ADB:Sohr, Friedrich von

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Artikel „Sohr, Friedrich von“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 547–550, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sohr,_Friedrich_von&oldid=- (Version vom 26. August 2019, 03:29 Uhr UTC)
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Sohr: Friedrich George Ludwig v. S., königlich preußischer Generallieutenant, entstammte einer ihres Glaubens wegen aus Oesterreich ausgewanderten Familie und ward am 22. März 1775 zu Berlin, wo sein Vater, welcher zuletzt Oberst und Commandeur des 2. Feld-Artillerieregiments war, in Garnison stand, geboren. Dort trat S., im elterlichen Hause durch Hauslehrer wohlunterrichtet und vortrefflich erzogen, am 15. Februar 1789 beim 2. Leib-Husarenregiment, den früher Zietenschen Husaren, dessen Chef damals der General v. Eben war, in den Dienst. Beim Ausbruch des Krieges gegen Frankreich im J. 1792 war er Cornet (damals bei der Cavallerie der unterste Officiersgrad). Als solcher machte er in diesem Jahre den Herbstfeldzug in der Champagne und die Feldzüge der Jahre 1793 und 1794 am Rhein mit. Sein Unternehmungsgeist, seine Umsicht und seine kaltblütige Tapferkeit lenkten bald die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf ihn und brachten ihm die vielbegehrte Auszeichnung der Verleihung des Ordens pour le Mérite ein. Als er zum ersten Male vorgeschlagen werden sollte, war er am zweiten Tage der Schlacht von Kaiserslautern, dem 30. November 1793, durch einen Schuß so schwer verwundet worden, daß man an seinem Aufkommen verzweifelte. Das Regiment hatte daher an seiner Stelle einen andern Officier zu jener Auszeichnung eingegeben und S., dessen kräftige Natur die Gefahr überwunden hatte, war es trotz erneuten Vorschlages nicht gelungen im späteren Verlaufe des Krieges, an welchem er seit Ende Juni 1794 wieder theilnahm, den Orden zu erwerben. Da gestattete der König dem Oberst v. Lestocq (s. A. D. B. XVIII, 455), welcher das Regiment lange geführt hatte, dann aber das Commando abgeben mußte, ihm etwaige Wünsche vorzutragen. Lestocq bat um den Orden für zwei seiner Officiere. Den einen davon erhielt S. Mit Leib und Seele seinem Berufe ergeben suchte dieser, in das Friedensverhältniß zurückgekehrt, sich zur Erfüllung aller Forderungen, welche der Dienst an ihn stellen könnte, tüchtig zu machen. Solches Streben führte ihn auch zum Besuche der Thierarzneischule in Berlin während der Jahre 1798 bis 1800. Im Anschlusse daran ward er mehrere Jahre beim Remontewesen verwendet. Zunächst hatte er die für das Regiment bestimmten, in der Moldau angekauften Pferde in Oberschlesien in Empfang zu nehmen; später erhielt er den Auftrag das Ankaufsgeschäft für sämmtliche Husarenregimenter an Ort und Stelle zu überwachen und zu leiten und die Pferde durch Oesterreich nach Preußen zu befördern. Es war eine interessante aber schwierige Aufgabe, welche Menschen- und Pferdekenntniß, Umsicht und Thatkraft forderte und zugleich große Ansprüche an die körperliche Leistungsfähigkeit stellte. – Der Remontedienst war es, welcher S. den kriegerischen Ereignissen vom Herbst 1806 fern hielt. Er hatte in diesem Jahre nur die Pferde für sein eigenes Regiment in Oberschlesien in Empfang zu nehmen. Auf dem Rückmarsche von dort erhielt er die Nachricht von den Niederlagen, welche das Heer betroffen hatten. Nur auf weiten Umwegen konnte er die im fernen Osten des Landes sich sammelnden Trümmer desselben erreichen. Unter großen Schwierigkeiten, durch die Vortruppen des siegreich vordringenden Feindes sich hindurch schleichend, gelang es ihm seinen Transport nach Ostpreußen zu bringen. Der König dankte ihm durch die Ernennung zum Stabsrittmeister. Bald darauf, Ende Februar 1807, erhielt er den Befehl einer aus Mannschaften verschiedener Regimenter zu bildenden Escadron, mit welcher er an mancherlei kleinen Gefechten Theil nahm. Dann ward er dem mit der Errichtung eines Freicorps beauftragten Major von der Marwitz (s. A. D. B. XX, 530) behufs Aufstellung einer Cavallerieabtheilung überwiesen. Der Name Freicorps hatte aus dem siebenjährigen Kriege einen übeln Klang im Heere. Die Verwendung war daher nicht nach Sohr’s Geschmack. Er suchte derselben ledig zu werden und erreichte sein Ziel durch die Vermittelung Blücher’s, welchem er die von ihm [548] gesammelten Mannschaften des Leib-Husarenregiments, dessen Chef zuletzt General v. Rudorff gewesen war, nach Schwedisch-Pommern zuführen durfte. Mit diesen Mannschaften ging er bei der Neubildung des Heeres nach dem Frieden von Tilsit in das 1. Brandenburgische Husarenregiment, das jetzige Husarenregiment v. Zieten (Brandenburgisches) Nr. 3, über. Als das Regiment 1812 zwei Schwadronen zum Kriege gegen Rußland stellen mußte, loosten die Escadronschefs, wer mitgehen, wer zurückbleiben solle. Den Rittmeister v. S. traf das letztere Loos.

