ADB:Immermann, Karl

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Artikel „Immermann, Karl Leberecht“ von P. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 57–63, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Immermann,_Karl&oldid=2498757 (Version vom 20. September 2018, 11:33 Uhr UTC)
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Immermann: Karl Leberecht I., geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, † am 25. August 1840 zu Düsseldorf, war der älteste Sohn des Kriegs- und Domainen-Raths I., eines preußischen Beamten aus der Schule Friedrichs des Großen, dessen hohe Verehrung den Kindern früh durch den ernsten Vater eingeprägt wurde, welcher sorgsam über der Erziehung seiner Söhne wachte. Seine Schulbildung erhielt der Knabe auf dem Gymnasium des Klosters „Unserer Lieben Frauen“, dessen Classen er schnell durchlief, so daß er mit 17 Jahren die Universität Halle beziehen konnte. Seine rasche Auffassung, sein Interesse an geistigen Dingen, verbunden mit regem Fleiße und unerschöpflicher Lebendigkeit, machten ihn früh zum Liebling seiner Lehrer. Sein Studienleben war ein bewegtes und zerrissenes, er selbst beklagte wol, daß ihm der solide Grund der Bildung deshalb fehle. Als er kaum seine Studien begonnen hatte, wurde die Universität durch Napoleon aufgehoben, und da er, nach des Vaters Befehl, trotzdem in Halle bleiben mußte, so vertiefte er sich in seiner Einsamkeit in die Lectüre hyperromantischer Schriften: Gräfin Dolores, v. Arnim und dergleichen, bis ihn Friedrich Wilhelms „Aufruf an mein Volk“ zu den Waffen rief. Er ward in das erste Jägerdetachement des Leib-Infanterieregimentes aufgenommen, aber ein heftiges Nervenfieber fesselte ihn ein Vierteljahr an das Krankenlager, und er erreichte sein Detachement erst, als der erste Feldzug zu Ende war, und lernte erst bei Ligny und Waterloo den Donner der Schlachten kennen. Als Offizier entlassen, kehrte er zu seinen Studien nach Halle zurück, die um so ernster waren, als er inzwischen seinen Vater verloren hatte, und es nun galt möglichst bald selbständig zu werden. Aber neue Aufregungen traten heran, als das freie Studentenleben durch die Uebergriffe einer geheimen Verbindung „Teutonia“ beeinträchtigt wurde. Diese maßte sich das Schiedsrichteramt an über alle studentischen Verhältnisse, ließ zuletzt einen armen Studenten, der Nachdruck verkauft und Satisfaction zu geben verweigert hatte, mit Hetzpeitschen überfallen und zu Boden werfen. In der ganzen Stadt herrschte Empörung über diese Rohheit und I. setzte eine Erklärung auf, die von zahlreichen Commilitonen unterschrieben ward, zunächst aber neue Unruhen hervorrief. Die akademische Behörde griff nicht ein, die Unterzeichneten mußten Schutz beim Könige suchen, und I. mit zwei Commilitonen überbrachte diesem eine Immediateingabe. Nachdem der Curator ein äußerst günstiges Zeugniß über den Studiosus I. abgegeben, wurde die „Teutonia“ polizeilich aufgelöst. Der Vorfall hatte aber dennoch manches Nachtheilige; das unstudentische Verfahren weckte allerhand Bedenken und rief Vorurtheile hervor, namentlich da, wohin die Sache halb wahr oder entstellt drang, und I. selbst lernte früh, stolz die Menge verachten, und die schroffe Unabhängigkeit, die ihn lange isolirt hat, wuchs durch diese Ereignisse.

