ADB:Schradin, Johann

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schradin, Johann“ von Wilhelm Heyd in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 438–440, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schradin,_Johann&oldid=- (Version vom 22. September 2019, 14:47 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Schradin, Niklaus
Band 32 (1891), S. 438–440 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johannes Schradin in der Wikipedia
GND-Nummer 124436242
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|32|438|440|Schradin, Johann|Wilhelm Heyd|ADB:Schradin, Johann}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=124436242}}    

Schradin: Johann S., Pfarrer und Dichter, ist um den Beginn des 16. Jahrhunderts zu Reutlingen geboren. Obgleich er Theologie studirt hatte, diente er seiner Vaterstadt zunächst 9 Jahre lang (etwa zwischen 1524 und 1533) als lateinischer Präceptor. Frühe schloß er sich der Reformation an im Einklang mit der großen Mehrheit der Bürgerschaft, welche in dem freimüthigen Prediger Matthäus Alber ihr geistiges Haupt erkannte. Während Alber im Kirchenamt erfolgreich [439] waltete, pflog S. regen schriftlichen Verkehr mit fremden Theologen, sowohl mit solchen, die auf Luther’s Seite standen, wie Melanchthon und Brenz (später auch mit Jakob Andreä), als mit Zwingli und mit Andern, die mehr oder minder zu den Schweizern hinneigten, wie Capito und Bucer. Wenn die letztgenannten mitunter in seinen (jetzt verlorenen) Briefen an sie maßhaltendes Urtheil und liebreiche Gesinnung vermißten, so bekommt man denselben Eindruck beim Durchlesen der Streitschrift gegen den Ulmer Konrad Sam (A. D. B. XXX, 304), in welcher S. scharf, ja derb polemisirend für Luther’s Abendmahlslehre eintrat (1527). Für sich weniger zum Streit geneigt gegen die Vertreter verwandter Bekenntnisse wußte sich Alber mit S. doch eins auf dem Boden des wesentlich lutherischen Standpunkts. Er zog ihn deshalb zur Mitarbeit an der Kirchengemeinde heran als zweiten Geistlichen (Helfer) und gesellte ihn sich als Begleiter bei auf Reisen in kirchlichen Angelegenheiten. Zwar als im J. 1529 zu Marburg das bekannte Religionsgespräch gehalten wurde, ging S., der damals noch Präceptor war, allein hin und wurde zu den eigentlichen Verhandlungen nicht beigezogen; dagegen reisten beide im J. 1536 nach Wittenberg, wo unter ihrer Mitwirkung die nach dieser Stadt benannte Concordie zu Stande kam, und 1537 nach Urach zu dem sogenannten Götzentag, wo S. im Gegensatz zu dem gemäßigteren Alber und mehr im Sinne der Schweizer Theologen die durch Herzog Ulrich von Württemberg aufgeworfene Frage, ob die Bilder in den Kirchen zu belassen, verneinte. Als Karl V. mit immer größerer Feindseligkeit den Protestanten gegenübertrat, zeigten sich Geistlichkeit und Bürgerschaft von Reutlingen zum Widerstand gegen den Kaiser fest entschlossen und angesichts des ausbrechenden schmalkaldischen Kriegs schickte S. unter offener Nennung bezw. Andeutung seines Namens zwei Lieder in die Welt hinaus (1546), welche zu solchem Widerstand aufrufen und ermuthigen: der Kaiser habe allen Anspruch auf Gehorsam dadurch eingebüßt, daß er des Papstes Dienstmann geworden sei und die Deutschen unter sein und des Papstes Joch beugen wolle, der Sieg werde denen nicht fehlen, welche für die deutsche Freiheit und das Wort Gottes streiten. Diese Lieder voll patriotischen und religiösen Schwungs haben S. einen ehrenvollen Platz unter den Dichtern der Reformationszeit gesichert, aber vielleicht dazu beigetragen, daß er seine Vaterstadt längere Zeit meiden mußte. Denn als Reutlingen sich dem Interim fügen mußte (4. Juli 1548), da konnten so entschiedene Vorkämpfer des Protestantismus wie S. nicht im Amte, ja nicht einmal in der Stadt bleiben. Anfangs ohne festen Aufenthalt, eine Zeit lang in Neuffen weilend, erlangte S. endlich eine Pfarrstelle in dem Dorfe Frickenhausen (zwischen Neuffen und Nürtingen); um 1553–54 aber wurde er Hofprediger des Grafen Georg von Württemberg, welchem die Grafschaft Mömpelgard[WS 1] zugefallen war. In dieser Eigenschaft segnete S. (10. September 1555) den Ehebund ein, welchen Georg noch in späten Jahren mit der Prinzessin Barbara von Hessen schloß, er vollzog aber nicht auch, wie fälschlich berichtet wird, die Taufe des dieser Ehe entsprossenen Prinzen Friedrich, durch dessen Geburt (19. August 1557) der Mannesstamm des württembergischen Herzogshauses vor dem Aussterben bewahrt worden ist. Schon vor diesem Ereigniß hatte S. wieder eine Pfarrstelle in seiner Vaterstadt angenommen (Georgii 1557), wo er zwischen dem 6. November 1560 und dem 9. Februar 1561 gestorben sein muß.

Gayler, Historische Denkwürdigkeiten von Reutlingen (1840). – Hartmann, Matthäus Alber (1863). – Friedrich, Die Schulverhältnisse Reutlingens zur Zeit der freien Reichsstadt (Reutl. Progr. 1, 1887). – Fizion, Cronica von Reuttlingen (herausgegeben von Bacmeister 1862) S. 283 f. – Scheffer, hdschr. Geschichte von Mömpelgard. – Die Lieder des Jahres 1546 s. bei Liliencron, hist. Volksl. der Deutsch. 4, 302–319, vgl. dazu Voigt in [440] Raumers Taschenbuch 1838, S. 350, 488, 495 ff. – Briefe Verschiedener an S. gab Förstemann heraus in den Neuen Mittheilungen aus dem Gebiet hist.-antiq. Forschungen Bd. I, H. 4, S. 129 ff. (= Corp. Ref. 4, 1011), II, H. 1, S. 86 ff., VII, H. 3, S. 65 ff.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Montbéliard (Burgundische Pforte)