ADB:Sander, Immanuel Friedrich

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Artikel „Sander, Immanuel Friedrich“ von Gustav Frank in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 350–352, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sander,_Immanuel_Friedrich&oldid=- (Version vom 23. April 2019, 12:35 Uhr UTC)
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Sander: Immanuel Friedrich S. wurde am 1. December 1797 zu Schaafstedt, einem Dorfe zwischen Merseburg und Halle, wo sein Vater Diakonus war, geboren. Auf dem Halleschen Waisenhause vorgebildet, bezog er 1815 die Universität Leipzig. Im stillen Gegensatz zum rationalen Supernaturalismus seiner Lehrer, unbefriedigt von Schelling und Schleiermacher, ist ihm durch die Lectüre der Kirchenväter, dann durch die den armseligen Rationalismus bekämpfenden Vorlesungen F. W. Lindner’s, endlich durch die Betstunden der Frau v. Krüdener, in deren Gesprächen das Lamm Gottes der Mittelpunkt war, das Licht aufgegangen. Nun ward er, der deutsche Hus, dessen Mund der Herr gemacht [351] hatte wie ein scharfes Schwert, von Feuereifer ergriffen gegen das profanum vulgus der Rationalisten. Seine Predigten, die er als Vespertiner in der Universitätskirche und Gehülfe des Pastors von Gohlis hielt, machten den Eindruck, als tobe eine Windsbraut um das Bauwerk des Rationalismus, und drohe nicht allein Schindeln und Dachgeschoß abzudecken, sondern auch die Mauern und Wände niederzulegen. Während die Einen sich wunderten, daß man den jungen Zeloten nicht längst auf den Schub gebracht habe, auch seine geistliche Oberbehörde seinen Fanatismus übel vermerkte, erhielt sein Name in den gläubigen Kreisen, damals pietistisch genannt, einen guten Klang. Kaufleute aus dem Wupperthale, während der Leipziger Messe auf ihn aufmerksam geworden, erkannten sofort in S. ihren Mann und vermittelten seine Berufung zum Pfarrer nach Wichlinghausen (1822). Da in dieser Gemeinde sich Collenbuschianer befanden, so richtete sich seine Kanzelpolemik auf deren halbrationalistisches Lehrgebäude. Als Fortsetzung seines Kampfes gegen den wirklichen Rationalismus kann angesehen werden die von ihm im Vereine mit Bialloblotzky (s. A. D. B. II, 608), dem wegen seines Mysticismus mit dem Hannöverischen Consistorium zerfallenen Pastor, herausgegebene Schrift „Das Aufkommen und Sinken des Rationalismus in Deutschland“ (1829), eine Bearbeitung des Buches von E. B. Pusey „Historical inquiry of the theology of Germany“, das wiederum zurückweist auf eine von Pusey bei Tholuck gehörte Vorlesung. Sodann nahm S. hervorragenden Antheil an einem rationalistischen Streit, der das Wupperthal in lebhafte Bewegung setzte. Eduard Hülsmann, Pastor in Dahl, hatte 1835 eine „Predigerbibel“ erscheinen lassen, welche das Hoheitsrecht der Vernunft verkündigte, Christum als herrlichsten Lehrer der Wahrheit und Tugend pries, durch eine Fülle von geistigen Anlagen über alle anderen Menschen hinausgerückt. Gegen dieses zerbröckelte Gerölle rationalistischer Ansichten, das sich doch auch mit supernaturalistischen Elementen conglomerirte, erließ S. ein geharnischtes „Theologisches Gutachten“, das sich zu dem Bekenntniß erhebt: „Christus sitzt zur rechten Hand Gottes heißt: er ist Mitregent auf seines Vaters Thron, und nicht bloß im Reich der Gnade und Herrlichkeit, sondern auch im Reiche der Natur, sodaß er also Sonnenschein und Regen, gesunde Luft und fruchtbare Zeiten giebt, und die Begebenheiten der Welt im Einzelnen wie im Ganzen persönlich und mit gewaltigem Arme regiert.“ Dem Gutachten folgte 1836 noch eine „Beleuchtung“ der wider dasselbe erhobenen Anklagen. Da Hülsmann gerade zu der Zeit zum Pfarrer der lutherischen Gemeinde in Schwelm gewählt wurde, ließ S. sein Gutachten in 2. Auflage ausgehen, vermehrt mit einem Schlußwort. Darin wird nicht allein von Hülsmann’s Rechtlichkeit gefordert, freiwillig aus seinem Amte zu scheiden, sondern es werden auch seine Wähler, die Repräsentanten der Schwelmer Gemeinde, für Empörer gegen die sanctionirten Ordnungen des Staats und der Kirche erklärt. S. wurde infolge einer eingebrachten Injurienklage vom Landgericht zu Elberfeld zu einer hohen Geldstrafe verurtheilt, und das Urtheil in zweiter Instanz bestätigt. Nicht lange nachher (1838) erhielt er einen Ruf als Pfarrer nach Elberfeld. Hier hat er eine „Erklärung zu Gal. 3, 20, Christus der einige Mittler“ (1840) veröffentlicht und, veranlaßt durch die Streitschrift des Kölner Erzbischofs v. Droste- Vischering „Ueber den Frieden unter der Kirche und den Staaten“, ein frisches, kräftiges Zeugniß gegen den Romanismus in der Schrift „Das Papstthum in seiner heutigen Gestalt, in seinen Ursprüngen und in seinen endlichen Ausgängen“ (1845) abgelegt. Als Apokalyptiker hat er die Zukunft des Herrn und den Eintritt des tausendjährigen Reiches 1847 erwartet. Obwol von Grund der Seele dem lutherischen Bekenntniß zugethan, pflegte er doch, seiner pietistischen Jugend gleichsam eingedenk und als homo unius libri (d. i. der h. Schrift), [352] die innigste Gemeinschaft mit den Reformirten, und vermochte dem inzwischen aufgekommenen exclusiven und katholisirenden Lutherthum keine Sympathien abzugewinnen; fühlte sich vielmehr zu einem ehrlichen Rationalisten aus der Kantischen Schule weit stärker hingezogen, als zu den orthodoxen Rabulisten ohne Geist und ohne Leben. In Wittenberg, wohin er nach Heubner’s Tod 1854 als Stadtpfarrer, Superintendent und Mitdirector des Predigerseminars berufen worden, ist er am 28. April 1859 (nicht 1861, wie Herzog’s R.-E. im Generalregister beider Auflagen angibt) einem Lungenleiden erlegen.

F. W. Krummacher, J. F. Sander. Eine Prophetengestalt aus der Gegenwart. Elberfeld 1860.