ADB:Riis, Andreas

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Artikel „Riis, Andreas“ von Karl Friedrich Ledderhose in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 610–614, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Riis,_Andreas&oldid=- (Version vom 20. Juni 2019, 11:47 Uhr UTC)
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Riis: Andreas R., ein in Basel gebildeter Missionar, war am 12. Januar 1804 im Lygumkloster, einem Städtchen in Schleswig, geboren. Sein Vater, ein Glaser, strebte im Verein mit der frommen Mutter danach, die Kinder in wahrem [611] Christenthum zu erziehen. Gerade unser Andreas rühmt es, daß er schon von Jugend auf zu ernstem Nachdenken über seine ewige Seligkeit veranlaßt worden sei. Von Natur sehr munter, wurde er jedoch bald durch Umgang mit leichtsinnigen jungen Leuten selbst zum Leichtsinn hingerissen. Auch die Confirmation machte keinen tieferen Eindruck auf ihn. Sein an das Baseler Missionshaus geschickter Lebenslauf, den er in seinem 23. Lebensjahre schrieb, spricht sich ganz offen über sein weltliches Leben aus, „worüber ich noch heute im Staube gebeugt vor den Füßen meines Heilandes um Gnade und Vergebung bitten muß“, bekennt er. Er fand aber keine Beruhigung in solchem Treiben und beschloß, mit den Kameraden, unbeirrt durch ihren Spott, zu brechen. Der junge Glaser, der er auf Wunsch seines Vaters geworden war, schloß sich jetzt den Versammlungen ernst gesinnter Leute an. Der Gedanke, Missionar zu werden, fing an, sich in seinem Herzen zu regen, doch wagte er anfangs nicht, ihn Jemandem mitzutheilen. Endlich vertraute er sich dem Missionsfreunde, Pastor Matthießen in Loit, an und dieser übernahm es, sich an das Missionshaus von Basel über Aufnahme des R. in das Institut zu wenden. Natürlich hatte R. nichts als die Dorfschule genossen, war also von aller wissenschaftlichen Bildung entblößt, aber wenn man seinen Lebenslauf mit Aufmerksamkeit liest, so findet man, daß er wirklich für die Missionslaufbahn innerlich vorbereitet war. Seine Mutter (denn sein Vater war bereits gestorben) gab ihre Einwilligung mit den Worten: „Den Ruf meines Sohnes erachte ich als eine vom Herrn geschenkte Gnade.“ Im J. 1828 trat er in die Missionsanstalt zu Basel ein. Als ein begabter junger Mann machte er in der Baseler Anstalt ausgezeichnete Fortschritte; und nachdem er seine gelehrten Studien vollendet hatte, bestimmte ihn das Comitee von Basel zur Mission auf der Goldküste. Bekanntlich besaß Dänemark einen großen Theil der Küste Guineas, und da war gerade R. und ein anderer dänischer Missionszögling, Jäger, geeignet für die Mission daselbst. Leider lagen dort schon zehn Missionare, die das tödtliche Klima hinweggerafft hatte, im Grab. Das Comitee in Basel konnte sich dennoch nicht entschließen, die Mission unter den Negern daselbst aufzugeben. So reisten denn die beiden Landsleute mit einem Dritten, Namens Heinze, nach Guinea ab. Weil das Dänische ihre Muttersprache war, so konnten sie mit der Mulattenbevölkerung leichter verkehren; mit der Akkrasprache, welche auf der dänischen Küste am häufigsten gesprochen wird, hatten