ADB:Frankl von Hochwart, Ludwig August Ritter

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Artikel „Frankl Ritter von Hochwart, Ludwig August“ von Anton Schlossar in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 706–712, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Frankl_von_Hochwart,_Ludwig_August_Ritter&oldid=- (Version vom 7. Dezember 2019, 14:35 Uhr UTC)
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Frankl: Ludwig August F. Ritter von Hochwart, deutsch-österreichischer Dichter, litterarhistorischer und Reiseschriftsteller und Philanthrop, wurde in der Stadt Chrast in Böhmen am 3. Februar 1810 als Sohn eines kaiserlichen Tabakdistrictsverlegers geboren, welcher einer schon 1671 in Wien vorkommenden deutschen israelitischen[WS 1] Familie entstammt. In seiner Geburtsstadt erhielt F. die erste Erziehung und frühzeitig neben dem deutschen Unterricht auch solchen in der czechischen, hebräischen und lateinischen Sprache, auch zeigte sich schon in dem Knaben Sinn und Interesse für Poesie und Lectüre. Orientalische Stoffe erweckten damals schon seine Aufmerksamkeit. Die weitere Ausbildung wurde von 1823 an auf dem Piaristengymnasium in Prag fortgesetzt. Als zwei Jahre später Frankl’s Vater starb, war der junge Mann genöthigt, seinen Lebensunterhalt durch Unterrichtgeben sich zu erwerben, im J. 1826 setzte er die Studien auf dem Lyceum in Leitomischl fort, beschäftigte sich auch eifrig mit der Geschichte Böhmens und schon zu jener Zeit verfaßte er Gedichte und Dramen. Ein Stück, „Die Brautnacht“, welches er damals durch eine wandernde Theatertruppe auf die Bühne brachte, zog ihm Unannehmlichkeiten mit seinen Professoren zu, doch gelang es ihm, als er 1827 in den Ferien Wien besuchte, ein episches Gedicht für Hormayr’s „Archiv“ unterzubringen, woselbst dasselbe bald darauf abgedruckt wurde. Im J. 1828 bezog F. die Wiener Universität, woselbst er Medicin studirte, immer mehr aber auch poetisch thätig war, angeregt hierzu durch den Umgang mit andern jugendlichen Talenten. Neben erzählenden Gedichten entstanden damals stimmungsvolle Lieder, als F. um jene Zeit einen Ausflug ins schöne Salzkammergut unternommen hatte. Die zumeist der Geschichte Oesterreichs und des Hauses Habsburg zugehörigen Balladen erschienen 1832 gesammelt unter dem Titel: „Das Habsburglied“, dessen Widmung der Thronfolger König Ferdinand von Ungarn annahm. Noch bevor der Dichter sein medicinisches Studium abgeschlossen, erschienen von ihm: „Epische und lyrische Dichtungen“ (1833), „Sagen aus dem Morgenlande“ (1834), Uebersetzungen von Byron’s „Parisina“ und Moore’s „Das Paradies und die Peri“ (1835), sowie das Byron’s Einfluß verrathende epische Gedicht: „Christoforo Colombo“ (1836). Um diese Zeit (1834) besuchte er auch Leipzig und machte die Bekanntschaft hervorragender schriftstellerischer Größen wie Kind, Winkler, Tiedge und namentlich Tieck’s, welche den jugendlichen Dichter zu seinen poetischen Bestrebungen aufmunterten. Im Januar 1837 wurde F. in Padua zum Doctor der Medicin promovirt. Fast gleichzeitig wurde ihm die Auszeichnung, zum Ehrenbürger von Genua, der Geburtsstadt des Christoph Columbus, den er im Liede verherrlicht, ernannt zu werden. F. unternahm damals eine Reise durch Italien, welche ihn nach Mailand, Venedig und weiterhin über Ferrara und Bologna nach Rom, ferner nach Neapel und in dessen merkwürdige Umgebung und zuletzt bis Paestum führte. Auf dieser Fahrt hatte er Gelegenheit, eine Zahl der hervorragendsten italienischen Dichter, auch