ADB:Neumann, Wilhelm (Pädagoge)

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Artikel „Neumann, Wilhelm“ von Carl Gustav Adolf Siegfried in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 537–539, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Neumann,_Wilhelm_(P%C3%A4dagoge)&oldid=- (Version vom 18. Juni 2019, 13:14 Uhr UTC)
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Neumann: Adolf Wilhelm N., geb. in Küstrin am 26. Januar 1822; auf dem Gymnasium zu Frankfurt a. O. vorgebildet, studirte er in Halle Theologie und Philologie seit 1841, später in Erlangen, dann nach einer italischen Reise 1843 in Berlin; promovirte 1847 als Doctor der Philosophie, 1848 (14. August) als Licentiat der Theologie in Berlin auf Grund der Abhandlung „de sacrificiis Veteris Testamenti“; ward 28. Januar 1852 außerordentlicher Professor der Theologie in Breslau, aus welchem Amte er am 2. Januar 1856 auf sein Ansuchen ausschied, um nach Lausanne in der Schweiz als Lehrer an ein Mädchenpensionat zu gehen, dessen Vorsteherin er heirathete. Gestorben ist er im Canton Neuchatel am 2. December 1884. (Aus der „Vita“ Neumann’s und andern Acten der Berliner und Breslauer theologischen Facultät.)

N. gehörte zu jenen ephemeren Erscheinungen, welche aus der Schule Hengstenberg’s hervorgegangen, den Meister noch zu überbieten suchten, und da in diesen Kreisen der Fortschritt nicht innerhalb des Gebietes der Wissenschaft liegen konnte, so blieb keine andere Auszeichnung als eine möglichst phantastisch herausgeputzte Bibelgläubigkeit übrig. Auf dem Gebiete der alttestamentlichen Realien war N. ein Anhänger jener abenteuernden Symbolik, welche vor ihm Bähr (1837), Hengstenberg (1838) und J. H. Kurtz (mosaisches Opfer, 1842) – obwohl unter sich vielfach abweichend, wie bei diesen schillernden Combinationen natürlich – aufgebracht hatten. Ein gewisser phantastischer und überschwänglicher Zug seiner Natur trieb N. zu noch größeren Seltsamkeiten als seine Lehrmeister, die er durch allerlei bunte Träume zu überbieten suchte. – Gleich die erste Arbeit auf diesem Gebiete, welche in der Zeitschr. f. ges. luth. Theol. und Kirche 1851 S. 70–91 erschien, gab hiervon einen Vorschmack. Er suchte hier das rabbinische Fündlein von der über der Bundeslade im Allerheiligsten schwebenden göttlichen Glorie (Schechina) wieder zu Ehren zu bringen. Einen scheinbaren – freilich auch den einzigen – Anhalt gab dafür die Stelle Lev. 16, 2, wo Gott sagt, daß er in der Wolke über dem Deckel der Bundeslade erscheinen werde. Freilich sieht man aus Vers 13, daß damit die Rauchwolke des opfernden Hohenpriesters gemeint ist. N. aber meinte, da auch die Alten das Erscheinen der Götter in der Wolkenhülle für nöthig hielten (S. 79), so dürfe man Israel nicht in dieser Hinsicht geringer stellen und freut sich, hierdurch „dies geheimnißreiche Bild des unnahbaren Gottes in seiner heilwürdig sich offenbarenden Liebe für den alttestamentlichen Cultus gerettet zu haben“ (S. 73). (Dies zugleich als Probe des widrigen Jargons, in welchem man in diesen Kreisen sich zu reden gewöhnt hatte.) – Die hieran sich schließende „Abhandlung über das Opfer“ (in der deutschen Zeitschrift für christl. Wissensch. 1852 Nr. 30) definirte dasselbe „als [538] freie Aeußerung der göttlich bestimmten Natur des Menschen“ und setzte auseinander, wie Israel stets „Das opferte, worin es seines Lebens Bestand am klarsten, lebendigsten, durchgreifendsten abzuschatten vermochte“ (S. 238). Nach diesem wird uns der Leser die Mittheilung ähnlicher Proben von erhabenem Nonsens erlassen, welche sich in der ebenfalls symboliklüsternen Arbeit über „Das A. T. ein Zeugniß von Christo“ (im sächs. Kirchen- u. Schulblatte, 1856, Nr. 6, 7) und über „Die levitische Opferordnung“ (Dtsche. Ztschr., 1857, Nr. 36–39) finden. Man vergleiche die zeitgenössischen Erscheinungen, welche von