ADB:Karl IV. (Kaiser)

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Artikel „Karl IV., römischer Kaiser und König von Böhmen“ von Alfons Huber in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 164–169, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Karl_IV._(Kaiser)&oldid=2489361 (Version vom 21. Oktober 2017, 02:43 Uhr UTC)
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Karl V. (Kaiser)
Band 15 (1882), S. 164–169 (Quelle).
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Karl IV., römischer Kaiser und König von Böhmen, geb. am 14. Mai 1316, † am 29. Novbr. 1378. – K. oder wie er ursprünglich bis zu seiner Firmung hieß, Wenzel, war der älteste Sohn des Königs Johann von Böhmen aus dem Hause Luxemburg und der Elisabeth, Schwester des Königs Wenzel III., des letzten der Premysliden. Da zwischen seinen Eltern ein vollständiges Zerwürfniß eintrat, ließ ihn sein Vater, ein Verehrer Frankreichs und seiner Sitten, als Knaben von 7 Jahren an den Hof des dortigen Königs Karl des Schönen bringen, der mit einer Schwester Johanns vermählt war. Nachdem [165] er sieben Jahre sich dort aufgehalten hatte, übertrug ihm sein Vater im Sommer 1331 die Verwaltung und Vertheidigung des Reiches, das derselbe in wenigen Monaten in Oberitalien gegründet hatte und das sich von der Grenze Tirols bis über die Sesia und bis Lucca ausdehnte. Allein bald vereinigten sich die mächtigsten Signori Oberitaliens und das republikanische Florenz zum Sturze der luxemburgischen Herrschaft. Trotz des Sieges, den K. am 25. Nov. 1332 bei S. Felice im Modenesischen erfocht, mußte sich König Johann im Sommer 1333 aus Italien zurückziehen. Um Neujahr 1334 wurde K. zum Markgrafen von Mähren ernannt und außerdem überließ ihm sein Vater, der meist im Luxemburgischen und in Frankreich verweilte, wiederholt und seit dem Jahre 1342 bleibend die Verwaltung Böhmens, das sich unter seiner umsichtigen Pflege bald aus seinem bisherigen Verfalle erholte. Anfangs 1336 übernahm K. für seinen vierzehnjährigen Bruder Johann Heinrich und dessen Gemahlin Margaretha (Maultasch) die Regierung Tirols, das er glücklich gegen die Angriffe der verbündeten Baiern und Oesterreicher behauptete und im Sommer 1337 auch noch durch die Eroberung von Feltre und Belluno vergrößerte. Doch rief gerade Karls strenge Beaufsichtigung der Finanzverwaltung und die Bevorzugung der Böhmen die Unzufriedenheit der tirolischen Adeligen hervor, so daß diese im Einverständniß mit Margaretha am 2. Novbr. 1341 den Herzog Johann aus dem Lande jagten. Da Margaretha nun (10. Febr. 1342) den ältesten Sohn Ludwigs des Baiern, den Markgrafen Ludwig von Brandenburg heirathete, so mußten nothwendig die Luxemburger mit den Wittelsbachern verfeindet werden. Bald verband sich König Johann mit dem Papste Clemens VI., der einst am französischen Hofe Karls Lehrer gewesen war, zum Sturze des Kaisers, an dessen Stelle Karl von Mähren gewählt werden sollte. Doch mußte K., der sich im April 1346 selbst mit seinem Vater nach Avignon begab, für den Fall seiner Erhebung auf den deutschen Thron dem Papste so ausgedehnte Zugeständnisse machen, wie sie noch nie ein römischer König bewilligt hatte. Namentlich mußte er auf alle Rechte des Reiches im Kirchenstaate und in der Grafschaft Venaissin wie auf die Königreiche Sicilien, Sardinien und Corsica, über welche die Kirche die Lehenshoheit in Anspruch nahm, verzichten und geloben, das päpstliche Gebiet nur zum Zwecke der Erlangung der Kaiserkrone zu betreten und nach der Krönung sobald als möglich, Rom noch am nämlichen Tage, zu verlassen. Während K. auf diese Weise alle Rechte aufgab, die der römische König als Schirmvogt geübt hatte, mußte er trotzdem die Pflichten dieser Vogtei übernehmen und versprechen, die Kirche bei Vertheidigung ihrer Besitzungen nach Kräften zu unterstützen. Weiter sollte K. alle Urtheile und Handlungen, die Ludwig der Baier als Kaiser oder in Italien auch als König erlassen oder vorgenommen