BLKÖ:Witthauer, Friedrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Witti, Franz
Band: 57 (1889), ab Seite: 158. (Quelle)
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Witthauer, Friedrich (Schriftsteller und Journalist, geb. in Bremen 1793, nach Anderen schon 1786, gest. zu Meran 30. September 1846). Ueber sein „bewegtes Jugendleben“, wie es in den kurzen ihm gewidmeten Nachrufen heißt, liegen nur allgemeine Notizen vor, die aus seinen eigenen, nur zufällig hingeworfenen Aeußerungen zusammengestellt [159] sind. Jedenfalls hat er, wie sein Wesen und Wirken bestätigt, eine sorgfältige Erziehung genossen und sich später durch eigenes Studium fortgebildet. Nach seinen oben erwähnten Aeußerungen wäre er in Schweden in diplomatischer Eigenschaft gewesen, hätte darauf als Officier gedient, was durch eine preußische und eine andere Aufgebotmedaille erwiesen ward. Dann hielt er sich mehrere Jahre in London auf, wo er seine gründliche Kenntniß der englischen Sprache erwarb, in welcher er später, wie auch in der französischen, Unterricht ertheilte. In ersterer war Lenau sein Schüler, als dieser, wie bekannt, den Entschluß gefaßt, nach America auszuwandern. Von London kam Witthauer nach Oesterreich, dies mochte um die Mitte der Zwanziger-Jahre gewesen sein, und zwar ging er nach Wien, wo er vorab sich mit Unterrichtertheilen in der französischen und englischen Sprache beschäftigte, zugleich aber als Kritiker zunächst in der Bäuerle’schen „Theater-Zeitung“ thätig war. Von da trat er zur Schickh’schen „Wiener Zeitschrift“ über, und als Schickh um 1838 starb, brachte er von dessen Witwe das Blatt käuflich (man sagte um 10.000 Gulden) an sich. In Wien befreundete sich der geistvolle Redacteur mit den damaligen Koryphäen der Literatur, wie Bauernfeld, Castelli, Seidl, Lenau, und schrieb über ihre Arbeiten, namentlich wenn es dramatische waren, die gehaltvollsten Berichte und Kritiken. Durch dieselben erwarb sich das Blatt das Zutrauen nicht nur des Theater- und Lesepublicums, sondern auch fremder Redacteure in solchem Maße, daß diese die Notizen für ihre Blätter über in Wien vorfallende Neuigkeiten nach seinen Aussprüchen modelten und aufnahmen. Er war damals der Einzige in Wien, der ebenso geistreich als gediegen, ebenso wahr als parteilos die kritische Feder führte und dabei den Anstand und die feine Sitte musterhaft wahrte. Er war unbestechlich und schwieg, wenn er seine eigene Meinung nicht aussprechen durfte. Die „Wiener Zeitschrift“ war, bevor die Frankl’schen „Sonntagsblätter“ erschienen (1842), das vornehmste, wirklich aristokratische Blatt Wiens, und in Deutschland stand ihr zu jener Zeit nur das Cotta’sche „Morgenblatt“ ebenbürtig zur Seite. Was den persönlichen Charakter Witthauer’s im geselligen Leben betrifft, so nennt diesen Schriftsteller ein kurzer Nekrolog einen „Mann des Zorns gegen das Gemeine in Leben und Kunst“; wenn dieses ihm in welcher Gestalt immer gegenübertrat, so fing sein großes dunkles Auge Feuer und die edlen Züge dieses durch langjähriges Leiden früh gealterten Angesichtes wurden wie seine Worte vernichtend. Er war voll echter ernster Gesinnung, ein Freund seiner Freunde, und „sagt Alles in Einem, er war ein Mann“. Eine Sammlung seiner kritischen Arbeiten dürfte einen vielleicht nur mäßigen Band bilden, aber dieser würde inhaltreich und durch die Musterprosa, welche Witthauer schrieb – zu einer Zeit schrieb, wo eine gute Prosa selbst im Reiche noch nicht zu häufig anzutreffen war – eine Bereicherung der Literatur sein. Von seinen literarischen Arbeiten ist außer den erwähnten kritischen nur wenig bekannt, so eine Erzählung in dem zum Besten des überschwemmten Pesth von ihm herausgegebenen „Album. Unter Mitwirkung vaterländischer Schriftsteller“ (2. Aufl. mit rad. Umr. und einer Musikbeilage, Wien 1838, Lex. 8°.) und eine zweite im „Album für die grauen Schwestern in Wien“. Auch hat er, [160] zwar nur wenige, jedoch sehr schöne Gedichte geschrieben und deren mehrere aus dem Englischen trefflich übersetzt. In den letzteren Jahren war Witthauer sehr ernst oder vielmehr meist düster, infolge eines von ihm selbst als tödtlich erkannten Brustleidens, das seine Stimmung beherrschte. Um Linderung seines Zustandes zu finden, ging er im Sommer 1846 nach Meran in Tirol, wo er, allein und verlassen, nur noch mehr seiner verdüsterten Stimmung sich hingab. Einem Freunde, der ihn bei einer Begegnung des Morgens um das Befinden fragte, antwortete er: „Ich wundere mich jeden Morgen, daß ich noch nicht gestorben bin.“ Er starb, erst 53 Jahre alt, und die „Wiener Musik-Zeitung“ schreibt aus diesem Anlasse: „Witthauer war hochverehrt als Biedermann, innig geliebt aber von Allen, die mit ihm in näherer Verbindung gestanden; kenntnißreich und scharfsinnig, dabei gesinnungsvoll und bescheiden. Um ihn trauert jeder Freund der Literatur, die Journalistik Wiens aber verliert an ihm einen ihrer ehrlichsten Vertreter.“ In Anbetracht der journalistischen Zustände in der Gegenwart war er wohl das Ideal eines Redacteurs, das man nicht hätte begraben, sondern unter einen Glassturz stellen sollen, als Mahnung, ihm nachzustreben, ihn nachzuahmen. Ein von dem Nachfolger in der Redaction der „Wiener Zeitschrift“, von Gust. Ritter v. Frank in Aussicht gestellter Nekrolog ist meines Wissens nicht erschienen.

Erinnerungen[WS 1] (Prager Unterhaltungsblatt, 4°.) 1847, S. 28: „Friedrich Witthauer – todt“. – Schmidt (Aug. Dr.). Wiener allgemeine Musik-Zeitung 1846, Nr. 124, S. 500. – Seidlitz (Julius Dr.). Die Poesie und die Poeten in Oesterreich im Jahre 1836 (Grimma 1827, Gebhardt, 12°.) Bd. II, S. 115. – Oesterreichischer Parnass, bestiegen von einem heruntergekommenen Antiquar (Frey-Sing, bei Athanasius und Comp. [Hamburg, Hoffmann und Campe], 8°.) S. 44 [entwirft folgende geschriebene Silhouette Witthauer’s: Groß, kränklich, verdrießlich, Redacteur und Hämorrhoidarius, sonst blutwenig; anständiges Benehmen, dito Kleidung; Schul- und Sprachkenntnisse; hat bloß einige Recensionen über das Burgtheater geschrieben im ruhigen und schönen Styl. Die von ihm redigirte „Wiener Zeitschrift“ verdankt ihm zumeist den anständigen nicht unbedeutenden Leserkreis; vorzüglicher Billardspieler; Hagestolz.“ Nach diesem wäre Witthauer schon 1786 geboren und also nicht im Alter von 53, sondern von 60 Jahren gestorben].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Erinerungen.