Im Herbst verließ er die Universität, machte in Halberstadt im Anfang des J. 1818 sein erstes Examen, arbeitete dann, theils in Oschersleben, theils in Magdeburg als Auscultator, und bestand im Mai 1819 sein zweites Examen. Im November dieses Jahres ward er als Auditeur nach Münster berufen und trat zuerst aus dem Kreise der Familie und Jugendfreunde, dem er warm anhing, [58] in welchem aber sein zweiter Bruder Ferdinand die einzige bedeutende Persönlichkeit war. Es ist ihm nicht das Glück geworden sich unter mitstrebenden Genossen zu entwickeln, man bewunderte kritiklos die ersten Regungen seines Talentes, wie es sich zunächst in Gelegenheitsgedichten, bei den Geburtstagen und sonstigen Festen in der Familie zeigte. Größere Anschauungen von Welt und Leben, einen neuen Boden, bedurfte er zur weiteren Entwickelung des sich mächtig in ihm regenden Schaffensdranges. Eine Liebestäuschung schmerzlicher Art, die ihn tief verwundet hatte, weckte die Sehnsucht nach außen zu gestalten, was ihn innerlich verzehrte, und aus dem Conflict seines Herzens entstand sein erster Roman „Die Papierfenster eines Eremiten“. Er enthält Bekenntnisse, ist aber nicht einfach als eine Selbstbiographie zu betrachten. Der Eremit erschien erst später, einige Gedichte wurden zunächst im Frauentaschenbuch von 1820 durch Fouqué’s Vermittelung veröffentlicht, der anfänglich Immermann’s Annäherung sehr entgegen kam, bis er sein Auftreten in der Studentenangelegenheit erfuhr und den Verkehr schroff abbrach. Das Drama stand vor dem jungen Dichter als höchste Aufgabe und hat ihm viel zu schaffen gemacht, ehe er einsah, daß seine schönsten Erfolge auf einem andern Felde blühten. Sein erstes Trauerspiel „Das Thal von Ronceval“ beendigte I. in der Neujahrsnacht 1820. Im Lauf des Jahres dichtete er darauf den „Edwin“ und den „Petrarca“ und diese wurden mit dem Eremiten und einer Sammlung Gedichte im nächsten Osterkatalog angekündigt (Schulz und Wundermann, Hamm). Bald darauf erschien bei Büchler in Elberfeld noch „König Periander“, ein wenig beachtetes Trauerspiel. Mit dem „Prinzen von Syrakus“, einem Lustspiel zur Hochzeit seiner einzigen Schwester gedichtet, trat er im J. 1821 zuerst selbständig in die Oeffentlichkeit. Und nun jagte ein Plan den andern, und mit unglaublicher Geschwindigkeit gestalteten sich dieselben zu concreter, wenn auch nicht gerade vollendeter Form. I. stand noch ganz unter dem Einfluß der Romantik, in die er vielleicht gerade durch den Gegensatz gerathen, welchen sie zu dem schlichten Leben seiner Kindheit bildete. Seiner Phantasie that es wohl, sich in schrankenloser Laune über eine einengende Wirklichkeit in eine, von ihr geschaffene Welt heben zu lassen. Gestaltungskraft besaß er so gut wie seine Vorbilder, aber ihm fehlte die leichte Anmuth, durch welche sie über ihren Irrthum zu täuschen wußten. Gewiß hätte er schon früher sich auf den gesunden Boden gestellt, auf dem seine reifsten Schöpfungen entsprangen, hätte nicht in Münster sich sein persönlichstes Leben auch in einen romantischen Irrthum verflochten, der ihn durch lange Jahre in Bann hielt. Eine Freundschaft, welche er mit der Frau Elise v. Lützow, geb. Gräfin Ahlefeldt (s. Bd. I. S. 160) schloß, ward für beide verhängnißvoll, sie überschritt leidenschaftlich ihre Grenzen und führte zur Trennung der allerdings nicht glücklichen Lützow’schen Ehe. Als I. Münster verließ, folgte ihm die Freundin nach Düsseldorf, ohne sich zu einer Heirath mit ihm zu entschließen, und trennte sich erst von ihm, als in dem Dichter im J. 1839 noch ein Mal eine jugendliche Liebe erwachte, und er sich mit Marianne Niemeyer verheirathete. Die Biographien der Gräfin Ahlefeldt und Immermann’s enthalten die näheren Details über dies seltsame Verhältniß, das aber neben dem Schatten, den es auf sein Leben warf, demselben viel reiche Förderung gab.

