ADB:Schläfli, Ludwig

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Artikel „Schläfli, Ludwig“ von Moritz Cantor in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 29–31, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schl%C3%A4fli,_Ludwig&oldid=- (Version vom 20. Oktober 2019, 04:18 Uhr UTC)
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Schläfli: Ludwig Sch., Mathematiker, geboren am 25. Januar 1814 in Graswyl in der Schweiz, † am 20. März 1895 in Bern. Graswyl war die Heimath von Schläfli’s Mutter, Burgdorf die seines Vaters, und bald nach Ludwig’s Geburt siedelte die Familie nach Burgdorf über, wo der Vater seine anwachsende und heranwachsende Familie durch Handel ernährte. Mathematische Begabung scheint zum Erbgute der Familie gehört zu haben, und ein jüngerer, später verkommener Bruder Ludwig’s war geradezu berühmt als Kopfrechner. Ludwig’s Neigungen gingen auf höhere mathematische Gebiete, und 15jährig trieb er für sich Differentialrechnung auf Grundlage des ersten Bandes von Kaestner’s Analysis des Unendlichen, der in seine Hände gefallen war. Zum Kaufmann eignete sich Ludwig Sch. dagegen weniger. Der Vater hatte ihn mit einem Korb voll Waaren in die umliegenden Dörfer hausiren geschickt, aber der Knabe machte die denkbar schlechtesten Geschäfte, weil er nicht begreifen konnte, daß man einen Gegenstand theurer verkaufe, als man ihn eingekauft habe. Der so mißglückte Versuch gab den Ausschlag, und mit einem ihm bewilligten Stipendium bezog der nur zum Studium taugliche Sch. 1829 das Berner Gymnasium. Nach zweijährigem Aufenthalte auf dem Gymnasium wurde Sch. 1831 in die sogen. Akademie promovirt, von 1833–1834 war er Zögling des vordem Pestalozzi’schen Institutes in Yverdon, 1834 bezog er die inzwischen aus der Akademie entstandene Universität Bern, und zwar als Studirender der Theologie. Nachdem er im Spätherbste 1836 eine Prüfung bestanden, wurde Sch. zum Lehrer der Mathemattk und der Naturlehre an der Bürgerschule in Thun gewählt, und er nahm die Stelle an, wiewohl die Bezahlung so gering war, daß Andere dieselbe ausschlugen. Sch. mußte einen Erwerb haben, mochte dieser noch so dürftig sein. Noch das ganze Jahr 1837 hindurch besuchte Sch. von Thun aus [30] einmal wöchentlich die Universität Bern, dann machte er ein vorzügliches theologisches Staatsexamen. Aber als er, um eine Probepredigt zu halten, an einem kalten Wintermorgen durchfroren nach Bern kam, und anstatt, wie ihm in der Einberufung gesagt war, um 10 Uhr erst um 1 Uhr die Kanzelbesteigen sollte, erklärte er, nun könne er nicht mehr predigen. Allerdings scheint er bei einer anderen Gelegenheit doch noch eine Probepredigt gehalten zu haben, da es eine Thatsache ist, daß Ludwig Schläfli in dem Berner Verzeichnisse der zum Pfarramte berechtigten Personen vorkommt, was ohne Probepredigt undenkbar ist. Ein wirkliches Pfarramt hat er aber niemals inne gehabt, und wir dürfen den Grund in dem Geständnisse suchen, welches er seinen Eltern schon am Abend der glücklich bestandenen Staatsprüfung gemacht, daß er nicht Alles glaube.