Thorwaldsen und Mezzofanti in Rom, sowie andere berühmte Männer persönlich kennen zu lernen und verkehrte zumal in Rom viel in Künstlerkreisen. Unter anderen machte er auch die Bekanntschaft Leopardi’s und in Mailand jene des poetisch begabten Fouriers J. E. Hilscher[WS 2], dessen poetischen Nachlaß nebst einer Biographie des Dichters er 1840 (2. Aufl. 1851) herausgab. Auf der Rückreise lernte er ferner in Prag den Verehrer und Freund Goethe’s, den gelehrten [707] greisen Grafen Caspar v. Sternberg näher kennen. Wieder nach Wien zurückgekehrt übernahm F., seinem ärztlichen Berufe entsagend, in Wien die Stelle eines Secretärs der israelitischen Gemeinde und widmete sich daneben fortan nur litterarischen Bestrebungen. Er stand im regen Verkehr mit den Wiener Dichtern und Schriftstellern, von denen etwa die berühmten Namen eines Lenau und Anastasius Grün, Hammer-Purgstall’s und der Karoline Pichler, Joh. Gabr. Seidl’s, J. N. Vogl’s genannt seien, mit deren manchem er in lebenslängliche freundschaftliche Verbindung getreten war. Nachdem F. im J. 1838 die Redaction des „Oesterreichischen Morgenblattes“ eine Zeitlang geleitet, begründete er selbst die litterarischen und künstlerischen Interessen gewidmeten „Sonntagsblätter“, welche er bis zum Jahre 1849 fortführte. Diese überaus geschmackvoll geleitete Zeitschrift widmete dem Litteratur- und Kunstleben des Reiches ganz besondere Aufmerksamkeit, sie war neben dem „Archiv“ Hormayr’s und der Schickh-Witthauer’schen „Wiener Zeitschrift“ das beste litterarische Blatt Oesterreichs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wies neben fast allen hervorragenden Namen des österreichischen Schriftthums auch bedeutende Mitarbeiter aus Deutschland überhaupt auf. Eine Reise durch Deutschland im J. 1846 vermehrte diese Mitarbeiterzahl durch persönlich von F. angeknüpfte Verbindungen. Nachdem im October des bedeutungsvollen Jahres 1848 die „Sonntagsblätter“ eingegangen waren, zeugten andere Arbeiten Frankl’s von dessen nimmer müdem litterarischen Streben. So hatte er sein Gedicht in Balladen: „Ein Magyarenkönig“, 1850, eine Uebersetzung serbischer Nationalgesänge unter dem Titel „Gusle“ 1853 und mehrere andere kleinere Schriften herausgegeben, von denen etwa der „Prolog zu Goethes Geburtstag“ 1849 noch besonders genannt sei. Mit Begeisterung hatte sich im Jahre 1848 F. der freiheitlichen Bewegung angeschlossen. Damals, am 15. März, erschien sein Gedicht „Die Universität“ als erstes censurfreies Flugblatt, welches in einer Zahl von einer halben Million Exemplaren verbreitet und von 27 Tondichtern componirt wurde. F. wurde im Jahre 1850 in den Vorstand der israelitischen Gemeinde Wiens gewählt. Da er sich auch große Verdienste um den Musikverein der Residenz erworben, ernannte ihn dieser 1851 zum Director; in demselben Vereine wurde er auch als Professor der Aesthetik angestellt. Was Frankl’s Bestrebungen auf philanthropischem Gebiete betrifft, so deutet dieselben seine schon früher erfolgte Wahl als Vorstandsmitglied zur Beförderung der Handwerke an, auch widmete er dem ins Leben gerufenen Waisenvereine in Wien uneigennützig seine Dienste. Ebenso wandte er dem Unterrichtswesen Oesterreichs besondere Aufmerksamkeit zu und wurde infolgedessen zum Schulrathe der Residenzstadt Wien gewählt. In seiner Heimathsstadt Chrast und in den Ortschaften ihrer Umgebung gründete er Schulbibliotheken und bereicherte dieselben, sowie die Bibliothek des Piaristen-Collegiums in Leitomischl durch werthvolle Bücherspenden.

