ADB:Tersteegen, Gerhard

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Artikel „Tersteegen, Gerhard“ von l. u. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 576–579, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tersteegen,_Gerhard&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 09:23 Uhr UTC)
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Tersteegen: Gerhard T. (eigentlich ter Stegen, der Name ist völlig gleichlautend mit dem des Kölner Philosophen Gerardus ter Steghen, † 1480), der bekannte reformirte Mystiker und Dichter geistlicher Lieder, wurde im J. 1697 zu Mörs, der Hauptstadt der damals noch unter dem Erbstatthalter der Niederlande, Wilhelm Heinrich von Oranien, der seit 1689 auch König von England war († 1702), stehenden Grafschaft Mörs, geboren. Er ist getauft am 1. December 1697, und zwar neuen Stils, da in Mörs, obschon es evangelisch war, wie in Holland und Seeland der gregorianische Kalender eingeführt war, (in Holland und Seeland sicher seit 1582, in Mörs wahrscheinlich seit 1600, in welchem Jahre es an den Statthalter der Niederlande, Moritz von Oranien-Nassau kam). Als sein Geburtstag wird meistens der 25. November, mitunter (z. B. von Goedeke) der 27. November angegeben; das erstere Datum ist das richtige, wie aus den Angaben in der unten anzuführenden Monographie von Kerlen S. 5 und besonders S. 6 folgt, (der 25. November 1746 war ein Freitag, nicht der 27.). Sein Vater, der Kaufmann Heinrich T., starb schon im September 1703. In demselben Jahre ist unser T. auch schon auf das Gymnasium seiner Vaterstadt gekommen, obschon er erst im 6. Jahre stand. Das Gymnasium litt damals unter den Streitigkeiten zwischen den Generalstaaten und Preußen über den Besitz der Grafschaft (1702 bis 1712) und stand bis 1713 provisorisch unter der Leitung des Conrectors Arnold Merkens. T. erwarb sich gute Kenntnisse in den classischen Sprachen und auch im Hebräischen. Er wünschte Geistlicher zu werden, aber da hierzu die Mittel fehlten, that seine Mutter ihn im J. 1713 ins Geschäft zu seinem Schwager Matthias Brinck nach Mühlheim an der Ruhr, damit er Kaufmann werde. Hier hatte T. eine vierjährige strenge Lehrlingszeit durchzumachen. Er ward während dieser Zeit mit dem Candidaten Wilhelm Hoffmann bekannt, der in Mühlheim in einem kleinen Kreise sogenannte Uebungen, d. h. wöchentliche Erbauungsstunden, leitete; T. ward durch sie zu einem ernsten innerlichen christlichen Leben angeleitet, nahm aber auch bald der officiellen Kirche gegenüber eine zurückhaltende Stellung ein, so daß er die Kirche nicht besuchte und am Abendmahl keinen Antheil nahm, weil er es mit offenbaren Sündern nicht genießen wollte; Hoffmann aber ehrte er zeitlebens als seinen geistlichen Vater. Nach beendeter Lehrzeit gründete er im J. 1717 zu Mühlheim ein eigenes Geschäft; er gab es aber schon im J. 1719 wieder auf, [577] da er glaubte, die Zerstreuung, in die ihn dasselbe hineinziehe, sei seinem innern Menschen nicht gut. Er suchte sich nun ein stilleres Gewerbe und begann eine Art Einsiedlerleben zu führen. Zuerst versuchte er es mit dem Leineweben, als sich das aber mit seiner Gesundheit nicht vertrug, fing er an, seidene Bänder zu weben; von seinem geringen Einkommen blieb ihm bei seiner denkbar einfachsten Lebensweise noch genug übrig, um freigebig Arme zu unterstützen, die er abends, wenn es nicht gemerkt wurde, aufsuchte. Während ihn zuerst diese Lebensweise völlig befriedigte, gerieth er sehr bald in eine lange Zeit äußerer und innerer Anfechtungen, die er später als die ihm von Gott gesandte Prüfungs- und Läuterungszeit ansah; nach fünf Jahren gewann er die frühere Zuversicht zu der versöhnenden Gnade Gottes in Christo wieder, so daß sein Herz nun völlig beruhigt ward. Am Gründonnerstage 1724 verschrieb er sich mit seinem eigenen Blute an Jesum, dem er sich als beständiges Eigenthum nach Leib und Seele ergab. Während er sein Leben weiter durch Bandweben fristete und seine Einsamkeit soweit aufgab, daß er sich im J. 1725 einen Stubengesellen nahm, Heinrich