Eine sehr feine ästhetische Abhandlung in der Form eines Briefes über die Entstehung des Kunstwerks und das Wesen der Poesie rührt noch aus dem J. 1822. Ob die Entstehung der Idylle „Die Brüder“, in die Münster’sche Zeit fällt, ist nicht nachzuweisen, doch dichtete er in derselben Zeit noch „Das Auge der Liebe“, welches wiederholt auf der Königsstädter Bühne 1830 gegeben ist und eine reizende Novelle „Der neue Pygmalion“. Auch bot ihm eine Uebersetzung [59] von Scott’s „Ivanhoe“ eine anziehende Beschäftigung in der leidenschaftlich aufgeregten Stimmung, in welche ihn das Verhältniß zu Frau v. Lützow mehr und mehr versetzte. Nach langem Kampfe entschloß er sich im September 1823 einen Ruf als Criminalrichter in Magdeburg anzunehmen, hoffend dieses Verhältniß durch eine Trennung in gesundere Bahnen zu lenken; aber er verlebte trübe Jahre in seiner Vaterstadt, bis er im März 1827 dieselbe verließ. Nachdem er sein letztes Examen glänzend bestanden, eine saure Aufgabe für den gereiften Mann, ward ihm die Stelle eines Landgerichtsrathes in Düsseldorf angeboten, und dort erst sollte sein Leben reicher und voller sich entfalten, in einem geistigen, poetisch empfänglichen und anregenden Kreise. Auch in Magdeburg war Mancherlei entstanden. Seine erste Arbeit, eine Abhandlung über den rasenden Ajax des Sophokles aus dem Jahre 1824, zunächst durchaus nicht für das größere Publikum, gewann aber in einem kleineren Kreise Anerkennung und besonders W. v. Humboldt sprach sich sehr lobend darüber aus. In zwei größeren Dramen und einem Lustspiel, nach dieser kritischen Arbeit, zeigte der Dichter, welche seltsamen Gegensätze in ihm lebten. Das Trauerspiel „Cardenio und Celinde“ klang herb und schroff und schien den Nahestehenden fast wie ein Schmerzensschrei aus der wunden Brust des Dichters. Es rief eine größere Wirkung hervor als alle früheren Arbeiten. Tadel und Bewunderung traten stärker hervor, namentlich Börne gab Beidem Ausdruck. Neben scharfem Tadel rühmt er die dichterische Kraft und Fülle, die sich selbst in den Fehlern ausspreche, und schließt seine Besprechung mit den Worten: „Des Dichters Kraft fehlt noch die Anmuth; wohl nicht auf immer, denn sie fehlt der Kraft“.

Ein kleines Lustspiel, „Die schelmische Gräfin“, in welchem die poetische Form besonders sorgfältig behandelt ist, schlug bald darauf einen ganz anderen Ton an, und gehört zu den Stücken, die von Zeit zu Zeit über die Bühne gegangen sind, ist nun aber ziemlich vergessen.

