ADB:Schellbach, Karl Heinrich

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Artikel „Schellbach, Karl Heinrich“ von Moritz Cantor in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 747–748, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schellbach,_Karl_Heinrich&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 17:22 Uhr UTC)
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Schellbach: Karl Heinrich Sch., Mathematiker und Schulmann, geboren am 25. December 1805 in Eisleben, † am 29. Mai 1892 in Berlin. Sohn unbemittelter Eltern, hat Sch. unter erschwerenden Umständen die Laufbahn betreten, welche für ihn eine so erfolgreiche sein sollte. Ein selbst in beschränkten Verhältnissen lebender Verwandter, Lehrer am Gymnasium zu Eisleben, schaffte ihm die nothwendigsten Bücher an und erwirkte für ihn eine Freistelle in eben jenem Gymnasium. Erst 1825 verließ Sch. die Schule und bezog die Universität Halle, um Mathematik, Physik und Philosophie zu studiren. Johann Friedrich Pfaff (s. A. D. B. XXV, 592–593), der dortige Mathematiker, starb kurze Zeit nach Schellbach’s Immatriculation, dagegen übte der Physiker Schweigger (s. A. D. B. XXXIII, 335–339) mit seinen phantasiereichen, um nicht zu sagen phantastischen Auffassungen einen mächtigen Eindruck auf den jungen Mann und erweckte in ihm den Plan einer Reise nach dem Orient. Als dieser Plan scheiterte, gewann der Hegelianer Hinrichs (s. A. D. B. XII, 462–463) Einfluß auf Sch., und die allgemeinen philosophischen Ueberlegungen verdrängten bei ihm allmählich bestimmtere wissenschaftliche Untersuchungen. Das Jahr 1829 kam heran, ohne daß Sch. sich für ein besonderes Fach oder für einen besonderen Beruf entschieden hätte. Da wurde ihm durch die Bemühung von Freunden eine Stelle als Lehrer der Naturwissenschaften an einer höheren Mädchenschule in Berlin angeboten und von ihm angenommen. Mit diesem Entschlusse wich die Unklarheit aus Schellbach’s Geiste; sein Lebensziel war fest vorgezeichnet, und er ging, ohne nach rechts oder links abzubiegen, gerade auf dasselbe zu. Durch volle fünf Jahre arbeitete er in seiner berufsfreien Zeit an der Vermehrung seiner mathematischen Kenntnisse und war 1834 so weit, daß er in Jena die Doctorwürde erwerben konnte; eine Staatsprüfung hat er nicht durchgemacht. Dirichlet, mit welchem Sch. während seiner Vorbereitungsjahre in Berlin ebenso wie mit dem Chemiker Mitscherlich genau bekannt geworden war, empfahl ihn aufs wärmste dem Director des Friedrich Werder’schen Gymnasiums in Berlin, sodaß dieser keinen Anstand nahm, ihm eine Lehrstelle für Mathematik und Physik zu übertragen. Im J. 1841 wurde Sch. Professor am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin, und 1843 erhielt er neben dieser Stellung einen Lehrauftrag an der Kriegsakademie und wurde Mitglied der wissenschaftlichen Prüfungscommission. Auch am Gewerbeinstitut und an der Artillerieschule hatte er Unterricht zu ertheilen. Aber Sch. ließ sich an dieser fast erdrückenden Lehrthätigkeit, in welcher er bis 1889 beharrte, nicht genügen. Mit Freuden begrüßte er 1855 die Gründung eines durch ihn zu leitenden mathematisch-pädagogischen Seminars, welches den Zweck hatte, junge Mathematiker in die schwierige Kunst des Unterrichtens einzuführen. Endlich ging eine schriftstellerische Thätigkeit nebenher, welche Arbeiten von bleibendem Werthe zu Tage förderte. Wir nennen die Kegelschnitte (1843), die darstellende Optik von Sch. und Engel (1851), die von G. Arendt bearbeiteten