ADB:Rengger, Johann Rudolf

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Artikel „Rengger, Johann Rudolf“ von Albert Schumann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 220–222, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rengger,_Johann_Rudolf&oldid=- (Version vom 27. Juni 2019, 03:07 Uhr UTC)
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Rengger: Johann (Hans) Rudolf R., Reisender und Naturforscher, entstammte einem bekannten Geschlechte des „Prophetenstädtchens“ Brugg und wurde am 13. Januar 1795 in Baden (Aargau) geboren, wo sein Vater Samuel R. als Pfarrer der reformirten Gemeinde wirkte. Da er beide Eltern sehr früh verlor, so nahm sich sein Oheim, der damalige helvetische Minister des Inneren, Albrecht R. (s. o.), des verwaisten Neffen an und sorgte hinfort wahrhaft väterlich für dessen Erziehung und geistige Ausbildung. Er übergab ihn zunächst einem Privatinstitute in Bern und hierauf vom Herbst 1805 bis zum Frühling 1812 der Kantonsschule in Aargau, welche zu jener Zeit unter der trefflichen Leitung des Hannoveraners E. A. Evers stand. Im Mai 1812 siedelte der junge R. nach Lausanne, dem Wohnorte seines Oheims, über, hörte zwei Jahre lang mathematische und naturwissenschaftliche Vorträge an der dortigen Akademie und vervollkommnete sich daneben in der französischen Sprache, worauf er zu Ostern 1814 die Tübinger Hochschule bezog, um sich unter Lehrern wie Autenrieth, Kielmeyer, Emmert und Gmelin dem Studium der Heilkunde zu widmen. Indem er aber auch der bereits in Lausanne gefaßten Neigung für die Naturwissenschaften treu blieb, verwendete er seine übrige Zeit vornehmlich auf diese und beschäftigte sich besonders eingehend mit der Beobachtung der Insecten. Die Ergebnisse seiner Forschung legte er am Ende einer vierthalbjährigen Studienzeit in der Abhandlung: „Physiologische Untersuchungen über die thierische Haushaltung der Insekten“ nieder und erwarb sich durch dieselbe am 12. October 1817 den Grad eines Doctors der Medicin. – Den folgenden Winter verbrachte er in Paris, dessen reiche wissenschaftliche Sammlungen er zu seiner weiteren Ausbildung benutzte. Zudem erneuerte er die Bekanntschaft mit dem waadtländischen Arzte Dr. M. Longchamp, welchem er schon in Lausanne begegnet war, und verabredete mit ihm eine Forschungsreise nach Südamerika. Am 1. Mai 1818 schifften sich die Freunde in Havre ein und langten nach einer raschen und glücklichen Fahrt am 1. Juli in Buenos-Ayres an. Hier richtete sich ihre Aufmerksamkeit alsbald auf Paraguay, das sich unter der Regierung des Dictators Dr. Rodriguez Francia einer vielgepriesenen Ruhe und Sicherheit erfreute, während die Bewohner der Banda Oriental und von Entre Rios sich in wilden Parteikämpfen zerfleischten. So fuhren sie denn den Parana hinauf, mußten aber in Corrientes, wo der Indianerführer Artigas den [221] Stromverkehr gesperrt hatte, acht Monate verweilen, ehe sie nach dem Abzuge der Indianer ihre Reise auf dem Paraguay fortsetzen und Asuncion, die Hauptstadt des gleichnamigen Freistaates, erreichen konnten (30. Juli 1819). Die gehoffte Ruhe und Sicherheit fanden sie daselbst, aber sie gingen auch mit dem Eintritte in dieses von der Außenwelt abgeschlossene Land gleich den übrigen Bewohnern ihres eigenen Willens verlustig. Denn obwol es ihnen erlaubt war, dasselbe nach Belieben zu durchstreifen, so durften sie doch die streng gehütete Grenze nicht überschreiten, mußten für jeden Ausflug einen besonderen Paß erbitten und