ADB:Reinmar der Fiedler

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Artikel „Reinmar der Fiedler“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 97–98, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reinmar_der_Fiedler&oldid=- (Version vom 17. Oktober 2019, 13:20 Uhr UTC)
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Reinmar der Fiedler, Verfasser von sechs einstrophigen, kurzen und zierlichen Sprüchen, die in beiden Heidelberger Liederhandschriften auf uns gekommen [98] sind, war nach dem glaubwürdigen Zeugniß der größeren (ehemals Pariser) Sammlung (C) ein adliger herre; aber welchem Geschlechte er angehörte, davon fehlt uns jede Spur; das redende Wappen in C, die goldene Geige im blauen Felde, ruht einzig auf dem Beinamen, den R. seiner Kunst verdankt. Wenn die politische Strophe von dem bösen König, der vertrieben ward und sich dann besserte, auf Herzog Friedrich von Oesterreich sich bezieht, dem sie trotz des Wortes „König“ eher eignet als Heinrich dem Siebenten oder gar Nebucadnezar, so dichtete R. um das Jahr 1240. Ein armer Fahrender, mußte er sich sein dürftiges Brod erfiedeln und ersingen; mancher läßt seinen Gruß unerwidert, weil er fürchtet, von ihm angebettelt zu werden. Vor dem adligen Vorurtheil, das nur den Minnesang und nicht die Spruchdichtung für standesgemäß ansah, schützt ihn die zwingende Rücksicht auf den Geschmack eines wechselnden Publicums. So singt er in einfacher Sprache und guter Technik von Ehre und Thorheit, von geistlicher Heuchelei und entschwundenen besseren Zeiten. Aber wenn nicht im Inhalt, in der Form lugt die adlige Vorliebe für das Liebeslied verschämt hindurch: vier seiner Sprüche laufen, unter sich ohne Zusammenhang, in einen wunderlichen Refrain aus, der sehr deutlich aus dem Kehrreim eines Tagesliedes parodirt ist: „schaue vor dich, schau und sieh all rings um dich; den Tagestern, den sehe ich, so dünket mich: wer um Ehre werben will, der soll nicht säumen sich“. Offenbar hat R. die Wirkung jener Sprüche zu heben geglaubt, indem er sie, so gut oder schlecht es gehen wollte, der Melodie eines beliebten eigenen oder fremden Tagesliedes anpaßte, ein Verfahren, das den bürgerlichen Meistern sehr ferne gelegen hätte. Schon darum kann ein Spruchpaar, das auf die sehr zweifelhafte Gewähr der Heidelberger Liederhs. A (Nr. 357) hin R. dem Fiedler oft zugeschrieben wird, unmöglich sein Eigenthum sein: verhöhnt doch in der vielbehandelten ersten dieser Strophen gerade ein bürgerlicher Meister die einseitige Minnesingerei des adligen Herrn von Seven.

v. d. Hagen, Minnesinger, Bd. II, 161, 162; IV, 474. – Lachmann zu Walther S. 165, 166. – Die Gedichte Reinmars von Zweter, herausg. von Roethe, S. 181 fg.