sie sich schon etwas vertraut gemacht. In der ersten Zeit hielten sie sich mehr an der Küste auf, und erst späterhin wollten sie sich auf den Aquapimbergen niederlassen, weil dort eine viel gesündere Luft herrscht. Sie waren noch nicht 20 Tage in Afrika, als bereits das Klimafieber bei ihnen einkehrte und gerade Heinze, der durch sein Talent in der Heilkunde ihnen dienen sollte, war der erste, der in 24 Stunden vom Tode weggemäht wurde; auch Jäger starb an der Brechruhr nach wenigen Tagen. R. selber lag schwer krank darnieder, die ärztlichen Mittel wollten nicht helfen, bis er sich entschloß, einen Negerdoctor kommen zu lassen. 6-8 kalte Bäder bewirkten, daß er nach 4 Tagen hergestellt war. Nun zog er in die Aquapimberge, wohin eine gastfreundliche, deutsche Familie ihn eingeladen hatte. Nach 14 Tagen konnte er ohne Ermüdung bereits 3-4 Stunden über die steilsten Berge klimmen. Schon hier fing er an, sich mit Negern in Gespräche einzulassen, aber ganz richtig spricht er es aus, daß es nöthig sei, ganz unter ihnen zu wohnen, ihre Sprache fließend zu reden und sich ihrer Jugend freundlich anzunehmen. Statt aber in den Bergen zu arbeiten, mußte er Pfarrdienste versehen bis ein Pastor aus Kopenhagen kam, aber auch der Pastor sank ganz unerwartet ins Grab. Da bat ihn die Regierung, in die Lücke einzutreten. In Basel war man inzwischen in Sorge, da man ein ganzes Jahr lang keinen [612] Brief von ihm erhielt. Neues frisches Leben kam in die Negermission, als dem einsamen R. zwei Missionare, Mürdter und Stanger, als Gehülfen beigegeben wurden, die nach einiger Zeit berichten konnten, daß sie gesund seien. R. selbst war inzwischen den 6. December 1836 mit Anna Margaretha Wolter in den Ehestand getreten und wurde am 14. September 1837 mit einem Töchterchen erfreut. Er wurde noch mit andern Kindern gesegnet, darunter die spätere warme Missionsfreundin, Frau Sarasin von Basel.

Die 3 Missionare kamen jetzt auch in die erwünschte Lage, die Landessprache zu erlernen, indem sie einen Mulatten als Sprachlehrer fanden, der ordentlich Englisch, gut Fanti und auch Aschanti verstand. Damals kam auch ein Sklave des alten Herzogs von Akkra mit dem Wunsch zu den Missionaren, bei ihnen bleiben zu dürfen. Sie nahmen ihn, weil er ein geborener Aschantier war, gerne auf, um ihn zu Erlernung seiner Sprache zu benützen. Sie legten alsbald ein kleines Wörterbuch der Aschantisprache an; nur war die große Schwierigkeit vorhanden, daß innerhalb eines nicht großen Landesbezirks mehrere von einander abweichende Mundarten gesprochen werden. Was besonders erfreulich ist, war, daß in ihrer Wohnung der stille Friede herrschte, während die bürgerlichen Zerwürfnisse in diesem Lande eine Trauerscene um die andere ihnen vor Augen stellten. Da kam es manchmal vor, daß arme nackte Neger mit tiefen Wunden vor der Missionswohnung um Hülfe baten. Und sie konnten fast immer helfen, so daß das Zutrauen gegen die Missionare und ihre Arzeneimittel ihnen die Thüre zu den Herzen öffnete. Es waren natürlich für die Glaubensboten damals nur Tage geringer Dinge, aber dennoch Anfänge hoffnungsreicher Mission auf Guinea.