ihre Wiederkehr nach Asuncion dem Dictator jedesmal anzeigen. R. benutzte die ihm gewährte Erlaubniß mit dem ganzen Feuereifer des Naturforschers, während Longchamp meist in der Hauptstadt zurückblieb, die ärztlichen Geschäfte seines Freundes willig auf sich nahm und sogar dessen Reisen aus eigenen Mitteln unterstützte. Die Art, wie R. seine Forscherthätigkeit betrieb, hat er selbst mit den Worten gezeichnet: „Ich lebte sechs Jahre in diesem Lande, dessen Hauptstadt Asuncion mein gewöhnlicher Aufenthaltsort war. Von da durchreiste ich das Land nach allen Richtungen, besuchte aber vorzugsweise die wenig bevölkerten und die ganz öden Gegenden desselben. So brachte ich jährlich einige Monate bald in abgelegenen Meiereien, bald in menschenleeren Urwäldern unter freiem Himmel zu. Da mich die Zeit nicht drängte, die Naturgeschichte auf diesen Reisen mein Augenmerk war und das Leben in diesen Wildnissen durch die Schönheit und die Größe der umgebenden Natur, sowie die Befriedigung, welche überwundene Gefahren und Schwierigkeiten gewähren, mich nicht wenig anzog, so konnte ich mit der gehörigen Muße mich zoologischen Beobachtungen widmen. Ich verschaffte mir von den mehrsten Gattungen von Säugethieren eine ziemlich große Anzahl von Individuen, nach denen ich die charakteristischen Merkmale derselben und die Abänderungen, welche sie je nach dem Geschlechte, dem Alter, der Jahreszeit und der Individualität darbieten, bestimmte, und ging den Thieren oft Tage lang nach um ihren Haushalt im Zustande der Freiheit kennen zu lernen. Zugleich scheute ich weder Mühe noch Kosten, um lebende Thiere zu erhalten und sie in unserer Wohnung aufzuziehen, wodurch mir über ihre Sitten und ihren Charakter, besonders aber über die Veränderungen, die sie mit dem Alter erleiden, mancher neue Aufschluß zutheil ward.“ Weniger befriedigend als diese wissenschaftliche Thätigkeit waren die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen er sich mit Longchamp bewegte. Es fehlte an Umgang mit gebildeten Männern und an brieflichen Verkehre mit dem Auslande, namentlich mit der Heimath, weil der Dictator alle einlaufenden und abgehenden Briefe unterschlagen ließ, so daß die Angehörigen Rengger’s nur durch Zeitungsnachrichten von seiner Lage einige Kunde erhielten. Schon versuchte man, ihn durch englische Vermittelung aus seiner unfreiwilliger Gefangenschaft zu erlösen, als ihm ganz unerwartet die Erlaubniß zur Abreise ertheilt wurde. Der Geschäftsträger Englands in Buenos-Ayres übermittelte nämlich im Auftrage seiner Regierung dem Dictator die Anerkennung der südamerikanischen Freistaaten, knüpfte aber daran die Bedingung, daß die in Paraguay verweilenden Engländer das Land verlassen dürften. R. benutze diesen Anlaß zu einem gleichen Gesuche, erhielt aber erst nach acht Wochen eine zusagende Antwort und zwar nur zwei Stunden vor der Abfahrt des betreffenden Schiffes (25. Mai 1825). In aller Eile rüstete er sich mit Longchamp zur Reise verpackte den kleineren Theil seiner Sammlungen, vertraute den größeren einem befreundeten französischen Handelsmanne an und kehrte über Buenos-Ayres, Bahia und Pernambuco nach Havre zurück, wo er nach beinahe achtjähriger Abwesenheit am 25. Februar 1826 den europäischen Boden wieder betrat. [222] Nachdem er während eines kurzen Aufenthaltes in Paris die Bekanntschaft Alexander v. Humboldt’s und Cuvier’s gemacht hatte und von diesen mit anerkennender Theilnahme begrüßt worden war, traf er am 16. März in Aarau ein, wo