ADB:Kompert, Leopold

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Artikel „Kompert, Leopold“ von Rudolf Wolkan in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 51 (1906), S. 750–752, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kompert,_Leopold&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 17:17 Uhr UTC)
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Kompert *): Leopold K., deutsch-böhmischer Dichter, geboren am 5. (nicht 15.) Mai 1822 in Münchengrätz, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Jungbunzlau, von jüdischen Eltern. Die Eindrücke, die seine Kinderseele in der Heimath in sich aufnahm, wurden entscheidend für sein künftiges Leben; sie haben ihn zum specifisch jüdischen Schriftsteller gemacht, der das Dunkel des Ghetto mit dem liebevollen Herzen des Dichters durchwandelt und in der Dumpfheit und dem Schmutze des jüdischen Viertels nicht umsonst Freiheit des Geistes und Reinheit der Gefühle sucht. Findet er sie auch nicht voll entwickelt, in ihren Elementen sind sie doch vorhanden, in Knospen, die nur Licht und Luft begehren, um sich schöner zu entfalten, als irgendwo anders. Er verklärt das Ghetto mit dem Zauber des romantisch Geheimnißvollen; wie aus stiller Märchenwelt steigen die Gestalten seiner Dichtungen empor und führen ein eigenes, enges und fremdartiges Leben, armselig und gedrückt nach außen, aber reich und beglückt im Innern. Mit der Wirklichkeit haben sie wenig gemeinsam; es sind Gestalten, die der Dichter nach seinem Herzen schuf, denen er seine eigenen Gefühle und Empfindungen lieh, und sein tiefes Herz, das nach Güte und Liebe in der Welt verlangte. Die Tiefe seines Empfindens, die Weichheit seines Gemüthes verdankte er der Mutter, an der er mit zärtlicher Liebe hing; vom Großvater mütterlicherseits hatte er die Gabe, das Leben um sich mit klarem Blicke zu erfassen. Zehn Jahre bleibt er in dieser Umgebung; dann besuchte er das Gymnasium zu Jungbunzlau, wo sich ihm eine neue Welt eröffnete. In Moritz Hartmann und Isidor Heller fand er treue Freunde, an den Professoren der Anstalt gütige Lehrer, die seinen regen Wissensdrang in die richtigen Bahnen leiteten. 1838 ging er nach Prag, um [751] an der Universität Philosophie zu studiren; Noth und Entbehrung waren seine Begleiter; der Vater hatte in den letzten Jahren den größten Theil seines Vermögens verloren und konnte seinen Sohn nicht unterstützen. So war K. auf sich selbst gestellt und er führte den Kampf mit dem Leben in zäher Entschlossenheit. Aber lange hielt ihn Prag nicht; nach Wien zog ihn ein unbestimmtes Sehnen, hier hoffte er leichter sein Brot sich verdienen zu können. Zu Fuß wanderte er noch im Herbst 1838 der Hauptstadt entgegen; aber auch hierher geleitete ihn die Sorge um das tägliche Brot. Mit Mühe gelang es ihm endlich, eine Stelle als Hofmeister zu erhalten, die seinen nächsten Bedürfnissen abhalf, ihm aber andrerseits die Möglichkeit nahm, seinen Studien mit der Gewissenhaftigkeit obzuliegen, die ihn immer auszeichnete, wo er ein Ziel ernst ins Auge gefaßt hatte. Ein Zufall drückte ihm jedoch bald wieder den Wanderstab in die Hand. Die Beschreibung eines Pußtadorfes reizte ihn, Ungarn aus eigener Anschauung kennen zu lernen; rasch entschlossen, aber wol allzu übereilt, kündigt er seine Stellung, rafft das Geld zusammen, das er als Hofmeister sich erspart hatte, und wandert nach Ungarn, wo er mitten im Alföld Wohnung nimmt und hier so lange in seine Träume sich einspinnt, bis ihn das Ende seiner kleinen Baarschaft wieder an die rauhe Wirklichkeit gemahnt. In Preßburg, wo er auf seiner Rückwanderung Halt macht, wird er mit dem Redacteur der Preßburger Zeitung bekannt, und schreibt für dessen Blatt einige Bilder aus dem Leben in der Pußta, die Anklang finden und sofort ins Ungarische übersetzt werden. Die günstige Aufnahme dieser Erstlingsversuche entschied seine Zukunft und führte ihn der Litteratur entgegen. Von L. A. Frankel erhielt er das Anerbieten, an den von diesem herausgegebenen „Sonntagsblättern“ mitzuarbeiten und war bald mitten in dem