ADB:Stern, Wilhelm

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Artikel „Stern, Wilhelm“ von Karl Friedrich Ledderhose in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 110–116, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stern,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 01:40 Uhr UTC)
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Band 36 (1893), S. 110–116 (Quelle).
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Stern: Wilhelm St., bedeutender Pädagoge, Seminardirector in Karlsruhe, geboren am 22. April 1792, † am 31. März 1873. Seine Heimath war die Stadt Mosbach, nicht weit vom Neckar, und sein Vater der Bäcker und Weinwirth Martin St., welcher nebenbei auch ein mäßiges Bauerngeschäft betrieb, seine Mutter, Juliane Röther, eine Schullehrerstochter. Seine Eltern gehörten der lutherischen Kirche an, während Mosbach sich meistens zur reformirten Kirche hielt. St. hat in späterer Zeit einem seiner Söhne über sein Leben interessante Mittheilungen dictirt, auf welche wir uns gerne hier beziehen. Den Schulunterricht schildert er als geistlos. In der oberen Classe wurde die ganze Bibel gelesen und hier bildete sich des Knaben Bibelkenntniß, der Gesang in den lutherischen Familien wurde reichlich gepflegt und war ihm besonders lieb. Die Vorzüge der lutherischen Kirche hebt er ganz besonders in seiner Jugendzeit hervor. Es dauerte lange, bis er seine Eltern dahin gebracht hatte, ihn Clavier und Gesang lernen zu lassen. Endlich durfte er auch mit Widerstreben seines Vaters die Lateinschule besuchen. Freilich wurde auch dieser Unterricht auf eine geistlose Weise betrieben. Während er die Dinge des Gedächtnisses schwerer behielt, herrschte bei ihm von Jugend an das Denken vor. Der Religionsunterricht wurde damals rationalistisch ertheilt, auch in Mosbach, und doch machte die Confirmation und der erstmalige Genuß des heil. Abendmahles einen ernsten Eindruck auf ihn. Jetzt sollte entschieden werden, was für einen Beruf St. ergreifen müsse. Oft hatte er seinen Eltern den Wunsch ausgesprochen, studiren zu dürfen; aber der Vater widerstand, indem er erklärte, er habe dazu keine Mittel. Da trat ein Ereigniß ein, das St. mit Recht als ein Werk Gottes erkannte. Ein Advocat, namens Volz, wohnte in Mosbach und hatte einen Sohn, der ein intimer Freund des jungen St. war. Dieser Mann machte eine ungewöhnliche Laufbahn, er wurde Director des evangelischen Oberkirchenraths. Derselbe hatte den jungen Mosbacher liebgewonnen und machte in einem freundlichen Briefe den Eltern Stern’s das Anerbieten, Wilhelm für ein mäßiges Kostgeld in sein Haus aufzunehmen, er solle Theologie studiren und das Lyceum in Karlsruhe besuchen. Da entschloß sich endlich der Vater Stern’s, das Anerbieten des hochgestellten Mannes in Karlsruhe anzunehmen. Bei der Prüfung stellte sich aber heraus, daß er den lateinischen Stil durchaus nicht beherrschte. Dagegen durch [111] seine deutschen Aufsätze schwang er sich über die Anderen empor. Als Volz als Oberhofgerichtsrath nach Bruchsal versetzt wurde, kam er in das Haus einer Pfarrwitwe, in welchem er gut versorgt war. Einer seiner Lehrer war der berühmte alemannische Dichter Hebel, der ihn besonders wegen seiner deutschen Aufsätze auszeichnete. „Seine ganze Persönlichkeit wirkte auf mich wohlgemuth und belebend, und was an natürlicher Anlage in mir war, das wachte unter seiner freundlichen Anregung auf“, schreibt er. Der Religionsunterricht war auch