ADB:Krummacher, Friedrich Wilhelm

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Artikel „Krummacher, Friedrich Wilhelm“ von Otto von Ranke in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 243–246, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Krummacher,_Friedrich_Wilhelm&oldid=- (Version vom 24. April 2019, 02:47 Uhr UTC)
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Band 17 (1883), S. 243–246 (Quelle).
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Krummacher: Friedrich Wilhelm K., Sohn des obigen geistvollen Parabeldichters Friedrich Adolf K., ist am 28. Januar 1796 zu Mörs am Rhein geboren. K. besuchte zuerst das Duisburger Gymnasium, welches unter Nonne sich eines besonderen Rufes erfreute. Während der Vater Pfarrer in Kettwig war, unterrichtete er den Sohn selbst. Die Gymnasialbildung vollendete K. in Bernburg, wohin der Vater als Generalsuperintendent berufen worden. Herbst 1815 bezog der an Phantasie überreiche Jüngling die Universität Halle, um Theologie zu studieren. Hier hörte er bei dem Kanzler Niemeyer, Wegscheider, Gesenius, Marx. Einen bleibenden Eindruck hatte er allein von dem ehrwürdigen alten Knapp. Das letzte Studienjahr führte ihn nach Jena. Mehr als die Kollegien der Professoren (K. schloß sich hier besonders dem Philosophen Fries und dem Theologen Schott an), übte auf K. das Jenaer Studentenleben seinen Einfluß aus. Natürlich meldete ich mich, schreibt K. in seiner Selbstbiographie, ungesäumt zum Eintritt in den h. Männerbund, die deutsche Burschenschaft. Als solcher hat er denn auch an dem für so viele verhängnißvoll gewordenen Wartburgfest der Burschenschaft 1817 theilgenommen. Ich gestehe, so lesen wir a. a. O., daß ich heute noch mit reiner Freude an diese Feier zurückdenke. In ihr kam was damals kurz nach den Befreiungskriegen überhaupt an gehobener Stimmung, patriotischer Begeisterung, religiöser Erregung und freudiger Ahnung einer besseren sittlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Zukunft in der deutschen Jugend lebte, zur schönsten und verheißungsreichsten Entfaltung. Religiöses und Patriotisches, Ascetisches und Burschenschaftliches, Romantik und Politik, irdische und himmlische Minne und was Alles sonst mischte sich zusammen: eine germanisch-christliche Wiedergeburt des Vaterlandes in Staat, Kirche und Haus war das freilich nur in duftigen Phantasiebildern angeschaute Ideal, das uns im Busen schwellte. Nachdem K. 1818 die theologischen Examina in Bernburg bestanden, wurde er durch Vermittelung [244] des ehrwürdigen Pfarrers Dr. Spieß als ordinirter Hilfsgeistlicher an die reformirte Gemeinde in Frankfurt a. M. gewählt. Hier trat der junge Geistliche mit den verschiedenartigsten Kreisen in Berührung. Mit Karl Ritter, dem Geographen, mit Thorwaldsen, dem Bildhauer, mit Clemens Brentano, dem Romantiker trat K. in mehr oder weniger enge Beziehung. Auf seine theologische Fortentwickelung hatte weniger sein väterlicher Freund, Dr. Spieß als die Geistlichen der französisch-reformirten Gemeinde, welche die Lehre Calvins mit Ausschluß der Prädestinationslehre mit Entschiedenheit verkündeten, Appia, Jeanrenaud und vor Allem Manuel entscheidenden Einfluß. Mit letzterem versenkte K. seine Seele in Pascal’s Pensées und studirte den Magus des Nordens, Hamann’s Werke. Den größten Einfluß auf seine theologische Ausbildung verdankt K. nach seinen eigenen Zeugnissen dem Schöff Johann Friedrich von Meyer, den K. als einen Mystiker im edelsten Sinne des Wortes charakterisirt. In Frankfurt fand K. auch in Charlotte Pilgram die treueste Gefährtin seines Lebens. Ihr Lebensbild ist von der Hand der Tochter in dem in Bielefeld und Leipzig 1880 erschienenen Werke „Unsere Mutter“ in anziehender Weise gezeichnet worden. 