ADB:Kries, Gustav

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Artikel „Kries, Karl Gustav“ von Colmar Grünhagen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 169–171, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kries,_Gustav&oldid=- (Version vom 18. Juli 2019, 04:59 Uhr UTC)
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Kries: Karl Gustav K., Historiker und Nationalökonom, geb. den 7. Juni 1815 zu Ostrowitt bei Neuenburg (Kreis und Regierungsbezirk Marienwerder), † 1858. Bis zu seinem 13. Jahre durch Hauslehrer im elterlichen Hause vorgebildet, besuchte er dann das Gymnasium zu Elbing und von da 1831 durch die Cholera vertrieben, das zu Marienwerder, bezog darauf 1833 die Universität Breslau, um Mathematik und Naturwissenschaften zu studiren. Doch ward allmählich und namentlich, seit er 1837 nach Berlin übergesiedelt, unter dem Einflusse der Vorlesungen und Schriften Ranke’s, das Interesse für Geschichte und Politik so mächtig in ihm, daß er sich diesen Studien ganz zuwendete und 1838 auf Grund einer Abhandlung: „De Gregorii Turonensis episcopi vita et scriptis“ zu Breslau promovirte, sich dort 1839 als Privatdocent habilitirte und 1842 auch das Recht erwarb, Vorlesungen aus dem Gebiete der Staatswissenschaften zu halten. 1844 ward er dann von der Breslauer Universität zum außerordentlichen Professor der Staatswissenschaften ernannt, legte jedoch diese Stellung 1850 nieder, um sich, nachdem er von dem Wahlkreise Schwetz-Graudenz zum Volkshause in Erfurt erwählt worden war, ganz der Politik widmen zu können und nahm in den nächsten Jahren auch an den Verhandlungen des Berliner Abgeordnetenhauses Theil, ohne jedoch in den Parteikämpfen rechte Befriedigung zu finden. Wol aber führte ihn sein Berliner Aufenthalt zum Anschlusse an die Religionsgemeinschaft der sogen. Irvingianer, mit deren Häuptern er schon früher bei Gelegenheit einer Reise nach England Beziehungen angeknüpft hatte. Er trat in Berlin der dortigen „apostolischen“ Gemeinde bei und verwaltete in dieser Jahre lang das Amt eines Diakons mit aufapfernder Nächstenliebe. Ja er machte die Armenpflege geradezu zum Gegenstande eines wissenschaftlichen Studiums und unternahm 1856 eine neue Reise nach England, um die dort auf diesem Gebiet gemachten Erfahrungen näher kennen zu lernen. Von da zurückgekehrt, verlegte er seinen Wohnsitz nach seiner westpreußischen Heimath und erwarb in Marienwerder ein eigenes Haus. Hier im Schoße seiner Familie, [170] mitten in der Arbeit, die erworbenen Erfahrungen zu einem besonderen Werke zusammenzufassen, ereilte ihn den 13. Febr. 1858 ein früher Tod. K. hat als Schriftsteller auf dem Gebiete der Geschichte, wie dem der Nationalökonomie, Arbeiten von bleibendem Werthe geschaffen. Als Historiker hatte er sich während seiner Studienzeit in Breslau vornehmlich an den dortigen Professor und geh. Archivrath Stenzel angeschlossen und diese Verbindung auch nach seiner Rückkehr aus Berlin wieder erneuert. Von Stenzel kam Kries der Gedanke, die Entwickelung der ständischen Verhältnisse in der ersten Zeit der habsburgischen Herrschaft in Schlesien näher zu erforschen, und die Gunst, mit der Stenzel, welcher als Archivvorstand nicht eben für liberal gelten konnte, dem jungen Historiker nicht nur die bequeme Benutzung des schlesischen Provinzialarchivs, sondern auch sonst Hülfe und Förderung jeder Art gewährte, konnte wol den