ADB:Milde, Karl August

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Artikel „Milde, Karl August“ von Karl Wippermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 733–737, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Milde,_Karl_August&oldid=- (Version vom 24. April 2019, 08:30 Uhr UTC)
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Milde: Karl August M., erster preußischer Handelsminister, geb. den 14. September 1805 in Breslau, † den 24. August 1861 im schlesischen Bade Salzbrunn. Er war der Sohn eines Breslauer katholischen Kattunfabrikanten, welcher sich durch eigene Tüchtigkeit aus engen Verhältnissen zu großem Reichthum und ehrenvoller Achtung emporgeschwungen hatte. In Ueberfluß erzogen, [734] erhielt er eine vielseitige Bildung. 16 Jahre alt besuchte er das damals neu gegründete Gewerbe-Institut in Berlin, um sich für den Betrieb industrieller Unternehmungen gründlich auszubilden. Dann machte er in Begleitung des Chemikers Runge, welcher als einer der ersten in Deutschland seine Wissenschaft auf die gewerbliche Praxis anwandte, Reisen nach Paris, dem Elsaß, der Schweiz, England und Schottland, um das gewerbliche Leben dieser Länder kennen zu lernen sowie um seine naturwissenschaftlichen und nationalökonomischen Studien zu vervollkommnen. Nach dreijährigem Aufenthalte im Auslande kehrte er 1826 auf kurze Zeit heim, ging aber noch in demselben Jahre nach England, wo er bis 1880 in einem der größten Institute englischer Industrie arbeitete. In Frankreich und England lernte er auch die Verhältnisse constitutioneller Länder kennen und werthschätzen. 1830 heimgekehrt, übernahm er das väterliche Fabrikgeschäft und entwickelte es rasch zu einem der bedeutendsten im Zollverein. Seine Fabrik wurde die erste große Baumwollenspinnerei Breslaus und Schlesiens. Durch seine Bildung erhob er sich über die große Menge seiner Alters- und Standesgenossen. Die Ideen und Tendenzen des bürgerlichen liberalen Frankreich hatten seine ganze Zuneigung gewonnen; dieselben wurden die Ausgangspunkte seiner politischen Bildung und reiften durch den längeren Aufenthalt in England. In das öffentliche Leben trat er 1831 in Breslau als Stadtverordneter. Als solcher wußte er bald den Gesichtspunkt zu finden, an welchen die Städteordnung im Staatsorganismus anzuknüpfen hat und auf den schlesischen Provinziallandtagen verstand er es, die Zeichen zu erkennen, welche der Entwicklung seit 1848 vorangingen. Mit Freimuth und Sicherheit trat er für die Grundsätze in die Schranken, welche in der Gesetzgebung von 1807, 1808 und 1810 angebahnt waren. Auf dem Provinziallandtage vom Mai 1841 erhob er als Vertreter Breslaus sich für den Antrag der Stadt auf Einführung von Reichsständen auf Grund des Gesetzes vom 22. Mai 1815. Gegen die darauf in dem Cabinetsbefehl vom 22. Mai 1841 ausgesprochenen Grundsätze wahrte er allein das gute Recht der Stadt Breslau, ohne sich auch durch die Drohungen des Ministers v. Rochow mit übeln Folgen für die Stadt beirren zu lassen. So wurde er schon auf diesem Landtage der Mittelpunkt der bürgerlichen und liberalen Opposition und blieb in dieser auch auf den folgenden Landtagen ohne Scheu vor persönlichen Streitigkeiten, in welche er dadurch mit der Regierung gerieth. Dieser war er daher mißliebig als einer der fünf Candidaten zu der 1842 stattfindenden Wahl eines Oberbürgermeisters von Breslau. Am 5. April 1845 brachte er auf dem Provinziallandtage die anscheinend auf grundlose Angebereien erfolgten Verhaftungen von Schlesiern zur Sprache, welche Stieber auf Befehl von Berlin hatte vornehmen