ADB:Mummolus

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Artikel „Mummolus“ von Felix Dahn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 712–714, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Mummolus&oldid=- (Version vom 4. Juli 2020, 22:25 Uhr UTC)
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Mummolus (eigentlich Eunius, M. war Beiname), Patricius (d. h. so viel als dux in einem Theile der Provincia, d. h. der Provence) des merowingischen Königs Guntchramn von Burgund (561–593). Sohn des Peonius, Grafen der Stadt Auxerre (Autisioderensis), begann er seine Laufbahn dadurch, daß er seinen Vater stürzte: von diesem beauftragt, mit reichen Geschenken den König zu bewegen, dem Vater das Amt (actio) zu verlängern, bewarb er sich mit des Vaters Gaben selbst um das Amt und erhielt es. Von da stieg er rasch; schon im J. 562, da König Chilperich, Guntchramns Bruder, Tours und Poitiers angriff, zeichnete sich M. aus. Besondere Verdienste jedoch erwarb er sich in Vertheidigung Südfrankreichs gegen die Langobarden, welche, kaum (568) in Oberitalien eingedrungen, alsbald (569) eine Reihe von Streifzügen über die Seealpen nach Gallien unternahmen. Nachdem sie im J. 571 den Patricius König Guntchramn’s, Amatus, schwer geschlagen hatten, ward M. zu dessen Nachfolger bestellt: er zog ihnen, als sie im folgenden Jahr wieder einbrachen, bis Mustiae-Calmes (Les Chamousses bei Embrun oder Yverdun) entgegen, umzingelte sie, sperrte ihnen durch Verhacke die Wege, überfiel sie dann in den pfadlosen Wäldern und tödtete und fing so viel, daß nur wenige mit der Nachricht nach Hause gelangten (572). Bald darauf (572 oder 573) wehrte er einen neuen Angriff ab: diesmal waren es jene Sachsen, welche mit den Langobarden nach Italien gezogen waren, und vielleicht damals schon, weil sie sich mit jenen über das ihnen einzuräumende Maß an Selbständigkeit nicht einigen konnten, in die verlassenen Sitze zurückwandern wollten: sie wollten vielleicht damals nur den Durchbruch durch Frankreich erzwingen, freilich unter der zeitüblichen Behandlung von Land und Leuten. Sie gelangten unter großen Verheerungen bis zum Hof Estoublon bei Riez in der Provence. Hier von M. schwer geschlagen, erkauften sie den Abzug durch Herausgabe aller Gefangenen und aller Beute und durch das Versprechen, mit Weibern und Kindern zurückzukommen und sich, in Unterwerfung unter die Frankenkönige, in ihrer alten Heimath ansiedeln zu lassen. Bei diesem Durchzug im J. 572 erwarb sich M. das neue Verdienst, ihnen die Ueberschreitung des Rhone bei Avignon erst nach Erstattung des von ihnen den Bauern zugefügten Schadens zu erlauben. Mit stärkerer Macht als früher drangen im J. 575 die Langobarden unter drei Herzogen (duces) Amo, (wol Hammo), Zaban und Rodan in Gallien ein, letzterer belagerte Grenoble (Gratianopolitanam urbem). M. eilte zum Entsatz herbei: ein von Gott gesendetes Thier (ein Wild?) zeigte ihm eine Furt durch die Isère: Rodan ward aufs Haupt geschlagen und entkam, speerwund, mit nur 500 Mann nach Südwesten zu Zaban, der Valence belagerte, aber nun diese Einschließung aufhob und östlich bis Embrun (Ebredunensem civitatem) zurückwich. Hier von M. abermals geschlagen, flohen die beiden Herzoge – Amo war schon früher umgekehrt, nachdem er bis Marseille und Aix vorgedrungen war – mit Wenigen nach Italien zurück: so groß aber war der Schreck, welchen die Heldenkraft des M. den Langobarden eingejagt hatte, daß das bloße Vorgeben seiner Annäherung genügte, dieselben rasch über Susa hinaus zu weiterer Flucht zu treiben (merkwürdiger Weise lag in dieser Stadt noch im J. 575 byzantinische Besatzung, sogar unter einem magister militum). Und dieser gewaltige Bezwinger von empörten Römern und Franken, von Langobarden und Sachsen war nicht etwa Germane, sondern jedenfalles von der Vater-, höchstwahrscheinlich auch von der Mutter Seite her Romane; ein abermaliger Belag dafür, daß es nicht [713] leibliche Entartung, nicht unkriegerische Schwäche war, was die Romanen in den Provinzen schließlich der germanischen Einwanderung hatte erliegen machen. Im nächsten Jahre 576 schlug M. im Gebiet von Limoges (Lemovicinum) Herzog Desiderius, König Chilperichs Feldherrn, der Guntchramn angegriffen hatte (daß dabei M. 5000, Desiderius 24 000 Mann verloren, ist Uebertreibung) und kehrte durch die Auvergne nach Burgund zurück. Aus uns unbekannten Gründen floh aber M. im J. 581 aus dem Reiche Guntchramn’s und setzte sich in Avignon fest: der Abfall des hervorragenden Mannes galt als so wichtig, daß das (III.) Concil von Lyon im J. 583 sich sehr eifrig mit diesem Ereigniß beschäftigte. Höchst wahrscheinlich hatte M. sich mit einem gewissen Gundobald, der sich für einen Sohn weiland König Chlothachars I. (511–561) ausgab, in hochverrätherische Pläne eingelassen, die nun zu früh entdeckt wurden: wenigstens schloß er sich jetzt diesem, der aus Constantinopel nach Gallien kam, nach dessen Landung in Marseille offen an, 582. Ein anderer ränkevoller Herzog, Guntchramn Boso, versuchte zwar, M. in König Guntchramn’s Gewalt zu bringen, scheiterte aber, nachdem er zwei Mal nur mit knapper Noth den listigen Anschlägen Mummolus’ entgangen war, der zuerst des Gegners Schiffe auf dem Rhone heimlich hatte anbohren und dann einen Arm dieses Stromes bei Avignon scheinbar so seicht, in Wahrheit aber so tief gestalten lassen, daß Boso, von M. aufgefordert, behufs einer Unterredung ihn zu durchwaten, nahezu ertrunken wäre. Auch nochmalige Belagerung des Mummolus in Avignon durch Boso mit stärkerer Macht führte nicht zum Ziele, die Stadt ward durch ein Heer König Childiberts II. (575–596) entsetzt: nach kurzem Verweilen in Arvern (Clermont-Ferrand) kehrte M. nach Avignon zurück: dort nahm er nun Gundovald auf. Als König Chilperich I. (561–584) im J. 584 ermordet war, schloß sich auch dessen Herzog Desiderius (s. oben), der schon früher insgeheim sich mit M. verständigt hatte, offen dem Anmaßer an: beide Herzöge führten Gundovald nach dem Limousin, erhoben ihn in dem Dorfe Brives-la-Gaillarde an der Corrèze (Briva-Currezia) auf einen Schild und riefen ihn so zum König aus (Dezember 584). M. ward und blieb eine Hauptstütze dieses Anmaßers: er begleitete ihn auf seinen Zügen durch Gallien. Gundovald forderte als sein Erbtheil Neustrien und (ganz oder theilweise) Burgund. Als aber nun König Guntchramn kräftig rüstete, wichen die Rebellen nach dem Süden, wo die Städte Angoulème, Perigeux, Toulouse und Bordeaux ihnen zufielen. Hier, in Bordeaux, bemächtigte sich M. mit Gewalt einer Reliquie, eines Fingers des heiligen Sergius, welche von dem Bischof der Stadt als besonderes Schutzmittel gegen Feinde war gepriesen worden, er zerschlug ihn in Splitter und behielt einen davon: Gregor von Tours führt Mummolus’ Untergang ganz besonders auf diesen Frevel zurück. König Guntchramn zog von Poitiers bis an die Dordogne: hier trafen ihn Gesandte Gundovalds, welche (freilich auf der Folter) gestanden, alle Großen König Childiberts II., ganz besonders aber jener Guntchramn Boso, hätten Gundovald zu seinem Unternehmen aufgereizt. Auf diese Eröffnungen hin, welche die Gesandten vor Childibert wiederholten, trat dieser ganz auf Seite seines Oheims, des Königs Guntchramn. Nun verließen gar manche, darunter Desiderius, den Anmaßer, der jetzt mit M. und dem Rest seiner Anhänger auf das linke Ufer der Garonne wich, wo er sich in die feste Stadt Comminges warf (März 585). Alsbald begann die Belagerung. Da jedoch dieselbe wenig Fortschritte machte, knüpften die Herzoge Guntchramns geheime Unterhandlungen mit M. an, dessen Frau und Kinder bereits gefangen waren und sicherten ihm das Leben, falls er Gundovald in ihre Gewalt liefere. M. berieth sich mit den übrigen Vornehmsten (Bischöfen und Grafen) Gundovalds, und alsbald lieferte er, mit schnödester Arglist und frevlem Mißbrauch des Eides, den von ihm zu [714] dem ganzen Wagniß verführten Mann dem Feldherrn des Königs aus: er ward sofort getödtet. M. und seine Genossen brachten noch alle Kirchenschätze in der belagerten Stadt heimlich zur Seite, dann drangen die Belagerer ein, verbrannten die Stadt und tödteten fast alles Leben darin. M. und seine Freunde weilten nun im Lager der Sieger: aber bald traf der Befehl des Königs ein, sie, gegen die eidliche Zusicherung, sämmtlich zu tödten. Als M. dies ahnte, begab er sich mit allen seinen Waffen in das Zelt des Oberfeldherrn Leudigisel, der unter dem Vorwand, ihn retten zu wollen, hinausging und sofort befahl, das Zelt zu umstellen und M. zu tödten. Grimmig erwehrte sich der tapfere Mann in dem Zelt seiner Angreifer, und drang, mit ihnen ringend, bis in die Thüre, hier trafen ihn zwei Speere zugleich in die Seiten, und er fiel im Kampfe. Seine Wittwe entdeckte dem König den geheimen Ort in Avignon, wo M. noch große Schätze verwahrt hatte: ein vertrauter Diener des Mummolus wies den Gesandten des Königs in der That daselbst 250 Pfund Silber und 80 Pfund Gold, welche M. einem Schatzfund verdanken sollte: darunter waren siebzehn Silberschüsseln, deren eine 470 Pfund gewogen haben soll. Der König gab viel davon seinem Neffen Childibert und den Armen, der Wittwe ließ er nur das Erbe ihrer Eltern. Der Lebensgang und das Ende des bedeutenden Mannes ist sehr bezeichnend für die Culturzustände jener Periode.

Gregor. Tur. histor. eccles. Francor. ed. Arndt et Krusch, Hannoverae. I. 1885 V. 42–47, VI, 1, 26, VII. 1. 2. 10. 24. 28. 30. 31. 38 bis 40, VII. 3. Fauriel, histoire de la Gaule méridionale sous la domination des conquérants Germains I. II. Paris 1836 (II. p. 280). Loebell, Gregor von Tours. 2. Aufl. Leipzig 1869. – Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker, III, Berlin 1885.