Eine besonders wichtige Folge für seine humanen Bestrebungen, übrigens auch für weitere litterarische Veröffentlichungen, hatte eine im J. 1856 unternommene Reise Frankl’s nach dem Orient; er folgte dabei dem Auftrage, eine Lehr- und Unterrichtsanstalt in Jerusalem ins Leben zu rufen, welche die Stiftung einer edlen Dame begründet. Diese Reise trat er am 11. März des genannten Jahres an und löste seine Aufgabe, allerdings nach Ueberwindung mancher Hindernisse, in bester Weise. Ein Werk über diese Reise gab er bald darauf unter dem Titel: „Nach Jerusalem! Reise in Griechenland, Kleinasien, Syrien, Palästina“ (1858) in 2 Bänden heraus, denen unter dem Titel: „Aus Aegypten“ (1860) ein dritter Band folgte. Diese anregend geschriebene Beschreibung ist namentlich auch für die Kenntniß der israelitischen Zustände [708] im Orient von hoher Bedeutung. Sie enthält auch werthvolle Beiträge zur Kenntniß des Gebietes und des Volksthums jener orientalischen Gegenden und vortreffliche Schilderungen. Bald darauf erwarb sich F. auch in der ihm nun zur Heimath gewordenen Residenzstadt Wien auf dem Felde humanen Wirkens hohe Verdienste. Er begründete nämlich ein Blindeninstitut auf der hohen Warte in Döbling bei Wien, zu welchem Zwecke es ihm gelang, die Allgemeinheit hierfür anzuregen, ein hohes Gründungscapital zu sammeln, einen Verein zur weiteren Erhaltung der Anstalt ins Leben zu rufen und diese selbst an dem eben genannten Orte zu errichten und auszugestalten. Im J. 1873 fand wieder über Anregung Frankl’s der erste europäische Blindenlehrercongreß statt, auf welchem man den Veranstalter zum Präsidenten wählte. F. wurde in der Folge für alle seine hochherzigen Bestrebungen vom Kaiser von Oesterreich in den erblichen Adelstand mit dem Prädicat „von Hochwart“ (welches sich auf das erwähnte Blindeninstitut bezieht) erhoben. Welche Verehrung nicht nur der Dichter und Schriftsteller, sondern auch der Humanist F. genoß, erwiesen zahlreiche Ehrungen, die ihm 1880 und 1890 anläßlich seines 70. und 80. Geburtstages zu Theil wurden. Von Seiten der Residenzstadt Wien und seiner Vaterstadt Chrast, sowie von den Städten Zaphet und Tiberia am galiläischen Meere wurde er zum Ehrenbürger ernannt, auch von der Stadt Jerusalem besonders ausgezeichnet, Blindeninstitute der ganzen Welt sandten ihm ihre Diplome und Beglückwünschungen, es wurde ihm zu Ehren eine Medaille geprägt und sowohl der deutsche Schillerverein, an dessen Spitze F. als Präsident stand, wie auch viele andere Schriftsteller-, Künstler- und humanitäre Vereine ließen ihm ehrende Anerkennungen zu Theil werden. Nachdem im J. 1882 seine verschiedenen Aemter des hohen Alters wegen niedergelegt, widmete er sich ausschließlich litterarischer Beschäftigung.

