ADB:Lebert, Hermann

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Artikel „Lebert, Herrmann“ von August Hirsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 94–97, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lebert,_Hermann&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 03:45 Uhr UTC)
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Lebert: Herrmann L. (ursprünglich Lewy), Arzt, wurde am 9. Juni 1813 in Breslau geboren, wo seine in Berlin ansässigen Eltern der kriegerischen Verhältnisse wegen für kurze Zeit Aufenthalt genommen hatten. Seine wissenschaftliche Vorbildung genoß L. auf dem Gymnasium zum grauen Kloster in Berlin, das er im J. 1831 mit einem glänzenden Maturitäts-Zeugnisse ausgestattet verließ, um sich dem Studium der Medicin und der Naturwissenschaften zu widmen. Die ersten vier Semester seiner Studienzeit brachte er an der Universität zu Berlin zu, wo er sich vorzugsweise mit Botanik und Zoologie beschäftigte, für welche er sich schon während seines Aufenthaltes auf der Schule lebhaft interessirt hatte, und des Unterrichts in der Anatomie und Physiologie von Rudolphi theilhaftig wurde. Später wandte er [95] sich nach Zürich, wohin ihn Schönlein wegen dessen Hochschätzung und Verwerthung der Naturwissenschaften für Medicin ganz besonders hinzog, und wo er sich auch an Oken anschloß. Im März 1834 erlangte er, nachdem er unter Schönlein’s Vorsitz seine Inauguraldissertation „De gentianis in Helvetia sponte nascentibus“ vertheidigt hatte, die Doctorwürde und wandte sich nun zur Vervollkommnung seiner wissenschaftlichen Ausbildung nach Paris, wo er anfangs vorzugsweise der Botanik und Zoologie seine Aufmerksamkeit zuwandte, später auch dem Studium der Medicin oblag; nächst Dupuytren war es der damals im Hopital de la Pitiè lehrende Kliniker Louis, der ihn aufs lebhafteste fesselte, so daß er während seines 1½jährigen Aufenthaltes in Paris die Klinik desselben fast täglich besuchte, später auch in ein befreundetes Verhältniß zu demselben trat. – Die naturwissenschaftlichen Ausflüge, welche er während seiner Studienzeit von Zürich aus gemacht hatte und auf welchen er mit mehreren in der Schweiz lebenden Gelehrten bekannt und befreundet geworden war, hatten ihm den Aufenthalt in diesem Lande so lieb gemacht, daß er, nachdem er Paris 1836 verlassen, beschloß, sich dort als Arzt zu habilitiren, und zwar ließ er sich in Bex (Kanton Waadt) nieder, da ihm gerade hier ein besonders reiches Feld für seine botanischen und zoologischen Studien geboten war. – Im Frühjahr 1838 wurde er von der Waadtländer Regierung zum Arzte der Bäder und des Hospitals von Lavey (in der Nähe von Bex) ernannt und es ist ihm durch Verbesserung der Badeeinrichtungen für die Schwefelquelle und durch Anlage von Soolbädern in Bex gelungen, den dortigen Heilquellen das Ansehen zu verschaffen, dessen sie sich heute erfreuen. – Die ausgedehnte ärztliche Praxis, welche die Kräfte Lebert’s in hohem Grade in Anspruch nahm, und das Bedürfniß nach wissenschaftlicher Thätigkeit, dem er unter diesen Umständen um so weniger genügen konnte, reiften in ihm den Entschluß, seinen Aufenthalt zwischen Bex und Paris zu theilen, so daß er den Sommer über der ärztlichen Praxis in Bex widmete, während des Winters sich wissenschaftlich in Paris beschäftigte, und diesen Entschluß hat er denn auch während dreier Jahre (1842 bis 1845) ausgeführt. – In Paris begegnete L. mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten, mit welchen er manchen landläufigen Ansichten und Doctrinen in der Medicin energisch entgegentrat, besonders bei der medicinischen Jugend anfangs einem – wie er sich ausdrückt – wohlwollenden Mißtrauen, allein es gelang ihm leicht, dasselbe zu überwinden, Männer, wie Robin, Broca, Follin, Leudet, Verneuil, an seinen pathologisch-anatomischen und