ADB:Sürlin

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Artikel „Sürlin“ von Alfred Klemm in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 166–169, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:S%C3%BCrlin&oldid=- (Version vom 21. August 2019, 11:54 Uhr UTC)
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Sürlin (Syrlin, Sewrlin, Seurlin), Bildhauerfamilie in Ulm, ist 1412 von dem benachbarten Dorf Söflingen her in zwei Gliedern, Lienhart und Hainz, in Ulm eingewandert. Sie hat sich vielleicht auch nach Basel (1441) und Altenstadt, OA. Geislingen (1452–1510) verzweigt. Künstlerisch bedeutend sind aber nur die zwei Jörg, Vater und Sohn, in Ulm, 1458 bis 1521 genannt.

Jörg S. der ältere, 1458–1491 (†)[WS 1], ist als Sohn des Zimmermanns Hainz (1412–47) allem nach zunächst Schreiner gewesen, aber ein solcher, der schon sein erstes bekanntes Werk, ein Pult von 1458, als ein Kunstwerk mit seinem Namen zeichnen mochte. Schreinerarbeit ist auch das nächste, ein vierthüriger Schrank mit reichem Schnitzwerk, von 1465 (im Besitz des Freiherrn [167] v. Lupin auf Illerfeld bei Memmingen). Mehr und mehr aber ist er zur förmlichen Bildschnitzerarbeit herangereift und hat zunächst 1468 und 69 an dem Dreisitz im Chor des Münsters eine Probe seines vollen künstlerischen Vermögens abgelegt, daraufhin von seinen Mitbürgern die Hauptarbeit seines Lebens, das großartige, so unendlich reiche Chorgestühl mit ursprünglich 91, jetzt 89 Sitzen, das er 1469–1475 um den Preis von 1188 Gulden fertigte, die Krone aller Chorgestühle, übertragen erhalten. Nicht mehr erhalten oder agnoscirt sind zwei weitere Holzschnitzwerke für das Münster: Bilder zu des Kaisers Stuhl 1473 (möglicherweise nur die Bildwerke, die zu dem einen der mittleren mit dem Reichsadler u. dgl. als Hauptsitz bezeichneten Stühle auf jeder der Reihen von Chorstühlen gehörten, die bei dem den Anlaß gebenden Besuch des Kaisers noch nicht fertig waren und daher jetzt schnell besonders gemacht werden mußten) und ein „Sarch“, d. h. eine Predella mit Figuren zu einer Altartafel, 1474–80 mit 400 Pfund bezahlt. Erst in seiner späteren Zeit scheint sich dann der Künstler auch Bildhauerarbeit in Stein auszuführen getraut zu haben. Wenigstens geht eher auf seine Hand als auf die des Sohnes die Brunnensäule des sogenannten Fischkastens, des Marktbrunnens in Ulm, zurück, an welcher die Inschrift Jörg Syrlin angebracht ist und darüber sein Meisterzeichen mit der Zahl 1482 (abgebildet in den Münsterblättern, Heft 3 und 4, S. 82). Ebenso das Steinbild des Ritters Hans v. Stadion († 1459) in der Kirche zu Oberstadion (abgeb. in der Beschr. d. OA. Ehingen, 1893, S. 189), auf dem oben zu lesen ist: Jörg Sürlin zu Ulm 1489. Hienach konnte der frühere „Schreiner“ Sürlin (1469) jetzt auch als „Steinhauer“ benannt werden, und es steht nichts im Wege, die Tafel auf dem Fronaltar in Kloster Lorch und das Crucifix bei dem Abtsstuhl im Capitelsaal daselbst (beide nicht erhalten), welche 1484 „Meister Jerg Steinhawer ze Ulm“ gefertigt hat, auch als sein Werk anzunehmen und unsern „Bildhower Jerg“ als den anzusehen, der bei seinem Tode 1491 dem Münster einen Rock geschenkt hat, wie dessen Weib 1498 that. Dagegen will es mir immer weniger möglich erscheinen, daß der an dem Dreisitz und dem Chorgestühl nothwendig mit einer ganzen Werkstatt vollauf beschäftigte Meister gleichzeitig, wie allerdings eine sehr starke Ulmer Tradition will, auch das Sacramenthaus und den Taufstein im Münster gemacht haben sollte. Es ist zwar nicht zu bezweifeln, daß diese beiden Werke, die schon 1420, und jedenfalls das Sacramenthaus bereits an seinem jetzigen Platz, vorhanden waren, um 1461–72 (großartiger) neu ausgeführt worden sind. Aber der „Meister von Wingarten“, den Haßler aus der Rechnung von 1461–63 anführt, ist nicht leicht wegzubringen, und ich möchte daher auch den „Meister Jörgen Bildhauer“, mit welchem die Kirchenpfleger 1468 und 69 wegen 3 großer und 10 kleiner Bilder verhandeln, nicht mit unserem Künstler identificiren, der ja eben in dem Vertrag mit den Kirchenpflegern 1469 der Schreiner heißt. Es sind auch um jene Zeit oder nicht viel später andere Bildhauer mit dem Namen Jörg in Ulm bezeugt. Von anderen Werken in Ulm und sonst, die bloß vermuthungsweise auf Sürlin’s Hand oder Werkstatt zurückgeführt werden, sehen wir hier lieber ganz ab. Bezüglich der Streitfrage, wen das namenlose Brustbild am Anfang der einen Reihe der Ulmer Chorstühle darstellt, möchte ich mich, da es entschieden porträtartige Züge zeigt, dafür aussprechen, daß es zwar den lorbeergekrönten Virgil darstellen soll, wie Pressel es deutet, aber dem Dichter die Züge des Künstlers gegeben sind. Daß auch das Gegenbild auf der andern Seite unter dem Namen der Sibylle von Erythrä die Züge der Hausfrau Sürlin’s verewige, ist dann immerhin sehr wahrscheinlich. Daß der Meister ein berechtigtes Selbstgefühl besaß, geht wol aus dem Umstand zur Genüge hervor, daß er seinen Namen von Anfang an auf seinen Werken [168] zur Geltung gebracht hat. War er, wie uns seine Entwicklung anzuzeigen scheint, aus sich selbst heraus allmählich geworden, was er war, so werden wir nach einer eigentlichen Schule, in der er gebildet worden sein möchte, nicht viel zu fragen haben.

