ADB:Hofer, Andreas

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Artikel „Hofer, Andreas“ von Karl Theodor von Heigel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 559–563, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hofer,_Andreas&oldid=- (Version vom 22. Mai 2019, 05:40 Uhr UTC)
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Band 12 (1880), S. 559–563 (Quelle).
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Hofer: Andreas H., tiroler Landesvertheidiger, ist am 22. November 1767 zu St. Leonhard im Thal Passeyr geboren. Sein Vater war Sandwirth, d. h. Wirth am Sand, an einem durch den reißenden Passeyrbach verwüsteten Landstrich. Ernst und rauh, wie das von schroffen Felswänden umschlossene Thal, ist auch der Menschenschlag, jedoch versichert Rapp, ein Kenner jener Alpenwelt, daß gerade im Passeyr nicht selten bei Männern eine Weichheit der Empfindung, ein sentimentaler Zug sich finden lasse, der zur Derbheit der äußeren Erscheinung den auffälligsten Gegensatz bilde. Damit hänge zusammen, daß sich die Passeyrer vor den Bewohnern anderer Thäler ebenso durch Frömmigkeit und Gutmüthigkeit, wie durch Arbeitsscheu und phantastische Wanderlust unterscheiden. Hofer’s Familie stammt aus dem Bergthal Magfeld, das Wirthshaus am Sand kam aber schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in ihren Besitz. Im Heimathsdorf erhielt H. den üblichen Unterricht, dann verlegte er sich nach Art der Passeyrer auf Handel mit Wein und Pferden, bis er nach seiner Verheirathung mit einer Bauerntochter Anna Ladurner das väterliche Anwesen übernahm. Es gelang ihm aber nicht, die schon unter seinem Vater tiefverschuldete Wirthschaft zu heben, was später seinen Feinden zum unberechtigten Vorwurf Anlaß gab, er habe den Aufstand nur angezettelt, um aus der allgemeinen Verwirrung für seine eigene gefährdete bürgerliche Stellung Nutzen zu ziehen. In der äußeren Erscheinung unterschied er sich in Nichts von seinen Landsleuten; er war von untersetzter Gestalt, breiter Brust und vollen rothen Wangen, auffällig war nur der schwarze, breit und dicht auf die Brust herabwallende Bart, der für die Führerrolle, die er in der Folge zu spielen hatte, nicht bedeutungslos. H. war nicht unbegabt, aber ohne hervorragende Fähigkeiten, unklar in seinen Ansichten, leicht vertrauend und leicht argwöhnisch, nicht ohne persönlichen Muth, jedoch nicht von hervorstechender Kühnheit, kein Heuchler und kein Comödiant, ein treu ergebener Diener des habsburgischen Kaiserhauses, vor allem aber dem Clerus seiner Heimath schwärmerisch zugethan. Er war kein Viriath und kein Sertorius, nicht der scharfblickende, löwenmüthige Held, wie ihn Immermann und manche tiroler Apologeten schildern, aber auch nicht der bigotte Querkopf, der „Mann mit der Flasche und dem Rosenkranz“, wie ihn Hormayr zu zeichnen beliebt. An den Kriegen von 1796 bis 1805 nahm H. anfänglich als Schütze Antheil, später verhalf ihm die Beliebtheit, die er bei den Passeyrern genoß, zu einer Hauptmannsstelle. Als im Preßburger Friedenstractat die Abtretung Tirols an Baiern ausgesprochen war und die österreichischen Beamten das Land verließen, trat H. etwas deutlicher in den Vordergrund; er befand sich unter den Abgeordneten, die dem scheidenden Erzherzog Johann nach