ADB:Rüstow

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Artikel „Rüstow“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 34–38, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:R%C3%BCstow&oldid=- (Version vom 13. August 2020, 09:56 Uhr UTC)
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Rüstow, drei Brüder, die Söhne eines pensionirten preußischen Infanteriemajors, welche sämmtlich als Militärschriftsteller hervorgetreten sind. – Der bedeutendste und bekannteste unter ihnen ist Friedrich Wilhelm R., ein Mann, welcher, durch die unglücklichen staatlichen Verhältnisse Deutschlands in der vormärzlichen Zeit irregeleitet und in eine falsche Bahn gelenkt, fast nie dazu gekommen ist, seine hohe geistige Begabung wirklich nutzbringend zu verwerthen, sondern, nachdem er seine reiche Geisteskraft im Kampfe um das Dasein zersplittert hatte, sein verfehltes Leben fern von der Heimath durch Selbstmord endete. Am 25. Mai 1821 zu Brandenburg a. d. Havel geboren, trat R. 1838 bei den Pionieren in den Dienst, ward 1840 Officier und legte als Schüler der Artillerie- und Ingenieurschule zu Berlin Zeichen hoher Befähigung an den Tag, so daß man annahm, er würde, wenn erst die geistige Gährung, welche unverkennbar in ihm arbeitete, zur Klärung gediehen sei, Ausgezeichnetes leisten. Daß er davon noch weit entfernt war, bewies eine Schrift „Der Deutschen Festungsvertheidiger Stellung und Gefechtskunst“, welche er 1845 in Leipzig unter dem angenommenen Namen Huldreich Schwertlieb erscheinen ließ. Sie gibt dem vom Verfasser lange Zeit mit Vorliebe gepflegten Gedanken Ausdruck, die stehenden Armeen durch Volksheere zu ersetzen, indem sie den Vorschlag macht, den Schutz Deutschlands gegen äußere Feinde den Bewohnern von Bezirken zu übertragen, deren Vertheidiger sich auf feste Plätze im Innern jener Bezirke stützen sollten. Eine andere Schrift: „Der Krieg der Zukunft“, Hirngespinnste der erregten Einbildungskraft Rüstow’s enthaltend, welcher darin fast communistische Ansichten zur Schau trug, veranlaßte, daß er zur Rechenschaft gezogen wurde. Der Spruch eines niedergesetzten Kriegsgerichtes erhielt, weil er als zu milde erachtet wurde, nicht die kriegsherrliche [35] Bestätigung. Bevor ein zweiter Spruch gefällt war, entwich R. in Posen aus der Haft und flüchtete nach der Schweiz. Auch eine andere noch weiter gehende damals erschienene Schrift: „Stehendes Heer und Volkswehr u. s. w., von einem deutschen Officier“, wird ihm zugeschrieben; die Disciplin wird darin als „das Streben zu gänzlicher Entmenschlichung des Wesens, was man Soldat nennt“, bezeichnet; die aufgestellten Grundsätze für Heeresbildung und Kriegführung sind so, daß man kaum glaubt, ein gebildeter Officier könne sie geschrieben haben. – R. gedachte nun vom Ertrage seiner Feder zu leben und entfaltete zu diesem Zwecke länger als 25 Jahre eine erstaunliche Fruchtbarkeit. Seine Geisteserzeugnisse sind zu zahlreich, als daß sie hier sämmtlich aufgezählt werden könnten. Kaum zogen irgendwo kriegverheißende Wolken am Himmelszelte auf, so hatte er den Griffel des Geschichtschreibers bereit, um das nahende Gewitter zu Nutz und Frommen der Lesewelt in ein paar dicken Bänden auszubeuten, seine Darstellungen hielten oft mit dem Gange der Ereignisse gleichen Schritt. Daß dabei viel Irriges unterlief und manche falsche Urtheile gefällt wurden, ist natürlich; es muß aber anerkannt werden, daß R. in seltenem