1823 verließ K. Frankfurt a. M., um die Pfarrstelle der evangelischen Gemeinde in Ruhrort anzutreten. Das christliche Leben, welches an Ruhr und Niederrhein damals eine mehr oder minder Tersteegen’sche Färbung angenommen, machte auf den jungen geistsprühenden Diener der Kirche einen gewaltigen Eindruck. Durch die Gemeinde selbst sah er sich genöthigt, nicht nur Tersteegen’s Werke, besonders seine Brosamen und sein geistliches Blumengärtlein zu studiren, sondern auch die reichen Schätze eines Lampe und anderer reformirter Gottesgelehrten in sich aufzunehmen. Im Umgang mit den schlichten Leuten seiner Gemeinde, welche aber eine erstaunliche Bibelkenntniß besaßen, lernte K. jetzt erst die Quelle aller Theologie, die Bibel, besonders auch das Alte Testament recht kennen. Bei der hervorragenden Kanzelberedsamkeit Krummacher’s konnte es nicht ausbleiben, daß bald andere Gemeinden, denen das Wahlrecht zustand, K. zu ihrem Pfarrer begehrten. Schon 1825 folgte K. dem Rufe an die Gemeinde Gemarke, eine Parochie der Stadt Barmen. So kam K. ins Wupperthal. Hier sollte er die glänzendste Wirksamkeit seines Lebens haben, sowohl in Gemarke, als auch seit 1834 an der reformirten Kirche in Elberfeld, als College seines gewaltigen Oheims Gottfried Daniel Krummacher. – Um Krummacher’s Kanzel sammelte sich bald eine überaus große Gemeinde. Selbst zu den Wochengottesdiensten strömten die Leute besonders auch von Elberfeld in Gemarke zusammen. Dem dringenden Wunsch der Zuhörer nachgebend, veröffentlichte K. eine Reihe von Predigtsammlungen, „Salomo und Sulamith“, 1827, 9. Aufl. 1875; „Blicke ins Reich der Gnade“, 1828, 3. Aufl. 1869; „Elias der Thisbiter“, 1828, 6. Aufl. 1874. – Diesen ersten homiletischen Erzeugnissen Krummacher’s ist die Ehre zu Theil geworden von Goethe beachtet zu werden. Derselbe sprach sich in der Röhr’schen Prediger-Bibliothek im Großen und Ganzen sehr mißliebig über diese Predigten aus. Die Kritik, welche sich in Goethe’s Werken, Ausgabe von 1840, Band 32, S. 377–79 findet, schließt mit den Worten: Man könnte diese Vorträge, welche die Bewohner jener Gegenden, die sämmtlich operose, in Handarbeit versunkene, materialem Gewinne hingegebene Menschen sind, über ihre körperlichen und geistlichen Unbilden nur in Schlaf lullen wollen, narkotische Predigten nennen, welche sich dann freilich am klaren Tage, dessen sich das mittlere Deutschland erfreut, höchst wunderlich ausnehmen.“ Einen freilich völlig verschiedenen Eindruck machten Krummachers Predigten auf den damaligen Kronprinzen von Preußen, späteren König Friedrich Wilhelm IV. Dieser hatte 1833 auf einer Reise durch die Rheinprovinz mit den Bewohnern des Wupperthales einen Sonntag feiern [245] wollen. K. war die Predigt übertragen. Seitdem ist K. in nahe Beziehungen zu König Friedrich Wilhelm IV. getreten, welche die späteren Berufungen nach Berlin und Potsdam veranlaßt haben. Noch eines Ereignisses aus der Zeit, da K. Pastor in Elberfeld war, muß hier gedacht werden. 1840 predigte K. auf der Ansgarikanzel in Bremen, der Kanzel seines Vaters, über Gal. 1, 8 und 9 und stellte das Thema: Paulus kein Mann nach dem Sinne unserer Zeit. In dieser Predigt schleuderte er dem Rationalismus, der in Bremen noch eine Reihe von Vertretern unter den Geistlichen besaß, die Kriegsfackel zu. Dr. Paniel, der College seines Vaters fühlte sich persönlich getroffen und verletzt. Es kam zu dem sich mehrere Jahre hindurchziehenden „Bremer Kirchenstreit“, in welchem eine große Zahl Brochüren in Bremen und außerhalb pro und contra gewechselt wurden. Auch K. sah sich genöthigt, zweimal zur Feder zu greifen. Die ausführlichere zweite Schrift trägt den Namen: „Der scheinheilige Rationalismus vor dem Richterstuhl der h. Schrift“. 