hatte, für ungültig erklären und annulliren und die Verwaltung Italiens erst dann übernehmen, wenn er vom Papste bestätigt wäre. Damit gab er indirect zu, daß der von den Kurfürsten gewählte König der päpstlichen Bestätigung bedürfe und daß dem Papste während der Erledigung der Kaiserwürde die Verwaltung des Kaiserreichs und das Recht zustehe, für Italien einen Reichsvicar zu ernennen. Endlich mußte er sich herbeilassen, den Papst in allen Streitigkeiten des Reiches mit Frankreich als Schiedsrichter anzuerkennen. Nach der Aufforderung des Papstes an die Kurfürsten, denen ausdrücklich Karl von Mähren als der von der Kirche für tauglich erkannte Candidat bezeichnet wurde, ward dieser am 11. Juli 1346 zu Rense durch die Mehrheit der Kurfürsten, die drei rheinischen Erzbischöfe, den Herzog von Sachsen-Wittenberg und seinen Vater, zum römischen Könige gewählt. Indessen wurde K. Anfangs fast nur von seinen Wählern und deren Vassallen wie von einigen Bischöfen als König anerkannt. Die anderen[WS 1] [166] Fürsten und alle Reichsstädte von einiger Bedeutung standen auf der Seite des gebannten Ludwig von Baiern. K. machte zunächst auch gar keinen Versuch, die Herrschaft über Deutschland zu gewinnen, sondern begab sich mit seinem Vater nach Frankreich, um dem dortigen König gegen die Engländer Beistand zu leisten. Nicht in Aachen sondern in der kölnischen Stadt Bonn empfing er am 26. Novbr. 1346 die Königskrone. Ende 1346 konnte er aus seinem Stammlande Luxemburg nur verkleidet durch Süddeutschland nach Böhmen gelangen, dessen Regierung ihm durch den Tod seines Vaters bei Crecy zugefallen war. Auch ein Versuch, dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg mit Hülfe der oberitalischen Herren und der Bischöfe und Adligen Tirols, welche auch mit dem Regimente der Luxemburger schon unzufrieden waren, dieses Land wieder zu entreißen, mißlang. Erst im September 1347 beschloß K. den Kaiser Ludwig in Baiern direct anzugreifen. Da änderte der plötzliche Tod Ludwigs am 11. Octbr. 1347 alle Verhältnisse. In wenigen Monaten huldigten die meisten Fürsten, Großen und Städte Deutschlands, manche allerdings nur gegen bedeutende Geldsummen oder sonstige Begünstigungen, K. als König. Nur die Wittelsbacher und deren nächste Freunde setzten den Widerstand noch fort und stellten nach einander mehrere Gegenkönige, zuletzt den tapfern Günther von Schwarzburg auf. Doch ließen sich alle zum Rücktritte bewegen. Mit dem Frieden von Eltvil (26. Mai 1349), welcher die Abdankung Günthers, und den Verträgen von Bautzen (14. Febr. 1350), die einen definitiven Frieden mit den Luxemburgern herbeiführten, war der Kampf um das Reich entschieden. Deutschland hatte wieder, was es seit einem vollen Menschenalter entbehrt hatte, einen allgemein anerkannten König, der auch mit der Kirche auf gutem Fuße stand. Es fragte sich nun, welche politische Richtung K. einschlagen, ob er noch versuchen würde, Deutschland in monarchischem Sinne umzugestalten, oder ob er die Verhältnisse, wie sie sich seit einem Jahrhundert entwickelt hatten, die territoriale Zersplitterung des Reiches und die beinahe vollständige Unabhängigkeit des Fürsten anerkennen würde. Dafür mußte die Individualität des neuen Herrschers in erster Linie bestimmend werden. K. war jedenfalls ein Mann von bedeutenden Fähigkeiten. Mit vorzüglichen Anlagen begabt, hatte er als Knabe am französischen Hofe eine gute Erziehung erhalten, so daß er französisch, italienisch, deutsch und lateinisch, später auch böhmisch gewandt sprach und schrieb und sogar gelehrte, namentlich auch theologische Kenntnisse besaß. Auch als Schriftsteller ist er aufgetreten; über seine Jugendentwicklung bis zu seiner Erhebung auf den deutschen Thron hat er werthvolle Memoiren verfaßt. Zugleich war in der harten Schule des Lebens sein Charakter gestählt, sein Geist mit Ernst und Pflichtbewußtsein erfüllt worden. In der Verwaltung Böhmens, die er als Jüngling von 17 Jahren statt seines abenteuernden