derselben Luft gesättigt waren, in der Zeitschr. der deutsch. morgenl. Ges., Bd. 17, S. 117 und besonders in der trefflichen Charakteristik bei Diestel, Geschichte des Alten Testaments, S. 753 ff. – Ueber den ganzen alttestamentlichen Cultus wurde dann dies Netz der Symbolik gebreitet in des Verfassers „Symbolique du culte de l’ancienne alliance“. Lausanne 1860–1861. – Nicht ohne Verdienst ist aber das gleich darauf folgende Werk „Die Stiftshütte in Bild und Wort“, 1861. Zwar findet sich auch hier viel phantastischer oder sentimentaler Schwulst, eine durch ihre seltsame poetisirende Wortstellung abgeschmackte Sprache, eine affectirte erbauliche Salbung und ein hektisches Jagen nach dem Geheimnißvollen, aber man wird entschädigt durch eine höchst sorgfältige und auf alle Einzelheiten der Stiftshütte und ihrer Geräthe gerichtete Untersuchung, in welcher der Verfasser jene soweit nur irgend möglich, „in Wort und Bild“ zu reconstruiren sucht. Manches davon gehört ja freilich nur dem Gebiete der Vermuthung an, wie S. 27 die Säulen der Stiftshütte nach assyrischen Mustern, S. 126 die Inschriften auf den Längenseiten der Bundeslade, aber durch vieles Andere hat der Verfasser den biblischen Bericht verständlicher gemacht, so daß seine offenbar große Mühe nicht verloren gewesen ist. Man vgl. Frankel, Monatsschr. für Gesch. u. Wissensch. des Judenth., 1862, S. 238. 239. Auf dem exegetischen Gebiete trat N. zuerst mit einer Abhandlung über „Die Nachtgesichte Sacharja’s“ hervor (Dtsche Ztschr. etc., 1855, S. 220–239), welche durch den Commentar M. Baumgarten’s über dieselbe Schrift hervorgerufen war. Daß er die Einheit und Authentie dieses Buches auf christlich-rabbinische Art vertheidigen würde, wird man nach dem Vorigen voraussetzen. Die willkürlichen Parallelen, welche er zwischen den einzelnen Stücken zieht, um die Einheit des Verfassers zu erweisen, verdienen aber keine Widerlegung und seine abenteuernden Combinationen im Deuten der prophetischen Bilder können heutzutage Niemandes Interesse mehr erregen, da selbst bei den Vertretern jener Richtung der Reiz dieser schillernden Phantastik seine Wirkung verloren hat. Wir brauchen deshalb auch auf das spätere größere Werk des Verfassers, „Die Weissagungen Sacharja ausgelegt“, 1860, nicht näher einzugehen, weil es denselben sclavischen Buchstabendienst, dieselbe rabbinische Kunst und dieselben Phantastereien zeigt – (Chadrach, Cap. 9, 1 wird auf 11 Seiten gedeutet als: 1. Heimathsland, 2. Land der Geheimnisse, 3. Land der Lust und Wonne, 4. alle übrigen Länder des Cap. 9) – wie alles Uebrige. Man vgl. Ewald in Göttinger gel. Anz. 1861, S. 121. 122. – Außerdem schrieb N. auch einen Commentar über „Jeremias von Anathoth, Die Weissagungen und Klagelieder des Propheten nach dem masorethischen Texte ausgelegt“, 1. Bd. 1856, 2. Bd. 1858, in Bezug auf welchen Ewald (Jahrb. f. bibl. Wissensch., Bd. 8 S. 160) nicht mit Unrecht äußerte: „das heißt nicht die Tiefe des göttlichen Wortes erschöpfen: es ist so viel, als auf rabbinische Weise den eigenen Unsinn in es hineingießen und den herrlichsten Sinn der Propheten tausendmal verdunkeln und verderben“. Es ist in der That ein traurig stimmendes Geschäft, diese künstlich angerichteten Verwirrungen, aus deren sprudelndem Wasserstaub nur die kaleidoskopartigen Bilder gezwungener Geistreichigkeit und anscheinenden Tiefsinnes dem Leser entgegenflimmern, zu betrachten, [539] weil hier in allem nur die Flucht vor der Wahrheit der Thatsachen und die subjective Willkür das einzig Feststehende ist. Ueber das Treiben dieser ganzen Richtung die trefflichen Bemerkungen von Diestel a. a. O. S. 660. Zu Neumann’s Ehren aber muß das hier beigefügt werden, daß er sich frei hielt von all’ den Gehässigkeiten gegen Andersdenkende, aus denen die Anhänger der Schule Hengstenberg’s stets eine besondere christliche Tugend zu machen pflegten.