mikroskopischen Arbeiten sich betheiligen zu sehen und zu denselben in ein freundschaftliches Verhältniß zu treten und im Frühling 1845 wurde ihm von der französischen Regierung der ehrenvolle Auftrag, in Gemeinschaft mit Robin an der Seeküste vergleichend-anatomische Präparate für ein neu zu gründendes anatomisches Museum anzufertigen. Nach Erledigung dieses Auftrags ging er im Anfange des Januar nach Bex zurück, machte, nach Beendigung der Saison, eine Reise nach Berlin, um hier die Kliniken von Schönlein und Dieffenbach zu besuchen (bei welcher Gelegenheit er erfuhr, daß ihm vom König Friedrich Wilhelm IV. für seine wissenschaftlichen Leistungen die große goldene Medaille für Wissenschaft und Kunst verliehen worden war) und begab sich im Frühling 1846 wieder nach der Schweiz. – Dieses getheilte Dasein wurde ihm auf die Länge der Zeit lästig, er sehnte sich nach einem dauernden Aufenthalte in einem wissenschaftlichen Centrum und so entschloß er sich auf Rath seiner Pariser Freunde gegen Ende des J. 1846 ganz nach Paris überzusiedeln. Hier begann ein Leben reich an wissenschaftlicher und praktischer Thätigkeit, dieselbe nahm im Verlaufe der folgenden Jahre aber so große Dimensionen an, daß L. sich allen an ihn gestellten Ansprüchen mit seinen Kräften nicht mehr gewachsen fühlte; die Unmöglichkeit, eine große [96] Praxis mit streng wissenschaftlichem Forschen zu verbinden, wurde ihm immer klarer und so sah er sich vor die Alternative gestellt, der einen oder der andern Richtung in seinem Wirkungskreis zu entsagen. Ein am Ende des J. 1852 an ihn ergangener Ruf als Professor der medicinischen Klinik und Director des Krankenhauses in Zürich gab den Ausschlag; er folgte dem Rufe, trat im Sommersemester 1853 die ihm übertragene Stellung an und bekleidete dieselbe 6 Jahre lang. Im J. 1859 erhielt L. einen Ruf als Professor der medicinischen Klinik nach Breslau, und verwaltete dieses Amt bis zum J. 1874. In Zürich, wie später in Breslau, war seine consultative Praxis, der sich der Kliniker in Universitätsstädten nicht wohl entziehen kann, so umfangreich geworden und hatte die Kräfte des an sich schwächlichen Mannes in so hohem Grade erschöpft, daß er sich veranlaßt sah, in dem genannten Jahre seine Stellung als Universitätslehrer ganz aufzugeben und seinen Aufenthalt wieder in der ihm theuer gebliebenen Schweiz zu nehmen. L. kehrte an den ersten Ort seiner ärztlichen Thätigkeit, nach Bex zurück; lebte abwechselnd hier, in Vevey und Nizza, bis am 11. August 1878 der in Bex erfolgte, plötzliche Tod seinem vielbewegten Leben ein Ende machte. – Das Leben und Wirken Lebert’s fällt in eine Entwickelungsepoche der Medicin, mit welcher sich ein großartiger Umschwung in dieser Wissenschaft vollzogen hat, herbeigeführt durch das zum vollen Bewußtsein der Forscher gelangte Verständniß von dem innigen Zusammenhange, der zwischen der Heilkunde und den Naturwissenschaften besteht und durch das Bestreben, diesen Zusammenhang vermittelst Einführung der streng naturwissenschaftlichen Methode in die Bearbeitung der medicinischen Doctrinen herzustellen. Die Wege, welche zur Erreichung dieses großen Zieles führen konnten, vor allem die methodische Pflege der allgemeinen und vergleichenden Anatomie und Physiologie, der Entwickelungsgeschichte und der pathologischen Anatomie und Physiologie, waren von den großen Naturforschern und Aerzten jener Zeit, einem Oken, Döllinger, Magendie, Joh. Müller, Schönlein u. a. vorgezeichnet und betreten worden, und diesen großen Vorbildern, vor allem seinem, von ihm hochverehrten Lehrer Schönlein hat L., wenn auch nicht immer mit dem Erfolge, welchen er sich von seinen Arbeiten versprochen, doch stets mit rühmenswerthem Eifer nachgestrebt. – Seine litterarische Thätigkeit, mit welcher er die Resultate seiner Forschungen niedergelegt hat, ist eine sehr große, die verschiedensten Gebiete der Medicin umfassende gewesen. Seine ersten Arbeiten betreffen vorzugsweise die vergleichende Anatomie und die Entwickelungsgeschichte (dieselben sind in den Annal. des Sciences naturelles 1844–49 und in Müller’s Archiv für Anatomie und Physiologie 1846. 