Vaters übernahm, hatte er sich als einen tüchtigen Regenten bewiesen, der es verstand, auch in die verwirrtesten Verhältnisse Ordnung zu bringen und besonders die Finanzen in gutem Zustande zu erhalten. Allein wenn auch ein sehr verständiger war K. doch kein genialer Mann, der etwa im Stande gewesen wäre, die Entwicklung eines Reiches in ganz neue Bahnen zu lenken. Er war eine durchaus nüchterne, allen abenteuerlichen Plänen und ungewissen Zielen abgeneigte Natur. Er hat daher auch als deutscher König die Einschränkung der fürstlichen, besonders der kurfürstlichen Macht, woran seit mehr als einem Jahrhundert alle seine Vorgänger gescheitert waren und die jedenfalls nur durch harte Kämpfe und revolutionäre Mittel zu erreichen gewesen wäre, nicht mehr angestrebt. Er erkannte die Zustände an, wie sie sich bis auf seine Zeit entwickelt hatten, und suchte nur auf dem Boden der gegebenen Verhältnisse, durch diplomatische Mittel zu operiren und durch gesetzliche Verfügungen im Reiche [167] eine gewisse äußerliche Ordnung zu schaffen. Es zeigte sich dies namentlich bei der sogenannten goldenen Bulle, dem wichtigen Reichsgesetze, welches hauptsächlich die Königswahl und die sonstige Stellung der Kurfürsten regelte und auf den Reichstagen zu Nürnberg und Metz am 10. Januar und am 25. Decbr. 1356 publicirt worden ist. Durch dieselbe wurde die Stellung, welche die sieben Kurfürsten im Laufe des letzten Jahrhunderts errungen hatten, vollständig gewahrt und denselben eine Reihe von Vorrechten, die sie meist allerdings schon früher erworben hatten, wie das Berg- und Münzregal, der Besitz der Zölle und Mauthen und das jus de non evocando et de non apellando in feierlicher Weise garantirt, die Entwickelung der Landeshoheit wenigstens in den Kurfürstenthümern vollendet und gesetzlich anerkannt. Doch wurden auch mehrere bisher zweifelhafte Fragen normirt und durch die Einführung des Grundsatzes, daß der von der Majorität Gewählte als rechtmäßiger König zu betrachten sei, künftigen Thronkämpfen vorgebeugt und die Einmischung des Papstes beseitigt, der bisher bei streitigen Königswahlen für sich das Recht der Entscheidung in Anspruch genommen hatte. Bei dieser Gelegenheit wurde übrigens dem Könige von Böhmen, der bisher den letzten Rang unter den Kurfürsten eingenommen hatte, die erste Stelle unter den weltlichen Kurfürsten eingeräumt. Bedeutende Verdienste erwarb sich K. durch seine Bemühungen, der Unsicherheit und den Fehden besonders in den nicht einheitlich organisirten Theilen Deutschlands zu steuern, theils durch Errichtung von Landfriedensbündnissen, theils durch Begünstigung solcher, die ohne seine Einwirkung, hervorgerufen durch das Bedürfniß der Zeit, zu Stande gekommen waren. Ganz vermochte K. freilich Kriege zwischen einzelnen Reichsständen nicht zu verhindern, ja er suchte nicht einmal das Princip der Selbsthülfe als unzulässig hinzustellen. Aber im Ganzen erfreute sich Deutschland unter K. einer Ruhe, wie es sie seit langem nicht gekannt hatte, und in wichtigen Fragen wußte er sein Ansehen doch zu wahren. Seinen ehrgeizigen Schwiegersohn Rudolf IV. von Oesterreich nöthigte er von den Bestrebungen, sich vom Reiche so gut wie unabhängig zu stellen, abzulassen; dessen Bundesgenossen, den Grafen[WS 2] von Württemberg, warf er an der Spitze eines Reichsaufgebotes in wenigen Tagen nieder. Dieselbe nüchterne Auffassung, dieselbe bereitwillige Anerkennung der bestehenden Verhältnisse, aber auch dieselbe diplomatische Gewandtheit, welche K. als deutscher König an den Tag legte, zeigte er auch als Herr der mit Deutschland verbundenen Reiche Italien und Arelat. Zweimal, 1354 und 1368, ist er nach Italien gezogen, das erste Mal, um sich in Mailand (6. Januar 1355) zum Könige, in Rom (5. April) zum Kaiser krönen zu lassen, das zweite Mal, um die Stellung des Papstes zu sichern, den er zur Rückkehr aus Avignon nach Rom bewog, und den gewaltthätigen Barnabò Visconti von Mailand zu bändigen. Er