Maße verstand, die Quellen zu sichten, das Wesentliche vom Unwichtigen zu scheiden, und daß seine Ansichten, wenn nicht sein Blick durch Voreingenommenheit und Parteileidenschaft getrübt war, sich in der Folgezeit vielfach als zutreffend und den Verhältnissen entsprechend erwiesen haben. So behandelte er nacheinander den ungarischen Insurrectionskrieg von 1848/49 (erschien erst 1860/61, ist deshalb nicht ganz zu der obigen Gattung zu rechnen), den Krimkrieg in zwei Schriften: „Der Angriff auf die Krim und der Kampf um Sewastopol“ und „Der Krieg gegen Rußland, politisch-militärisch bearbeitet“, den italienischen Krieg von 1859, den deutsch-dänischen von 1864, den Krieg von 1866, den von 1870/71, den serbisch-türkischen Krieg von 1876, den orientalischen von 1877/78. – Anderer Art sind zwei Bücher, welche sich mit den Kämpfen zum Zweck der Einigung Italiens beschäftigen. R. nahm an diesen persönlich Theil: zuerst, seit Sommer 1860, als Generalstabschef Garibaldi’s, dann als Commandant des linken Flügels der Südarmee, als welcher er am 19. September bei Capua, am 1. October am Volturno glücklich gegen die Neapolitaner focht; nachdem Garibaldi seine Eroberungen an Victor Emanuel ausgeantwortet hatte, kehrte R. als „Oberst-Brigadier“, wie er fortan sich zu nennen liebte, nach der Schweiz zurück. Was er in „Der italienische Krieg politisch-militärisch beschrieben“ und in „Erinnerungen aus dem italienischen Feldzuge von 1860“ bringt, ist nicht nur durch seine Parteistellung, sondern auch, namentlich in der zweiten der genannten Schriften, durch das Selbstlob, welches er den eigenen Leistungen zollt, entstellt und in ein schiefes Licht gebracht. Sein Werk über den deutsch-französischen Krieg der Jahre 1870/71 beweist dagegen, daß die Thatsachen, welche sich im Kriege von 1866 und nach demselben in seiner Heimath vollzogen, einen vollständigen Umschwung in seinen Anschauungen und Bestrebungen zu Stande gebracht haben, aus denen noch in der preußischen Conflictszeit „Zur Warnung vor der Kompensation in der preußischen Militärfrage“ und „Die Preußische Armee und die Junker“ hervorgegangen waren; seit 1870 bekannte er sich zu den Grundlagen, auf denen das neue deutsche Reich aufgerichtet ward, und nur selten findet sich noch ein Anklang an seine früheren Meinungen in seinen Schriften; im J. 1870 hatte er sogar seinen Degen seinem früheren Vaterlande zur Verfügung gestellt, von welchem Anerbieten jedoch kein Gebrauch gemacht wurde. Daß er sich darnach erboten habe, für Frankreich gegen Deutschland zu kämpfen, ist behauptet worden, aber nicht erwiesen. – Auch der Darstellung früherer Kriege widmete er seine Feder, indem er Napoleon’s Feldzüge aus den Jahren 1796 und 1797 und den [36] Krieg von 1805 zum Gegenstande von Darstellungen machte, welche ohne großen Werth sind. – Mehr ist letzteres der Fall bei den Schriften. welche er in Gemeinschaft mit dem Philologen Wilhelm Köchly veröffentlichte: „Geschichte des griechischen Kriegswesens bis auf Pyrrhus“, „Griechische Kriegsschriftsteller“ (im Urtext mit deutscher Uebersetzung und mit Anmerkungen) und „Einleitung zu Cäsar’s Commentarien über den gallischen Krieg“. Mit Ed. v. Bülow gab er „Militärische und vermischte Schriften von Heinrich v. Bülow“, mit des letzteren Leben und einer kritischen Einleitung, heraus. Auf gründlicherem Studium beruhen ferner eine „Geschichte der Infanterie“, die „Feldherrenkunst des 