ADB:Reimmann, Jacob Friedrich

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Artikel „Reimmann, Jacob Friedrich“ von Carl von Prantl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 716–717, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reimmann,_Jacob_Friedrich&oldid=- (Version vom 1. November 2020, 00:33 Uhr UTC)
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Reimmann: Jacob Friedrich R., geb. am 22. Januar 1668 in Gröningen bei Halberstadt, † am 1. Februar 1743 in Hildesheim (sowohl er in seiner Selbstbiographie als auch sein Enkel F. H. Theune schreiben stets „Reimmann, nie „Reimann“), Sohn eines Schulmannes, welcher ein dürftiges Einkommen und zahlreiche Kinder besaß, mußte eine Schule aufsuchen, bei welcher er möglichst kostenfrei leben konnte, und kam so zunächst nach Egeln bei Wanzleben, dann nach Aschersleben und schließlich nach Magdeburg. Von da ging er nach Eisleben, wo er eine Hauslehrerstelle übernahm, hierauf besuchte er kurze Zeit das Gymnasium zu Altenburg und wurde dann im Juni 1688 in Jena als Student immatriculirt, wo er philosopische und theologische Vorlesungen hörte und am 10. October 1689 die Magisterdisputation hielt. Dann kam er als Hauslehrer nach Ahlten, von wo er wöchentlich in das nahe gelegene Hannover ging, um dort bei einem Buchhändler sich über Litteratur und die neu erscheinenden Bücher zu unterrichten, und nachdem er in gleicher Stellung einige Zeit in Calbe an der Saale zugebracht hatte, fand er endlich im September 1692 einen festeren Beruf, indem er das Rectorat der Schule zu Osterwick bei Halberstadt übernahm, von wo er in gleicher Eigenschaft im Juli 1693 nach Halberstadt kam. Im November 1702 wurde er zum Inspector der Halberstädtischen Schulen ernannt, und im März 1704 bekam er die Stelle des ersten Predigers in Ermsleben bei Halberstadt; hier hatte er einerseits die Freude, daß ihn (1706) Leibniz besuchte, und andererseits (1710) das Unglück, daß eine Feuersbrunst seine mit vieler Mühe erworbene Büchersammlung und all seine zahlreichen Manuscripte zerstörte. Im April 1714 wurde er Diakonus am Domcapitel zu Magdeburg und im April 1717 Superintendent in Hildesheim. R. hatte ein eigenthümliches [717] Talent für jene Richtung litterargeschichtlicher Forschung, welche auf ausgedehnteste Bücherkenntniß hinweist, wie dies sogleich seine Erstlingsschrift „De fatis studii genealogici apud hebraeos, graecos, romanos, germanos“ (1694) zeigt. Und wenn er in seinem „Schediasma philosophicum de logices Aristoteleae, Rameae, Cartesianae et electivae insufficientia“ (1697) mit scharfer Kritik die Grundfragen der Logik mehr negativ erörtert und hierauf im „Spicilegium philosophicum de definitione unico demonstrationis potissimae medio“ (1699) positiv an einen Kernpunkt der Aristotelischen Analytik anknüpft, so war er zugleich der erste, welcher den Gedanken faßte, die Geschichte der Logik in Betracht zu ziehen, und zu diesem Zwecke schrieb er: „Calendarium logices historico-criticum; critisirender Geschichtskalender von der Logica“ (1699), d. h. einen kurzen chronologischen Abriß der hervorragenden Litteratur. In ähnlicher Weise gab er (1700) eine Geschichte der Definition der Tugend, sowie der Definition des Körpers, und daneben verfaßte er die komische Schrift „Paradoxum grammaticum de ignorantia eruditorum abecedaria in latinorum alphabeto deprehensa“ (1698). Sodann beschäftigte er sich (1702) mit der Geschichte Halberstadts und einer betreffenden handschriftlichen Chronik, hierauf folgte (1703) eine Ausgabe der Briefe Cicero’s Ad familiares mit deutschen Anmerkungen (was vor ihm Niemand gewagt hatte), sowie der für jene Zeit interessante Versuch „Poesis canonica et apocrypha; bekannte und unbekannte Poesie derer Teutschen“ (1703). Von 1708 bis 1713 erschien das sechsbändige Hauptwerk „Versuch einer Einleitung in die historiam literariam sowohl insgemein als auch in die historiam literariam der Teutschen insonderheit“, worin er sich als tüchtigen ersten Vorläufer der erst in späteren Jahrzehnten erwachenden Litteraturgeschichte erwies; daneben veröffentlichte er eine Geschichte der Stadt Aschersleben „Idea historiae Ascaniensis civilis, ecclesiasticae, naturalis et literariae“ (1708) und „Versuch einer Einleitung in die historiam literariam antediluvianam“ (1709), sowie unter dem Titel „Bibliotheca acroamatica“ (1712) ein Verzeichniß der Handschriften der Wiener Bibliothek (nach Lambeccius und Nessel). Auch die Geschichte der Theologie behandelte er in einem „Versuch einer Einleitung in die Historie der Theologie insgemein und der jüdischen Theologie insonderheit“ (1717), ja er versuchte sogar eine „Historia vocabulorum linguae latinae“ (1718), während er gleichzeitig eine umfassende Zusammenstellung seines Lieblingsgegenstandes gab: „Idea systematis antiquitatis literariae“ (1718). Als „Conspectus historiae civilis“ veröffentlichte er (1722) 24 Geschichtstabellen, betreffend Orient, Griechen, Römer, Deutsche, worauf die sehr inhaltsreiche „Historia universalis atheismi“ (1725) folgte, worin er die ähnliche Schrift des Buddeus (Tractatus de atheismo) weit übertraf. Im J. 1724 erschien sein vielfach gelobtes „Compendium theologicum“ und 1727 eine „Historia philosophiae Sinensis“, ferner die merkwürdige Schrift „Ilias post Homerum, h. e. incunabula omnium scientiarum ex Homero eruta et systematice descripta“ (1728) und endlich „Catalogus bibliothecae theologicae systematico-criticus“ (1731). In den Jahren 1730–32 war er durch den Jesuiten Hasselmann und dessen Controverspredigten in ein widerliches litterarisches Gezänke über das Wesen des Protestantismus u. dgl. verwickelt worden. – Er nimmt immerhin eine ehrenvolle Stelle unter den Polyhistoren jener Zeit ein und bereitete durch sein ausgedehntes Wissen Manches vor, was im Laufe des 18. Jahrhunderts weiter ausgeführt wurde.

J. Fr. Reimmann’s eigene Lebensbeschreibung oder historische Nachricht von sich selbst, namentlich von seiner Person und seinen Schriften, aus dessen eigenhändigem Aufsatz mitgetheilt von Fr. Heinr. Theune (1745).