in Karlsruhe, wie St. sagt, „auf die ertödtendste Weise bestellt“. Man darf nur an das rationalistische Lehrbuch Niemeyer’s erinnern, welches dort gebraucht wurde. Er gewann aber großes Interesse an den lateinischen und griechischen Schriftstellern. Homer und Herodot waren für ihn Lieblingsschriftsteller. Der Professor Beckmann lehrte Physik in einem nicht von Gott ab-, sondern zu Gott hinführenden Sinne. Ueberhaupt war Naturgeschichte ein Lieblingsstudium Stern’s. Als er im Herbst des Jahres 1811 das Lyceum verließ, blickte er auf dem Augustenberg bei Durlach noch einmal auf Karlsruhe zurück, und er erzählt in seinem Dictat, daß er hier zum ersten Male Dankesthränen geweint habe über die vielen Wohlthaten, die er dort genossen. Er bezog die Universität Heidelberg, um Theologie zu studiren. Auch über seine Erfahrungen daselbst spricht er sich ausführlich aus, Schwarz, Paulus und Daub, sowie Creuzer waren seine Professoren. Er fand sich hier nicht befriedigt, obwol Daub ein geistreicher Mann war. Auch machte er die Bekanntschaft der Brüder Boisserée, welche bekanntlich eine Sammlung altdeutscher Gemälde besaßen, welche St. immer mit gehobenem Gemüthe betrachtete. Er wohnte in Heidelberg bei seiner Schwester, welche an einen Conditor verheirathet war, welche ihn vor allen Uebertreibungen des Studentenwesens warnte. Seine Ferien brachte er in dem nicht weit entfernten Mosbach zu, welches damals von russischen Kriegsvölkern besetzt war. Hier scheint er die sogenannte Russenkrankheit, nämlich das Nervenfieber, geerbt zu haben. Er litt schwer, doch erholte er sich wieder und reiste nach Tübingen, um dort seine Studien fortzusetzen. Hier fand er eine bessere Theologie bei dem Professor Bengel, einem Enkel des berühmten Albrecht Bengel. Namentlich gewann der Philosoph Eschenmaier einen guten Einfluß auf seinen Geist. Hier wurde er auch mit dem Curator der Universität, dem späteren Minister v. Wangenheim, bekannt. Derselbe rieth ihm, wenn er seine Prüfung als Candidat der Theologie gemacht habe, eine Lehrstelle bei Pestalozzi anzunehmen, und nicht bloß das, sondern er sorgte auch dafür, daß ihm Pestalozzi eine Lehrstelle in den alten Sprachen antrug. Schon im Februar 1815 ist St. zu Fuß auf dem Wege nach Yverdün zu dem greisen Pestalozzi, welcher ihn aufs freundlichste aufnahm. Alsbald nach der Begrüßung setzte Pestalozzi dem jungen Lehrer die Methode auseinander, nach welcher in seiner Anstalt der Unterricht in der lateinischen Sprache ertheilt werden sollte, und St. lehrte alsbald das Lateinische in drei verschiedenen Classen nach diesen Grundsätzen. Es währte nicht lange, so waren seine Schüler alle seine Freunde. Er hatte die Aufsicht über die oberste Classe, wo lauter tüchtige, starke Köpfe sind, wie er sagt. Schon nach einem Jahre waren diese Knaben im Stande, einen lateinischen Schriftsteller mit ziemlicher Geläufigkeit zu lesen. Er arbeitete sich ganz in die Anschauungsweise Pestalozzi’s ein. Namentlich erwachte wieder seine Liebe zu den Naturwissenschaften. Er sammelte Pflanzen und Mineralien. Nachdem er zwei Jahre ganz pestalozzisch gearbeitet hatte, erhielt er einen Ruf als Hofmeister für den Prinzen Alexander von Württemberg. Als er den Brief Pestalozzi zeigte, fragte ihn dieser: „Willst Du dem Volke dienen oder willst Du ein gutes Leben haben?“ Die Antwort war: „Ich will meinem Volke dienen.“ [112] „Nun gefällst Du mir“, sagte der Greis. Nach Stuttgart ging eine ablehnende Antwort.