19. Jahrhunderts“, „Der Krieg und seine Mittel“ und die allerdings sehr einseitigen „Untersuchungen über die Organisation der Heere“; in allen tritt der Mangel ungenügender Verarbeitung des Stoffes zu Tage. In letztgenannten drei Schriften ist das Geschichtliche weniger Zweck, als daß es die Grundlage bilden soll für des Verfassers Meinungen und Behauptungen. Von Rüstow’s „Militärischen Biographien“ ist nur ein erster Theil, David, Xenophon und Montluc enthaltend, erschienen. – Eine andere Gattung seiner Schriften beschäftigt sich mit der Taktik; sie hat zum Theil die Sonderbestimmung, zur Belehrung der Officiere des schweizerischen Heeres zu dienen, welchem R. seit 1853 als Instructor, und nachdem er 1856 im Kanton Zürich Bürger geworden war, als Major im Genie, seit 1870 als Oberst im Generalstabe, angehörte. Diese Schriften sind umsomehr gänzlich veraltet, als die nachfolgenden Kriegsereignisse bewiesen, daß er sich in seinen Ansichten über die Wirkung der Präcisionswaffen und in seinen Voraussagungen in Betreff der damals erst geplanten Formen, namentlich der Compagniecolonnen, denen er allen Werth absprach, gründlich getäuscht hatte. Ebenso wenig Beachtung verdienen heute seine Schriften über Befestigungskunst, welche schon bei ihrem Erscheinen lebhaften Widerspruch und mannichfache Richtigstellung in der Kritik erfuhren. – Schließlich erwähnen wir noch ein seiner Zeit recht brauchbar gewesenes „Militärisches Handwörterbuch, nach dem Standpunkt der neuesten Litteratur“, ein Nachschlagebuch über alle Gebiete der Kriegswissenschaften. – Die Erträge von Rüstow’s schriftstellerischer Thätigkeit genügten aber trotz des Umfanges, welchen letztere erreichte, und trotz seines rastlosen Fleißes auf die Dauer für seine und der Seinen Bedürfnisse nicht. Da eröffnete sich ihm die Aussicht auf eine regelmäßige Einnahme. Am 26. Oct. 1877 wurde mit rückwirkender Kraft bis zum 1. desselben Monats durch Bundesbeschluß die Errichtung eines Lehrstuhles für Kriegswissenschaften am eidgenössischen Polytechnikum zu Zürich angeordnet. Die öffentliche Meinung bezeichnete R. als den berufenen Inhaber desselben, er bewarb sich darum und bestieg ihn. Aber die Art und Weise, wie er seines Amtes waltete, entsprach den Erwartungen, welche man von ihm gehegt hatte, nicht; es fehlte ihm die sittliche Würde, deren sein Vortrag bedurfte, und das Gefühl des Anstandes, welchen jeder gebildete Mann und vor allem der Lehrer bei öffentlichem Auftreten zeigen soll, war ihm verloren gegangen; die cynischen Späße, welche er in denselben verflocht, und seine Anschauungen über die Gottheit und die idealen Güter des Lebens, welchen er bei jeder Gelegenheit in wenig gewählter Sprache Ausdruck gab, empörten seine Zuhörer und riefen deren Widerspruch hervor, so daß ihm nach Beendigung des Winterhalbjahres 1877/78 das Lehramt nicht wieder übertragen wurde. Das Fehlschlagen der darauf gerichteten Hoffnung, verbunden mit anderen Enttäuschungen, und die Besorgniß, daß bei längerem Leben ein kleines Vermögen, welches er seinen Töchtern zu hinterlassen wünschte, ganz aufgezehrt werden würde, trieben ihn in den Tod. Am Nachmittag des 14. August 1878 brachte er sich in seiner Wohnung zu Außensihl bei Zürich durch Revolverschüsse drei Wunden bei, denen er in der Nacht zum 15. Aug. erlag.

[37] Unsere Zeit, 4. Jahrgang, Leipzig 1860. – Frhr. v. Troschke, Die Militär-Literatur seit den Befreiungskriegen, Berlin 1870.

