ADB:Schlez, Johann Ferdinand

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Artikel „Schlez, Johann Friedrich Ferdinand“ von Binder. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 481–483, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schlez,_Johann_Ferdinand&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 03:53 Uhr UTC)
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Band 31 (1890), S. 481–483 (Quelle).
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Schlez: Dr. Johann Friedrich Ferdinand S., großherzogl. hessischer Kirchenrath, verdienstvoller Jugend- und Volksschriftsteller, geboren am 27. Juni 1759 zu Ippesheim in Baiern, † am 7. September 1839 zu Schlitz in Oberhessen. Der Vater war Pfarrer in Ippesheim und von ihm erhielt der Sohn den ersten Unterricht. 1773 fand der Knabe Aufnahme als Chorschüler an dem damaligen Gymnasium zu Windsheim; hier verblieb S. bis 1776, worauf ein zweijähriger Unterricht des Pfarrers Barchewitz in Herrenbergtheim ihn zum Uebertritt auf die Universität befähigte; in Jena widmete er sich von 1778–81 dem Studium der Theologie, wobei ihn besonders die Vorlesungen von Danov, Griesbach und Eichhorn anzogen. Nach Beendigung seiner Universitätsstudien kehrte S. in das väterliche Haus zurück, wo er dann bei seinem Vater die Stelle eines Hülfsgeistlichen versah; indessen starb der Vater nicht lange nachher und der Sohn wurde dessen Amtsnachfolger. 1793 verehelichte sich S. mit Johanna Bauer, einer Tochter des Hofpredigers und Consistorialrathes Bauer in Castell. In dieser seiner pfarramtlichen Wirksamkeit fand er Zeit und auch Anlaß, seiner Neigung entsprechend seine Thätigkeit auch den Interessen der Schule und der Volksbildung überhaupt zuzuwenden und sich schriftstellerisch auf diesem Gebiete zu versuchen, wobei sofort seine bedeutende Begabung als Jugend- und Volksschriftsteller sowie als Schulmann hervortrat. Die Zustände der Schule seines Pfarrortes Ippesheim, die unter der ungeschickten Leitung eines alten derben Lehrers stand, gaben S. Stoff zu seiner 1795 herausgegebenen Schrift „Gregorius Schlaghart und Lorenz Richard oder die Dorfschule zu Langenhausen und Traubenheim, ein Erbauungsbuch für Landschullehrer“. 3. Aufl. Nürnberg 1813. Dieses Buch fand den Beifall des damaligen kurfürstlich sächsischen Gesandten am Münchener Hofe, des Grafen Karl v. Görtz zu Schlitz und lenkte dessen Augenmerk auf den Verfasser, den er dann 1799 als Inspector und Consistorialrath nach Schlitz berief, welche Stelle S. im folgenden Jahre antrat. Die Verhältnisse des dortigen Kirchen- und Schulwesens erheischten eine durchgreifende verbessernde Umgestaltung. Dem [482] Wunsch des Grafen und dem Bedürfniß entsprechend arbeitete S. zunächst ein kirchliches Gesangbuch aus, das schon 1801 eingeführt wurde. Seine Hauptthätigkeit wandte er aber dann dem Schlitzer Schulwesen zu, und hier richtete sich vor allem sein Bestreben auf eine gediegenere Ausbildung der Lehrer als die Hauptbedingung eines erfolgreichen Unterrichts; dann sorgte er aber auch für das zweitnächste Erforderniß, die ökonomische und sociale Verbesserung des Lehrerstandes, durch eine auskömmliche Besoldung. Ein gleiches Interesse bethätigte er in der Förderung des Unterrichts selbst durch verschiedene Maßnahmen, durch Beschaffung ausreichender geeigneter Lehrmittel, sowie durch die Herstellung zweckmäßiger Lehrräume. Zu Unterrichtszwecken schrieb S. zugleich neben der Abfassung des genannten Gesangbuches eine verbesserte Fibel, die er unmittelbar nach dem Erscheinen des Gesangbuches drucken und in Gebrauch treten ließ; in Verbindung damit führte er zugleich zur Förderung des Leseunterrichts nach dem Vorgange Stephani’s die Lautirmethode ein, deren Anwendung er schon zuvor in Ippesheim sein Interesse zugewendet und Versuche