Außer einer Tochter, die an den Schreiner Eberhard Holwegk (1491 bis 1512) verheirathet war, ist uns nur ein Sohn des Künstlers bekannt: Jörg S. der jüngere, geboren 1455, † nach 1521. Er tritt uns zuerst entgegen mit einem Entwurf zu dem dreisitzigen Pfarrstuhl im Münster, den er 1475, „20 jor alt,“ gemacht hat, und dann mit der Ausführung desselben 1482–84. Es sind noch Reste davon vorhanden, hauptsächlich drei jetzt an der Kanzel verwendete Figuren von Priestern. 1496 machte er den Riß zu einem Altar für das Münster, 1505 einen Bogen, d. h. wol eine bogenförmige Nische oder eine Art Predella zu den Zwölfboten, im gleichen Jahr einen weiteren Dreisitz für den Chor (Nordseite), der jetzt in der Neithart’schen Capelle steht, 1510 den reichen, selbst wieder eine Kanzel darstellenden Schalldeckel zu der Kanzel. Zuletzt wird er 1521 in Ulm erwähnt als Verfertiger eines Stuhls neben der Neithart’schen Capelle. Seine bedeutendsten Werke finden sich aber anderwärts. Von 1493 oder früher bis 1502 war er für das Kloster Blaubeuren thätig, wo er sicher 1493 das Chorgestühl fertigstellte, 1496 den dreisitzigen Levitenstuhl und 1502 die Kanzel, nach meiner Annahme auch die Holzschnitzarbeit des Hochaltars mit den deificae figurae, welche die Inschrift am Levitenstuhl als vor den Augen des Lesers stehend bezeichnet. Das dem Brustbild des Abts Fabri († 1493) entsprechende Brustbild oben auf dem linken Altarflügel wird von den einen auf Graf Eberhard im Bart, von andern eben auf unsern Künstler gedeutet. 1499 fertigte derselbe einfache Sitzbänke in die Kirche zu Zwiefaltendorf und dann in sieben Jahren von 1514–21 unter Abt Sebastianus Molitor (nach andern 1512–17) für Kloster Zwiefalten selber Bildwerke für Altäre, von denen zwei in der Staatssammlung in Stuttgart erhalten zu sein scheinen. In Ennetach bei Mengen, OA. Saulgau, tragen der Levitenstuhl von 1506, wie die zwei Reihen Chorstühle von 1509 seinen Namen. 1514 war er für Kloster Ochsenhausen thätig. Ein größeres, dem Blaubeurer sehr verwandtes, immerhin weniger bedeutsames Werk sind endlich die von 1512 datirten Chorstühle in Geislingen a. d. Steige. Es zeigt, wie das Blaubeurer, daß der Sohn den Nachdruck mehr auf den architektonischen Aufbau der Rückwand legte, während bei dem Vater die plastischen Theile besonders hervortreten. Doch beweisen die Zwiefalter Bilder, daß auch der Sohn „göttergleiche Figuren“ zu schaffen im Stande war. Noch viel mehr als beim Vater tritt beim Sohne der Künstlerstolz heraus in längeren gereimten Inschriften an seinen Werken. Es haben ihm da wol Humanisten in Ulm und Umgegend solche dargeboten, wie ein Myllius (Martin Miller im Ulmer Wengenkloster?) die Verse zu den Propheten im Geislinger Gestühl, und wie ohne Zweifel schon der Vater das Ulmer Chorgestühl nicht ohne Rath und Beihülfe solcher Gelehrten gemacht hat. Das leider an keinem erhaltenen Werke nachgewiesene Künstlerzeichen des jüngern S. ist das Spiegelbild zu dem des Vaters. Mit I S verbunden erscheint dieses Zeichen auf zwei Kupferstichen aus dem Anfang des 16. Jahrhunders in Wien und im Britischen Museum, wie Max Lehrs ohne Zweifel mit Recht annimmt, ein Zeugniß, daß Jörg S. auch als Kupferstecher thätig war. Da die Kupferstiche das Weihwasserbecken im Ulmer Münster und dessen Grundriß darstellen, scheint damit S. als Urheber dieses Werkes erwiesen, vgl. Lützow, Geschichte d. deutschen Kupferstichs, 1891, Fig. 21 u. 22.