Obwol St. ein dreijähriger Urlaub bewilligt war, so wurde er doch schon vorher von der Behörde nach der Heimath berufen, weil es an verfügbaren Candidaten fehlte. Der Abschied wurde ihm und Pestalozzi sehr schwer. Als er im J. 1817 zurückkam, wurde er zum Hauptlehrer in die drittunterste Classe des Karlsruher Lyceums berufen. Er hatte 80 Schüler, Kinder von 8-12 Jahren. Er mußte sich jedoch bequemen, hier das Lateinische soviel als möglich nach der bisherigen Weise zu lehren. Schon im Sommer 1819 wurde ihm auf seine Bitte das Diakonat von Gernsbach im schönen Murgthale übertragen. Er hatte abwechselnd mit dem Stadtpfarrer zu predigen, hauptsächlich aber Schule zu halten. Als ein gewissenhafter Mensch arbeitete er seine Predigten gründlich aus, auch waren sie nicht gerade schriftwidrig. Die Schule jedoch wurde ihm Hauptsache; unter ihm hob sie sich auch wirklich. Da konnte er den Pestalozzi anbringen; und bald leistete er, was eine höhere Bürgerschule fertig bringt. Aus einigen wenigen Schülern waren es bereits 40 geworden, sogar von auswärts kamen Schüler herbei. Später urtheilte er über sein inneres Leben in Gernsbach: „Es kam bei mir zu keinem göttlichen Leben, indem das Treiben des gesellschaftlichen Lebens in Gernsbach mich niederzog und mich in die Eitelkeit der Welt hineinführte.“ Da drangen denn Freunde auf ihn ein, in den Ehestand zu treten. Er ging darauf ein und ließ sich auf eine Pfarrwaise in Württemberg, Luise Plouquet, führen. Nach einem glücklichen Brautstande fand die Hochzeit am 10. Mai 1821 in Mundelsheim statt. Es war eine sehr glückliche Ehe, auch reich gesegnet mit Kindern. Bei einer Visitation der Schule war man mit seinen Leistungen außerordentlich zufrieden. Der Visitator Katz empfahl ihn in seinem Bericht an die Behörde zum Inspector des evangelischen Schullehrerseminars, dessen Gründung die Regierung im Sinne hatte. Auf diesen Bericht hin erschien eines Tages Hebel, Mitglied der Kirchen- und Schulbehörde, und überzeugte sich von der Tüchtigkeit Stern’s. Die Behörde forderte ihn schriftlich auf, die Stelle anzunehmen. Er verlangte nur 1200 Gulden und freie Wohnung. Erst am 24. Mai 1823 wurde ihm die Hauptlehrerstelle mit dem Charakter eines Professors übertragen. Auch wurde ihm die Freude zu theil, daß ihm der tüchtige Musiklehrer Joseph Gersbach als zweiter Lehrer bald beigegeben wurde. Bald meldeten sich auch viele junge Leute. Der Abschied von Gernsbach war ihm durch die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler und ihrer Eltern sehr schwer geworden. Durch einen Erlaß wurde er aufgefordert, seine Ansichten über die innere Einrichtung des Schullehrerseminars vorzulegen, er that dies in einem Entwurf, in dessen erstem Theil er das Lehrgeschäft und in dem zweiten die zu befolgenden Methoden schilderte. Es ist alles durchaus bei ihm praktischer Natur. Er nimmt Schulen durchschnittlich von drei Classen an und für diese sollten die Zöglinge vorbereitet werden. Im letzten halben Jahr sollten die Zöglinge Lehrversuche in den Schulen von Karlsruhe machen. Auch wurde das Clavier- und Orgelspiel nicht vergessen. Obwol er sich bei Pestalozzi gebildet hatte, so hielt er sich doch nicht sclavisch an dessen Methode, er ging seinen eigenen Gang. Er hatte, wie sein Lehrmeister, damals die Ansicht, daß ein solch naturgemäßer Unterricht die Veredlung des Gemüths zur Folge habe. Es war ein Irrthum, den er späterthin eingesehen hat. Bald fing er auch an, zu schriftstellern, es waren seine