ADB:Reinhold, Karl Wilhelm

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Artikel „Reinhold, Karl Wilhelm“ von Julius Elias in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 84–86, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reinhold,_Karl_Wilhelm&oldid=- (Version vom 24. Mai 2019, 07:43 Uhr UTC)
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Reinhold Karl Wilhelm R., ein hamburgischer Publicist und Theaterschriftsteller, der ursprünglich Lehmann hieß, wurde am 24. Februar 1777 als der Sohn eines jüdischen Seidenhändlers in der berühmten Hansestadt geboren. 22 Jahre alt, trat er freiwillig im bremischen Neuhaus zum Christenthum über und vertauschte den antiquirten „Zacharias“ mit dem modernen „Karl Wilhelm“; einige Zeit darauf nahm er das Pseudonym Reinhold, unter welchem er sich seine ersten schriftstellerischen Lorbeeren geholt hatte, als Familiennamen an. Er soll seine Frühzeit als Schauspieler verbracht und sogar an der weimarer Hofbühne gewirkt haben: die praktische Ausübung der Schauspielkunst ist jedenfalls seiner litterarischen Beschäftigung mit dem Theater zu Gute gekommen. Später hat er Philosophie studirt und sich zu Rostock am 20. October 1812 den Doctorhut erworben. Zwischen der Promotion und der Schauspielerzeit aber liegt schon eine rege Thätigkeit auf mannigfachen Gebieten der Litteratur. R. ist seiner natürlichen Begabung nach Journalist gewesen und hat in diesem Berufe seiner Vaterstadt gewissenhaft und erfolgreich gedient. Er beginnt mit Belletristik, Kritik und Theaterschriftstellerei als Mitarbeiter der „Gemeinnützigen Unterhaltungsblätter“ (1806–1815) und als selbständiger Herausgeber der „Allg. deutschen Theaterzeitung“ (1808) sowie des „Archivs für Theater und Litteratur“ (1809), welches 1810 in ein „Archiv für Litteratur, Kunst und Politik“ umgewandelt und 1811 von dem „Hamburg. Unterhaltungsblatt“ (bis 1815) abgelöst wurde. Er besaß eine umfassende Kenntniß des Theaterwesens, sicheres Urtheil, guten Geschmack und hat sogar die schwierige Kunst verstanden, es den Komödianten recht zu machen. Manches glückliche Talent hat R. durch verständigen Rath, kluge Anleitung zum Künstler herangebildet und durch seinen persönlichen Einfluß in der Laufbahn weiter gebracht; ohne zu verletzen wußte er den Sinn der Darsteller leise zu seiner Auffassung zu bekehren. Es steht fest, daß er allein die reizende Christine Löhrs, Tochter des Schauspieler und Directors Karl Löhrs († in Hamburg am 26. Februar 1802) „entdeckt“ und zu einer bedeutenden Schauspielerin gemacht hat. 1790 zu Hamburg geboren, betrat sie, ein echtes Theaterblut, schon in früher Jugend die Bühne. Zart, [85] duftig und vom Gemeinen unberührt, wie ihr Charakter, war ihre Kunst. Sie besaß die unschätzbare Gabe zu individualisiren; als muntere Liebhaberin war sie voll feinen Humors und echt weiblicher Anmuth, in tragischen Rollen zeigte sie starke Empfindung und den rührenden Heroismus der reinen, ursprünglichen Seele, durch alle ihre Leistungen aber ging gleichmäßig ein Zug unbewußter Kindlichkeit und genialer Kraft. Der berühmte Klingemann spendet ihrer künstlerischen Eigenart ein reiches Lob. R., der seit 1806 von seiner Gattin Friederike, geb. Kloß, geschieden war, verliebte sich in die schöne, holde Schülerin und führte sie am 18. December 1812 als eine zweite Gemahlin in sein Haus; er