwig Boltzmann, z. Z. Rector. Leipzig 1888. – Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 20. Jahrg. 1887. Nekrolog vom Präsidenten A. W. Hofmann in der Sitzung vom 24. October 1887. – Vgl. auch Chronik der Kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin für das Rechnungsjahr 1887/88. (Hier steht als Todestag der 16. October!) – Poggendorff, Biogr.-litterar. Handwörterbuch. – Konversationslexikon von Meyer und Brockhaus.