Brunecken das Geleit gaben und in demonstrativer Weise ihre unerschütterliche Anhänglichkeit an das Kaiserhaus betheuerten. Dann kehrte er in sein Thal heim und ging ruhig seinem Gewerbe nach. Im Sommer 1808 rief ihn ein Befehl Erzherzog Johanns nach Wien, wo ihm und einigen anderen Landsleuten von Hormayr ein Plan zur Befreiung Tirols vorgelegt wurde, der bei den Bauern begeisterte Zustimmung fand. Die geheimnißvolle Reise nach Wien und die vom beliebten Erzherzog erfahrene Gunst erhöhten natürlich das Ansehen des Sandwirths bei den Nachbarn, so daß er schon bei Beginn des Aufstands als Haupt der Passeyrer auftrat, wenn er auch keineswegs die ganze Bewegung leitete. Seine Bedeutung wuchs erst allmälig und in der Rolle eines Führers erscheint er erst, seit das Volk sich selbst überlassen war und die ganze Bewegung specifisch tirolischen Charakter [560] angenommen hatte. Hormayr’s Behauptungen, nur er selbst habe in richtiger Erkenntniß der „glorreichen Beschränktheit“ seiner Tiroler aus H. einen „furchtbaren Popanz für den Feind, einen Götzen für seine Landsleute“ geschaffen, „um in das von Leidenschaften wild hin- und hergeschleuderte Schiff eine tüchtige Ladung Ballast zu bringen“, sind nur lächerlicher Selbstüberhebung entflossen. Dagegen ist sicher nicht in Abrede zu stellen, daß nicht hervorragende Eigenschaften Hofer’s Ansehen und Einfluß begründeten, sondern daß er allmälig gerade deshalb zum Haupt der Bewegung sich aufschwang, weil er selbst ein Mann aus dem Volke war, der an Kenntnissen und Fähigkeiten seine Untergebenen kaum überragte, ihre Tracht trug, ihre Sprache redete, ihre ganze Denkweise theilte. Der erste von H. an die Passeyrer erlassene Aufruf charakterisirt den Volksmann: „Morgen am 9. April wird für Gott, Kaiser und Vaterland ausgezogen, und jedermann ermahnt, brav dreinzuschlagen“. Am 11. April kam es zwischen Hofer’s Leuten und einer baierischen Truppenabtheilung auf dem Sterzinger Moos zu einem Treffen, wobei sich die Schützen auf Rath ihres Anführers hinter vorgeschobenen Heuwägen deckten. Die Baiern mußten die Waffen strecken, ein Erfolg, der Hofer’s Namen rasch in allen Thälern bekannt machte. An der ersten Einnahme von Innsbruck war H. nicht betheiligt, da er mit seinen Passeyrern zur Abwehr der Franzosen an die südliche Landesgrenze gerückt war. In den Erlassen jener Zeit nennt er sich „k. k. vom Haus Oesterreich erwählter Commandant“. Auch die südlichen Alpenpässe wurden mit Glück vertheidigt, hier wie in Spanien verloren die so oft bewährten[WS 1] Marschälle ihren Ruhm gegen „Banditen“, wie der Moniteur die Landesvertheidiger nannte. Eine neue Wendung gab aber auch dem tiroler Krieg der Ausgang des „fünftägigen Feldzugs“ an der Donau, wo der bis dahin noch unbesiegte Kaiser selbst die Oesterreicher zurückdrängte. Jetzt war nicht blos der Weg nach Wien, sondern auch nach Salzburg offen, rasch folgten aufeinander die Erstürmung des Strubpasses, die Niederlage des österreichischen Corps unter Chasteller bei Wörgl, der Einzug Wrede’s in Innsbruck. Allein die Annahme, daß mit dem Fall der Landeshauptstadt der ganze Aufstand gedämpft und der Krieg beendigt sei, erwies sich als verhängnißvoller Irrthum. Chasteller zwar zog sich zurück, aber deshalb ließen die Tiroler den Muth nicht sinken, der