1847 folgte K. dem Rufe seines Königs, Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Hier wurde er an Marheineke’s Stelle Prediger an der Dreifaltigkeitskirche. Wiewohl K. sich anfänglich vielfach enttäuscht fühlte, gelang es ihm doch bald durch seine besonderen Kanzelgaben sich eine große Personalgemeinde zu sammeln. Schon 1858 vertauschte K. dem Wunsche des Königs gemäß seine Pfarrstelle in Berlin mit der Hofpredigerstelle an der königl. Hof- und Garnisonskirche in Potsdam. Mit besonderer Freudigkeit hat sich K. in Berlin und Potsdam an all’ den mancherlei kirchlichen Bestrebungen betheiligt, welche unter dem Namen „der Innern Mission“ zusammengefaßt zu werden pflegen. Mit Wichern, Bethmann-Hollweg gehörte K. zu den Gründern und Förderern der evangelischen Kirchentage. Noch einmal trat er neben König Friedrich Wilhelm IV. in den Vordergrund der kirchlichen Bewegung. Seinen Bemühungen insonderheit gelang es die mächtige Opposition, die von lutherisch-confessioneller Seite ihm gegenüber stand, zu überwinden und eine Einladung König Friedrich Wilhelms IV. für den evangelischen Bund (Evangelical Alliance) 1857 nach Berlin zu erwirken. Diese Allianzversammlungen, an denen der König den persönlichsten Antheil nahm, eröffnete Dr. K. (die Berliner Universität hatte K. zum Doctor der Theologie creirt) mit einer seinen evangelischen Standpunkt bestimmt bezeichnenden Ansprache. Nach der Erkrankung und dem Tode des Königs kamen auch für K. die stillen Zeiten seines Lebensabends. Nachdem er Weihnachten 1867 seine Gattin verloren, starb K. kaum ein Jahr hernach am 10. Decbr. 1868. Es verräth wenig Verständniß für die kirchlichen Parteien unserer Tage, wenn Brockhaus’ Lexikon K. „zu den eifrigen Anhängern des Altlutherthums“ rechnet. Ursprünglich strenger Calvinist, wol gar Prädestinatianer, später der eifrige Freund und Förderer der Evangelischen Alliance, hat K. mit scharfer Betonung des eigenen Glaubensstandpunktes die größte Weitherzigkeit Anderen gegenüber zu verbinden verstanden. Deßhalb ist K. – gewiß auch mit Unrecht – ein Latitudinarier genannt worden. Dagegen hat selbst E. W. Hengstenberg mit Recht geltend gemacht: „In einem Punkte war K. niemals Latitudinarier. So oft es sich um den Glauben an das Wort Gottes handelte, trat er stets für die strengste Auffassung mit aller Entschiedenheit ein.“ Aus dem Schatz seiner litterarischen Erzeugnisse führen wir folgende an: „Salomo und Sulamith“, 1827, 9. Aufl. 1875; „Blicke ins Reich der Gnade“, 1828, 3. Aufl. 1869; „Elias der Thisbiter“, 1828, 6. Aufl. 1874; „Predigt gehalten zu Gemarke“, 1829; Lehrstimmen“, 2 Theile, 1832; „Der Prophet Elisa, Abschiedsworte“, 1835; „Abschiedspredigt“, 1847, 2. Aufl.; „Der scheinheilige Rationalismus“, 1841; „Theologische Replik“. 1846; „Das Adventsbuch“, 1847; „Das Passionsbuch“, 1854; „Die Sabbathsglocken“, 12 Theile, 1851–1858; „Der Christen Wallfahrt nach der himmlichen Heimath“, 3 Theile, [246] 1858; „Daniel, der König von Israel“, 1867; „Christus lebt, ein Oster- und Pfingstbuch“, 1862; „Immanuel Friedrich Sander“, 1860; „Der Weg zum Heil“, 1842; „Der kirchliche Osten und Westen unseres preußischen Vaterlandes“, „Abschiedsgruß und Willkommen, 2 Predigten gehalten bei seinem Amtswechsel zu Berlin und Potsdam“: „Johann Knox und die Königin Maria“; „In wie weit hat der Prediger den Geschmack seiner Hörer zu berücksichtigen?“

Außerdem als Quelle: F. W. Krummacher, eine Selbstbiographie (Berlin 1869). Kögel’s Artikel in der Herzogischen Realencyklopädie für prot. Theologie und Kirche, Bd. 8. Nebe, Zur Geschichte der Predigt, Wiesbaden 1879.