Die letzte Dichtung, die auf dem Boden der Heimath reifte, gehört zu Immermann’s edelsten Schöpfungen und „Das Trauerspiel in Tirol“ wird seinen Namen erhalten und der Nation verständlich bleiben, trotz seiner Schwächen, die sich besonders da nicht verbergen ließen, wo man das Hofer-Stück auf die Bühne brachte. Es ward das nur durch eine Bearbeitung möglich, welche Eduard Devrient und G. z. Putlitz mit Geschick und Takt unternahmen. Nun hatte I. einen gesunden Boden betreten, ließ das Schwanken zwischen Alterthum und Romantik hinter sich, stellte seine Dichtungen ins volle warme Leben seines Volkes und gab ihnen klar das Gepräge seines eigenen Wesens. Im März 1827 kam I. nach Düsseldorf, und in die Zeit, die er als „Düsseldorfer Anfänge“ bezeichnet. Seine etwas schwerfällige Natur konnte sich nicht gleich zurecht finden in dem fröhlichen Treiben des Düsselvölkchens, in welchem er sich um so weniger frei bewegte, als ihn die Frage beklommen machte, wie sich die Gräfin A. zu den neuen Bekanntenkreisen stellen würde, die ihn freundlich empfingen. Sie war ihm nach Magdeburg gefolgt, und I. miethete sobald er nach Düsseldorf kam, ein kleines Haus für sie im Hofgarten, verließ auch bald seine städtische Wohnung, um dasselbe mit ihr zu bewohnen, wodurch anfänglich Staunen und Mißtrauen hervorgerufen ward. Aber allmälig wurde diese Häuslichkeit der Mittelpunkt einer geistreichen, poesievollen, feinen und gesuchten Geselligkeit. I. lebte daneben in größeren Kreisen, hatte seine eigenen Verbindungen in den Kreisen des Adels und der Künstler, und sein Name führte manchen Besuch aus der Ferne ihm zu, Heine, Varnhagen, Schlegel, Häring kamen wiederholt und warme Freundschaft verband ihn mit Mich. Beer und später Felix Mendelssohn. Er kam zum Bewußtsein seiner selbst, gewann neue Anschauungen und weitern Blick für die Erscheinungen des äußern Lebens.

[60] Die erste Dichtung, welche in Düsseldorf entstand, sind „Die Verkleidungen“. Das Stück fand wenig günstige Aufnahme und befriedigte ihn selbst nicht. Aber Immermann’s elastische Natur wandte sich schnell wieder zu einer ernsten Aufgabe: „Kaiser Friedrich II.“, mit Begeisterung geschrieben, fand auch begeisterte Theilnahme und namentlich von Seiten Schadow’s, der in dem Stück eine Annäherung Immermann’s zum Katholicismus fand, mit dem sich derselbe allerdings damals eingehend beschäftigte. Dem „Kaiser Friedrich“ folgte „Die Schule der Frommen“, ein wenig erquickliches, schnell vergessenes Lustspiel, das letzte, was I. verfaßte, obgleich er noch manchen Plan in sich trug. Eine neue Sammlung von Gedichten erschien bei Cotta 1829, und gleichzeitig ward I. zum Kampf mit Platen gereizt, welcher ihm von mancher Seite sehr verargt wurde, und falsche Vorurtheile wider ihn, namentlich da erweckte, wo er noch nicht Fuß gefaßt hatte. Er schrieb als Erwiderung der „Verhängnißvollen Gabel“, in der er satirisch mitgenommen war, „den im Irrgarten der Metrik umhertaumelnden Kavalier“, und sobald er damit sich von dem Aerger über Platens Angriff frei gemacht hatte, finden wir ihn bei dem heitern und anmuthigen Epos „Tulifäntchen“, welches immer zu seinen Lieblingskindern gehörte, und sich dauernd einen Leserkreis gewinnt. Fast gleichzeitig war der „Carneval und die Sonnambüle“ erschienen (1830), eine sehr pikante Erzählung, zu welcher er den Gedanken bei einem Besuche des Kölner Carnevals gefaßt und in welche er manche Reminiscenzen aus seiner criminalrichterlichen Thätigkeit verwob. So kam das Jahr 1830 heran, die heitere Unbefangenheit der Düsseldorfer Anfänge hatte ein Ende. Die Julirevolution brach aus; „die Kritik, die Skepsis, der Materialismus traten in alle Geister“, sagt I. Die Pariser Katastrophe erschütterte ihn gewaltig und schob für eine Weile alle eigenen Produktionen in den Hintergrund. Aber sein eigenstes Leben quoll doch wieder hervor, er wendete sich ab von der Politik und ein gigantischer Stoff nahm seine ganze Kraft in Anspruch, der „Alexis“, welcher nach manchen Umarbeitungen als Trilogie 1831 vollendet wurde, deren 3 Theile „Die Bojaren“, „Das Gericht von St. Petersburg“ und „Eudoxia“ sind. Das tragische Geschick Peters des Großen und des unglücklichen Alexis ist darin behandelt und das Schauspiel eines ungeheuren Irrthums, welches der Stoff bot, wie I. sagt, führte ihn an die letzte Grenze des Erlaubten, doch hoffte er, daß er nicht ins Gräßliche verfallen sei. Die ersten beiden Theile sind großartig und erschütternd, der letzte klingt elegisch und nicht natürlich aus. Nach dieser aufregenden Arbeit konnte I. im Herbst 1831 ein Mal wieder eine längere Reise unternehmen, deren mythische Geschichte das Reisejournal im 21. Bande seiner Schriften enthält.

