ADB:Seel, Wilhelm Heinrich

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Artikel „Seel, Wilhelm Heinrich“ von Friedrich Wilhelm Cuno in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 575–576, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seel,_Wilhelm_Heinrich&oldid=- (Version vom 24. Juli 2019, 02:44 Uhr UTC)
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Seel: Wilhelm Heinrich S., reformirter Theolog, hervorragend als Leiter des oranisch-nassauischen Kirchenwesens, geboren am 23. März 1725 zu Neunkirchen auf dem Westerwalde, † am 21. April 1793 zu Herborn. S. stammt aus einer alten nassauischen Pastorenfamilie, deren Ahnherr Adam S. als Schultheiß zu Straßebersbach während des dreißigjährigen Krieges und nach demselben lebte. Den ersten Unterricht erhielt S. im Hause seines Vaters, des Pastors Johann Daniel S. zu Freudenberg, dann zu Hachenburg und zuletzt zu Neunkirchen im freien Grunde, von Candidaten des Predigtamtes. Im Herbste 1741 bezog er das Pädagogium in Herborn, wo er von 1747 an den theologischen Studien unter den Professoren Schramm, Claessen, Rau, Mieg, Florin sich widmete. 1749 erhielt er nach glänzend bestandenem Examen die Pfarrstelle zu Hamm an der Sieg. Von hier kam er 1755 nach Schöneberg und 1764 nach Kroppach. Von letzterem Orte wurde er im November[WS 1] 1771 als Oberconsistorialrath und Pastor primarius nach Dillenburg berufen. Drei Jahre später wurde er auch zum Ephorus des dasigen Pädagogiums ernannt. Schon frühe hatte S. die Aufmerksamkeit seiner Landesherrschaft auf sich gezogen. Während seiner Wirksamkeit in Hamm veröffentlichte er i. J. 1752 eine „Lob- und Gedächtnißrede auf den Prinzen Wilhelm Carl Heinrich Friso von Oranien“, mit der Widmung an die hochmogenden Herren Generalstaaten und an die Wittwe dieses Fürsten. In demselben Jahre gab er ferner heraus: „Freundschaftliche Briefe über anmuthige Wahrheiten.“ Von größerer Bedeutung waren seine i. J. 1789 veröffentlichten „Briefe über das Preußische Religions-Edict“. Auch die 1791 erschienene Schrift „Plan Gottes zur Erziehung und Beseligung des Menschengeschlechtes durch Jesum“ erfreute sich in jener trostlosen Zeit der religiösen Gleichgiltigkeit der Beachtung aller ernsten, Gott ehrenden Menschen. Weniger glücklich war S. mit seiner Bearbeitung der Psalmen Davids für den kirchlichen Gebrauch. Bisher wurden in den deutschen reformirten Kirchen die Lobwasser’schen Psalmen mit den herkömmlichen Kirchenliedern gesungen. Die Lobwasser’schen Reime entsprachen aber weder in poetischer noch sprachlicher Hinsicht den Anforderungen der Zeit. Daher war das Unternehmen Seel’s, die Psalmen einer neuen poetischen Bearbeitung zu unterziehen, gewiß ein sehr löbliches. Aber während die gleichzeitige Psalmbereimung des hochdeutschen Pastors Matthias Jorissen im Haag classisch sowohl in Betreff der dichterischen Form wie der Textwiedergabe zu nennen ist und sich noch heute großer Anerkennung erfreut, kann ein ähnliches Urtheil nicht auf die Bearbeitung Seel’s Anwendung finden, welche als erster Theil des „Neuen Gesangbuches für die Reformirte Kirche der Oranien-Nassauischen Lande“ i. J. 1786 erschien. Denn es ist in ihr vielfach der Einfluß des Zeitgeistes zu spüren, welcher oft sehr die dem Texte der Psalmen innewohnende Kraft und Geistesfrische vermissen läßt. So beginnt S. den zweiten Psalm mit den Worten: 1. Warum, ihr Heiden, tobet ihr? Ihr Völker, wähnet Tand? Ihr Erdenkönige, auch ihr? Ihr Fürsten in dem Land? 2. Warum beschließt ihr wider Gott und den gesalbten Sohn, den Frevelrath und sprechet Spott auf Gott und seinen Thron? u. s. w. Ein Vergleich mit Lobwasser fällt da kaum zu Gunsten Seel’s aus.

[576] S. war ein gemüthvoller Prediger und stand mit Treue und Eifer dem oranien-nassauischen Kirchen- und Schulwesen vor. In eine eigenthümliche Stellung sah er sich zu dem religiösen Schwärmer Daniel Müller aus Wissenbach bei Dillenburg versetzt. Dieser wüthete mit dem Fanatismus der alten Petrobrusianer, gleich den Darbysten unserer Tage, gegen alles äußere Kirchenthum, ja selbst gegen das kirchliche Dogma; nur den Buchstaben der h. Schrift wollte er heilig gehalten wissen. In mystischer Weise sah er sich für Gottes Sohn an, der am Ende der Tage gekommen sei, um die Wahrheit Gottes zu verkündigen. Mit S. trat er in Correspondenz, in welcher er denselben für seine vermeintliche Offenbarung zu gewinnen suchte. S. tolerirte in seiner Gutmüthigkeit die sehr freimüthige Sprache dieses confusen Menschen, vertheidigte aber kräftig die geschichtliche Wahrheit des Christenthums und wies ihn mit vieler Umsicht zurecht. Auch sorgte er dafür, daß man denselben von Seiten der Obrigkeit nicht verfolgte. Gegen Ende des Jahres 1782 verschwand Müller; er soll in die Ferne gezogen und in der Nähe Hamburgs, unter schrecklichen Gotteslästerungen, sich entleibt haben.

Der Tod ereilte S. unversehens. Es war an einem Sonntage, wo er in dem benachbarten Herborn den Professor Fuchs als ersten Prediger in der Kirche einführte, da ihn vor dem Abendmahlstische plötzlich ein Schlagfluß traf. Nachdem er noch die Worte aus Joh. 10: „Ich bin ein guter Hirte – und lasse mein Leben für die Schafe“ gesprochen, sank er zu Boden und wurde in die nahe Behausung des Präceptors Konrad Otterbein gebracht, in welcher er wenige Stunden nachher verschied, wie das Dillenburger Kirchenbuch in rührender Weise erzählt. Er hinterließ aus zwei Ehen mehrere Kinder, deren Nachkommen noch theilweise in Dillenburg leben.

Matth. Dahlhoff, Geschichte der Grafschaft Sayn. Dillenburg 1874. – Kretzer, Geschichte der latein. Schule und des Pädagogs zu Dillenburg. Herborn (1818). – Illgen, Zeitschrift für histor. Theologie f. d. J. 1834. – Dillenburger Kirchenbuch. – Handschriftliches.

Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. Vorlage: ovember