lassen und stellte den Antrag auf Abschaffung der geheimen Polizei. F. Lewald berichtet in ihren „Erinnerungen aus dem Jahre 1848“, daß M. für einen Müßiggänger gegolten habe, während ihm Näherstehende einen starken Ehrgeiz in ihm wahrgenommen zu haben geglaubt hätten. Beides scheint durch nichts bestätigt zu sein, vielmehr wird von allen Seiten Milde’s große Bescheidenheit hervorgehoben. Seine bemerkenswertheste öffentliche Thätigkeit fällt in die Jahre 1847 und 1848. In dem am 11. April 1847 eröffneten ersten Vereinigten Landtag Preußens die Städte Schlesiens mitvertretend, gehörte er zu den hervorragenden Liberalen, welche mit Entschiedenheit für zeitgemäße Gewährung weiterer Rechte für die Volksvertretung auftraten. Dies war schon der Fall in der Verhandlung über die zur Beantwortung der Thronrede an den König zu richtende Adresse. Er sprach sich am 16. April zwar sehr in königlichem Sinne aus, erklärte aber, daß er sich in seinem Gewissen gedrängt fühle, gleich von vornherein sich offen für jene Forderungen auszusprechen; er könne es nicht über’s Herz bringen, die ständische Wirksamkeit [735] anzutreten und nachher mitten in derselben zu sagen, er könne der Krone diese oder jene Vorlage nicht erfüllen helfen, indem er das Recht dazu als ein für ihn nicht verbindliches betrachte. In der Adresse müsse klar ausgesprochen sein, daß die Gesetzgebung vom 3. Februar 1847 dem Volke keine Befriedigung gewähre. Seine Behauptung, daß, zufolge dieses Patentes, der Vereinigte Landtag genöthigt sei, seine Rechte im Kriegsfalle auf die Deputation zu übertragen, wurde vom königl. Commissar bestritten, mußte von ihm aber in Folge weiterer Ausführungen Milde’s zugegeben werden. Im weiteren Verfolg jener grundsätzlichen Frage war M. einer der 138 Abgeordneten, welche am 1. Mai dem königl. Commissar die „Declaration“ der einzelnen vom Landtage in Anspruch zu nehmenden Rechte überreichten. Im Anschluß hieran regte er ein Gesuch an den König um authentische Auslegung bezüglich der Frage an, ob der Landtag über die allgemeine oder provinzielle Bedeutung einer Bittschrift entscheiden solle. Sein Antrag bezüglich der Einführung eines Interpellationsrechtes wurde vom Landtage angenommen. Am 21. Mai schilderte er die „unheilvollen Wirkungen der Einverleibung Krakaus in Oesterreich auf den Handel und die Industrie Preußens“. Auch sprach er sich für eine Bitte an den König aus, der wichtigen Handelsbeziehungen wegen mit Spanien wieder diplomatische Beziehungen anzuknüpfen. Erregte er schon überhaupt durch seine Kenntniß der Handelsverhältnisse Aufmerksamkeit, so war dies namentlich der Fall mit seinem Antrage auf Errichtung eines besonderen Handelsministeriums, in Folge dessen der Antrag der betreffenden Abtheilung auf Umwandlung des Handelsamts in ein Ministerium für Ackerbau, Handel und Industrie angenommen wurde. Im Juni machte er auf die Gefahren der damaligen Lage der Bankfrage aufmerksam und erstattete mit Hansemann ein Gutachten über die Vorlage wegen Aufhebung der Mahl- und Schlachtsteuer. Bezüglich des Gesetzentwurfs über die Verhältnisse der Juden sprach er sich dahin aus, dieses Volk müsse als solches vernichtet, die Juden müßten zu Deutschen gemacht werden. Endlich ist noch seine Rede vom 21. Juni für eine entscheidende Stimme des Landtags bei Feststellung des Hauptfinanzetats zu erwähnen. Auf dem zweiten Vereinigten Landtage regte er alsbald am 2. April 1848 Schritte an, um die durch Unruhen geschädigten Interessen des Handels und der Gewerbe sicherzustellen und betheiligte sich dann lebhaft an der Berathung des Gutachtens