Sommer, den er im Bandweben unterwies, wurde der Abend und Morgen geistlichen Uebungen und schriftstellerischen Arbeiten gewidmet; namentlich übersetzte er erbauliche Schriften solcher Mystiker, die Peter Poiret (vgl. A. D. B. XIII, 122 letzte Zeile), in seiner Schrift „von den Mystikern“ besonders auszeichnete, z. B. von Labadie, Bernières, Gerlach Petersen, auch den Thomas a Kempis u. a. Die Vorreden zu diesen Uebersetzungen sind besonders für seine eigene Stellung und sein inneres Leben bezeichnend. Nun (1726 oder 1727) fing er auf Hoffmann’s Andringen auch an, in den „Uebungen“ selbst öffentlich zu sprechen, und dies geschah bald mit solchem Erfolge, daß man vielerwärts ihn zu hören begehrte. T. wurde dadurch aus seinem einsamen, stillen Leben herausgerissen; er widmete sich immer mehr der geistlichen Berathung und Führung solcher, die zu ihm Vertrauen faßten. Er gab nun 1728 das Bandweben ganz auf und nahm von seinen Freunden Geschenke an, soweit als er derselben für seine eigenen geringen Bedürfnisse und für seine Liebesthätigkeit unter den Armen benöthigt war. Um nicht ganz ohne äußere Thätigkeit zu sein, fing er (wie Christian Friedrich Richter in Halle, vgl. A. D. B. XXVIII, 452), an, Heilmittel, meist einfache Hausmittel zu bereiten, die er an Freunde und Arme abgab und die viel begehrt wurden. Er war nun auch häufig außerhalb Mühlheims thätig in der Privatseelsorge und als Redner in Versammlungen; dabei stand er mit vielen durch ihn Erweckten oder in ihrem geistlichen Leben Geförderten in brieflichem Verkehr und setzte seine schriftstellerische Thätigkeit, in der er jetzt auch eigene erbauliche Schriften herausgab, fort. An manchen Orten stand er auch mit den Geistlichen in gutem Einvernehmen, so daß die von ihm geleiteten Kreise keineswegs nur von separatistischen Bestrebungen erfüllt waren. Den Chiliasten, den Inspirirten und andern ungesunden sectirerischen Neigungen gegenüber zeigte er einen nüchternen Sinn, und namentlich durch sein Verhalten den Herrnhutern gegenüber bewirkte er, daß die Erweckten am Niederrhein sich nicht von der Kirche lossagten. Ja, als im J. 1740 von Düsseldorf aus ein scharfes Conventikelverbot erging, rieth T. nicht nur seinen Freunden, bei der Kirche zu bleiben, so lange nichts wider das Gewissen gefordert werde, sondern trat auch selbst wieder in ein näheres Verhältniß zur Kirche. Namentlich trat er in ein freundschaftliches Verhältniß zu solchen Predigern, die nach Art August Hermann Francke’s in Halle und seiner Schüler Pietisten waren. In den nächsten Jahren nach dem Conventikelverbot trat T. nur in Holland in öffentlichen Versammlungen auf. Erst als im J. 1750 durch Jacob Chevalier wieder am Niederrhein öffentliche Versammlungen zum Zwecke gemeinsamer Erbauung [578] eingerichtet wurden, trat auch T. wieder in solchen zunächst in seinem Hause auf und wußte sich das Recht dazu von der Obrigkeit zu erkämpfen. Zu seinen Reden fand ein außerordentlicher Zulauf statt, wie denn auch oft Leute von weit her angereist kamen, ihn zu hören und sich in ihren besonderen Angelegenheiten von ihm berathen zu lassen. Seine Stube ward von solchen, die bei ihm Belehrung, Rath und Trost suchten, nicht leer. Weil infolge der ungenügenden Rücksicht, die er auf seine Gesundheit dabei genommen hatte, sich beschwerliche Leiden bei ihm einstellten, mußte er jedoch seine Thätigkeit nach einigen Jahren einschränken; nach dem Jahre 1756 konnte er in größern Versammlungen nicht mehr reden und ausgedehntere Reisen nicht mehr unternehmen. Doch blieb er, soweit seine Kräfte es irgend gestatteten, in der angegebenen Weise thätig, und namentlich behielt er bis an sein Ende durch seinen ausgebreiteten Briefwechsel und dann auch durch seine erbaulichen Druckschriften, die fast alle einen persönlichen Anlaß hatten, eine weit über seine nächste Umgebung hinausgehende, einflußreiche Wirksamkeit. Zu seinen erbaulichen Schriften gehören auch seine geistlichen Dichtungen, die schon zu seinen Lebzeiten eine große Verbreitung fanden, und von denen eine größere