Um so bedeutender war seine Theilnahme an den Befreiungskriegen. Zunächst freilich nur an der Spitze seiner Schwadron, mit welcher er bei Groß-Görschen und bei Bautzen focht. Sein Verhalten in letzterer Schlacht, namentlich ein erfolgreicher Angriff auf feindliche Infanterie, und sein Benehmen beim Rückzuge nach derselben trugen ihm das Eiserne Kreuz 2. Classe ein. Auch nachdem der Waffenstillstand abgelaufen war, führte er vorläufig das Commando seiner Escadron. So namentlich an der Katzbach und bei der sich daran schließendm Verfolgung der geschlagenen Truppen Macdonald’s. Im September aber übernahm er, inzwischen zum Major befördert, als ältester Stabsofficier das Commando des Regiments, welches jetzt zu der vom Oberst v. Katzeler (s. A. D. B. XV, 457) befehligten Avantgarde des schlesischen Heeres gehörte. Seine treue Sorge für den inneren Dienst brachte zu Wege, daß der Zustand des Regiments das ununterbrochene Verbleiben desselben in diesem anstrengenden Dienstverhältnisse bis zu Ende des Feldzuges gestattete. Der Tag von Möckern, der 16. October, wurde Sohr’s Ehrentag. Am Nachmittage handelte es sich um den endgültigen Besitz des lang und heiß umstrittenen Ortes, nach welchem der Kampf, ein Theil der Völkerschlacht bei Leipzig, benannt worden ist. Es hing davon die Entscheidung des Tages ab. Die Dinge lagen so, daß nur ein Reiterangriff sie herbeiführen konnte. „Wenn jetzt die Cavallerie nicht noch etwas thut, so ist alles verloren“, hatte Yorck S. gesagt. Dieser hatte gebeten ihm die Bestimmung des Augenblickes zu überlassen, in welchem er angreifen wolle. Als er denselben gekommen sah, brach er mit den drei ihm unterstellten Schwadronen vor. Der Erfolg war ein vollständiger, die inzwischen herangekommene Reservecavallerie sicherte denselben und nützte ihn weiter aus. „Ihnen allein habe ich den Sieg des heutigen Tages zu danken“, sagte ihm Yorck, als er dem nach dem Gefechte schwerverwundet zurückreitenden S. begegnete. Des letzteren Herstellung ging rascher von statten als man erwartet hatte. Schon Ende November traf er vor Mainz wieder beim Regiment ein. Für sein Verhalten bei Möckern war er außer der Reihe zum Oberstlieutenant befördert worden, im Januar 1814 wurde er zum wirklichen Commandeur des Regiments ernannt. Den Feldzug dieses Jahres machte er wieder im Verbande der unter Katzeler stehenden Vor- oder unter Umständen Nachhut des General Yorck mit. Von den zahlreichen Ereignissen, bei denen sein Name in der Kriegsgeschichte rühmend erwähnt wird, sei nur das Rückzugsgefecht von Château-Thierry am 12. Februar genannt, weil es ihm das Eiserne Kreuz 1. Classe eintrug. Die Verleihung erfolgte auf den Antrag des General v. Horn und auf das Betreiben der zur Brigade desselben gehörenden Officiere des Füsilierbataillons vom Leibregiment. Mit großer Aufopferung hatte S. mit seinen Husaren an jenem Tage die Infanterie bei ihrem Rückzuge unterstützt. – Nach Friedensschluß benutzte S. die Zeit bis zum erneuten Ausbruche des Krieges gegen Frankreich, die innere Ordnung und die Ausbildung seines Regiments zu fördern, was ihm bei seinen Dienstkenntnissen, seinem hohen Verstande, seiner einnehmenden Persönlichkeit, seiner großen Thatkraft und seinem ritterlichen Charakter vorzüglich gelang. Als der Krieg bevorstand, erhielt er das interimistische Commando der aus seinem eigenen und dem [549] pommerschen Husarenregiment gebildeter 2. Cavalleriebrigade, welche dem 2. Armeecorps (v. Pirch I.) zugetheilt wurde. Er focht mit derselben am 16. Juni bei Ligny, deckte nach der Schlacht den Rückzug des Corps auf Tilly, stand am folgenden Tag dem nachdringenden Grouchy gegenüber und konnte am 18. abends an dem Kampfe bei Belle-Alliance noch einigen Antheil nehmen. Am 29. langte er nach anstrengenden, zur Verfolgung des Feindes unternommenen Märschen in der Nähe von Paris an. Hier sollte seine, bis dahin so glänzende kriegerische Laufbahn mit einem unliebsamen Ende abschließen. Seine Leute und Pferde waren auf das äußerste ermüdet. Dennoch mußte er am 30. früh wieder aufbrechen, um den in Paris befindlichen Feinden den Weg nach dem Süden zu verlegen. Am 1. Juli sollte er „auf der Straße von Paris nach Orleans eintreffen um die Communication von Paris mit dem Innern zu