hat es nicht mehr versucht, die Herrschaft der Signori in Oberitalien oder die Autonomie der Städte Tusciens zu vernichten, was ein ganz unmögliches Unternehmen gewesen wäre. Aber er setzte es durch, daß ganz Reichsitalien seine Oberherrschaft wieder anerkannte. Die Herren leisteten ihm die Huldigung und theilweise auch Heeresfolge, die Städte, selbst das mächtige Florenz, zahlten ihm regelmäßig bedeutende Steuern, ja leisteten ihm theilweise sogar Ersatz für frühere Rückstände. Was seit Otto IV. kein Kaiser mehr erreicht hatte, das hat K. durchgesetzt und zwar nicht durch blutige Kämpfe, sondern fast ausschließlich durch diplomatische Gewandtheit. Auch dem Papste gegenüber nahm er, obwohl er als „Pfaffenkönig“ auf den Thron gekommen war, eine durchaus selbständige Stellung ein. Trotz seiner Religiosität hat er sich nie als Werkzeug desselben gebrauchen lassen. Geringer waren Karls Erfolge in Arelat, wo aber die Oberhoheit des deutschen Königs nie eine gesicherte [168] gewesen und das mit Ausnahme der östlichen Theile dem Reiche schon längst entfremdet und theils unter die Herrschaft Frankreichs oder des Papstes gekommen, theils factisch unabhängig geworden war. Karls Reise nach Arles und seine Krönung zum Könige (4. Juni 1365) konnten daher zunächst nur eine formelle Bedeutung haben. Doch suchte er wenigstens die Gebiete des Grafen von Savoyen in eine enge Verbindung zu Deutschland zu bringen und es hätte immerhin wenigstens der Osten Burgunds noch von Deutschland behauptet werden können, wäre nicht unter Karls Nachfolgern die Macht des deutschen Reiches in vollständigen Verfall gerathen. Wenn Kaiser Maximilian I. daher doch nicht ganz mit Recht K. „des heiligen römischen Reiches Erzstiefvater“ genannt hat, so hat er ihn um so treffender als „Böhmens Vater“ bezeichnet. Denn für Böhmen hat K. außerordentlich viel gethan. Ruhe und Ordnung wurden hergestellt, der Landfriede durch das Verbot aller Fehden und strenge Bestrafung der Friedensstörer und Raubritter kräftig aufrecht erhalten, die Gesetzgebung wenigstens im Einzelnen verbessert, namentlich die Gottesurtheile abgeschafft, wenn auch K. seinen Plan, ein ganz neues Gesetzbuch, die sog. Majestas Carolina, einzuführen, in Folge des Widerstandes des Adels fallen lassen mußte. Auch Ackerbau, Weinbau, Obstbaumzucht, Fischerei, Handel und Gewerbe wurden in jeder Weise gefördert. Besonders folgenreich für die Zukunft war die Gründung der Universität Prag (1348), der ersten diesseits der Alpen außerhalb Frankreichs. Auch die Künste, die Baukunst, Malerei, Bildhauerei und Erzgießerei wurden begünstigt und zu hoher Blüthe geführt, vorzüglich in Folge des Strebens Karls, Böhmen eine würdige Hauptstadt zu geben. Trotz der vielen und theilweise großartigen Bauten und Stiftungen waren die Finanzen Karls in bester Ordnung, weil er auf geregelte Verwaltung sah und unnöthige Auslagen vermied. Er war daher immer in der Lage, für große Zwecke auch große Summen zu verwenden. Sein Hauptziel war die Vergrößerung der böhmischen Hausmacht und er hat in dieser Beziehung nicht durch Gewalt, die er nur im äußersten Falle anwendete, wol aber durch geschickte Benutzung der Verhältnisse, Heirathen, Erbverträge, nicht am wenigsten aber durch Geld große Erfolge erzielt. Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, der französischen Prinzessin Blanca, bewarb er sich 1349 um Anna, Tochter des Rheinpfalzgrafen Rudolf, welcher für den Fall, daß er ohne männliche Nachkommen mit Tod abginge, dieser Tochter alle seine Länder vermachte. Die Hoffnung, auf diese Weise einen Theil der pfälzischen Besitzungen für Böhmen zu gewinnen, schlug zwar fehl, da Anna (2. Febr. 1353) noch vor ihrem Vater kinderlos starb. Aber durch die Benutzung der Geldnoth der pfälzischen Wittelsbacher erwarb K. einen großen Theil der sogenannten Oberpfalz, so daß die böhmische Herrschaft bis vor die Thore von Nürnberg und bis in die Nähe von Regensburg ausgedehnt wurde. Zugleich