ADB:Sohr, Wilhelm Heinrich

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Artikel „Sohr, Wilhelm Heinrich“ von Colmar Grünhagen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 550–551, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sohr,_Wilhelm_Heinrich&oldid=- (Version vom 22. August 2019, 01:07 Uhr UTC)
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Sohr: Wilhelm Heinrich S., verdienter Verwaltungsbeamter und Schriftsteller, † als Oberregierungsrath a. D. am 11. October 1861 zu Breslau. Geboren am 22. November 1785 in der damals noch kursächsischen Stadt Görlitz als Sohn des Stadtrichters, nachmaligen Bürgermeisters Sam. Aug. S., besuchte er das Gymnasium seiner Vaterstadt bis zum Jahre 1803, wo er mit einem glänzenden Abgangszeugnisse die Universität Leipzig bezog, um dort die Rechte zu studiren. 1806 bestand er dann die juristische Prüfung, die ihn zum Baccalaureus juris und Notarius machte, und begann in Chemnitz seine juristische Thätigkeit, bis der ausbrechende Krieg dieselbe unterbrach und ihn in die Heimath zurückkehren ließ. 1807 erschien er auf’s neue in Chemnitz, siedelte aber 1809 nach Colditz über, wo er die Stelle eines Viceactuars erhielt. Doch obgleich mit ihr auch eine Advocatenpraxis vereinbar schien, mißfiel ihm die vielfach geisttödtende Beschäftigung, und ein Besuch des Ministers v. Nostitz, eines Freundes von Sohr’s Vater, in Colditz 1810 führte den Uebertritt des jungen Mannes in den Verwaltungsdienst herbei. Froh gründete er nun 1810 in Dresden einen Hausstand, indem er eine seiner Schwestern zu sich nahm, und freute sich der anregenden Gesellschaft der Freimaurerloge, welche damals in Dresden wie anderwärts viele geistig belebte Persönlichkeiten vereinte. Doch schon 1812 ward er zur Leitung des Domänenamtes Frauenstein im Erzgebirge entsendet, wo dann der Aufenthalt in dem kleinen kaum 800 Einwohner zählenden Bergstädtchen mit der Amtswohnung in einem düstern, halb verfallenen Schlosse um so härter fiel, als dann im Frühling 1813 die Schrecken des Krieges namentlich bei dem fluchtähnlichen Rückzuge der Verbündeten nach der Schlacht bei Dresden auch Frauenstein schwer heimsuchten und noch am 22. September plündernde Kosaken ihm den größten und werthvollsten Theil seiner Habe raubten, deren Rest dann kurz darauf der Brand des Frauensteiner Schlosses vernichtete. Als endlich 1814 dies Commissorium ein Ende fand, erfolgte auch bald die Sequestration Sachsens durch die Verbündeten, dann 1815 die Abtretung sächsischer Landestheile und speciell auch seiner engeren Heimath an Preußen. Jetzt suchte S. den preußischen Staatsdienst, und nachdem er eine Weile in Merseburg beschäftigt worden, erhielt er 1816 die 17. Rathsstelle an der in Schlesien neu errichteten Regierung zu Reichenbach. Doch vermochte er hier unter den neuen, ihm ganz fremden Verhältnissen, in dem kleinen Industriestädtchen, wo man die Regierungsbehörde mit ihrem zahlreichen Personale, welche zunächst nur arge Wohnungsnoth und Vertheuerung aller Lebensmittel herbeiführte, keineswegs [551] willkommen hieß, nie recht heimisch zu werden, und wenn er gleich an den großen Arbeiten, welche damals die weitere Durchführung der Stein-Hardenberg’schen Reformen und der Klöstereinziehungen sowie die Nachwirkungen der französischen Occupation und der Kriegszeiten der Verwaltung verursachten, eifrig sich betheiligte, so war er doch sehr froh, als allmählich die Staatsbehörde sich zu einer Wiederaufhebung der Reichenbacher Regierung entschloß, und doppelt erfreut, als ihm 1820 die Gunst des Oberpräsidenten v. Merckel nicht nur das Verbleiben in dem ihm schnell liebgewordenen Schlesien, sondern auch eine Anstellung in der Landeshauptstadt Breslau verschaffte. Hier hat er dann fast 40 Jahre auf das segensreichste gewirkt, ohne daß ihn mehrfache vortheilhafte Anerbietungen von auswärts, wie z. B. 1832 der Bürgermeisterposten in seiner Vaterstadt Görlitz, hätten fortziehen können, schon weil das Vertrauen und die Freundschaft seines Chefs Merckel ihn hier festhielten. Dieser hatte ihm bereits 1825 die Bearbeitung der Oberpräsidialgeschäfte übergeben, und dadurch trat er nun in nähere Beziehungen zu der Provinzialvertretung und den verschiedenen provinzialständischen Instituten. An der Gründung der Provinzial-Irrenanstalten zu Leubus und Brieg, an der Errichtung des Breslauer Ständehauses hat er einen hervorragenden Antheil, und die Provinzial-Feuersocietäten sowie das Leubuser Landesgestüt, verdanken seiner Fürsorge und gewissenhaften Verwaltung Vieles. Seit er 1834 Oberregierungsrath, Vorsitzender der Abtheilung für Kirchen und Schulen an der Breslauer Regierung und Mitglied des Consistoriums geworden, erweiterte sich sein Wirkungskreis noch, und mit dem lebhaftesten Interesse bearbeitete er speciell noch die Kirchensachen in dem altpreußischen Geiste der Aufklärung und Toleranz. Auch das Amt eines Censors hat er bis 1848 verwaltet. Bei seinem vielseitigen Interesse nahm er an dem wissenschaftlichen Leben Breslaus eifrig Theil im Kreise der vaterländischen Gesellschaft (im Präsidium seit 1854) und vor allem als Herausgeber der 1785 begründeten schlesischen Provinzblätter seit 1826, wo dann seine zahlreichen, allzeit wissenschaftlich wohlfundirten Aufsätze, deren bedeutendster der über die Aufhebung des Jesuitenordens (Provinzbl. 1836) sein dürfte, als wirkliche Bereicherungen dieser damals sehr angesehenen Monatsschrift angesehen werden konnten. Eine besondere Liebhaberei Sohr’s war die Obstbaumzucht, die er nicht nur eifrig gefördert, sondern auch selbst und mit großem Erfolge getrieben hat. Nachdem er 1857 sein 50jähriges Dienstjubiläum mit verhältnißmäßiger Rüstigkeit gefeiert, nöthigte ihn bald darauf ein fortschreitendes Gehörleiden zum Rücktritt aus dem Amte, worauf er 1858 zum Ehrenmitgliede des Breslauer Regierungscollegiums ernannt ward. Am 11. October 1861 starb er zu Breslau, ein halbes Jahr nach dem Tode seiner treuen Lebensgefährtin.

Ed. Cauer, W. H. Sohr, neues Lausitzisches Magazin XXXIX.