verschiedenen Sprachbücher, welche bald bekannt und anerkannt wurden. Im Herbst 1828 wurde es ihm ermöglicht, das Seminar von Harnisch in Weißenfels zu besuchen. Harnisch war nicht bloß ein tüchtiger Schulmann, sondern stand auch auf dem Fundament des christlichen Glaubens. Daß derselbe St. gegenüber mündlich und schriftlich über seinen Glauben nicht [113] schwieg, wissen wir. Aber er fand noch nicht Eingang. Freilich entschloß sich St. späterhin, auf denselben Felsen zu steigen, welchen Harnisch eingenommen hatte. Als einmal Hebel einen Besuch im Seminar machte, glaubte er, daß die Bildung der Seminaristen zu hoch getrieben würde, und er machte in dieser Beziehung St. einen Vorhalt. Das ließen sich aber weder St. noch Gersbach gefallen. Doch Hebel hatte ja selber keine tiefere Ansicht vom Christenthum. Man hatte damals wie jetzt die Meinung, man brauche es Kindern nur zu sagen, was recht ist, so könnten sie es auch thun. Das Wissen und der Wille stehen aber weit auseinander. Auch St. sah schon damals mit Schmerzen ein, daß sein Vorbild und seine Lehre auf niedrig gesinnte Zöglinge keinen tieferen Eindruck machten. Er nahm schon damals im Religionsunterricht eine mehr positive Richtung an, worin Gersbach ihm widerstand. Es war im J. 1830, daß er eine Reise nach der Schweiz machte, und als er zurückgekehrt war, erkrankte er an einem Sonntag aufs heftigste, man glaubte, es werde mit ihm zum Ende gehen; jedoch an dem war es noch nicht. In sechs Wochen konnte er seinen Unterricht wieder ertheilen, doch verlor er zu seinem Schmerz seinen tüchtigen Mitcollegen Gersbach. Dieser Verlust und seine eigene Errettung aus schwerer Krankheit brachten ihn dem Bibelglauben immer näher. Bald sollte aber ein völliger Bruch mit seiner Vergangenheit bei ihm vollzogen werden. Die Revolution in Frankreich im J. 1830 zitterte auch in Baden nach, der Liberalismus kam auf die Höhe und suchte auch St. zu gewinnen. Weil er glaubte, daß durch denselben das Volk in seinen gesellschaftlichen Zuständen gebessert werde, und die sittliche Hebung des Volkes sein Lebensziel war, gerieth er ganz in das liberale Fahrwasser, und weil er, was er war, ganz war, so förderte er auch unter seinen Zöglingen die liberalen Bestrebungen. Da geschah es, daß er im Sommer des Jahres 1832 nach Rheinbaiern und Rheinpreußen ging, um die Schulen daselbst kennen zu lernen. Auf dieser Reise besuchte er den bekannten Geschichtschreiber Dittmar, der ihn auf das Grundstürzende der revolutionären Bestrebungen aufmerksam machte. Hier erfuhr er, daß der Bundestag Beschlüsse erließ, die demagogischen Bewegungen zu unterdrücken. Sowol Dittmar als der jüdische Lehrer David, welcher späterhin den Namen Heman annahm, erklärten unserm Reisenden, daß nur im wahren Christenthum das Heil zu finden sei. Erst in Coblenz wurde ihm klar, daß er bisher auf gefährlichen Wegen gegangen sei. In seinem Dictat spricht er sich ausführlicher auf eine ergreifende Weise darüber aus, daß er einen andern Weg betreten müsse. Er schreibt: „Ich erschrak über mich, daß ich bisher so blind und so verkehrt sein konnte, und wie so wenig gefehlt hätte, daß ich mich als ein Werkzeug für Andere hergegeben hätte, um das vermeintliche gute Ziel zu verfolgen.