Wegen der gleichen Eigenheit, wie sie an den Chorgestühlen in Ulm, Blaubeuren und Geislingen vorkommt, der Anbringung von Intarsien an den [169] Rückwänden, vermuthet E. Wernicke die Hand seiner Schule an den Chorgestühlen der Eßlinger Dionysiuskirche, welche 1518 die Eßlinger Schreinermeister Hans Wech und Antonius Buol ausgeführt haben. Eine unverkennbare Nachahmung des Ulmer Gestühls ist das Memminger, 1501 von den dortigen Schreinermeistern Heinrich Stark und Hans Drapatzhawer begonnen. Jedenfalls nicht auf den jüngeren S. selbst aber wird der Hochaltar in Winnenden zurückgehen, da das Monogramm daran, I und S ineinandergeschlungen, eine andere Art hat als das nachweislich von ihm gebrauchte Künstlerzeichen.

Jäger i. Kunstblatt 1833, N. 103. – Grüneisen u. Mauch, Ulms Kunstleben im Mittelalter, Ulm 1854. – Mauch in Ulm. Oberschw. N. R., 3. Heft 1871, S. 7 ff. – Bezold, Zur Syrlinfrage, Württ. Vierteljahrsh. f. Landesgesch. 1878, S. 63 f. – Pressel, Ulm u. sein Münster, 1877. – Klemm, Württ. Baumeister und Bildhauer (W. Vrtljh.), 1882, S. 82 u. sonst. – Derselbe, Ueber die beiden Jörg Sürlin (Münsterblätter Heft 3 u. 4, 1883, S. 74–96). – Bach, Das Monogramm Sürlin’s, in Lützow’s Zeitschr. f. bild. K. 1884, Beibl. Nr. 30 (vgl. Beibl. Nr. 23). – Max Lehrs, ebenda in d. Kunstchronik 1884, Nr. 36. – Probst, Ueber die Urheber der inneren Ausstattung d. Chors d. Klosterkirche zu Blaubeuren, Ulm, Oberschw., 1891, Heft 2. – Baur, Der Hochaltar u. das Chorgestühl im Chor d. Klosterkirche zu Blaubeuren, Blaub. 1893.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. richtig dürfte 1425–1491 sein.