Von seinen übrigen noch erschienenen Dichtungen und Veröffentlichungen seien angeführt: Die größeren epischen Stücke: „Rachel“ (1842); „Don Juan d’Austria“ (1846); „Ein Magyarenkönig“ (1850); „Der Primator“ (1861); sowie die epischen Gedichte „Tragische Könige“ (1876); ferner die Sammlungen “„Gedichte“ (1840. 5., vermehrte Auflage 1881); „Helden- und Liederbuch“ (1861); „Ahnenbilder. Gedichte“ (1864); sowie 1855 das poetische Familienbuch „Libanon“. Einige Satyren auf die moderne Medicin, wie: „Hippokrates und die moderne Medicin“ (1853); „Hippokrates und die Cholera“ (1853) und „Hippokrates und die Charlatane“ (1854) zeigen F. auch als scharfen satyrischen Beobachter. 1884 erschien die Anthologie „Andreas Hofer im Liede“, und noch 1890 gab der Dichter eine neue Sammlung „Episches und Lyrisches“ heraus, welche seine poetische Eigenart, namentlich auf epischem Gebiete nicht verleugnet. – Aber auch die cultur- und litterargeschichtlichen Schriften Frankl’s verdienen besondere Beachtung. So hat er 1853 einen schätzenswerthen Beitrag „Zur Geschichte der Juden in Wien“ und noch mehrere ähnliche kleinere Arbeiten veröffentlicht. Für die Litterarhistoriker bemerkenswerth sind die namentlich aus Frankl’s langem persönlichen Umgange mit den betreffenden Dichtern ihr Material schöpfenden Publicationen zur Biographie Franz Grillparzers (1883), Friedrich Hebbels (1884), Nikolaus Lenaus (2. Aufl. 1885) und Ferdinand Raimunds (1884). Umfangreicher ist seine für den Kunsthistoriker zahlreiche Einzelheiten bietende Biographie des Malers Amerling (1889) und namentlich wichtig die commentirte Briefsammlung: „Lenau und Sophie Löwenthal. Tagebuch und Briefe des Dichters“ (1891), worin uns zuerst über das Verhältniß des berühmten unglücklichen Poeten zu der von ihm geliebten Frau authentische Briefstücke und Documente in fragmentarischer Form mitgetheilt werden. Da F. auch mit dem rühmlichst bekannten [709] Dichter und Staatsmann Anastasius Grün-Auersperg viele Jahre freundschaftlich verkehrte, so war er ausersehen, auch dessen 1877 in 5 Bänden nach Auersperg’s Tode erschienenen „Gesammelten Werke“ herauszugeben, die einzige bisherige Gesammtausgabe des berühmten Freiheitsdichters. Damit dürften die wichtigeren Publicationen Frankl’s angegeben sein, manche kleinere Veröffentlichungen, die von ihm noch vorliegen, können, zumal deren Zahl keine geringe ist, hier übergangen werden.

Zum äußeren Leben Frankl’s wäre noch zu bemerken, daß der Dichter zwei Mal verheirathet war. Seine erste Gattin starb 1856, zum zweiten Male vermählte er sich 1857 mit einer Dame, deren edle und humanen Herzenseigenschaften den seinigen gleichgestellt erschienen, die ihn überlebte. F. starb hochbetagt und allseitig tief betrauert am 12. März 1894 in Wien, woselbst er so viel und nachhaltig thätig gewesen.

Es erscheint noch nothwendig, das eigentliche poetische Wirken dieses nahezu 60 Jahre lang dichterisch schaffenden Geistes durch eine kurze Charakteristik zu beleuchten. Wie schon aus dem Vorhergehenden zu entnehmen ist, war Frankl’s poetische Thätigkeit eine vorwiegend epische und schon in früher Jugend hat er sich dem erzählenden Gedichte zugewandt, ein Fall, der bei jugendlichen Dichtertalenten selten vorzukommen pflegt und von einer gewissen Concentrirtheit des Geistes und von ernster Anschauung und Reife Zeugniß ablegt. So hat er denn auch in seinem ersten größeren Buche, im „Habsburglied“ eine Zahl romanzenartiger Dichtungen geboten, als deren Helden österreichische Herrscher von den ältesten bis auf die jüngsten Zeiten im Vordergrunde der Handlung stehen und durch einzelne Züge aus ihrem Leben, wenn dieselben auch hier und da der Sage angehören mögen, charakterisirt erscheinen. Daß der Poet aber auch das eigentliche Lied, sei es ein Naturbild, das er mit seiner Seelenstimmung in Einklang bringt, sei es ein sinnlich durchwehtes oder mehr