Von ihrem Comitee wurde ihnen der Wunsch nahe gelegt, die umliegenden Negerstämme in kleinen Wanderungen zu besuchen und nachzusehen, ob nicht das Evangelium ihnen gebracht werden könne. So machte sich denn R. im October 1838 mit Mürdter auf den Weg von Akropong in das Land Aquambu. Leider herrschten dort politische Unruhen, so daß die beiden Wanderer es für gut fanden, in keinem der Dörfer sich länger aufzuhalten, als nöthig war. Diese Reise, welche R. beschrieben hat, ist sehr interessant, aber wir können hier nur einige Punkte berühren. Der König, Akoto von Aquambu, empfing sie in seiner damaligen Residenz, einem kleinen Dorf, Mem, am Woltastrome. Die beiden Missionare wurden mit Flintendonner empfangen. Der König selber saß unter einem großen Schattenbaum mit seinen Officieren, ein einfaches, grünes, baumwollenes Tuch hatte er um die Lenden gegürtet, eine gelb und roth gestreifte Mütze auf dem Kopf und ein Paar Sandalen an den Füßen. Um das rechte Handgelenk trug er einen breiten, silbernen Ring, während kostbare Korallen das linke zierten. Es war ein Mann von ziemlich hoher Statur, starkem Körperbau, mit breitem Gesicht voll Blatternarben, dabei aber voll Anmuth und Freundlichkeit. Der König bewillkommte sie mit lächelnder Miene und Händedruck. Die Frage nach dem Zweck ihrer Reise wurde von den Missionaren dahin beantwortet, daß sie in Akropong auf den Aquapimbergen wohnten in der Absicht, die Leute mit ihrem Gott und Heiland bekannt zu machen. Sie rühmten die Aquambuneger, mit denen sie bekannt geworden, wegen ihrer friedlichen und freundlichen Gesinnung. Hierauf bewirthete sie der König reichlich. Der Erfolg diese ausgedehnten Reise war der Gedanke und Plan, im Aquambuland eine Missionsniederlassung zu gründen. Freilich zur Ausführung des Planes kam es nicht. Im J. 1839 stand R. mit seiner Gattin nur noch allein auf dem Kampfplatz zu Akropong und hatte mit den ungünstigsten Verhältnissen zu kämpfen, so daß das Comitee in Basel bedenklich wurde, ob es die Fortsetzung der Mission beschließen solle. Auf der [613] andern Seite stand ihm aber auch das geistliche und leibliche Elend der Völker Afrikas vor Augen. Man ließ es auf die Entscheidung des Missionars selber ankommen, und er war für Fortsetzung, namentlich als die Neger von Akropong ihn dringend baten, sie doch nicht zu verlassen und versprachen, das Wort Gottes willig zu hören. Zugleich hatte sich in dem Comitee die Ueberzeugung gebildet, daß nur eine Mission mit einer christlichen Negercolonie verbunden von Erfolg sein werde. Es richtete seine Blicke auf die blühenden Stationen der Brüdergemeinde in Westindien. Die Unitätsältestenconferenz in Berthelsdorf nahm den Gedanken freundlich auf und verwies auf die Missionare in Westindien. Theils als Ackerbauer, theils als Handwerker, einige womöglich auch als Schullehrer sollten sich christliche Neger aus Westindien an die Mission in Guinea anschließen. Der König von Dänemark ertheilte die Erlaubniß zur Einwanderung eines Negerhäufleins. Er empfing den Missionar R. zweimal und ließ sich eingehend in das Missionswerk ein. Auch die Königin nahm den herzlichsten Antheil daran. Das Unternehmen einer Missionscolonie war voraussichtlich für die Missionare selbst von großem Vortheil. Ihre Gesundheit und ihr Leben, ihre Zeit und Kraft wurde dadurch geschont, daß andere Personen, welche den Gefahren des Klimas weniger zugänglich waren, die leidlichen Arbeiten, die die Missionare sonst verrichten mußten, übernehmen konnten. Eine christliche Negergemeinde und Negerschule konnte das vorhandene Vorurtheil überwinden, als wäre das Evangelium nur die Religion der Weißen, der Götzendienst aber die der Schwarzen. Als die Neger erfuhren, daß Missionar R. wieder zurückkehren werde, waren sie voll Jubels und bauten das zerfallene Missionshaus wieder auf. Zugleich beschloß das Comitee, drei Brüder nach Afrika zu schicken, nämlich Widmann, Thompson und Halleuer. R. und seine