“ Jetzt schloß er sich an Jesum Christum als seinen Herrn und Heiland an. Nachdem er die eine Perle gefunden hatte, hätte er sie gerne Allen, die mit ihm in Verbindung standen, mitgetheilt, und es gelang ihm wirklich, Viele zu gewinnen. Wie sehr die beiden Männer in Grünstadt, Dittmar und Heman, sich über diese Umänderung Stern’s freuten, begreifen wir leicht. Sie wurden nun eng mit einander verbundene Freunde. Obwol Pietisten, hatte doch dieses Kleeblatt sich dahin entschieden, mit Leuten, welchen dieser Name von der Welt aufgehängt war, keines Umgangs zu pflegen. Aber bald lesen wir von St., wie er mit dem verschrieenen Henhöfer, dem gewaltigen Zeugen der Wahrheit, verkehrt. Und in Karlsruhe selber wirkte in Beweisung des Geistes und der Kraft Gustav Frommel, ein Verwandter der jetzt so bekannten Brüder Max und Emil Frommel. Und es währte nicht lange, so war St. mit Frommel aufs innigste verbunden und hielt bei dessen Verhinderung die Privatversammlung, an welcher sich ernster gesinnte [114] Leute betheiligten. Ueberhaupt wurde er von dort an, man darf wol sagen, der Führer dieser positiv gesinnten Leute. Es versteht sich, daß er auf die Seminaristen in diesem Sinne einwirkte. Bereits im J. 1833 erschien eine seiner besten Schriften mit dem Titel: „Erfahrungen, Grundsätze und Grundzüge für biblisch-christlichen Religionsunterricht“. Ein bekannter Pädagoge, Palmer, sagt von dieser Schrift, es sei mehr pädagogische Weisheit darin, als in ganzen Bänden gelehrter pädagogischer Werke. Nun trat aber im Seminar selber ein Zwiespalt ein. Der Vorstand desselben, Kirchenrath Katz, ertheilte ebenfalls und zwar im entgegengesetzten Sinne Religionsunterricht. Als ein offener und gerader Charakter trat St. seinem Vorstand eines Tags entgegen. Der Kampf dauerte beinahe zwei Stunden und endigte damit, daß er den Religionsunterricht ganz St. abtrat. Auch im Seminar selber gab es manche Zöglinge, welche sich mit dem Glauben Stern’s, welcher doch der Glaube der evangelischen Kirche war, nicht vereinigen konnten. St. ließ sich dadurch von dem Bekenntniß der Wahrheit nicht zurückdrängen, sondern im Gegentheil, wo er nur konnte, pries er den Schatz an, welchen er in dem Acker gefunden hatte. Das that er ganz besonders in einer Predigt am Charfreitag, zu welcher er aufgefordert wurde. Sein Auftreten in der kleinen Kirche zu Karlsruhe, welche schon eine Stunde vorher besetzt war, war ein Ereigniß. Die Predigt ist gedruckt und führt den Titel: „Jesus Christus, seine Krone und sein Kreuz“. Während sie Menschen der Wahrheit wohlthat, erhoben die Gegner ihr Geschrei dagegen. Man kann sagen, daß vor der Zeit der Umkehr Stern’s der Kampf gegen ihn fast bis zum Ende nicht nachgelassen hat. Jedoch die vielen Kämpfe, die er zu bestehen hatte, endigten oft wunderbarer Weise im Sieg. Auch die weltliche Behörde nahm Notiz davon, besonders der vielgeltende Minister Winter, ein Pfarrersohn. Mit ihm kämpfte St. mehrmals, namentlich stieß sich Winter an der Person Christi und seinem Erlösungswerk, das er spottweise die Blut- und Wundentheologie nannte. Freilich ließ er sich von einem alten Universitätsfreund, dem Director Vömel von Frankfurt, zurechtweisen. Auch die Generalsynode vom Jahre 1834 wollte gegen St. vorgehen, aber der Minister Winter lehnte es ab. Der Katechismus, welchen die Generalsynode gebilligt hatte, wurde nicht als symbolisches Buch eingeführt, und die Anträge gegen die Positiven wurden nicht genehmigt. Von Seiten der Gläubigen nahm man die ungenügenden Bücher, den Katechismus, das Gesangbuch und die Agende an, in der Hoffnung, der Herr der Kirche werde bessere Bücher geben, wenn das Reich Gottes noch mächtiger unter unserm Volke vorwärts schreiten werde, was bekanntlich auch eingetroffen ist.