vergeistigtes Liebeslied, wohl zu behandeln weiß, zeigt eine große Zahl solcher Gedichte in seinen Sammlungen. Namentlich die Naturstimmungsbilder z. B. das vielcitirte „Asyl“ („Hast du ein tiefes Leid erfahren“), die Strophen, welche Wald und Feld der Heimath, das Pflanzen- und Thierleben darin in knapper, gefälliger Form besingen, gehören oft zu den besten Stücken neuerer Liederpoesie. Von seinen Reisen nach Italien und dem Orient rührt eine Zahl überaus bezeichnender lyrischer Stücke her, welche dem Leben und Treiben in der Wüste, der Eigenart des Morgenlandes in Stimmung und Ausdruck gerecht werden und mitunter an die mit kühnen Bildern ausgeschmückten Dichtungen Freiligrath’s erinnern. Orientalisches Gepräge weisen auch vielfach die auf morgenländische Verhältnisse bezogenen Liebeslieder auf, von denen wir noch manchen gluthentflammten selbst in seiner letzten Sammlung begegnen. Gern bedient sich der Dichter auch der Form des Sonetts, das er geschickt und wirkungsvoll zu handhaben und in welches er manchen tiefernsten Gedanken zu bannen versteht. Ueberhaupt hat auch auf dem Gebiete der Gedankenlyrik jede Sammlung Frankl’s ernste und anregende Poesien aufzuweisen. Daß er, der bei seinem langen Leben in so vielfache Beziehungen zu den hervorragendsten Dichtern und Künstlern, zumal seines Heimathreiches, getreten, manche Apostrophe an Lenau und Raimund, an Grillparzer, Thorwaldsen, Beethoven und Mozart und andere große Dichter und Künstler denselben geweiht hat, ist naheliegend. Die „Vermischten Gedichte“, „Denkmale“ und andere Abtheilungen der Gesammelten poetischen Werke legen davon ein schönes Zeugniß ab.

Der Vorliebe des Dichters für den Orient und seine phantasie- und bilderreiche Sprache begegnen wir namentlich auch in Frankl’s epischen [710] Dichtungen. Nicht nur, daß er in den kleineren Gedichten über Moses, Mohammed und einzelne „Könige aus dem Morgenland“ dieser Vorliebe gerecht wird, hat er, zwei der umfangreichsten Dichtungen ausgenommen, ausschließlich orientalische Helden und Verhältnisse in seinen größeren Epen behandelt. Dies gilt auch für den „Magyarenkönig“, dessen Held ebenfalls der so vielfach mit orientalischen Erinnerungen verknüpften Geschichte des Ungarlandes entnommen ist. Die zwei größeren epischen Dichtungen, welche die angedeutete Ausnahme bilden, sind „Christoforo Colombo“ und „Don Juan d’Austria“. Auch ihre Helden gehören übrigens dem heißer pulsirenden Leben des Südens an. An Reflexion reicher als an streng epischer Erzählung bietet „Colombo“ zum Theile in Canzonen und zum Theile in Stanzenform abgefaßt zumeist die Gedanken des großen Weltentdeckers über das neue Land und dessen Bewohner, sowie dessen Klage über den Undank, der ihm, dem Mann, welcher eine neue Welt erschlossen, beschieden worden ist. Diese Gedanken sind in ernste und tiefpoetische Form gekleidet, insbesondere in der „Vision“ am Anfange des Gedichtes, sowie in den Schlußcanzonen in phantasievoller Weise ausgesprochen, während die übrigen Stücke der Dichtung Colombo’s Fahrt, Entdeckung und weiteres Geschick poetisch verherrlichen. – Sowohl an Umfang wie an Erfindung reicher ist der epische Sang, welchen der Dichter dem Sieger in der Schlacht von Lepanto Don Juan d’Austria gewidmet hat. Die in Stanzen abgefaßte Dichtung schildert die Thaten des durch Schönheit und Tapferkeit ausgezeichneten Prinzen, seine Jugendzeit, seine Theilnahme an Stiergefechten und an den Kämpfen gegen die Mauren. Einzelne Episoden, welche insbesondere auch die Beziehungen geliebter Frauen zu Don Juan, deren Antheil am Kampfe und deren Untergang darstellen, zeigen uns die Liebe, welche den jugendliche Helden auch zum Sieger über weibliche Herzen gemacht, und die Anwesenheit von Don Juan’s Mutter während der letzten Krankheit und bei dem Tode des Sohnes bildet einen erschütternden Abschluß des an lebendig bewegten Bildern reichen Gemäldes.