über den Entwurf einer Verordnung „über einige Grundlagen der künftigen preußischen Verfassung“. Auch befand er sich unter den 23 schlesischen Abgeordneten, welche nach Aufforderung des Königs vom 3. April und nach dem Bundesbeschluß vom 30. März aus ihrer Mitte die Vertreter Schlesiens in der deutschen Nationalversammlung zu wählen hatten. Constitutionell gesinntes Mitglied der preußischen Nationalversammlung, wurde er von derselben am 26. Mai zum Präsidenten gewählt. „Mit den parlamentarischen Formen bekannt“, sagt sein späterer Nachfolger v. Unruh (Skizzen, S. 34), „brachte er, nach v. Schön’s Alterspräsidium, mehr, aber noch lange nicht genügende Ruhe und Ordnung in die Versammlung und die Geschäfte. Es geschah nichts Durchgreifendes, um die gleichmäßigen Vorarbeiten in den Abtheilungen gehörig in Gang zu bringen und dadurch der Versammlung nützlichen Stoff zu verschaffen.“ Reichensperger (Erinnerungen S. 104) bezeugt, daß M. „bei der ganzen Versammlung wegen der verhältnißmäßigen Tüchtigkeit seiner Führung des Präsidiums in wohlverdientem Ansehen stand und auch in einfacher Sprache, ohne rednerische Begabung schwierige Fragen seines Amtes klar zu vertreten wußte, jedoch nicht die Energie besaß, die von ihm getheilten politischen Ueberzeugungen der Rechten gegenüber der schwankenden Haltung von Auerwald’s und Hansemann’s zur Geltung zu bringen. „Er war ein gemäßigter Liberaler und ein wohlunterrichteter Fabrikherr, allein seine Passion, durch den [736] Gebrauch von Fremdwörtern als Gelehrter zu erscheinen, hat sein Ansehn nicht erhöht“. Als nach dem Rücktritte des Ministeriums Camphausen Herr Hansemann mit der Bildung eines Ministeriums beauftragt wurde, zog er M. in dasselbe, um sich dadurch der Partei der Rechten zu versichern. Er soll anfangs für das Departement des Innern bestimmt gewesen, dies soll jedoch am Widerspruche Rodbertus’ gescheitert sein, worauf M. am 25. Juni zum Vorstande des in Folge seiner früheren Anregung gebildeten Handelsministeriums ernannt wurde. Schon am 21. September trat er jedoch mit seinen Collegen wieder zurück, ohne sich durch einen Orden ehren oder durch ein Amt versorgen zu lassen; doch wurde er, während die Kreuzzeitung fortfuhr, ihn als Calicotminister zu höhnen, vom König dadurch geehrt, daß er ihn als Minister zur Disposition entließ und ihn in dieser Stellung ungeachtet zweimaligen Abschiedsgesuchs erhielt. Der preußischen Nationalversammlung gehörte er bis zu ihrem Schluß in Brandenburg an. Die Reactionszeit führte ihn von Neuem in die Reihen der Opposition. Als Vertreter des Bezirkes Reichenbach-Waldenburg gehörte er der zweiten Kammer seit der dritten Session (1851–1852) der zweiten Legislaturperiode an, und zwar hielt er sich zur Centrumspartei. Denselben Bezirk vertrat er, der Linken angehörend, in der dritten Periode (1852–1855); den Bezirk Neisse-Grottkau aber vertrat er, der Partei von Vincke angehörend, während der fünften Periode (1859–1861). Der Eintritt der Regentschaft führte seine alten politischen Freunde in die Ministerien, doch nöthigte ihn seine Ueberzeugung, denselben in der Militärfrage entgegenzutreten. Bevor Anfang Juni 1861 die Landtagssession geschlossen wurde, befiel den sonst kräftigen Mann ein Leiden, das ihn zur Heimkehr nöthigte. Nach langem Krankenlager suchte er die Heilquellen von Baden bei Wien, dann in Salzbrunn auf, wo er am 24. August 1861 starb. Kurz zuvor war ihm noch die Freude zu Theil geworden, von der philosophischen Facultät der Universität Breslau, in Anerkennung seiner langen patriotischen Thätigkeit, zum Ehrendoctor ernannt zu