Alexander R., preußischer Major, am 13. October 1824 zu Brandenburg a. d. Havel geboren, trat 1842 bei der 2. Artilleriebrigade in den Dienst und ward 1845 Qfficier, verließ aber 1850 die Reihen des preußischen Heeres, um in denen der damaligen schleswig-holsteinischen Armee ein besseres Fortkommen zu suchen. Zum Hauptmann und Batteriechef ernannt, nahm er an der Schlacht von Idstedt und an den späteren Kämpfen jenes Jahres, in denen die „Avantgarde“ focht, Theil, und wurde, in Ermangelung von Ordensauszeichnungen, wegen seines Verhaltens im Gefecht bei Missunde am 12. September durch Tagesbefehl des Armeecommandos belobt. Im December 1851 schied er aus dem dortigen Dienstverhältnisse, ward am 22. Juni 1852 mit seinem früheren Patente von neuem im preußischen Heere angestellt und besuchte zunächst die Allgemeine Kriegsschule; seinen vorzüglichen Leistungen während des Besuches der Anstalt verdankte er im J. 1856 nach Beendigung des dreijährigen Cursus einen Ehrensäbel. Nach einem Commando zum Generalstabe zog er 1864 als Batteriechef nochmals für Schleswig-Holstein in den Kampf gegen Dänemark, für den Sturm auf Düppel ward ihm der Rothe Adlerorden verliehen. Inzwischen war er mehrfach litterarisch thätig gewesen; schon 1849 erschien von ihm eine Schrift über den „Küstenkrieg“, zu welchem eine Verwendung am Strande der Ostsee während des dänischen Krieges den Anlaß gegeben hatte; sie war die erste ihrer Art, welche über diesen bis dahin wenig berücksichtigten Zweig der Kriegskunst etwas Bedeutendes brachte. Dem Feldzuge von 1864 folgte ein Commando zur Artillerie-Prüfungs-Commission, dann im Februar 1866 die Beförderung zum Major und Abtheilungscommandeur in der 3. Artilleriebrigade. Als solcher ging er in den Krieg gegen Oesterreich. Seine Haltung im Treffen von Gitschin und seine bei sonst sehr erregbarer Gemüthsart bezeigte Ruhe und Kaltblütigkeit trugen ihm allgemeine Anerkennung ein, aber schon beim Beginne der Schlacht von Königgrätz machte eine schwere Verwundung seiner weiteren Theilnahme am Kampfe ein Ende. Nachdem ihm ein Fuß abgenommen war, starb er am 25. Juli 1866 im Lazareth zu Horič.

Militär-Wochenblatt Nr. 54 vom 4. Juli 1868, S. 438.

Cäsar R., preußischer Major, am 18. Juni 1826 zu Brandenburg a. d. Havel geboren, hat sich auf dem Gebiete der Kenntniß der Handfeuerwaffen litterarisch einen geachteten Namen gemacht. Im Cadettencorps erzogen und 1843 aus demselben dem zu Erfurt garnisonirenden 32. Infanterieregiment als Officier überwiesen, ward er 1849 zur Gewehrfabrik in Suhl commandirt, eine Verwendung, aus welcher er die Anregung zu jener Sonderthätigkeit entnahm. Es war die Zeit der Vorbereitung einer gründlichen Umgestaltung der Bewaffnung der Infanterie. Preußen hatte mit der Einführung des Zündnadelgewehrs bereits die Bahn des entschiedenen Fortschrittes betreten, daneben aber machten sich zahlreiche Stimmen zu Gunsten des Miniégewehrs geltend und nach dem Krimkriege wurden in Preußen binnen 18 Monaten 300 000 Vorderlader nach Minié’s System umgeändert. R. legte die Verhältnisse dieser Waffe, deren Fürsprecher er damals war, in einer Schrift „Das Miniégewehr“, Berlin 1855, klar. Den nämlichen Gegenstand behandelte er in einer ohne Nennung seines Namens erschienenen kleinen Schrift: „Rückblicke auf Preußens Gewehrumänderung nach Minié’schem System“, Berlin 1857. Sein Hauptwerk aber war eine größere Arbeit über „Die Kriegsfeuerwaffen“, von welchem der 1., die Constructionsverhältnisse betreffende, amtlich in das Russische übersetzte Theil 1857, der 2., die einzelnen Arten und ihre nach dem Kriegszwecke verschiedenen Eigenthümlichkeiten [38] beschreibende, 1864 (Berlin) erschien, während der 3. ungedruckt geblieben ist. R. schrieb ferner „Die neueren gezogenen Infanteriegewehre“ (Darmstadt 1862), er sprach sich darin für einen Hinterlader mit kleinem Kaliber, sowie für eine Umwandlung der Feuertaktik aus. Nachdem er Lehrer an der Kriegsschule zu Erfurt gewesen war und eine Zeitlang dem Generalstabe angehört hatte, wurde er im Jahre 1866 Major im 15. Infanterieregiment. Mit diesem nahm er in der Division Göben am Feldzuge der Mainarmee Theil. Im Gefechte von Dermbach am 4. Juli traf ihn, als er sein Bataillon vorführte, eine baierische Kugel in den Unterleib, auf dem Verbandplatze machte eine zweite in den Hinterkopf seinem Leben ein augenblickliches Ende.

Allgemeine Militär-Zeitung, Darmstadt 1866, Nr. 38.