Des Leids viel fehlte ihm nicht, aber er durfte auch viel Freude erleben. Ueberall regte sich ein besserer Geist, auf der Universität Heidelberg, in den Kirchen landauf- und landab und besonders in den Schulen, welche allmählich von seinen Zöglingen besetzt wurden. Der bekannte Prediger Wilhelm Hofacker von Stuttgart, welcher ihn besuchte, schreibt über ihn: „Stern hat uns einen recht nachhaltigen Eindruck gegeben. Was ist’s doch um eine kräftige Entschiedenheit, die in Christo und seinem Wort wurzelt, und die Welt und ihre Obersten als das, was sie sind, zu taxiren wagt!“ Namentlich mit den Obersten hatte er viel zu kämpfen. So freundlich wie Hofacker urtheilten die meisten Leute nicht. Er wurde in öffentlichen Blättern angegriffen, so daß die Kirchenbehörde sich veranlaßt sah, die Decanate aufzufordern, Bericht über die Seminaristen zu erstatten. Die eingelaufenen Berichte lauteten meistens günstig. Das Resultat war ein ziemlich milder Erlaß der Behörde. Da trat auf einmal ein Director an die Spitze der Kirchenbehörde, welcher als früherer Amtmann seinen Bezirk als eine Art Paschalik zu behandeln pflegte. Dem Freunde Dittmar theilte St. in vielen Briefen die schmerzlichen Erfahrungen mit, die er von diesem Feinde [115] des wahren Christenthums zu erdulden hatte. Die öffentlichen Blätter, z. B. das Heidelberger Journal, griffen ihn auf das bitterste an. Er schreibt im Sommer 1844: „Ich bin ein vom Jäger gejagtes Wild …, es vergeht wohl selten eine Woche, wo nicht etwas in einer Zeitung über mich kommt. In der zweiten Kammer fielen sie arg über mich her. In unserer Prüfung wurde ich übel behandelt“. Baumüller, der Director des Oberkirchenraths, griff Alles auf, um Material zur Versetzung Stern’s zu bekommen, aber was geschah? Der den tapferen St. vom Seminar wegbringen wollte, wurde selber gestürzt, und der nachfolgende Director war ein wohlwollender Mann. Auch die Beschlüsse von mehreren Diöcesansynoden, ihm den Religionsunterricht abzunehmen, fielen in das Wasser. Die Revolutionsjahre 1848 und 1849, welche so vieles Gute in den Staub traten, waren nicht im Stande, den treuen Seminardirector hinwegzudrängen. Er hielt aus und blieb stehen. Wenn man ihn näher, namentlich in seinem Einfluß auf die Schule, kennen lernen will, muß man seine Jahresberichte, welche er abfaßte, durchgehen. Die Hauptsache ist ihm immer darin das Reich Gottes als Gegensatz gegen das Reich der Finsterniß dieser Welt. Es sind Gedanken darin, die der tiefen Wahrheit, welche kein anderer als Bismarck ausgesprochen hat, gleichen: „Das Narrenschiff der Zeit wird an dem Felsen der Kirche Christi scheitern“. Deshalb hat er eine so große Freude an der 55er Generalsynode, welche diesem Narrenschiffe entgegentrat und sich in all ihren Arbeiten auf den Felsen Christi stellte. Zu bedauern ist nur, daß die neue Aera über das Land kam und vieles Gute aus dem Wege schaffte. Bekanntlich