ADB:Sternberg, Johann Heinrich

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Artikel „Sternberg, Johann Heinrich“ von Georg Winter in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 116–118, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sternberg,_Johann_Heinrich&oldid=- (Version vom 16. September 2019, 23:05 Uhr UTC)
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Sternberg: Johann Heinrich St., Professor der Medicin zu Marburg und Theilnehmer an dem Emmerich’schen Aufstande gegen Jerome Napoléon, ist am 15. April 1772 in Goslar als Sohn des dortigen Stadtphysikus geboren. Sein Vater weckte in ihm schon sehr früh die Neigung für die Beschäftigung mit der Medicin, starb aber schon, als St. erst 14 Jahre alt war, und ließ die Familie in nicht eben glänzenden Verhältnissen zurück. Gleichwohl ließ die Mutter, die den Sohn nach seiner eigenen Angabe sehr verzog und von ihm von ganzem Herzen verehrt wurde, denselben die höhere Schule in seiner Vaterstadt besuchen und ihm noch Privatunterricht ertheilen. 1793 bezog er die Universität Göttingen, um Medicin zu studiren, und wurde nach beendigtem Studium Berg- und Stadtphysikus in Elbingerode (1797), später (1800) Arzt in seiner Vaterstadt Goslar. Dort wandte er sich namentlich dem Studium der Kinderkrankheiten zu, über die er auch mehrere wissenschaftliche Arbeiten verfaßte, die im Verein mit einigen anderen fachwissenschaftlichen Publicationen, seine Berufung zum ordentlichen Professor der Pathologie und Therapie in Marburg mit dem Charakter eines Hofraths veranlaßten. Unter den dort von ihm verfaßten medicinischen Werken verdient namentlich ein „Handbuch der allgemeinen Pathologie menschlicher Organismen“ (erschienen 1805) Erwähnung.

