ADB:Karl (Herzog von Niederlothringen)

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Artikel „Karl, Herzog von Niederlothringen“ von Ludwig Friedrich Karl von Kalckstein in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 163–164, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Karl_(Herzog_von_Niederlothringen)&oldid=2489364 (Version vom 20. September 2018, 21:04 Uhr UTC)
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Karl, Herzog von Niederlothringen, geb. 953 (Ende März?), Sohn des Westfrankenkönigs Ludwig IV. und der Gerberga, Schwester Otto d. Gr., verlor bald nach der Taufe seinen Zwillingsbruder Heinrich. Die nur auf ihn zu beziehende Datirung zweier Urkunden vom 27. April 953 und 2. März 954 aus dem Gau von Mâcon Karolo rege zwingt zu der Annahme, daß ihm der Vater das westfränkische Burgund als Königreich bestimmte. Nach Ludwigs Tode (10. Septbr. 954) konnte jedoch die Lage der karolingischen Krone, welcher Hugo der Große, der Vater Hugo Capets weit überlegen war, eine Theilung des Reiches nicht gerathen erscheinen lassen, zumal Hugo nun auch das Herzogthum Burgund erhielt. K. erschien im Frühjahr 965 in Flandern, das ihn vielleicht entschädigen sollte, Ende Mai auf dem glänzenden Hoftage Otto des Großen zu Köln mit der Mutter und dem Bruder König Lothar. Er unterschrieb 968 eine Urkunde Gerberga’s, welche seine Vermählung mit Adelheid, der Tochter Heriberts III. von Troyes noch vorbereitet haben mag, um auch durch diese Verbindung das Haus Vermandois von Hugo Capet abzuziehen. K. nahm im April 976 an dem vergeblichen Versuch der Hennegauer Reginar und Lambert zur Wiedereroberung der väterlichen Besitzungen Theil. Denn er wurde durch die Spannung mit Lothars Gemahlin Emma, Tochter der Kaiserin Adelheid, die er sogar des Ehebruchs mit Bischof Adalbero von Laon beschuldigte, der Heimath entfremdet. Als Otto II., der Neffe seiner Mutter K. 977 Niederlothringen, die Wiege der Karolinger, anbot, huldigte er ihm und übernahm die Grenzwacht des deutschen Reiches gegen den eigenen Bruder, welcher die karolingischen Ansprüche auf Lothringen erneuerte. K. verlobte seine noch im Kindesalter stehende Tochter Gerberga mit dem Hennegauer Lambert, der um die Zeit von Karls Belehnung sein Erbe zurückerhielt. Als Lothar 978 Aachen überfiel, weckte Bischof Theoderich von Metz, wol mit dem Kaiser einverstanden, Karl Hoffnungen auf die westfränkische Krone, aber nur kurze Zeit scheint er sich während Otto’s Rachezug mit List der einzigen starken Feste der Karolinger Laon bemächtigt zu haben. Zum Schutz gegen Lothar während einer Vakanz des Bisthums Ende 979 nach Cambray berufen, trat K. dort gewaltthätig und herrschsüchtig auf. Nur S. Gudula in Brüssel hatte seine Freigebigkeit zu loben. Er söhnte sich Anfang 984 nach Otto’s II. Tode mit Lothar aus, welcher die beanspruchte Vormundschaft über Otto III. zur Herstellung der karolingischen Oberhoheit in Lothringen benutzen wollte, während K. nach dem Tode Friedrichs von Oberlothringen dies zu gewinnen hoffte und Theoderich von Metz bedrängte. Nach Lothars Tode (2. März 986) verdrängte K. Königin Emma aus der Regentschaft, indem er Ludwig V. den Ehebruch seiner Mutter mit Adalbero von Laon glaubwürdig machte und reizte ihn gegen Erzbischof Adalbero von Rheims auf, der Karls Plänen zur Schädigung Otto’s III. entgegengetreten war. Schon hatte Adalbero Rheims verlassen, da gewann Hugo Capet maßgebenden Einfluß auf den jungen Westfrankenkönig. Erzbischof Adalbero scheint Karls Verständigung