1847 veröffentlicht), ferner die experimentelle Pathologie (darunter als Hauptwerk „Physiologie pathologique“. 2 Vols. mit Atlas 1845, als Fortsetzung zu demselben „Abhandlungen aus dem Gebiete der Chirurgie und pathologischen Physiologie“, 1847, und die später von ihm angestellten Infectionsversuche der Tuberculose, in Virchow’s Archiv 1867 veröffentlicht), und die pathologische Anatomie (vorzugsweise „Anatomie pathologique générale et spéciale“, 2 Vols. Text und 2 Vols. Tafeln, 1854–62, von der Pariser Akademie der Wissenschaften 1863 gekrönt, seine bedeutendste Leistung, der einige andere, demselben Gebiete angehörende Arbeiten über Hirngeschwülste, angeborene Erkrankungen des Gefäßsystems etc. voraufgegangen sind). – Auch einige, die allgemeine und specielle Pathologie und Therapie betreffende Arbeiten, so namentlich „Traité pratique des maladies scrofuleuses et tuberculeuses“, 1849 (in deutscher Uebersetzung 1851) und „Traité pratique des maladies cancereuses etc.“, 1851, die erste von der medicinischen Akademie, die zweite von der Académie des sciences in Paris mit dem Preise gekrönt, gehören dieser ersten Periode seiner wissenschaftlichen Laufbahn an. – Die in der zweiten, mit dem Anfange seiner klinischen [97] Thätigkeit beginnenden Periode veröffentlichten Schriften verfolgen vorwiegend praktische Tendenzen; dahin zählen von den größeren Werken das „Handbuch der praktischen Medicin“, 2 Bde., 1859 (in 2., 3. u. 4. Auflage 1860. 1862. 1871), ferner „Allgemeine Pathologie und Therapie et.“, 1864, die Lehre über die „Krankheiten der Blut- und Lymphgefäße“ (in dem 5. Bande des von Virchow herausgegebenen Handbuches der speciellen Pathologie und Therapie), und „Klinik der Brustkrankheiten“, Bd. I. II. 1873. 1874, und zahlreiche, theils in Monographien, theils in Journalartikeln (besonders in Virchow’s Archiv für pathologische Anatomie, in der Berliner klinischen Wochenschrift, im Archiv für klinische Medicin, im Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte etc.) veröffentlichte Arbeiten über Cholera, Typhus, die bösartigen Formen von Gelbsucht, über den acuten Gelenkrheumatismus etc., ferner zahlreiche monographische und journalistische Artikel über Bade- und klimatische Kuren, sowie interessante Untersuchungen über die Pilzkrankheit der Fliegen und der Seidenraupe. Ein Blick über die große Reihe der wissenschaftlichen Arbeiten Lebert’s, deren Zahl im J. 1869 bereits auf 101 gestiegen war, giebt den Beweis eines ungewöhnlichen Fleißes und reicher praktischer Erfahrung, gleichzeitig aber auch einer Vielseitigkeit seines Wissens auf den verschiedensten Gebieten der Naturwissenschaften und der Heilkunde, welche ihn eben befähigte, die auf die naturwissenschaftliche Bearbeitung der Medicin hingerichteten idealen Ziele zu verfolgen. Er war einer der ersten, die nach dem Vorgange Müller’s das Mikroskop für die pathologisch-anatomische Forschung verwerthet hatten, und an die Ausführung des vorzugsweise von Magendie angeregten Gedankens, die pathologischen Vorgänge auf dem Wege des Experimentes zu prüfen, herangetreten waren, und so gebührt ihm, abgesehen von der Förderung, welche die praktische Heilkunde durch ihn erfahren, die Anerkennung, an der jüngsten Reform der Medicin rüstig mitgearbeitet und, neben dem Ophthalmiater Sichel, als Evangelist der deutschen Wissenschaft, derselben auf französischem Boden die ihr gebührende Geltung verschafft zu haben.

Ueber sein Leben vgl. die von ihm (Breslau 1869) veröffentlichten autobiographischen Notizen.