Von den übrigen episch behandelten Stücken orientalischen Gepräges bietet die kürzere Dichtung „Rachel“ eine Schilderung des Todes und der Bestattung Rachel’s, und fügt einige dazu in Beziehung gebrachte Bilder aus derselben biblischen Zeitgeschichte bei, welche Josef und Saul behandeln. Das Ganze, elegisch gehalten und nur lose zusammenhängend schließt eine Apostrophe an den israelitischen Stamm, welchen der Geist Rachel’s mahnend auffordert, seiner Sendung sich stets bewußt zu sein und die reine Gottesflamme stets im Herzen zu tragen. – Der „Primator“ (mittelalterlicher Judenrichter) entwirft in düsteren Bildern die Theilnahme des an Gütern reichen Prager Richters an einem fröhlichen Gelage, auf dem er verhöhnt, aber schließlich halb gezwungen getauft wird. Der strenggläubige Vater des Primators, dem hierüber Nachricht zukommt, ermordet den Sohn und legt Feuer an das Haus, irrt aber nach der grausen That ruhelos umher und bekennt dieselbe vor seinem Tode. Der Dichter hat in diesem Zeitgemälde Gelegenheit, eine Reihe düster gewaltiger und erschütternder Schilderungen anzubringen, und weiß überhaupt auf die Phantasie des Lesers darin mächtig einzuwirken. – In dem „Magyarenkönig“ hat der Darsteller das tragische Geschick des Ungarkönigs Salomon (geb. 1051) in aneinandergefügten epischen Bildern entworfen. Salomon, dessen historische Gestalt von der Sage ausgeschmückt wurde, welche erzählt, daß er als Bettler vor dem Könige Ladislaus an der Kirchenpforte Almosen empfangen habe, von diesem erkannt worden aber im Gedränge verschwunden sei; er habe sodann als Einsiedler seine letzten Jahre verbracht und, dem Tode nahe, einem zufällig zu ihm verirrten Priester seinen einstigen hohen Stand entdeckt. Auch [711] hier bietet die Dichtung bewegte Schlachtbilder, und neben andern ergreifenden Scenen die Darstellung, wie der König nach verlorener Schlacht die Seinen verläßt und in der Waldeinsamkeit für immer verschwindet; und an diese zumeist historischen Ereignisse gereiht erscheinen die sagenhaften ebenfalls in einer Reihe von Romanzen bis zum Tode des Königs im Beisein des Priesters.

Ein besonders auch ethnographisches Interesse beanspruchen die von F. in dessen Sammlung „Gusle“ übertragenen serbischen Nationallieder. Als Bearbeiter und Uebersetzer dieser Gattung südslavischer Volkspoesien, auf welche schon Goethe hingewiesen, hat er hier in gefälliger, dem Originale auch im Versmaße nachgeahmter Form Heldenlieder, Legenden und andere alte Gesänge des Serbenvolkes dem deutschen Leser vorgeführt und damit einen höchst schätzenswerthen Beitrag zur Kenntniß des poetischen Denkens und Fühlens, sowie des Lebens dieser Nation und ihrer Eigenthümlichkeiten geboten.