Immermann’s Leben hatte durch die Berufung von Friedrich von Uechtritz und Karl Schnaase reichen Inhalt erhalten und das Verhältniß zu letzterem erhielt eine besondere Weihe durch die Förderung, welche er dem „Merlin“ gab, der während des Winters 1831–32 nach Gestaltung rang. I. selbst stellte dies tiefsinnige Gedicht weit über alle seine Schöpfungen, hätte aber selbst kaum einen Commentar über dasselbe geben können. Er nennt es „die Tragödie des Widerspruchs“ und hat die tiefsten Töne seines Wesens hineingeheimnißt, wie es Goethe nennt. Seine Religion, sein Hassen und Lieben, seine ganze Weltbetrachtung legte er darin nieder, und wunderbar wird das Gemüth berührt, das sich mit hingebender Sympathie in die Dichtung vertieft.

Im Winter 1832–33 entwickelte sich für I. eine ganz neue Thätigkeit, welche ihn während der folgenden drei Jahre fast ausschließlich in Anspruch nahm. Schon während seiner Schulzeit zeigte er eine große Neigung zur dramatischen Kunst, mit welcher er auch seine Mitschüler zu dramatischen Darstellungen [61] begeisterte, als Student empfing er unvergeßliche Eindrücke durch die Aufführungen der Weimarischen Truppe unter Goethe’s Leitung, welche er in Lauchstädt bei Halle sah, und bei gelegentlichen Aufenthalten in Berlin war das Theater ein Hauptanziehungspunkt für ihn. Seinen Hofer hatte er schon früher den Düsseldorfer Schauspielern einstudirt, ein neu erbautes hübsches Schauspielhaus erweckte den Gedanken, durch einzelne sorgfältig einstudirte, sogenannte Mustervorstellnngen dem Publikum einen höheren Genuß zu verschaffen als ihm bisher geboten und die Schauspieler zu besonderen Aufgaben heranzubilden. Durch die zwei nächsten Winter gingen diese Mustervorstellungen, die I. leitete, und während derselben reifte der Plan zur Bildung einer echt künstlerischen Bühne, der nach Ueberwindung unzähliger Schwierigkeiten im Herbst 1834 zu Stande kam, da I. sich bereit erklärte als Intendant an die Spitze des Düsseldorfer Stadttheaters zu treten, und zu diesem Zwecke ein Jahr Urlaub erhielt. Ehe wir ihn in dieser Thätigkeit verfolgen, betrachten wir die Zeit der Vorbereitung noch einen Augenblick. – Nach der Herbstreise beschäftigte ihn sehr angenehm die Redaction des Reisejournals, er legte darin seine Ansicht über viele Dinge und Personen nieder und verstimmte Manchen durch seine Urtheile, namentlich die süddeutschen poetisch politischen Kreise fühlten sich hart und oberflächlich beurtheilt. Das Wehen des Lenzes lockte 1833 das allerliebste Frühlingscapriccio hervor, welches neben dem Reisejournal in den gesammelten Schriften (21. Band) erschien, deren Verlag Schaub in Düsseldorf in diesem Jahre übernahm. Im Sommer hatte er das Glück wieder eine größere Reise zu machen und Tirol kennen zu lernen, den Schauplatz zu betreten, auf dem sein Hofer spielte. – Der Winter, der sich daran schloß, trug ein unruhiges Gepräge durch die Vorbereitungen für das neue Theater und I. fühlte sich völlig unproductiv, zu Ostern suchte er festen Halt zu gewinnen, indem er ernsthaft an die Epigonen ging, ordnete die Aufsätze Ahr und Lahn und Blick ins Tyrol für die gesammelten Schriften und ging dann auf die Reise, um Schauspieler zu engagiren. Nach großen Anstrengungen wurde am 28. Octbr. 1834 das neue Düsseldorfer Theater eröffnet mit einem Festspiel von I.: „Kurfürst Johann Wilhelm im Theater“ und dem Prinzen von Homburg. Der Antheil des Publicums blieb leider hinter seiner Erwartung und manche Dornen wuchsen schon jetzt auf dem Wege. Das junge Unternehmen bedrohend war beim Beginn gleich der Rücktritt Mendelssohn’s, welcher die Leitung der Oper übernommen hatte. Aber Immermann’s Energie blieb von diesen Enttäuschungen unberührt und die Erfolge welche er errang, waren immer durchschlagender, das Publicum lernte schätzen was ihm geboten wurde und brachte dem Unternehmen auch manches pecuniäre Opfer. Trotzdem mußte nach dreijährigem Bestehen der Mangel an Mitteln Immermann’s Wirksamkeit für die Bühne ein Ende machen. Mit hingebendster Aufopferung hat er so lange es ging, sich derselben gewidmet, mit Begeisterung das Unternehmen aufrecht erhalten, obgleich seine Arbeit enorm war, als er nach Ablauf seines Urlaubs sein juristisches Amt wieder angetreten hatte. Er wäre auch ferner zu allen Opfern bereit gewesen, aber das nothwendige Geld zur Weiterführung des Instituts war nicht zu beschaffen und am 31. März 1837 wurde die Bühne mit Halm’s Griseldis geschlossen. Immermann’s Bühnenleitung nimmt eine hervorragende Stellung in der Geschichte des neuern Theaters ein, große Talente haben ihren Ruhm nicht geschaffen; aber die Schauspieler vereinigten sich ein würdiges Ensemble zu bilden und ihre Kräfte wuchsen, weil ihr Leiter Jeden an die rechte Stelle zu bringen wußte und das Bild des Ganzen in sich trug. Mit Jedem Einzelnen ging I. seine Rolle durch, wenn es ein größeres Werk galt, sein poetisches Leben schwebte über dem Ganzen und hielt es zusammen, [62] eine Wehmuth über den Untergang seines Theaters hat er zeitlebens behalten, und zunächst empfand er einen heftigen Schmerz.