Neid Anderer erregen. So glaubte Heinrich Wuttke, von dessen Werke „Die Entwicklung der öffentlichen Verhältnisse Schlesiens vornehmlich unter den Habsburgern“, 1842 der erste Band erschien, bei dem Leiter des schlesischen Archivs ein ungleich geringeres Maß von Entgegenkommen gefunden zu haben, und daher entsprungene Aeußerungen gereizter Eifersucht hatten wohl ihren Antheil daran, daß K. jenen ersten Band Wuttkes in einer besonderen Broschüre (Breslau 1842) einer Kritik unterzog, welche dann die sich wesentlich auf die Darstellung der kirchlich-religiösen Verhältnisse beschränkende Einseitigkeit des Wuttke’schen Buches mit übergroßer Schärfe tadelte und in nicht ganz billiger Weise das Schwergewicht seiner Detailstudien auf einzelne aus der Darstellung seines Gegners herausgerissene Punkte warf. Der letztere antwortete mit einer dem zweiten Bande seines Werkes (1843) angehängten „Abfertigung des Dr. K. G. die an Breite und Gereiztheit dann den Angreifer noch weit überbot. Inzwischen war nun noch 1842 auch Kries’ Arbeit erschienen unter dem Titel: „Historische Entwickelung der Steuerverfassung in Schlesien unter Theilnahme der allgemeinen Landtagsversammlungen“, ein Buch, welches auf den gründlichsten archivalischen Studien beruhend, mit vollster Beherrschung des massenhaften, unerquicklichen und vielfach verwickelten Materials die Anfänge moderner Staats- und Finanzwirthschaft sowie der ständischen Einrichtungen in Schlesien klar und übersichtlich darstellt, noch heute das Beste, was wir über die inneren Verhältnisse Schlesiens unter habsburgischer Herrschaft besitzen. Eine Fortsetzung dieser Studien, wenngleich ursprünglich in Aussicht genommen, unterblieb dann doch, nachdem K. schon seit 1842 sich ganz den Staatswissenschaften gewidmet hatte, und nur diesen Gebieten der Wissenschaft gehören die Schriften an, von welchen wir an dieser Stelle nur einige verzeichnen wollen: „Ueber die Verhältnisse der Spinner und Weber in Schlesien“, 1845. – „Weshalb wollen wir zwei Kammern?“ 1848. – „Grundzüge der Einkommensteuer in England“, 1850. – „Soll der Zollverein zerrissen werden?“ 1852. – „Ueber die Vermögenssteuer im Staate New-York“, 1854. – „Die englische Armenpflege. Nach Kries’ Tode herausgegeben von seinem Schwager Dr. Karl Frhr. v. Richthofen“, 1863. – Gründlichkeit und Sachkenntniß zeichnen diese, wie alle seine übrigen Schriften aus, und von besonderer Bedeutung ist es, daß ihr Verfasser an zahlreichen Stellen derselben gegen die abstrakte Richtung der herrschenden nationalökonomischen Schule, die ausschließlich „eine ungezügelte, nur Verfolgung des eigenen Vortheils ins Auge fassende Concurrenz“ anerkennen zu wollen scheint, eifrig polemisirt und auch auf dem Gebiete der Volkswirthschait die sittlichen Pflichten des Individuums, welches sich stets als Werkzeug höherer Zwecke betrachten soll, anerkannt wissen will. Es liegt auf der Hand, wie sehr die religiösen Ueberzeugungen Kries’ auch auf seine nationalökonomischen Anschauungen einwirken mußten, und die Gedanken über Regelung der Armenpflege, welche ihn in seinen letzten Lebensjahren vorzugsweise [171] beschäftigten, entsprangen im Grunde den Forderungen eines praktischen Christenthums, wie es ihm vorschwebte.

Als Quellen haben gedient Aufzeichnungen Kries’ im Album der vaterländischen Gesellschaft zu Breslau und briefliche Mittheilungen aus dem Kreise seiner nächsten Verwandten.