angestellt hatte. Neben seinem geistlichen und pädagogischen Wirken entfaltete S. ein fruchtbares, unmittelbar in dem praktischen Leben begründetes litterarisches Schaffen auf dem Gebiete der Pädagogik der Volksschule. Gleich seine erste Schrift „Gregorius Schlaghart“ ist den Beobachtungen in der Schule zu Ippesheim entnommen, wo der Unterricht in mechanischer geistloser und die Erziehung in meist roher Behandlung war. Diese Schrift behandelt eine Gegenüberstellung der hergebrachten, damals allenthalben üblichen, äußerlichen und rauhen Weise des Unterrichts sowie der Zucht und der zu jener Zeit gerade aufstrebenden neuen philanthropischen Schulpraxis. Auch sein weiteres, einst sehr verbreitetes, in vielfacher, zuerst 1811, zuletzt 1851 in 19., von Sackreuter bearbeiteter Auflage erschienenes Schulbuch „Der Denkfreund, ein Lehr- und Lesebuch für evangelische Volksschüler“ ist gleichfalls auf den Erfahrungen und den Bedürfnissen der Schule begründet und war ursprünglich für die oberste Knabenclasse der Schlitzer Stadtschule geschrieben. Behufs methodischer Behandlung des Leseunterrichtes, insbesondere zur Förderung der Lautirmethode, stellte S. mehrere nach ihr eingerichtete Lesefibeln zusammen. Nach Rochow’s Principien schrieb er den „Kinderfreund, ein lehrreiches Lesebuch für Landschulen“, das 1844 in 5. Auflage erschien. Für den Gebrauch des Lehrers bestimmte er das „Handbuch für Volksschullehrer“, 5 Bde. 2. Aufl. 1832; außer diesen und mehrerern anderen hier nicht aufgeführten, für die didaktischen Zwecke des Elementarunterrichts verfaßten Schriften schrieb S. auch zur Förderung des Religionsunterrichts einen „Leitfaden beim ersten Unterricht in der christlichen Religion“. 2. Aufl. 1795–96. Seine weiteren Schriften wie „Lorenz Richard’s Unterhaltungen mit seiner Schuljugend über den Kinderfreund des Herrn v. Rochow“, die „Geschichte“ des Dörfleins Traubenheim“, ferner die „Sittenlehren in Beispielen“ (4. Aufl., 1807–24), seine Fabeln, Parabeln, sowie seine in verschiedenen Almanachen und Zeitschriften veröffentlichten, oft recht launigen Gedichte, besonders sein „Mildheimer Liederbuch“ lassen uns S. als begabten Jugend- und Volksschriftsteller und Dichter erkennen. Seine vielfachen Verdienste vor allem hinsichtlich der Volksschule fanden Anerkennung und ehrenvolle Auszeichnung: anläßlich seines 50jährigen Amtsjubiläums am 27. November 1831 verlieh ihm der Großherzog von Hessen das Ritterkreuz des großherzogl. Ludwigsordens und die Gießener theol. Facultät die Doctorwürde. S. war ein Mann, der in seinem Fühlen und Denken gerne im öffentlichen Leben sich bewegend, dort die geistigen Bedürfnisse des Volkes erkannte und in Kirche wie Schule, in seinem amtlichen wie schriftstellerischen Wirken dem Fortschritte der Zeit gemäß denselben gerecht zu werden bestrebte. Was er schrieb, war aus der Erfahrung des praktischen Lebens genommen, insbesondere sind seine [483] pädagogischen Schriften die Frucht seines Umgangs und seiner Beschäftigung mit der Jugend; sie haben, weil auf unmittelbarer gesunder Erkenntniß beruhend, seinerzeit sehr viel in weitem Kreise zur Entwickelung der Volksschule beigetragen. S. war eine anspruchslose, gemüthsreiche Persönlichkeit und ein heiterer Gesellschafter, der Scherz und Laune mit dem Ernst des Lebens und seines Amtes wohl zu verbinden verstand; manche seiner Gedichte geben davon Zeugniß, eines oder das andere ist sogar Volkslied geworden. Es war ihm in hohem Maaße die Gabe eigen, in volksthümlicher klarer Weise zu schreiben und den Stoff mit Geschick für den gesetzten Zweck zu sichten und zu verwerthen. 1832 trat S. infolge seines hohen Alters in den Ruhestand.

Vgl. Nekrolog v. Dr. W. Diefenbach in der „Didaskalia“, Jahrg. 1839, Nr. 260. – Nekrolog in der „Allgemeinen Schulzeitung“, Jahrg. 1840, Nr. 200.
Binder.