Abzug der „lateinischen Schützen“ däuchte ihnen vielmehr eine Eriösung von unbequemen Gästen. H. unterschlug eine Rückzugsordre Chasteller’s für Buol und bewog diesen General, ihm einige Bataillons und insbesondere Geschütze abzutreten, als er zur Rettung der Hauptstadt ein allgemeines Aufgebot erließ. Hofer’s Unternehmen hätte freilich nicht gelingen können, wenn nicht in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit das Gros der baierischen und französischen Truppen unmittelbar nach der Einnahme Innsbrucks aus Tirol abberufen worden wäre. Nur noch eine Division Baiern deckte die Stadt, als Hofer’s Rotten von allen Höhen herabschwärmten. Der erste Angriff am 25. Mai mißlang; vier Tage später aber wurden die Baiern nach mörderischem Kampfe zurückgeworfen, am nächsten Tag zog H. in der befreiten Landeshauptstadt ein. Die Tiroler hatten namentlich auf dem nahen Berg Isel Wunder der Tapferkeit gethan. Welchen Antheil am Erfolg des Tages H. selbst zu beanspruchen hatte, läßt sich nicht mehr feststellen. Die Urtheile der einzelnen Landsleute, auf grell contrastirende Aussagen von Augenzeugen sich stützend, gehen weit auseinander. Streiter behauptet, H. habe, während sich die Seinen mit dem Feind herumschlugen, bei dem ihm befreundeten Wirth unter der Schupfen „den Freuden des Krugs selbst für die Spanne Zeit nicht entsagt, als unweit der Schänke ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde.“ Nach Weber’s Darstellung dagegen hätte er jenen Aufenthalt nur gewählt, um von dort aus „die [561] Fäden der Angriffe lenken zu können.“ Wie dem auch sein mag, das Volk sah nun einmal in ihm den gottbegnadeten Helden, dessen Gebet der Sache Tirols den Sieg erwirke. Als er in Innsbruck einzog, begrüßte ihn lauter Jubel, und als er bald darauf zu Rattenberg der Frohnleichnamsprozession beiwohnte, strömten Tausende aus den benachbarten Thälern und von den Höhen zusammen, um den Befreier Tirols zu sehen. Die von ihm angeordneten Vertheidigungsanstalten zeugen zweifellos von praktischem Sinn. Zwei Monate hindurch blieb das Land von feindlichen Einfäller verschont, dagegen wurden von den Tirolern wiederholt Streifzüge auf baierisches und italienisches Gebiet unternommen, jedoch nicht auf Anregung Hofer’s, der sogar den von einem solchen Beutezug heimkehrenden Teimer öffentlich ausschalt. Ein Handbillet des Kaisers Franz vom 29. Mai, das die bestimmte Zusicherung enthielt, Tirol werde nimmer vom Körper des österreichischen Kaiserstaates getrennt und kein anderer Friede angenommen werden, als ein solcher, der diese Vereinigung zuließe, sanctionirte gleichsam das bisherige Auftreten Hofer’s und seiner Genossen. Als es keine Feinde mehr zu bekämpfen gab, kehrte er in sein Heimathsdorf zurück und überließ dem Intendanten Hormayr, der ihn wohl seine geistige Ueberlegenheit peinlich fühlen lassen mochte, die leitende Rolle. Auch an den von Speckbacher und Haspinger in Scene gesetzten, im Ganzen sammt und sonders mißlungenen Unternehmungen, die auf Besetzung Baierns und Einnahme Münchens, ja wol gar auf Gefangennahme Napoleons berechnet waren, hatte H. keinen Antheil; er erklärte, er wolle sich nur auf Vertheidigung der Landesgrenzen beschränken, im Einklang mit dem ältesten Landrecht, wonach sich der Volksdienst im Kriege