damals sein Oheim wohnte und eine seiner Schwestern verheirathet war. In der wohlthuenden Ruhe dieses Familienkreises ging er alsbald daran, die Ergebnisse seiner Forschungen zusammenzustellen und der gebildeten Welt vorzulegen. Weil aber die geheimnißvolle Persönlichkeit des Dictators von Paraguay die Zeitgenossen vielfach beschäftigte, so veröffentlichte er zunächst den „Historischen Versuch über die Revolution von Paraguay und die Dictatorial-Regierung von Dr. Francia“ (1827, mit einer Karte), aus welchem bereits vorher die den Dictator betreffenden Abschnitte unter dem Titel „Der Doktor Francia“ im Stuttgarter Morgenblatt (1827, Nr. 140–145) erschienen waren. Gleichzeitig ließ R. eine französische Ausgabe in Paris drucken, die ebenso wie die deutsche Originalausgabe gelten kann. Er selbst hat beide allein verfaßt, wenn auch Longchamp’s Name aus freundschaftlicher Rücksicht auf dem Titel mitgenannt ist. Die in dem „Historischen Versuch“ enthaltene getreue Schilderung des Dictators und seiner Regierung drang auch nach Asuncion, wahrscheinlich in der 1828 zu Paris herausgekommenen spanischen Uebersetzung, und veranlaßte denselben zu einem die Wahrheitsliebe des Verfassers verdächtigenden Artikel in der Londoner Times (6. November 1830). R. enthielt sich in seiner Antwort (18. November) jeder Widerlegung und berief sich einfach auf da Zeugniß der Bewohner Paraguay’s die einst, ihrer Freiheit wiedergegeben, zwischen ihm und Dr. Francia richten würden. – Auf das genannte Buch folgte die „Naturgeschichte der Säugethiere von Paraguay“ (1830, eigentlich 1829). Sie erfreute sich gleich bei ihrem Erscheinen des Beifalles der Fachgenossen, darunter ein Alexander v. Humboldt; ihre Bestimmungen gingen bald in das wissenschaftliche System über, und die darin niedergelegten sorgfältigen und genauen Beobachtungen haben ihren Werth bis zur Gegenwart behauptet. – Nach Vollendung der Naturgeschichte arbeitete R. an der für einen größeren Leserkreis bestimmten Reisebeschreibung, machte daneben Ausflüge in die Alpen und nach Frankfurt a. M., widmete sich auch ein Jahr lang der ärztlichen Thätigkeit in Aarau, ging dann aber im Herbst 1831 als Arzt und Reisebegleiter mit der blinden englischen Gräfin von Worcell nach Italien. In Neapel, wo er sich eben mit der Beobachtung der Meeresthiere beschäftigen wollte, befiel ihn am 15. Februar 1832 eine Lungenentzündung und warf ihn auf längeres Krankenlager. Unter der sorgsamen Pflege der Gräfin genas er soweit, daß er sich nach den Bädern von St. Julien bei Pisa begeben und nach deren Gebrauch die Rückreise nach der Schweiz antreten konnte; aber in Neuenburg traf ihn ein neuer Anfall der Krankheit, und in Aarau verschlimmerte sich sein Zustand immer mehr, so daß er am 9. October 1832 aus dem Leben schied. Als Grund seines frühen Todes ergab die ärztliche Untersuchung eine Art Lungenverhärtung (Hepatisation). Aus seinem Nachlasse gaben sein Oheim Albrecht R. und sein Schwager Ferd. Wydler die „Reise nach Paraguay“ (1835) heraus. Sie enthält werthvolle Bruchstücke über Land und Leute, über einige Thiere aus der Klasse der Reptilien und Insecten und Auszüge aus des Verfassers Tagebuch; beigegeben sind eine Karte und vier lithographirte Abbildungen, darunter auf einem Blatte Rengger's Bildniß und Grabdenkmal.

Quellen u. Bibliographie in meinen „Aargauischen Schriftstellern“. 1. Lief. Aarau 1887. S. 42–47. (Der oben angeführte Geburtstag nach dem Kirchenbuche der reformirten Gemeinde in Baden.)