verwerthete K. seinen Wittwerstand in gewinnbringender Weise, indem er noch 1353 Anna, die einzige Tochter des Herzogs Heinrich von Jauer und Nichte des kinderlosen Herzogs Bolko von Schweidnitz heirathete. Nach Bolko’s Tode 1368 fielen beide Herzogthümer, die einzigen in Schlesien, die bisher noch nicht unter der böhmischen Lehenshoheit standen, unmittelbar an den König von Böhmen. Die benachbarte Lausitz, welche 1360 von den Markgrafen von Brandenburg an Meißen verpfändet worden war, löste K. 1364 an sich und gewann sie dann 1367 durch Kauf dauernd für Böhmen. Die wichtigste Erwerbung aber, die K. machte, war die Mark Brandenburg, die ihm durch geschickte Benutzung der Zwistigkeiten unter den Wittelsbachern gelang. Nachdem die Markgrafen Ludwig der Römer und Otto im Jahre 1368 ihr Land dem Kaiser und dessen Erben als Königen von Böhmen vermacht hatten, wurde nach Ludwigs Tode Otto im J. 1373 gezwungen, noch bei Lebzeiten [169] gegen eine Entschädigung von 500 000 Goldgulden auf die Mark zu verzichten. Außerdem kaufte K. in verschiedenen Gegenden Deutschlands, besonders aber in Franken und Sachsen kleinere Besitzungen oder bewog wenigstens deren Herren, ihre Gebiete von ihm als Könige von Böhmen zu Lehen zu nehmen. Auf diese Weise, theils durch directe Vergrößerung der böhmischen Besitzungen, theils durch Ausdehnung der Lehenshoheit des böhmischen Königs über immer weitere Gebiete wäre es vielleicht im Laufe der Zeit auch noch möglich gewesen, alle Territorialgewalten zu völliger Ohnmacht herabzudrücken und die politische Einigung Deutschlands herzustellen, besonders da K. 1376 durch große Geldsummen auch die Wahl seines ältesten Sohnes Wenzel zum römischen Könige durchsetzte, so daß die Macht Böhmens nicht in Gegensatz zu Deutschland treten konnte. Allein K. untergrub schließlich selbst das mit so vieler Mühe errichtete Gebäude der böhmischen Macht, indem er aus blinder Vaterliebe kurz vor seinem Tode seine Länder unter seine Söhne theilte und seinem zweiten Sohne Sigismund, dem Bräutigam der ältesten Tochter des Königs Ludwig von Ungarn und Polen, die Mark Brandenburg, seinem jüngsten, Johann, einen Theil der Lausitz übertrug. Auch war es von den unheilvollsten Folgen für Deutschland, daß er, um die Wittelsbacher für die Abtretung Brandenburgs zu entschädigen, und die für die Wahl Wenzels nothwendigen Geldmittel aufzubringen, von den Reichsstädten hohe außerordentliche Steuern erhob und mehrere derselben verpfändete. Denn dies veranlaßte 1376 die Gründung des schwäbischen Städtebundes und rief einen schroffen Gegensatz zwischen den Fürsten und Reichsstädten hervor, der sich über ein Jahrhundert lang nicht mehr beseitigen ließ und ein allgemeines Zusammenwirken aller Stände für allgemeine Reichszwecke fast unmöglich machte.

Fr. M. Pelzel, Geschichte Kaiser Karls des Vierten, Königs in Böhmen. 2 Theile, Dresden 1783. K. Palm[WS 3], Italienische Ereignisse in den ersten Jahren Karls IV. (Diss.), Göttingen 1873. H. Friedjung[WS 4], K. Karl IV. und sein Antheil am geistigen Leben seiner Zeit, Wien 1876. Die Regesten des Kaiserreichs unter K. Karl IV. Aus dem Nachlasse Joh. Fr. Böhmers herausgegeben und ergänzt von A. Huber, Innsbruck 1877. Werunsky, Der erste Römerzug K. Karls IV. (1354–1355), Innsbruck 1878. Werunsky[WS 5], Geschichte K. Karls IV. und seiner Zeit [in vier Bänden) 1. Bd. (1316 bis 1346), Innsbruck 1880. J. Matthes, Der zweite Römerzug K. Karls IV. (1368–69), (Diss.), Halle a. S., 1880. St. Stoy, Die polit. Beziehungen zwischen Kaiser u. Papst 1360–64 (Diss.), Leipz. 1881.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: an deren
  2. gemeint sind die bis 1361 gemeinsam regierenden Brüder Eberhard II. und Ulrich IV.
  3. Konrad Georg Palm (1849 - nach 1880), Historiker und preußischer Staatsarchivar, 1880 wegen Nervenleidens pensioniert.
  4. Heinrich Friedjung (1851-1920), Historiker, Publizist und Journalist.
  5. Emil Werunsky (* 1850 - † ?), Prager Historiker.