nur bis zu den Grenzen der Heimath erstrecke und nach Befreiung derselben Waffenruhe einzutreten habe. Da kam plötzlich Kunde von dem zu Znaim abgeschlossenen Waffenstillstand mit dem unglaublich klingenden Zusatz, daß Tirol ausdrücklich ausgenommen, d. h. schutzlos dem Zorn Napoleons preisgegeben sei. Ein ganzes Armeeccorps, so hieß es, werde demgemäß gegen das störrische Land anrücken, und in der That war bald das Innthal wieder von verhaßten „Blauröcken“ überfluthet. H. sträubte sich lange, die Wahrheit dieser Meldungen anzuerkennen, bis sich endlich nicht mehr daran zweifeln ließ, als von Erzherzog Johann selbst Bestätigung eintraf. Den österreichischen Generalen war damit die Möglichkeit entzogen, den Widerstand der Landbevölkerung länger zu unterstützen; der Kriegsrath Hofer’s aber erblickte im Vormarsch der Baiern auf tirolisches Gebiet, da er im Vertrag, wie natürlich, nicht ausdrücklich vorgesehen war, eine Ueberschreitung des Znaimer Tractates und rief ganz Tirol zur Abwehr auf. Es gelte jetzt nicht mehr bloß den Schutz zeitlicher Dinge, sondern der heiligen Religion, die durch die kirchenschänderischen Franzosen und die freimaurerischen Baiern gefährdet sei, es gelte den letzten Kampf „wider den allgemeinen Feind des Himmels und der Erde“. Der mit der Unterwerfung Tirols betraute Marschall Lefevre mußte sich bald überzeugen, daß ihm keine gewöhnliche Waffenarbeit übertragen sei. Im Innthal zwar stieß er nur auf geringen Widerstand; auch die Hauptstadt Innsbruck ergab sich ohne Zaudern. Nun wurden durch einen Tagesbefehl des Marschalls H. und andere Hauptleute zu gemeinsamer Berathung aller zur Beruhigung des Landes nöthigen Vorkehrungen eingeladen, nur „der sich so nennende Major Teimer, welcher als Haupträdelsführer der Empörung bekannt“, sollte von der Amnestie ausgeschlossen bleiben. Erst als H. diesem Rufe nicht Folge leistete, sondern fortfuhr, in allen Thälern das Aufgebot verkündigen zu lassen, wurde auch auf seinen Kopf ein Preis gesetzt. Dieses Urtheil und Lefevre’s Erfolge riefen eine Zeit lang in Hofer’s Hauptquartier Bestürzung und Verwirrung wach. H. selbst hielt sich nicht mehr für sicher und zog sich in ein Versteck [562] zurück. Von hier aus erließ er an die „herzliebsten Tiroler, absonderlich aufrichtigen Passeyrer“ ein ziemlich verzagt klingendes Schreiben. Auch jetzt sei er noch entschlossen, „wegen Gott, Religion und Vaterland“ zu streiten, aber erst wenn er sehe, daß sich die wahren Patrioten wieder zeigen; unterzeichnet ist der Aufruf: „Euer treues Herz, Andree Hofer, Obercommandant von Passeyr, dermalen wo ich bin.“ Energischer als H. ließen sich Haspinger und Speckbacher angelegen sein, die nur für den Augenblick Eingeschüchterten aufs Neue zum Kreuzzug gegen die Feinde des Christenthums zu entflammen. Wieder entbrannte allerorten der Kampf, blutiger und greuelvoller denn bisher. „Wüthende Rachsucht glomm bis zur Gletschergrenze empor, in Feld und Wald, in tiefen Klüften und auf schwindelnden Felsgraten geschahen Thaten übermenschlichen Muthes, unmenschlicher Grausamkeit.“ Auch H. erschien wieder in Passeyr und erließ einen neuen Aufruf. „Auf, liebe Brüder, lasset uns nur einig sein. Ich werde euch die Lumpenstücke von dieser verfluchten Nation erst dann sagen, sobald wir zusammenkommen werden. Nur gutes Muthes, die Sache kommt alle von Gott her!