ADB:Matthias von Neuenburg

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Artikel „Matthias von Neuenburg“ von Wilhelm Wiegand in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 666–668, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Matthias_von_Neuenburg&oldid=- (Version vom 16. Dezember 2019, 08:51 Uhr UTC)
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Matthias von Neuenburg, unter dessen Namen lange Zeit eine der werthvollsten Chroniken des Mittelalters gegangen, erscheint zuerst urkundlich im J. 1327 als Anwalt am bischöflichen Gericht zu Basel. Er stammt, wie gewiß anzunehmen ist, aus dem heute zu Baden gehörigen Städtchen Neuenburg am Oberrhein. In Basel lernte er wol den Deutschordensbruder Berthold v. Buchegg kennen und folgte ihm, als dieser auf den bischöflichen Stuhl von Straßburg berufen wurde, etwa um 1329 ebendahin. Am 30. November dieses Jahres wird er in einer Urkunde unter den clerici jurisperiti des Bischofs Berthold genannt. Aus den dreißiger Jahren sind uns keine Nachrichten über ihn erhalten. In den Jahren 1342 und 1344 gewinnt er mit Zustimmung Berthold’s Landbesitz zu Benfeld und später auch im Weilerthal; 1345 erscheint er als civis Argentinensis in einem Schiedsspruch über die Steuerpflichtigkeit des Thomasstiftes an den Bischof von Straßburg und im J. 1350 wird er von Berthold als advocatus curie Argentinensis mit der Führung eines Processes beauftragt. Er stand wol im persönlichen Dienste des Bischofs, fungirte als dessen rechtskundiger Beirath und bekleidete zugleich das Amt eines Anwalts am bischöflichen Gericht, dasselbe, das er vordem in Basel innegehabt hatte. Im Mai 1355 ist [667] er zum letzten Male urkundlich nachweisbar als siegelnder Zeuge bei einem Wahlstatut des Thomascapitels. Im J. 1370 wird M. in einem Rathserlaß der Stadt Straßburg, der seinen Sohn Heintzemann u. A. verbannt, bereits als verstorben bezeichnet. Dies sind die wenigen sicheren Daten aus seinem Lebenslauf, die bisher festgestellt werden konnten. Sehr merkwürdig ist die wechselnde Beurtheilung, die seine litterarische Arbeit erfahren hat. Seit hundert Jahren schrieb man ihm eine der interessantesten und spannendsten Chroniken der Reichsgeschichte wie des Mittelalters überhaupt zu, welche die Zeit von Rudolf von Habsburg bis auf Karl IV. umfaßt, die an politischen Informationen wie an anschaulichen, lebensvollen Einzelzügen der Thatsachen und Persönlichkeiten jener acht Jahrzehnte reich ist. Früher ging diese Chronik seit ihrer ersten Drucklegung durch Cuspinian im J. 1553 unter dem Namen eines Albertus Argentinensis. Seitdem aber eine zuverlässige Berner Handschrift der Chronik und eine Vaticanische gefunden war, welche in der Ueberschrift besagte, daß sie „composita sive facta per magistrum Matthiam de Nuwenburg clericum honorabilis patris ac domini Berhtoldi de Buchegge episcopi Argentinensis“, trat Albert wieder in sein mythenhaftes Dunkel zurück und M. galt nun als der fast unbestrittene Autor des gepriesenen Geschichtswerks. Als Anhang desselben befand sich in einer Straßburger Handschrift neben einigen Fortsetzungen der Erzählung eine Lebensbeschreibung Bischof Berthold’s, die sich vielfach wörtlich, in ganzen Capiteln mit der Chronik deckt. Als Verfasser dieser Vita machte W. Soltau in jüngster Zeit eben M. sehr wahrscheinlich, der wie kein anderer in seiner Vertrauensstellung zu Berthold dafür berufen war, und zugleich wies er nach, daß der politische Standpunkt in der Chronik ein ganz anderer sei. Während diese eine streng kaiserliche Gesinnung zeige, für Ludwig den Baiern und gegen den Papst Partei ergreife, sich gegen den Pfaffenkönig Karl IV. wende, verrathe die Vita ganz andere Anschauungen, trete für den römischen Stuhl und gegen Kaiser Ludwig ein, lege eine Straßburger Localfarbe und persönliche Beziehungen zu Bischof Berthold an den Tag, von denen in der Chronik nichts zu merken sei. Soltau kam daher zu dem Resultat, daß die Chronik einen anderen Verfasser haben müsse, M. sie nur bearbeitet u. A. Capitel der Vita eingeschaltet haben könne. Er setzte den Albertus Argentinensis wieder in sein Recht ein, das er mit guten Argumenten begründete und fand in ihm den schwäbischen Grafen und Straßburger Domherrn Albrecht von Hohenberg, Reichskanzler unter Ludwig dem Baiern, später Bischof von Freising. Auf dem von Soltau eingeschlagenen Wege sind die vor Kurzem erschienenen Untersuchungen K. Wenck’s weiter gegangen und haben den Umfang der ursprünglichen Chronik Alberts von Hohenberg zu umgrenzen sowie den litterarischen Antheil an derselben für M. festzustellen gesucht. Derselbe ist jedenfalls nur gering zu bemessen und für M. fällt damit das reichste und schönste Blatt aus seinem Ruhmeskranz. Seine Biographie Bischof Bertholds wird jedoch für die elsässische Landesgeschichte im 14. Jahrhundert immer eine der werthvollsten Quellen bleiben. Sie zeigt sich fast überall wohlunterrichtet, verräth vielfach eine auf Urkunden oder persönlicher Theilnahme beruhende Kenntniß der Thatsachen und läßt sich nirgends zu subjectiver Ueberschätzung ihres Helden verleiten. Ihr objectiver, ruhig gehaltener Ton sticht gegen die fesselnde, stark persönliche Weise der geschichtlichen Erzählung ab, wie sie Albrecht von Hohenberg liebt, hier spricht der weltgewandte, erfahrungsreiche Diplomat, dort berichtet ein in langem Dienst erprobter Beamter. Es wird um die Mitte des 14. Jahrhunderts, in den fünfziger Jahren desselben gewesen sein, als M. die Lebensbeschreibung seines Bischofs verfaßte und die Chronik Albrechts von Hohenberg überarbeitete. Die einzelnen Redactionen der letzteren festzustellen und den Arbeitsantheil, den M. daran genommen haben mag, genau herauszuschälen, würde mit Sicherheit erst dann möglich sein, wenn ein glücklicher [668] Fund uns die ursprüngliche Form der Hohenberger Chronik noch zur Kenntniß bringen würde.

Ausgaben der Chronik des Matthias von Neuenburg und der Vita Berchtoldi de Buchegg von G. Studer (Bern 1866) und von A. Huber in Boehmer’s Fontes IV, 149–309 (Stuttgart 1868). – Hegel in den Forschungen z. deutschen Geschichte X, 235 ff.; Soltau im Zaberner Gymnasialprogramm 1877 und in den Straßburger Studien I, 301–373, II, 91–100; Leupold, Berthold von Buchegg, Beilage 3 (Straßburg 1882); K. Wenck i. Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde IX, 29–98 (1884).