Elemente der Mechanik (1860) und die von A. Bode und E. Fischer herausgegebenen Aufgaben aus der Lehre vom Größten und Kleinsten (1860), [748] ferner die Sammlung und Auflösung mathematischer Aufgaben von E. Fischer (1863), welche letztere drei Bücher aus Schellbach’s Seminarübungen hervorgegangen sind. Wir nennen die Lehre von den elliptischen Integralen und den Theta-Functionen (1864), welche die praktische Seite jener Theorie, ihre Anwendung auf mancherlei Aufgaben der Mechanik, der Astronomie und Physik in den Vordergrund treten läßt. Wir nennen Abhandlungen mathematischen und physikalischen Inhalts in Crelle’s Journal, in Poggendorff’s Annalen, in der Zeitschrift für den physikalischen und chemischen Unterricht. Schellbach’s didaktisches Glaubensbekenntniß findet sich in zwei Programmen, in dem von 1866: „Ueber den Inhalt und die Bedeutung des mathematischen und physikalischen Unterrichts auf unseren Gymnasien“, und in dem von 1887: „Ueber die Zukunft der Mathematik an unseren Gymnasien“. Die bloße Herzählung der lehrenden Aufgaben, die an Sch. der Reihe nach herantraten, läßt seinen stetig wachsenden Einfluß in den den Unterricht leitenden Regierungskreisen erkennen. Folge desselben und zugleich Ursache eines sich stets noch steigernden Einflusses war die Menge hervorragender Persönlichkeiten, deren Lehrer zu sein er sich rühmen durfte. Im Seminar waren Clebsch, Carl Neumann, Weingarten, Fuchs, Königsberger, H. A. Schwarz, Felix Müller, G. Cantor und viele Andere seine Schüler; in privatem Unterrichte machte er Kaiser Friedrich III. als Kronprinzen mit den mathematischen Wissenschaften bekannt. Da konnte es gar nicht anders kommen, als daß Sch., dessen heitere Liebenswürdigkeit, dessen freundliche Milde, dessen stete Berücksichtigung der Persönlichkeit des Unterrichteten ihm alle Herzen gewann, der Rathgeber deren blieb, welchen er Lehrer gewesen war, und so tritt Schellbach’s Name beispielsweise in der Geschichte der Gründung der Sonnenwarte in Potsdam, wie der physikalisch-technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg zum Vorschein. Für die erstere wußte Sch. das Interesse des kronprinzlichen Ehepaares zu gewinnen, und in Schellbach’s Wohnung fand auf eine von ihm ausgehende Einladung hin die erste Besprechung statt, aus welcher die Anregung zur Errichtung der zweiten hervorging. Schellbach’s Werk war es auch zu einem großen Theile, daß seit 1860 der Unterricht in den oberen Gymnasialclassen, ohne sich seines humanistischen Charakters zu entkleiden, den mathematischen und physikalischen Wissenschaften eine Gleichberechtigung mit den alten Sprachen zuerkannte. Zuerst in Preußen siegreich, hat dieser Gedanke allmählich ganz Deutschland in dem Grade erobert, daß schließlich die Sprachwissenschaften sich mit dem Aufgebote aller Kraft gegen das Uebergewicht der realen Wissenschaften zu wehren haben. Es kann fast auffallend erscheinen, daß unter diesen Umständen Schellbach’s mathematisch-pädagogisches Seminar ihn nicht überdauerte. War es allzusehr auf seine Persönlichkeit zugeschnitten oder waren neuere pädagogische Einrichtungen in der That vorzuziehen, jedenfalls ist jenes Seminar eingegangen.

Vgl. Felix Müller, Chronik des von dem Herrn Professor Schellbach geleiteten mathematisch-pädagogischen Seminars 1855–1880 (Berlin 1880), und Felix Müller, Gedächtnißrede auf Karl Heinrich Schellbach gehalten in der Aula des kgl. Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums am 29. October 1892 (Berlin 1893).