“ Bald sah sich Marschall Lefevre, der kurz vorher noch über Deroy’s Rückzug vor einer „Bauernarmee“ gespottet hatte, in Innsbruck von allen Seiten umzingelt. Am 13. August ordnete H. allgemeinen Angriff an. Der Entscheidungskampf concentrirte sich diesmal um den Berg Isel. Zwei Tage dauerte das Treffen, den Sieg verdankten die Tiroler vor Allem der tollkühnen Energie des Kapuziners Haspinger. Wichtiger als Hofer’s Theilnahme an den Gefechten war sein Auftreten nach der Einnahme Innsbrucks, denn nur seine Autorität rettete die „baierisch gesinnte“ Stadt vor Plünderung und Excessen der siegestrunkenen Bauern. H. traf keine ernstlich gemeinten Vorkehrungen, um den geschlagenen Feinden den Rückzug abzuschneiden, sondern verfügte sogar, daß der Ausmarsch neuer Compagnien zu unterbleiben habe, – der erste Erlaß, den er als „Obercommandant von Tirol“ unterzeichnete. Er übernahm nun die verwaiste Verwaltung des Landes und bezog die Hofburg, in deren Speisesaal er sogleich ein Crucifix und ein Madonnenbild anbringen ließ. Wie an seiner äußeren Erscheinung, so änderte er auch nichts an seiner Lebensweise. Das Mittagessen ließ er sich aus einem benachbarten Gasthaus holen; oft trafen Personen, die mit ihm in Geschäften zu sprechen hatten, den Obercommandanten in Hemdärmeln unter seinen rauchenden und zechenden Passeyrern. Seine wichtigste Verfügung war die Aufstellung einer Generallandesverwaltung, wozu auch sechs Volksvertreter mit Stimmrecht beigezogen waren. Im Uebrigen bezweckten seine Erlasse namentlich Erhaltung von Religion und Moral und Sicherung der Ordnung im befreiten Lande. Den Höhepunkt seines Glückes bezeichnet die Ueberreichung eines Ehrengeschenks des Kaisers, einer goldenen Medaille mit Kette, am 29. September – es war ein Festtag für H. und ganz Innsbruck. Leider gereichte ihm der Beweis kaiserlicher Huld, der den treuen Mann zu Thränen rührte, zum Verderben, denn er maß ihm eine weit höhere Bedeutung bei als das kaiserliche Cabinet. Er glaubte, der Kaiser halte noch immer fest an der Zusage, nimmer zu einer neuen Abtretung Tirols seine Einwilligung geben zu wollen; dagegen räumte ein Artikel des am 14. October 1809 unterzeichneten Wiener Friedenstractats den von Napoleon hartnäckig geforderten Verzicht auf Tirol wirklich ein. Gleichzeitig rückten größere Heeresmassen denn je auf drei Linien zugleich durch Inn-, Puster- und Etschthal vor. Obwol ein Schreiben Erzherzogs Johann von diesen Vorgängen unterrichtete und davor warnte, sich ferner zwecklos aufzuopfern, wollten Haspinger und andere Brauseköpfe nichts von Unterwerfung und Waffenstreckung hören, und es gelang ihnen, auch H. nochmals zur Aufnahme des Kampfes zu bewegen, möge das Ende sein, was da wolle. Am 1. November wurden aber am Berg Isel [563] die Reihen der Landesvertheidiger durch das Geschützfeuer der Feinde so furchtbar gelichtet, daß an wirksamen Widerstand nicht mehr zu denken war. H. konnte sich dieser Ueberzeugung in Augenblicken ruhiger Ueberlegung nicht verschließen. Als ihm General Baraguay-d’Hilliers Verzeihung zusicherte und auch der baierische Kronprinz Ludwig mit freundlichen Worten zu Nachgiebigkeit mahnte, unterzeichnete er eine vom Priester Donay aufgesetzte