Gattin reisten nach Westindien ab, um die Missionscolonie abzuholen. Es war eine große Bewegung unter den Negern in Jamaika, als sich Neger entschlossen, hinfort dem Dienste des Evangeliums unter ihren schwarzen Brüdern im alten Vaterlande als Colonisten zu leben. Es wurden Versammlungen gehalten, in denen der Missionsgeist gewaltig wehte. Christliche Neger kamen in Scharen herbei, um ihren abreisenden Brüdern die Hand zu schütteln. Am 8. Februar 1843 segelten 24 Neger und Negerinnen aus dem Hafen von Kingston in Jamaika ab und landeten am Osterfest 1843 glücklich in Christiansburg auf der Goldküste. Missionar R. blieb in Uffu an der Küste zurück, weil seine Gattin noch auf dem Schiff von einer Tochter entbunden worden war, während die Negercolonie nach Akropong zog. Endlich machte sich auch R. mit seiner Gattin auf den Weg nach Akropong; es war ein sehr beschwerlicher und gefährlicher Weg, weil er durch Wasser führte. Nun gings an die Einrichtung der Wohnungen für die eingewanderten Neger. Den Plan zu Allem hatte R. selber entworfen und die Neger waren so entgegenkommend, sogar mehr Land abzutreten, als nöthig war. Auch die Eingewanderten mußten indessen dem klimatischen Fieber ihren Tribut bezahlen, doch erholten sie sich rasch wieder. Erfreulich war es, daß bald eine Schule eröffnet werden konnte, die auch gut besucht wurde. „Die Thüren schließen sich allenthalben auf um uns her,“ schreibt R., „kräftige Stimmen rufen von verschiedenen Seiten zur Arbeit, aber es fehlt uns an Arbeitern … wir wandeln hier in Afrika nicht auf Rosen oder grünen Wiesen, trauern aber Sie nicht zu sehr über die Mängel und Gebrechen an und unter uns, denn ich bin überzeugt, der Herr wird seine treue Hand nicht von uns abziehen.“ Weil R. es war, der die Verhandlungen mit der Regierungsbehörde vollzog und die nöthigsten Bedürfnisse durch Tauschhandel beischaffte, so mußte er öfters die Reise von Akropong nach Uffu machen. Diese Reisen übten aber auf sein und seiner Gattin Gesundheit nachtheiligen Einfluß aus, sodaß sie zuletzt genöthigt waren, im September 1845 [614] Afrika zu verlassen. Er brachte seine Frau mit Mühe auf das Schiff. Es war ein schwerer Abschied von einem Volke, das ihnen lieb und gemüthlich geworden war. Der Anblick seiner abgezehrten Frau und seine eigene Schwäche beugte ihn tief. Die Stille und Ruhe seiner Frau, ihre Geduld und Ergebenheit war ihm gar tröstlich. Nur die Trennung von ihrem Manne und der Gedanke, ihn allein in seinem schweren Beruf zu lassen, schmerzte sie tief. Am 5. September verschied sie. R. eilte alsbald nach Basel. Hier gab es zwischen ihm und dem Comitee ernste Auseinandersetzungen und er räumte offen manche Fehlgriffe in seiner Missionsarbeit ein, aber er konnte auch getrost aussprechen, daß er seine große und schwierige Aufgabe in Guinea durch Ausdauer, Treue und Hingabe mit Hintansetzung seines und der Seinigen Lebens zu lösen gesucht habe. Die Verbindung mit Basel löste sich auf. Es war unmöglich, daß ein Mann mit gebrochener Kraft wieder nach Afrika zurückkehren könne. Er entschloß sich daher, nach seiner Heimath Schleswig zurückzugehen, um sich dort zu erholen. In Hamburg ließ er sich jedoch bereden, einen Norweger, Piene, zu einer Missionsconferenz nach Christiania zu begleiten und nahm hier den Antrag der Missionsgesellschaft an, für sie als Emissair (Reiseprediger) zu wirken. Er verheirathete sich zum zweiten Male mit einer Norwegerin, Hillegard Pharo, am 8. September 1849, und erkaufte ein Gut, Narby, in der Nähe von Grimstad. Er reiste und predigte dann mit großem Erfolg für die Ausbreitung der Missionssache in Norwegen, bis er, am 13. Januar 1854, nach kurzer Reise heimkehrend, von einer heftigen Lungenentzündung, erst 50 Jahre alt, seinem, dem Dienste Gottes geopfertes Leben entrissen ward. Wie Großes ist seitdem auf der Goldküste gewirkt worden!

Baseler Missionsmagazin - Handschriftl. Mittheilungen a. d. Baseler Missionsarchiv.