Berufe eines Feuilletonisten. Im J. 1843 nahm er jedoch neuerdings eine Stelle als Hofmeister im Hause des Grafen Georg Andrassy an, die ihn den größten Theil der nächsten vier Jahre in Ungarn festhielt. Der Tod seiner Mutter führte ihn 1847 wieder nach Wien, wo er sich jetzt dem ärztlichen Studium zuzuwenden gedachte; die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Oesterreich ließ ihn jedoch auf eine Ausführung seines Planes verzichten. In das Jahr der Revolution fällt auch sein erstes, größeres Werk „Aus dem Ghetto“, als dessen Fortsetzung er 1851 „Böhmische Juden“ folgen ließ. Beide Werke begründeten seinen Namen als Schriftsteller; sie sind das beste, was er geschrieben. Auf genauester Kenntniß der Verhältnisse beruhend, wirkten sie auf die Leserkreise Deutschlands wie die Entdeckung eines neuen Landes. In der Zeit der allgemeinen Schwärmerei, die ihre Theilnahme allen Unterdrückten zuwandte, mußte auch das elende jüdische Ghetto allgemeines Interesse wecken. Zu der Fremdartigkeit des Stoffes gesellte sich die warmherzige Art des Dichters, der bloß seine Jugend zu schildern brauchte, um Schilderungen zu geben, die getreue Abbilder der Natur zu sein schienen. Was verschlug es dabei, daß der Verfasser nur überall Schönheit und Güte und Ehrlichkeit sah und dunkle Charaktere in seinem jüdischen Viertel gar nicht entdeckte? Der Dichter rührte die Leser, die dabei ganz übersahen, daß die Bedeutung des Dichters weit mehr in der trefflichen Schilderung des fremdartigen Milieus, als in den scharf gezeichneten und in ihrer Tiefe erfaßten Gestalten beruht. Tiefe sucht man überhaupt vergeblich in den Geschichten und Romanen Kompert’s, dazu war sein Talent nicht kräftig genug; über das Skizzenhafte eines Feuilletons kam er auch in größeren Werken kaum hinaus. Wie ein Alp ruht es auf seinen Gestalten, wie traumumfangen gehen sie umher; der Fluch der Jahrhunderte, die Melancholie eines unermessenen Elends lastet auf ihnen. Fast instinctiv handelnd, mehr geschoben, als selbständig [752] ihre Wege sich bestimmend, scheinen ihre Geschicke von einer Macht gelenkt, die außer ihnen liegt, nicht in ihrem Inneren wurzelt. Das erklärt auch, daß alle Geschichten Kompert’s eine auffallende Familienähnlichkeit zeigen, und daß der Dichter kalt läßt, wo er über seine ihm eigenthümliche Sphäre hinausgeht. Sein Talent ist eng umgrenzt, aber in dieser Beschränkung paßt alles zu einander und gibt ein harmonisches Bild; wo er die orthodox-jüdischen Kreise verläßt, ergeben sich Dissonanzen und man staunt über die Leere, die einem entgegengähnt. Man begreift die Begeisterung jüdischer Kreise, mit der sie alle Geschichten Kompert’s, von denen ein großer Theil in Wertheimer’s „Jahrbuch für Israeliten“ zuerst erschien, aufnahmen und begreift es kaum, wie die Begeisterung auch außerhalb dieser Kreise so lange sich erhalten konnte. Man wird K. am besten wol mit seinem Landsmann, dem Böhmerwalddichter Josef Rank in eine Parallele stellen können, dem er in seinem Schaffen jedenfalls näher steht, als seinem Freunde Berth. Auerbach, dessen Schriften einen tiefen Eindruck auf ihn machten. Mit Rank theilt er die Begrenztheit seines Gebiets ebenso wie die seines Talentes; beide versagen, wenn sie ihr Heimathgebiet verlassen. – Die späteren Schicksale Kompert’s sind rasch zusammengefaßt; er wurde, ermuthigt durch den Erfolg seiner Arbeiten, Journalist und Feuilletonredacteur des „Pester Lloyd“, eine Thätigkeit, die ihm aber bald zu anstrengend erschien. 1852 wurde er noch einmal Erzieher, 1857 heirathete er vermögend und konnte sich fortab in Muße schriftstellerischen Arbeiten hingeben. Er starb am 23. November 1886. – Außer den bereits erwähnten Werken schrieb er 1855 „Am Pflug“, 1860 „Neue Geschichten aus dem Ghetto“ und „Novellen“, 1865 „Geschichten einer Gasse“, 1875 „Zwischen Ruinen“, 1880 „Franzi und Heini“, 1883 „Verstreute Schriften“. Eine Gesammtausgabe seiner Schriften erschien 1882 und 1887. Eine Biographie Kompert’s veröffentlichte 1860 sein Freund Neustadt in der „Libussa“, S. 346–77.


[750] *) Zu S. 332.