Unterwerfungserklärung und fügte seinem Namen die Worte: „Oberkommandant gewöster“ bei. Allein bald darauf wurde er durch allerlei falsche Nachrichten über Wiederausbruch des Kriegs mit Frankreich, Anmarsch von schweizer Hülfstruppen etc. getäuscht und, wie der Tiroler Rapp erklärt, „von dem verworfensten Gesindel, dem der Friedenszustand verhaßt, der Krieg aber die willkommene Gelegenheit zu Raub und Plünderung war“, zu neuem Sturmaufgebot gedrängt. Die Eintracht war jedoch aus seinem Kriegsrath gewichen und damit die Kraft der Landesvertheidiger gebrochen. Wenn auch mit schweren Verlusten, unterdrückten die Franzosen und Baiern die letzten Regungen des Aufstands, die Drohungen und Verheißungen des Sandwirths blieben wirkungslos, in dumpfer Hoffnungslosigkeit fügte sich das Volk allerorten der Uebermacht. Fast alle Rädelsführer der Bewegung konnten noch rechtzeitig entfliehen, nur H., durch die letzten Schicksalsschläge betäubt und verwirrt, weigerte sich, den heimischen Boden zu verlassen. Er glaubte, in einer versteckten Alphütte am Eingang ins Hochland Farteis sicher zu sein, aber ein Passeyrer, Josef Raffl, verrieth seinen Zufluchtsort an General Huard. Daß der Priester Donay nicht, wie Hormayr behauptete, am schmählichen Handel Antheil hatte, bestätigte Baraguay-d’Hilliers selbst, an dessen Wort nicht gemäkelt werden kann. Durch Soldaten eines italienischen Freicorps wurde die Hütte, wo H. schlief, umzingelt. Da an Widerstand oder Flucht nicht zu denken war, ergab sich H. ohne Widerstreben und wurde gefesselt nach St. Martin, dann nach Bozen abgeführt, endlich auf höheren Befehl nach Mantua transportirt. Ein Kriegsgericht sollte über sein Loos Entscheidung treffen. Als sich jedoch einige Richter mit Rücksicht auf den dem Rebellenführer von seinen eigenen Leuten auferlegten Zwang zu seiner Verurtheilung nicht entschließen konnten, kam aus Mailand die Weisung, H. sei binnen 24 Stunden durch Pulver und Blei hinzurichten. Er vernahm das Urtheil mit seltenem Gleichmuth. Wenige Stunden vor seinem Tode schrieb er an seinen Freund Pühler in Neumarkt einen Brief, der mit den Worten schließt: „Ade, mein schnöde Welt, so leicht kommt mir das Sterben an, daß mir nicht die Augen naß werden. Um 9 Uhr reis ich mit der Hilfe aller Heiligen zu Gott.“ Dem Propst Manifesti, der ihm in den letzten Stunden geistlichen Beistand leistete, versicherte er, sein Blut fließe nicht umsonst, Tirol werde wieder österreichisch werden, so gewiß, als auf jeden Winter wieder ein Sommer folge. Am 20. Februar 1810 Vormittags 11 Uhr wurde er auf der breiten Bastei unfern der Porta Ceresa erschossen. 1822 wurden seine Gebeine ausgegraben und in der Hofkirche zu Innsbruck bestattet; 1834 erhob sich über seinem Grabe ein würdiges Denkmal.

Andreas H. und die Tiroler Insurrektion (München 1810). – (Hormayr), Geschichte A. Hofer’s (1817). In neuer Bearbeitung unter dem Titel: Das Land Tyrol und der Tyrolerkrieg von 1809 (1845). – Beda Weber, Das Thal Passeier und seine Bewohner (1852). – Peternader, Tirols Landesvertheidiger, I, S. 51 (1853). – Rapp, Tirol im Jahr 1809, in der Zeitschrift des Ferdinandeums, 3. Folge, 1. Band (1853). – Streiter, A. H., in „Blätter aus Tirol“, S. 56 (1868).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bebewährten