Wenn wir das gesammte poetische und litterarische Wirken Frankl’s darnach überblicken, so müssen wir ihm eine höchst beachtenswerthe Stellung unter den Vertretern des zeitgenössischen deutschen Schriftthums, zumal Oesterreichs, einräumen, und man wird ihm insbesondere seinen Platz als einem der wenigen Dichter anweisen müssen, die in ihrer Dichtung häufig auch orientalische Stoffe und Elemente in poesie- und phantasievoller Sprache behandeln. Für die Entwicklung des Epos in dieser Beziehung ist F. eine höchst markante Dichtergestalt, da er, wie aus dem Vorhergehenden zu ersehen, die meisten seiner epischen Gedichte der morgenländischen, israelitischen oder wenigstens südländischen Sage oder Geschichte entnommen und in Ausdruck und Schilderung thatsächlich auch orientalischen Charakter und üppige Pracht der Schilderung aufweist. Wenn man hinzufügt, was der Unermüdliche außerdem auf dem Felde der Uebersetzung und als ethnographischer Reiseschilderer geleistet und wie vielfach er für die Culturgeschichte und auf dem litterarisch- und künstlerisch-biographischen und publicistischen Gebiete seiner weiteren Heimath thätig gewesen, kurz eine erfolgreiche literarische Thätigkeit entwickelt hat, welche von den ersten Decennien des Jahrhunderts bis nahe an den Schluß desselben reicht, so wird man F. als einen der wichtigsten Bahnbrecher des österreichischen geistigen Lebens, der voll reicher Begabung erscheint, anerkennen müssen. In den letzten Decennien vor seinem Tode pflegte er aus dem reichen Schatze seiner Erfahrung in verschiedenen Journalen, namentlich in der Wiener „Neuen Freien Presse“, Skizzen und Schilderungen aus der bewegten Zeit des Jahres 1848 zu veröffentlichen, die, wenn auch bisher leider noch nicht gesammelt herausgegeben, werthvolle und authentische Beiträge zur Geschichte des Aufstandes in jenen denkwürdigen Jahren bieten. Aus Frankl’s Nachlasse hat dessen Sohn Dr. Bruno v. Frankl den „Briefwechsel zwischen Anastasius Grün und Ludwig August Frankl (1845–1876)“ (Berlin) im Jahre 1897 herausgegeben und damit nach seines Vaters Tode noch eine hochschätzbare Quelle zur litterarischen und Zeitgeschichte der angeführten Jahre in den Briefen der beiden bedeutenden Männer eröffnet, welche auch das freundschaftliche Verhältniß nachweisen, in dem sie bis zum Tode Anastasius Grün’s zu einander gestanden. Der überlebende Freund F. hat auch zur Errichtung der beiden Hermenbüsten Lenau’s und Anastasius Grün’s, welche auf dem Schillerplatze in Wien errichtet wurden, den Hauptanstoß gegeben. Im Jahre 1880 erschien eine dreibändige Ausgabe von Frankl’s „Gesammelten poetischen Werken“ bei Hartleben in Wien, deren erster Band die lyrischen Gedichte enthält, während in dem zweiten und dritten Bande die kleineren und größeren epischen Dichtungen, sowie die „Gusle“ enthalten sind. Diese Ausgabe ist [712] vom Verfasser selbst sorgfältig gewählt und zusammengestellt und im einzelnen vielfach geändert und umgearbeitet worden.

Zur Biographie L. A. Frankl’s liefern für die Zeit bis 1850 genaue und schätzenswerthe Daten: das von Siegfr. Kapper entworfene Lebensbild im „Album österreichischer Dichter“, Wien 1850. – Dr. Rakonitzky’s biographische Skizze in Klar’s Jahrbuch „Libussa“ (Prag) für 1850, letztere durch zahlreiche ausführliche autobiographische Partien aus Frankl’s eigener Feder über seine Jugendzeit, seine Reisen, seine Beziehungen zu berühmten Zeitgenossen etc. überaus bemerkenswerth und wichtig. – Zu vergleichen sind ferner: Wurzbach, Biographisches Lexikon, Band IV. Wien 1858. – Heinrich Kurz, Geschichte der deutschen Litteratur, IV. Band. Leipzig 1872. – K. L. Leimbach, Die deutschen Dichter der Neuzeit und Gegenwart, II. Band. Kassel 1885. – R. Gottschall, Die deutsche Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts, 6. Aufl. Breslau 1891. – Ad. Hinrichsen, Das literarische Deutschland, 2. Aufl. Berlin 1891. – Böhmens deutsche Poesie und Kunst, hrsg. v. E. F. Kastner. 2. Jahrgang 1892. Wien 1892. – Brümmer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des 19. Jahrhunderts. Leipzig, Bd. I.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: isrealitischen
  2. Vorlage: J. C. Hilscher?