sollte sich jedoch seines ehelichen Glückes nicht lange freuen, denn schon im J. 1827 starb Christine plötzlich. Im Zusammenhange mit solchen Bestrebungen entstanden zwei Stücke, welche R. der hamburgischen Schaubühne zur Darstellung übergab: „Die Postkutsche zu Bocksdorf“ ein fünfactiges Lustspiel (1808) und der Einacter „Die Eheleute vor der Hochzeit oder Sie sind zu Hause“. (1809) sind nach des lustigen, leichten, fruchtbaren Louis-Benoît Picard übermüthigen Komödien „Le Collatéral, ou la Dilligence de Joigny“ und „La noce sans Mariage“ (1799 und 1805) frei bearbeitet. Picard’s erfolgreiche Dramatik war in jenen Tagen eine beliebte Quelle für deutsche Lustspieldichter: aus ihr schöpft Schiller seinen „Neffen als Onkel“ (Encore des Ménechmes 1791), Kotzebue die „Französischen Kleinstädter“ (Les provinciaux à Paris 1824) und den „Kapitän Belvande“ (1817). Damit erfüllt sich wohl Reinhold’s Arbeit für das Theater, keineswegs aber seine journalistische Thätigkeit; 1817–1831 redigirt er eine Zeitschrift für gebildete Leser, die bis 1828 unter den Titeln „Hammonia“ (1827 als Hamburg. Sonntagsblatt); „Hamburg“ (1829); „Der Hamburgische Referent“ (1830 bis März 1831) erschien; schon seit 1829 arbeitete er an den „Wöchentlichen gemeinnützigen Nachrichten“ mit, um 1832 die ganze Leitung dieses Journals, dem er bis zum 1. Juli 1840 vorstand, zu übernehmen. Vorübergehend war er auch unter den schwierigsten Zeitverhältnissen Hauptredacteur des „Hamburg. Correspondenten“ an Stelle des Dr. Störer, der vor den Franzosen aus der Stadt gegangen war; bald hinderte ein französischer Machtspruch das Erscheinen des Blattes. Als Politiker hat R. die Bedürfnisse und Ideen der Zeit schnell erfaßt und ihnen mit Klarheit und Beharrlichkeit Ausdruck geliehen. Er ist, selbst in den schlimmen Tagen der Fremdherrschaft, für eine freiheitliche Entwicklung des deutschen Bürgerthums voll patriotischer Begeisterung, doch ohne Schwärmerei eingetreten. So hat er, wiewohl seine Arbeit dem Augenblicke diente, doch vieles Gute gewirkt, das von Dauer war, und durch seine kräftige, aber schonende Art viele Herzen seiner Sache gewonnen. Edle Vaterlandsliebe zu erwecken und zu nähren, ist auch die Tendenz der „Hamburgischen Chronik“, die R., theilweise im Verein mit G. N. Bärmann 1820 herausgab und „Allen Patrioten Hamburgs“ widmete. Das Buch, welches das ältere Werk von Curo ersetzen soll, beginnt mit der Gründung der Stadt durch Karl den Großen (803) und endigt mit der Wiederbelebung des freien Bürgergeistes nach den französischen Bedrängnissen (1814). Neben zwei Uebersetzungsarbeiten gab der vielgewandte Schriftsteller noch ein „Wörterbuch zu Jean Paul“ heraus (1808; 2. Ausgabe 1811), das einen ausführlichen Commentar zu den seltsamen Ausdrücken, historischen Beziehungen, dunklen Theilen der Richter’schen Werke darstellt und auf solche Weise für die deutsche Litteraturgeschichte immer seinen Werth behalten wird. Bis in die letzten, von schwerer Krankheit heimgesuchten Lebenstage blieb der rastlose Mann thätig: am 22. Juni 1841 riß ihm der Tod die Feder aus der Hand.

Vgl. Lexikon der hamburg. Schriftsteller, VI, 219 ff. – Wöchentliche gemeinnützige Nachrichten 1841, Nr. 154. – Neuer Nekrolog, 19. Jahrgang [86] 1841, I, S. 618 ff. – Blum-Herloßsohn’s Allg. Theater-Lexikon 1842, VI, 175. – Einzelne Kritiken und Artikel Reinhold’s.