Anzahl eigentlicher geistlicher Lieder ihn den besten Kirchenliederdichtern an die Seite stellt. Die meisten dieser Dichtungen veröffentlichte T. in einer Sammlung, die er „Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen“ nannte, von der die erste Auflage im J. 1729 (mit Vorrede vom 27. August 1727) bei Böttiger in Frankfurt und Leipzig erschien und von welcher T. selbst sieben Ausgaben, die siebente im J. 1768, herausgab. Die Sammlung enthielt neben „kurzen Schlußreimen“ und anderen kleinen Versen, zu denen dann von der dritten Ausgabe im J. 1738 auch die früher für sich erschienenen Reime „der Frommen Lotterie“ kamen, von Anfang an auch schon eine Abtheilung eigentlicher geistlicher Lieder, die als „geistliche Lieder und Andachten“ bezeichnet in den späteren Ausgaben das „dritte Büchlein des Blumengärtleins“ bilden und zuletzt (1768) auf 111 Nummern angewachsen sind. Wie die ganze Sammlung sollen auch diese Lieder „zur Erweckung, Stärkung und Erquickung in dem verborgenen Leben mit Christo in Gott“ dienen, und ein großer Theil eignet sich auch nur zur privaten Erbauung. In nicht wenigen aber findet sich nach Form und Gehalt die Art eines rechten Gemeindeliedes; wir erinnern nur an die allbekannten Lieder: „Gott ist gegenwärtig“ (schon in der ersten Ausgabe von 1729, wie die beiden folgenden), „Allgenugsam Wesen“, „Mein Erlöser schaue doch“, „Nun so will ich denn mein Leben“, „Brunn alles Heils dich ehren wir“, „Kommt Kinder, laßt uns gehen“, „Ich bete an die Macht der Liebe“ (ursprünglich die vierte Strophe des Liedes: „Für dich sei ganz mein Herz und Leben“) u. a. Als Dichter der deutschen reformirten Kirche steht T. als Dritter neben Joachim Neander (A. D. B. XXIII, 327) und Friedrich Adolf Lampe (A. D. B. XVII, 579); doch überragt er sie an dichterischer Kraft; man hat ihn dann mehrfach mit Angelus Silesius (A. D. B. I, 453) verglichen, mit welchem er die Innigkeit und die Formvollendung gemeinsam hat, den er aber namentlich hinsichtlich der Durchsichtigkeit der Gedanken übertrifft. T. erreichte trotz vielfacher Gebrechen ein Alter von 71 Jahren; im März 1769 ward er von Wassersucht heimgesucht; trotz vieler Noth, die ihm namentlich anhaltende Beklemmungen verursachten, kam keine Klage über seine Lippen. Er starb am 3. April 1769 nach einem tiefen Schlafe. Verheirathet ist er nicht gewesen. – Nach seinem Tode sind seine Schriften häufig wieder herausgegeben, in unserm Jahrhundert namentlich im Verlage von G. D. Baedeker in Essen. Sehr wichtig sind, um ihn kennen zu lernen, die nach seinem Tode herausgegebenen Sammlungen seiner Briefe, von denen eine deutsche in vier Theilen (2 Bänden) erschien Solingen 1773 ff. und [579] eine holländische in einem ersten Theil Hoorn 1772. Auch mancherlei anderes wurde nach seinem Tode aus seinem Nachlaß herausgegeben. Sein „Geistreiches Blumengärtlein“ ist nach der Auflage von 1768 vielfach und bis auf unsere Zeit wieder abgedruckt; eine 15. Auflage gab G. Kerlen „nach Vergleichung mit ältern Ausgaben und Handschriften des Verfassers“ 1855 im schon erwähnten Baedekerschen Verlage heraus. Die erste Biographie Tersteegen’s erschien einzeln und zugleich vor dem dritten Theil der deutschen Briefsammlung (Solingen 1775) von einem „befreundeten Zeitgenossen“. In den neuern Gemeindegesangbüchern der reformirten und der lutherischen Kirche hat eine Anzahl Tersteegenscher Lieder (bis zu 17 hin) Aufnahme gefunden; das Lied: „Gott ist gegenwärtig“ möchte in keinem jetzt eingeführten Gesangbuche fehlen.

Koch, Geschichte des Kirchenlieds u. s. f., 3. Aufl. VI, 46–69. – Gerhard Kerlen, Gerhard Tersteegen, der fromme Liederdichter und thätige Freund der innern Mission; zweite Aufl., Mühlheim a. d. Ruhr 1853. – Derselbe im Piperschen Kalender 1854 S. 210 ff. – Rambach, Anthologie IV, 356 ff. – W. Krafft in Herzog’s Realencyklopädie, 2. Aufl. XV, 334 ff. – Max Goebel, Geschichte des christl. Lebens u. s. f., Bd. 3 S. 289 bis 447. – Goedeke 2. Aufl. III 316, Nr. 124. – James Mearns in John Julian, a dictionary of hymnology p. 1142 ff.