Die Redaction der Schriften begleitete ihn durch das Theaterleben und die Epigonen wuchsen langsam zum Schluß. Bereits im J. 1823 hatte er diesen Roman begonnen, er hatte gewissermaßen sein Leben mitgelebt, nun vollendete er ihn am 12. Decbr. 1835. Früh hatte er sich mit der Zeit und Welt in einem Widerspruch gefühlt, oft überkam ihn eine Angst über die Doppelnatur unserer Zustände, die Zweideutigkeit aller Verhältnisse; er legte in dem Werke nieder, was er sich selbst zur Lösung des Räthsels vorsagte. Der Roman ist das Bild seiner Zeit, dem er das Gepräge seines eigenen Geistes gab, die Kraft, Strenge, Herbheit seiner Natur verdunkelt bisweilen die Weichheit seiner Seele und sein Gemüth, die Speise war Vielen zu ernst und schwer. Man warf ihm außerdem vor Wilhelm Meister nachgeahmt zu haben, fand seinen Helden schwach u. dgl. und die Journale brachten manche ungenügende Anzeigen. „Die nichtschreibenden Leser“, sagt I., „erfreuten mich mannigfach, aber der druckpapiernen Welt gegenüber fühle ich mich wieder einmal allein und unverstanden.“ Auch ist sein Ausspruch richtig, daß die Epigonen es nicht über einen Achtungserfolg gebracht haben.