werden. Am Leichenbegängniß (27. August) betheiligten sich alle Behörden der Stadt und der Provinz. In der Grabrede wurde besonders seine große Bescheidenheit gerühmt. Die Eltern haben ihn überlebt. Zu seinen Aemtern hatte in letzter Zeit auch die Leitung zweier großer Eisenbahnen gehört. Im Nekrolog der Breslauer Zeitung vom 26. August 1861 hieß es: „Seine geachtete Stellung verdankte M. der individuellen Lebendigkeit, Verständlichkeit und Entschiedenheit, mit der er offen und bisweilen derb die Gefühle und Ueberzeugungen, die Interessen und Tendenzen vertrat, welche die gebildeten Mittelklassen überhaupt damals erfüllten.“ Die „Allgem. Preußische [Stern-) Zeitung“ Nr. 98 vom 26. August 1861 rühmte M. als einen der ersten, „welche 1848 ihre Zeit begriffen und gleich weit von blinder Ueberstürzung und nach rückwärts blickender Unentschiedenheit sich für den neuen Geist in der neuen Form entschieden“. In der „Deutschen Rundschau“ (Bd. XI von 1877, S. 142) heißt es von M.: „Leicht beweglich, voll vertrauenerweckender Einfachheit im Umgang, hat er wol nur wenig Gegner gehabt, die ihm persönlich übel gewollt. Ohne eigentliches Rednertalent, ohne Stimme für die Tribüne, verstand er dennoch in einer einfachen und natürlichen Sprache die schwierigeren Gegenstände seines Fachs auseinanderzusetzen. Er redete immer mit Geschick und Mäßigung. Man hat ihn in dem Gewirre der Albernheiten und Bosheiten, die eine Zeit lang Berlin und das Land erfüllten, nie einen Augenblick den leichten Sinn, Muth und Umsicht verlieren oder die Fahne verlassen sehen, der er von Anfang an gefolgt: Verbesserung der socialen Zustände, Entwicklung der Verhältnisse der Bürger der verschiedensten Classen zu einander, Vervollkommnung einzelner Institutionen, entfernt von Allem, was Egalité und Socialismus heißt – das war seine Losung. In [737] den Sitzungen des Ministerraths unterbrach er die Discussion nicht selten durch scharfsinnige und geistreiche Bemerkungen. Häufig äußerte er: So kann der Scandal nicht länger fortgehen, da hört ja Alles auf, da ist’s besser, wir legen unsere Portefeuilles sogleich nieder. Auch that er dies später mit sichtbarer Freude. Ich habe nie Jemanden gesehen, der mit so wenig Leidenschaft dem Besitze der Gewalt zugethan, der so gleichgültig gegen den Wechsel des politischen Glücks gewesen wäre, wenngleich ihm das Herrschen während desselben sehr zu gefallen schien. Es würde ihm nicht an der Fähigkeit gefehlt haben, disciplinirte Kräfte richtig zu leiten, aber zu der Aufgabe, dieselben zu discipliniren, besaß er nicht die Stärke und besonders nicht die Ausdauer. Auch hatte er gewiß die beste Absicht, die Autorität wiederherzustellen; aber wie er, den eine schöne Arie bis zu Thränen begeistern konnte, dem Leben und dessen Nichtigkeiten mit Leidenschaft ergeben war, so lähmten seine ungemeine Erregbarkeit und innere Bewegung seine Thatkraft.“

Reden u. Redner d. 1. Verein. preuß. Landtags (Berl. 1847), S. 340 bis 359; Biedermann, Gesch. d. 1. preuß. Reichstags (Leipzig 1847); F. Lewald, Erinnerungen a. d. J. 1848 (Bd. II, Braunschweig 1850); v. Unruh, Skizzen aus Preußens neuester Gesch. (Magdeburg 1849); Germania von E. M. Arndt, Bd. II (Leipzig 1852), S. 374: Art. Preußen und seine Märzminister; Wolff, Berl. Revolut.-Chronik (Bd. III, Berlin 1854); Augsb. Allg. Ztg. Nr. 241 vom 29. Aug. 1861; Pierer’s Jahrb., Bd. I, Heft 8 (Altenburg 1867); Reichensperger, Erinn. eines alten Parlamentariers (Berlin 1882); Stieber’s Memoiren im Berl. Tagebl. Nr. 460 vom 2. Oct. 1882. Feuill. Wagener, Erlebtes, Abth. 1 (Berlin 1884), S. 28.