Auch außerhalb der Kreise seiner Fachgenossen wurde St. durch seinen tragischen Untergang infolge seiner Betheiligung an einer der hessischen Insurrectionen gegen die Regierung des Königreichs Westfalen bekannt. In dem von Napoleon’s Gnaden geschaffenen Königreich Jérome’s waren es namentlich die ehemals kurhessischen Theile, die aus Liebe zu dem angestammten Herrscher, ihrem vertriebenen Kurfürsten, von Anfang an zu energischem Widerstande gegen die Fremdherrschaft neigten. Die höheren Classen zwar, namentlich in der Residenzstadt Kassel, die manchen Vortheil von der glänzenden Hofhaltung Jérome’s hatten, fanden sich infolge der mancherlei unzweifelhaften Verbesserungen der Gesetzgebung, welche die neue Regierung gegenüber dem hessischen Zopfregiment gebracht hatte, im allgemeinen leidlich in die neuen Zustände, aber das eigentliche Volk war von tiefem Mißtrauen gegen dieselben erfüllt, das gleich bei der Begründung des Königreichs zu gewaltsamen Ausbrüchen geführt hatte. Diese erneuerten sich mit stärkerer Kraft im Frühjahr 1809, als der Krieg zwischen Oesterreich und Frankreich nahe bevorstand. Nicht ohne Vorwissen, wenn auch ohne jede Unterstützung des Kurfürsten, wurde damals in Westfalen eine allgemeine Volkserhebung unter Dörnberg’s Leitung ins Werk gesetzt, die, mit dem Unternehmen Schill’s und einer projectirten Landung der Engländer Hand in Hand gehend, eine Vernichtung des Königreichs Westfalen herbeiführen sollte. Bekanntlich scheiterte der am 22. und 23. April 1809 unternommene Dörnberg’sche Aufstand, namentlich weil er zu früh losgebrochen war, und mehrere der Führer wurden hingerichtet, während andere, wie Dörnberg selbst, entkamen. Trotz dieses gescheiterten Versuches wurde mehrere Monate später, als der Heereszug des Herzogs von Braunschweig-Oels und das Heranrücken [117] eines österreichischen Corps, gegen welches König Jérome selbst die Führung übernahm, die Hoffnungen der hessischen Patrioten aufs neue belebten, noch ein neuer Aufstand unternommen, wie neuere Untersuchungen gezeigt haben, wiederum im Einverständniß mit dem Kurfürsten, der sich nach der für Oesterreich nicht unglücklichen Schlacht bei Aspern endlich zu eigenem Handeln entschlossen hatte. Allein dieser zweite Aufstand, der von dem englischen Obersten a. D. Emmerich und eben dem Hofrath St. vorbereitet und geleitet wurde, blieb nur von ganz localer und vorübergehender Bedeutung und scheiterte noch kläglicher als der Dörnberg’sche, obwohl seine Aussichten anfangs nicht gering zu sein schienen. Der König befand sich mit dem Heere außerhalb des Landes in Sachsen, in Marburg selbst, auf dessen Ueberrumpelung es in erster Linie abgesehen war, standen nur 150 Mann, das nächste größere französische Corps, das des Herzogs von Valmy, stand in Hanau. Man konnte hoffen, daß, wenn infolge dieser günstigen Umstände Marburg gewonnen wurde, der Aufstand sich über ganz Hessen verbreiten und dem in der Ferne kriegführenden Kaiser in seinem Rücken ernste Schwierigkeiten bereiten werde, zumal man von Oberhessen aus leicht Verbindung mit dem österreichischen Corps des Generals Radivojevics und der zu einem Einfall ins fränkische Gebiet bestimmten Legion des Majors Nostitz gewinnen konnte. Die Organisation des Aufstandes wurde namentlich von St. bewerkstelligt, der es sich zur Aufgabe machte, erst die in der Umgegend Marburg’s ansässigen entlassenen hessischen Soldaten zu gewinnen, die dann ihrerseits die Bauern gewinnen sollten. St. konnte dabei Briefe und Ordres des Kurfürsten vorweisen, die um so mehr Eindruck machten, als dieser darin erklärte, er werde selbst erscheinen und sich an die Spitze der Seinigen stellen. Allein auch hier zeigte es sich, daß im wesentlichen nur das niedere Volk, nicht aber die höheren Classen, für ein so wagehalsiges Unternehmen zu gewinnen war. Zudem brach auch hier der Aufstand zu frühzeitig, zu einem Zeitpunkte aus, zu dem auf Unterstützung von österreichischer Seite oder von der des Kurfürsten nicht zu rechnen war. Dazu kam endlich, daß St. kurz vor Ausbruch des auf die Nacht vom 23. zum 24. Juni angesetzten Aufstandes erkrankte und daher im entscheidenden Augenblicke nicht theilnehmen konnte. So kam es, daß der Aufruhr wirkungslos verpuffte. In der Nacht vom 23. zum 24. Juni zog in det That ein bewaffneter Haufe von Bauern aus den Marburg benachbarten Ortschaften Ockershausen, Caldern und Sterzhausen unter Führung Daniel Muth’s aus Ockershausen, Wendel Günther’s und Johannes Moog’s aus Sterzhausen nach Marburg, wo sie von Emmerich und den übrigen Theilnehmern an der Verschwörung vor dem Thore empfangen wurden. Es waren im Ganzen kaum mehr als 150 Mann, die durch das Grünerthor in die Stadt eindrangen und erst die am Barfüßerthor Wache haltenden Gensdarmen, dann die Hauptwache am Marktplatze überwältigten und in der That eine kurze Zeit Herren in der Stadt waren, da die schwache Besatzung, die sehr übertriebene Vorstellungen von dem Umfange des Aufstandes hatte, durch das Elisabeththor die Stadt verlassen hatte. Aber sehr bald kehrten die Franzosen, nachdem sie von der geringen Zahl der Aufständischen Kunde erhalten hatten, zurück und überwältigten in kurzer Zeit die auf dem Markte aufgestellten Bauern, die von den Marburger Bürgern so gut wie keinen Zuzug erhalten hatten. Die von dem Präfecten des Werradepartements aus Hanau herbeigerufene Hülfe fand die Ruhe bereits wieder hergestellt. Die Führer des Aufstandes, unter ihnen auch St., obwohl er nicht direct theilgenommen hatte, wurden gefangen nach Kassel geschleppt, wo Emmerich und St. nebst einigen hessischen Soldaten am 17. und 19. Juli auf dem sogenannten Forst vor der Stadt standrechtlich erschossen wurden.

[118] Vgl. über die früheren Lebensschicksale Sternberg’s dessen Selbstbiographie in Strieder’s hessischer Gelehrtengeschichte XV, 302–312, die auch eine Bibliographie seiner Schriften enthält. Den von St. und Emmerich geleiteten Marburger Aufstand hat Lynker in seiner Geschichte der Insurrectionen wider das westfälische Gouvernement, Kassel 1857, auf Grund eigener Erinnerungen und der Aussagen von Augenzeugen geschildert. Die leider nur fragmentarisch erhaltenen Acten des Marburger Archivs (es fehlen z. B. die Verhöre Sternberg’s und Emmerich’s) hat zuerst Göcke[WS 1] in seinem Buche Das Königreich Westfalen, vollendet und herausg. von Ilgen. Düsseldorf 1888. S. 193–95 verwerthet, nach ihm Willi Varges in seinem Aufsatze: Die Theilnahme des Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen am österreichischen Kriege 1809 (Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde Bd. 16 (1891), S. 315 u. 343) und in mehreren Aufsätzen in den Beilagen Nr. 210, 258, 259 der Täglichen Rundschau von 1889.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Rudolf Goecke (1852–1888); Historiker.