unterbrechen“. Am Nachmittage des letzteren Tages war er zwischen Versailles und Lonjumeau angekommen, als er in der Front von überlegenen Kräften angegriffen wurde. Er mußte weichen, durfte aber darauf rechnen, daß die hinter ihm liegende Stadt Versailles von preußischen Truppen besetzt sein würde. Dem war nicht so. Im Gegentheil fand er dort Nationalgarden, deren Haltung ihn bewog schleunigst den Rückweg weiter zu verfolgen. Aber dieser war ihm verlegt. Sein Marsch war von den Thürmen von Paris aus schon Tags vorher beobachtet worden und überall wohin er sich wandte traf er auf französische Truppen aller Waffen, welche unter dem Commando des General Excelmans entsandt waren ihn zu überwältigen. Im Dorfe le Chenay, östlich der von Versailles nach Saint-Germain führenden Straße, kam es zum Verzweiflungskampfe. S. selbst fiel schwerverwundet in die Gewalt des Feindes, nur Ueberbleibsel seiner Brigade entkamen. Den Gefangenen brachten die Ereignisse der nächsten Tage rasche Befreiung, so auch ihrem Commandeur, welcher nach Paris überführt war. Länger dauerte es mit seiner Heilung. Er ging freilich Ende November 1815 zu seinem Regiment nach Saint-Mihiel an der Maas, konnte aber keinen Dienst thun und mußte sich zum Zwecke vollständiger Herstellung nach Berlin begeben. Daß der ungünstige Ausgang des Gefechtes von Versailles nicht ihm zur Last gelegt ward, erfuhr er bei dem am 3. October 1815 verfügten großen Avancement, bei welchem er nicht nur außer der Reihe zum Obersten ernannt wurde, sondern auch von allen Beförderten das älteste Patent erhielt. Erst im September 1816 fühlte er sich im Stande zu seinem bei dem Besatzungsheere in Frankreich verbliebenen Regimente zurückzukehren. Er wurde aber in Berlin zurückgehalten um bei der Errichtung einer cavalleristischen Lehranstalt mit zu arbeiten, welche bald darauf als Militär-Reitinstitut (1820 Lehrescadron genannt, seit 1867 unter dem anfänglichen Namen zu Hannover bestehend) zu Berlin in’s Leben trat. Durch Cabinetsordre vom 10. December 1816 wurde er zum Director des Institutes ernannt und zugleich vom Commando seines Regiments entbunden. Seine Reitfertigkeit, seine Kenntniß der Ausbildung von Mann und Pferd und von der Thierheilkunde machten ihn für jene Stellung besonders geeignet. An der Spitze dieser Anstalt blieb er bis zum Sommer 1827. Seit dem 30. März 1820 hatte er daneben, gleichzeitig zum Generalmajor ernannt, das Commando der 7. Cavalleriebrigade geführt, deren Regimenter im Magdeburgischen standen, und auch nach seiner Ablösung von der Stellung als Director behielt er seinen Wohnsitz in Berlin um dort eine Reitinstruction auszuarbeiten, welche dem gesammten Reitunterrichte im Heere zu Grunde gelegt werden sollte. Als seine Arbeit fertig war, hielt eine begutachtende Commission dieselbe für zu umfangreich, um sie ohne weiteres für den Dienstgebrauch einzuführen. S. hatte auch die Gründe für die gegebenen Regeln und Anweisungen aufgenommen. Mit Weglassung derselben gelangte sie in den Jahren 1825 bis 1826 in vier Theilen [550] zur Ausgabe und zur Einführung und ist in dieser Gestalt mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch die bindende Regel für die gesammte Reitausbildung der preußischen und demnächst der deutschen Cavallerie geblieben. Auch die später erfolgte Neubearbeitung hat an ihrem Inhalte nicht viel wesentliches geändert. S. ward nach Beendigung seiner Arbeit am 18. Juni 1825 als Commandeur der 4. Cavalleriebrigade nach Stargard in Pommern versetzt und blieb in dieser Stellung bis das Gefühl, daß der Zustand seiner Gesundheit ihn nicht länger als ein Vorbild für seine Untergebenen erscheinen lasse, ihn veranlaßte, seine Pensionirung zu erbitten. Sein Gesuch ward am 9. Januar 1832 genehmigt. Dem von ihm ausgesprochenen Wunsche entgegen verlieh ihm der König zur „öffentlichen Anerkennung seiner guten Dienste“ bei dieser Gelegenheit den Charakter als Generallieutenant. Er behielt seinen Wohnsitz zu Stargard und ist dort am 10. September 1845 gestorben. – S. war seit 1811 mit einem 1831 gestorbenen Fräulein v. Brünnow in kinderloser Ehe verheirathet.

Aus dem Leben des königlich preußischen Generallieutenants Friedrich v. Sohr, aufgezeichnet von H. Beitzke, Major a. D., Berlin 1846.