Nach dem Untergang der Bühne hatte I. durch den ganzen Winter mit Krankheit zu kämpfen, sobald er genesen, schrieb er noch einmal ein Drama: „Ghismonda oder die Opfer des Schweigens“, in welchem er die Liebe schildern wollte, von ihrem ersten ahnungsvollen Entstehen bis zur höchsten Entfaltung. Mit jugendlicher Gluth ist das Stück durchdrungen, welches im kommenden Winter in Berlin und später unter seinen Augen in Weimar zur Aufführung kam. Nachdem er drei Jahre lang nicht aus dem Umkreis von Düsseldorf gekommen war, durchwanderte er im Herbst 1838 Franken und Thüringen und besuchte Weimar, um Goethe’s leuchtende Spuren zu küssen, und nach der Reise begann er das Werk zu schreiben, welches ihn erst zum populären Dichter gemacht hat: den Münchhausen. Er nennt ihn anfänglich eine höchst abenteuerliche Composition und weiß selbst nicht was daraus werden soll; aber nachdem der erste Band gedruckt, der zweite in der Handschrift vollendet war, fand er die Lösung durch die Liebe, die noch einmal das Herz des 42jährigen Mannes erfüllen sollte. Nach wechselnden Lebenserfahrungen zog es ihn einmal wieder in die Heimath, und nach einem Aufenthalt in Weimar reiste er nach Magdeburg, und verlobte sich dort nach einigen glücklich verlebten Wochen mit Marianne Niemeyer, welche im October 1839 seine Frau wurde. Da dieser Verbindung die äußere Trennung von der Gräfin Ahlefeldt vorausging, so hatte I. durch Aufregungen und Kämpfe mancher Art zu gehen, ehe er sein neues stilles Glück ergreifen konnte. Aber aus den häuslichen Bedrängnissen hob ihn die Muse. Der Tristan Gottfrieds von Straßburg, mit dem er sich schon früher einmal beschäftigt hatte, ergriff ihn aufs Neue. Er dichtete das Vorspiel zu seiner leider nicht vollendeten Behandlung des alten Liebesliedes, und nahm darauf den Münchhausen wieder vor, der ihn nun ganz gefesselt hielt, und in dessen lyrischen Theil er sein Schicksal verflocht. Mit geflügelter Feder hatte er geschrieben, und ehe er am 20. October auf die Hochzeitsreise nach Halle ging, wo seine Braut im Hause ihrer Großmutter, der Kanzlerin Niemeyer lebte, hatte er auch den ersten Band der Memorabilien, bis auf den letzten Abschnitt den er in Halle schrieb, vollendet.

In der neuen, sehr bescheidenen Häuslichkeit, in welche I. Ende October trat und in welcher ihm die letzten Monate reinen Glückes aufgingen, regte sich schnell wieder seine Arbeitslust. „Die Düsseldorfer Anfänge“ wurden für die Pandora geschrieben und dann sang der Dichter sein letztes Lied „den Tristan“ [63] und sollte den Schwanengesang nicht vollenden. Nachdem ihm eben eine Tochter geboren war, ergriff den kräftigen Mann ein Nervenfieber in des Lebens Mitte und nahm denselben am 25. Aug. 1840 schnell dahin. Erschütternd klang die Todesnachricht durch das Vaterland und rief an allen Orten lebhafte Theilnahme hervor.

Immermann’s Production hatte sich als der Tod ihn rief, zu hoffnungsreicher Entfaltung selbständig durchgekämpft. Ein Kampf war sein poetisches Schaffen von Beginn an gewesen. Seine Anfänge fallen in eine Zeit, die nach schwerem politischem Druck im Ringen mit neuen staatlichen Ideen der Poesie wenig geneigt war. Dazu stellte der Glanz unserer größten Litteraturepoche noch jede neue Schöpfung in Schatten und die Vertreter der Romantik übten ihren Druck auch auf I., dessen ganze Natur doch auf das Reale gerichtet war. Das Publikum begrüßte ihn erst freudig im Münchhausen, den Memorabilien, im Tristan, als der Tod ihn abrief.

P.