mit Ottos III. Mutter Theophano zu Ingelheim bewirkt zu haben, auch erfolgte am 18. Mai 987 bei dem Friedensschluß Otto’s III. mit Ludwig V. eine äußerliche Versöhnung mit Königin Emma. Ludwigs V. kinderloser Tod am 21. Mai gab K. unbezweifelten Anspruch auf die Wahl zum Westfrankenkönig. Aber Erzbischof Adalbero wies seine Annäherungsversuche [164] zurück, zumal K. sich von seinen wilden kirchenfeindlichen Genossen nicht trennen wollte noch konnte. Auf sein Betreiben wurde K. als Lehnsmann eines fremden Herrschers und Gemahl der Tochter eines Vassallen Hugo’s (Heribert III.) seines Erbrechts von vielen Großen für verlustig erklärt, Hugo gewählt und am 3. Juli zu Rheims gekrönt. Wohl noch vor Mitte Juli überfiel K. im Einverständniß mit unzufriedenen Bewohnern, namentlich insgeheim mit dem Priester Arnulf, natürlichem Sohn Lothars, Laon. Mehr leidenschaftlich als klug behandelte er die gefangenen Feinde, Königin Emma und Bischof Adalbero, sehr hart. Als Hugo Laon belagerte, forderte Kaiserin Theophano Einstellung der Belagerung, wogegen K. Geiseln stellen, Emma und Adalbero freilassen solle. K. traf gute Vertheidigungsmaßregeln, zerstörte Hugo’s festes Lager und Belagerungswerkzeuge, worauf Hugo abzog und mit Theophano verhandelte. Eine Waffenruhe kam zu Stande. Erzbischof Adalbero und sein kluger Rathgeber Gerbert verhielten sich dem Prätendenten gegenüber nicht mehr ganz ablehnend. Adalbero ermöglichte durch geheuchelte Annäherung an den allzu arglosen Herzog seine nächtliche Flucht, Emma wurde als Tochter der mächtigen Kaiserin Adelheid endlich freigelassen. Wahrscheinlich wieder vergeblich belagert, bedrängte K. Rheims, bis ihm Arnulf, von Hugo und seinem zum Mitkönig erhobenen Sohn Robert nach Adalbero’s Tode (23. Jan. 988) zum Erzbischof der wichtigen Stadt ernannt, Rheims, vermuthlich Anfang 989, überliefern ließ. Anfangs scheinbar ein Gefangener, führte Arnulf bald Kriegerschaaren gegen Hugo, ohne daß es zur Schlacht kam. Die karolingisch Gesinnten mehrten sich auch in Aquitanien zusehends. Obwol Graf Odo von Chartres durch Gebietsabtretungen von Hugo Capet gewonnen wurde, schloß sich für kurze Zeit auch Gerbert dem Prätendenten an. Adalbero von Laon versprach, Arnulf mit Hugo Capet auszusöhnen und zwischen K. und Hugo, der geneigt war, ihm seinen damaligen Besitz zu Lehen zu geben, Frieden zu vermitteln. Er durfte nicht nur zurückkehren, sondern stieg immer höher in Karls Gunst, dem er mit den heiligsten Eiden Treue gegen Jedermann schwur, nur um ihn und Arnulf gegen Ostern 991, wahrscheinlich in der Nacht zum 30. März zu überfallen und in den Hauptthurm von Laon zu werfen. Hugo brachte beide zuerst nach Senlis, dann mit Karls Gemahlin und seinen Töchtern Gerberga und Adelheid nach Orleans ins Gefängiß, wo K. bald gestorben zu sein scheint. Auch Karls ältester Sohn Ludwig theilte wohl sein Schicksal, während der zweijährige Karl gerettet worden war. Ein Großer unweit Limoges nannte sie noch 1009 neben Robert Könige. Karls Sohn Otto starb im Beginne des 11. Jahrhunderts kinderlos im Besitz des väterlichen Herzogthums. Von allen diesen letzten legitimen Karolingern ist das Todesjahr unbekannt oder zweifelhaft, das große Geschlecht endete in Vergessenheit.

A. Bernard, Un roi inconnu de la race carolingienne, Paris 1859, aus Mémoires de la société des antiquaires de France XXII und Les derniers Carolingiens, Lyon 1867, 8°. v. Kalckstein, Geschichte des französischen Königthums unter den ersten Capetingern, Bd. I. Leipzig 1877.