Sch. blieb bis 1847 an der Schule in Thun, seine Zeit theilend zwischen botanischen und mathematischen Studien und Arbeiten einerseits und einem für die begabten Schüler ungemein anregenden, für die Mehrzahl unfruchtbaren weil zu hohen Schulunterricht andererseits. In die zweite Hälfte dieses 10jährigen Aufenthalts in Thun fiel 1843 eine für Schläfli’s Entwicklung unendlich wichtige Reise nach Rom. Sch. stand im Begriffe nach Berlin zu reisen, um den dort lebenden hervorragenden Mathematikern, vorab dem Schweizer Jacob Steiner, näher zu treten, als dieser plötzlich in Bern erschien und dort persönlich mit Sch. bekannt wurde. Schläfli’s rasche mathematische Fassungsgabe sowie seine Sprachkenntnisse flößten Steiner Bewunderung ein. Von Letzteren glaubte er in Italien einen angenehmen Gebrauch machen zu können, und er veranlaßte deshalb Sch. sich ihm, Jacobi, Dirichlet und Borchardt zu einem Aufenthalte in Rom anzuschließen, während er den Berliner Freunden den neugeworbenen Reisegefährten durch die Worte anpries, der sei ein ländlicher Mathematiker bei Bern, für die Welt ein Esel, aber Sprachen lerne er wie ein Kinderspiel, den wollten sie als Dolmetscher mit sich nehmen. Wenn bei anderer Gelegenheit Steiner Sch. als den genialsten Tölpel bezeichnet hat, der ihm in der Welt vorgekommen sei, so ist mit diesen beiden Redewendungen das beiderseitige Verhältniß klargelegt, das darauf hinauslief, daß Steiner in Sch. einen Mann von staunenswerthen Fähigkeiten und nicht minder staunenswerther Gutmüthigkeit und Ausbeutbarkeit erkannte. Sch. bat um Urlaub, der ihm unter der Bedingung gewährt wurde, daß er in Thun auf eigene Kosten für einen Stellvertreter sorge, borgte sich Reisegeld und verließ Bern am 1. October 1848 in Gesellschaft von Steiner und Borchardt, mit den Anderen traf man in Rom zusammen. Erst am 25. April 1844 kam Sch. wieder in Thun an. Seine Geldverhältnisse waren noch knappere geworden, aber sein mathematischer Horizont hatte sich unendlich erweitert. Er war mit Männern, welche zu den höchsten Spitzen der Wissenschaft zählten, in täglichem Verkehre gestanden, er hatte für Steiner, für Jacobi Abhandlungen ins Italienische übersetzt, er war von ihnen wie von italienischen Fachgenossen als Ihresgleichen behandelt worden. Um so mehr drängte es ihn hinaus aus dem engen Schulkreise, der ihm so wenig paßte, als er sich für ihn geeignet fühlte. Er bewarb sich im Frühjahr 1847 um die in der Berner Universität damals erledigte Professur der Physik, Mathematik und Astronomie, oder vielmehr um einen Theil derselben, da die Anstellung von drei Lehrkräften für die bis dahin vereinigt gewesenen Fächer beschlossen wurde. Sch. wurde auch ernannt, aber zunächst nur mit Aussicht auf Honorar. Vom 1. April 1848 an bezog Sch. die Privatdocentenbesoldung von 400 Francs jährlich, und erst 1853 wurde ihm unter Ernennung zum außerordentlichen Professor ein Jahresgehalt von 1200 Francs. Bis dahin [31] hatte Sch. buchstäblich gehungert, da er durchaus vermögenslos war und auf das an sich unbedeutende Erbe, welches bei dem Tode der Eltern ihm hatte zufallen sollen, zu Gunsten einer unglücklichen, blödsinnigen Schwester verzichtet hatte. Nur eine unglaubliche Bedürfnislosigkeit und wenige Privatstunden, zu welchen Freunde ihm verhalfen, sowie ein Honorar von 760 Francs, welches eine im Januar 1851 von der Wiener Akademie angenommene Abhandlung ihm eintrug, ließen ihn kümmerlich durchkommen. Jetzt war er einigermaßen gesichert. Hülfeleistung bei einer Versicherungsanstalt (der schweizerischen Nationalvorsichtscasse in Bern) verbesserte seine Lage weiter und gestattete ihm, den Grundstock zu einem bescheidenen Vermögen zu legen. Abermalige Aufbesserungen des Gehaltes erfolgten 1863 auf 1400 Francs, 1872 unter Ernennung zum ordentlichen Professor auf 2000 Francs, 1873 auf 3000 Francs, 1879 auf 4000 Francs. Jede Aufbesserung mußte der Regierung mühsam abgerungen werden, ein Kampf, bei welchem Schläfli’s Freunde und Schüler viel wirksamer eintraten, als der bescheidene Gelehrte selbst. In Fachkreisen achtete man Sch. hoch und erwies ihm die Ehren, welche gelehrte Gesellschaften zu erweisen vermögen, in der engeren Heimath wußten nur Wenige, was die Berner Hochschule an ihm besaß. Schläfli’s Lehrthätigkeit dauerte bis zum Sommers 1891 einschließlich. Von da an beschränkte er sich auf schriftliche Arbeiten, die zuletzt wieder den Sprachwissenschaften galten. Er hatte für sich Sanskrit getrieben und arbeitete an einer Uebersetzung des Rigveda, vor deren Vollendung er mit über 81 Jahren aus dem Leben schied.

Schläfli’s mathematische Leistungen erstrecken sich über das Eliminationsproblem, über bestimmte Integrale, über die Geometrie mehrdimensionaler Räume, ohne daß mit dieser Angabe behauptet werden wollte, er sei ausschließlich auf den genannten drei Gebieten thätig gewesen. Ueberdies ist nur der geringere Theil seiner mathematischen Arbeiten gedruckt, und der wohlgeordnete schriftliche Nachlaß verspricht noch manche Ausbeute, wie bereits manches Wichtige durch die Veröffentlichung von Schläfli’s Briefwechsel mit Steiner bekannt geworden ist, ein Briefwechsel, der von 1850 bis 1856 sehr eifrig geführt wurde, bis er über eine Prioritätsstreitigkeit, bei welcher Steiner im Unrecht gewesen zu sein scheint, aufhörte.

Vgl. Ludwig Schläfli. Zum Andenken an die Errichtung des Grabmonumentes Schläfli’s und an die Beisetzung der sterblichen Reste Jakob Steiner’s anläßlich der hundertjährigen Feier des Geburtstages des Letzteren am 18. März 1896 von J. H. Graf (Bern 1896). – J. H. Graf, Der Briefwechsel zwischen Jakob Steiner und Ludwig Schläfli, Festgabe der Bernischen Naturforschenden Gesellschaft an die Zürcherische Naturforschende Gesellschaft anläßlich der Feier des 150jährigen Bestehens der Letzteren (Bern 1896).