kam damals der Liberalismus in die Höhe und dieser war, wie wir wissen, St. nicht günstig. Ganz im Verborgenen arbeitete man gegen ihn. Doch ganz unerwartet wurde ihm eine äußere Anerkennung zu theil. Er erhielt nämlich das Ritterkreuz des Zähringer Löwenordens, es war aber der Vorläufer seiner Pensionirung, die unerwartet im Januar 1866 in der Zeitung zu lesen stand. Er schrieb darüber an Dittmar: „Der Herr will mich in die Stille stellen, ich danke ihm von Herzen, daß er mich gewürdigt hat, daß ich ihm 42 Jahre an dieser Anstalt dienen durfte“. Es war ihm jedoch ein schmerzliches Erlebniß, wie man namentlich aus einem Briefe an Dittmar sieht. Er blieb in Karlsruhe und war in der Ruhe noch außerordentlich thätig. Obwol die Gebrechen des Alters sich einstellten, ließ er doch in seiner Schriftstellerei nicht nach. So erschien eine Erklärung der vier Evangelien noch, als er Seminardirector war, und im J. 1872 kam von ihm die Erklärung der Apostelgeschichte heraus. Zwei Jahre vorher hatte er die Erklärung von 15 messianischen Psalmen herausgegeben. Er hielt noch fortwährend Versammlungen, sprach bei öffentlichen Festen des äußern und innern Missionsvereins und des Hardthauses. Eine Tochter und drei Söhne hatte er mit Freuden dem Missionsdienste überlassen, während sein ältester Sohn ein Pfarramt in Baden bekleidete. Unermüdlich thätig blieb er, bis seine Leibeshütte zu wanken anfing, und trotzdem ließ er das Reisen nicht bleiben. Er hatte einst auf dem Schutterlindenberg bei Lahr, von welchem aus man eine prachtvolle, weite Rundsicht genießt, den Ausspruch gethan, daß das Elsaß Deutschland gehöre, und nun durfte er die Freude erleben, daß Elsaß und dazu Lothringen von den deutschen Heeren erobert wurden.

Sein Leiden war große Athemnoth, wie sie bei alten Leuten sich oft findet. Die Nächte brachte er meist schlaflos zu. Seine Frau war ja schon mehrere Jahre vorher zu seinem Schmerz gestorben, aber er fand an einer treuen Magd gute Verpflegung, und einige seiner Kinder standen ihm zur Hülfe bereit. Er ließ sich viel vorlesen, besonders Sterbelieder. Auch empfing er noch mit den Seinigen das heilige Abendmahl. Man hörte aus seinem Munde nur die demüthigsten Bekenntnisse, sowie freudige Hoffnung und Glaubenszuversicht. Kurz [116] vor 12 Uhr nachts am 31. März 1873 verschied dieser treue Knecht des Herrn. Er war schon vor seiner Bekehrung ein ganzer Mann mit reicher Begabung und starker Willenskraft, und ein Zug nach dem Ewigen zierte ihn schon vorher, aber doch war er der gesegnete Mann erst, als er das Evangelium von Christo annahm, von welchem er einen Tag vor seinem Ende sagte: „Das ist die Wahrheit, die Luther wieder ans Licht gezogen. Bei ihr müssen wir bleiben, das Panier des Glaubens müssen wir hoch emporhalten, die Wahrheit wird bestehen und den Sieg behalten“.

K. F. Ledderhose, Wilhelm Stern nach seinem Leben u. Wirken. Heidelberg 1877.