ADB:Stoepel, Franz David Christoph

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Stoepel, Franz David Christoph“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 433–435, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stoepel,_Franz_David_Christoph&oldid=- (Version vom 8. Dezember 2019, 00:22 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Stoop, Dirk van der
Band 36 (1893), S. 433–435 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand Februar 2019, suchen)
GND-Nummer 117265608
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|36|433|435|Stoepel, Franz David Christoph|Robert Eitner|ADB:Stoepel, Franz David Christoph}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117265608}}    

Stoepel: Franz David Christoph St., ein Musiker von zweifelhaftem Rufe, der aber seiner Zeit viel Staub aufgewirbelt hat, geboren am 14. November 1794 zu Oberheldrungen im Regierungsbezirk Merseburg. † am 19. December 1836 zu Paris. Sein Vater, ein Cantor und Schullehrer in kleinen Verhältnissen, [434] sah das Glück seines Sohnes nur darin, daß er denselben Lebenslauf erwählte und schickte ihn daher seiner Zeit aufs Seminar nach Weißenfels. Im J. 1812 erhielt er bereits eine Schullehrerstelle in Frankenberg im Erzgebirge, doch sein Sinnen und Streben ging auf höhere Dinge, als Kindern das ABC beizubringen. Um Zeit zum Studium zu gewinnen und Mittel in die Hand zu bekommen, seine Pläne auszuführen, nahm er beim Freiherrn Danckelman eine Hauslehrerstelle an, studirte fleißig Musik, erwarb sich auch auf dem Clavier und der Violine eine gewisse Fertigkeit, und als er glaubte, der Welt zeigen zu sollen, was er sei, begab er sich nach Berlin und hielt „Vorlesungen über Musik“. Schilling, der Lexicograph, eine verwandte Natur, der ihn sehr gut kannte und bald durchschaut hatte, sagt: „man muß vor solchem Unternehmen erstaunen“. St. verstand es aber, sich in Ansehen zu setzen, und als Logier’s Methode über Musikunterricht alle Welt in Erstaunen setzte, wußte er es dahin zu bringen, daß ihn das preußische Ministerium nach London sandte, wo Logier seinen Wohnsitz hatte, um über die Methode desselben einen getreuen Bericht abzufassen, denn man war ernstlich Willens, Logier zu bewegen, daß er nach Berlin übersiedele. Als St. aber nach Berlin zurückkehrte und das günstigste Urtheil über die Methode Logier’s mitbrachte, glaubte er nichts Besseres thun zu können, als schleunigst selbst die Früchte für sich einzuheimsen und errichtete ein eigenes Musikinstitut nach Logier’s Methode. Das preußische Ministerium berief aber Logier nach Berlin, wo er am 16. August 1822 anlangte. Was sich nun zwischen ihm und St. abspielte, läßt sich wol muthmaßen, ist aber nie an die Oeffent1ichkeit gedrungen. St. fand es daher für gut, Berlin den Rücken zu kehren und ging nach Potsdam, wo er das in Berlin Begonnene fortsetzte. Auch hier verschwand er sehr bald, ging nach Erfurt, Gotha, Meiningen, konnte aber nirgends festen Fuß fassen. In letzterer Stadt hatte er sich sogar die Gunst des Herzogs zu erwerben gewußt. In Hildburghausen, wohin er sich nun wandte, soll ihm sogar nach Schilling manches Unangenehme passirt sein. Von hier wandte er sich nach Frankfurt a. M. Da er mit der praktischen Verwerthung der Logier’schen Methode nirgends Glück hatte, versuchte er es nun mit der Feder der Welt zu beweisen, daß seine Methode weit besser als die von Logier sei, verschmähte aber nicht – auf die Unkenntniß des Publicums rechnend – das Werk Logier’s gründlich zu plündern. 1825 erschien die Schrift in Frankfurt a. M. in Commission (also auf eigene Kosten) bei Andreä, betitelt: „Neues System der Harmonielehre und des Unterrichtes im Pianoforte-Spiel“. Erst 1827 erschien der Schluß, und da in dem letzteren Jahre auch Logier’s System von A. B. Marx ins Deutsche übersetzt erschien, so ließ er gleich eine Beurtheilung desselben folgen, unter dem Titel: „Freymüthige Worte. Ein Beytrag zur Beurtheilung der Schrift: System der Musik-Wissenschaft … von J. G. Logier“. München 1827 bei Seidler. 8°. 29 S. Fink, der Redacteur der Allgemeinen musikalischen Zeitung in Leipzig, bespricht alle 3 Werke im 30. Bde. Nr. 39/40. Diese Kritik ist schon deshalb von Werth, weil sie den besten Beweis liefert, wie unklar es damals in den Köpfen der sogenannten Musikgelehrten noch aussah, so das Marx’ Theorie wie eine Erlösung erschien, der er zwar auch das Logier’sche System zu Grunde legte, es aber mit Klarheit und Gründlichkeit auf- und ausbaute. St. gab in Frankfurt a. M. auch eine Musikzeitung heraus, doch nach einem Jahrgange ging sie wieder ein und er selbst wanderte nach Darmstadt, wo ihn der Großherzog als Lehrer für seine Capellmusiker anstellte, denen er seine Weisheit beibringen sollte. Schilling lüftet hier ein wenig den Vorhang, warum er überall so schnell verschwand: sein moralischer Lebenswandel erregte überall solchen Anstoß, daß er sich unmöglich machte. Trotzdem wußte er sich stets auf der Oberfläche zu erhalten. In Erlangen [435] machte man ihn zum Doctor der freien Künste und in München, wohin er sich nun wandte, begann er daselbe Spiel: er errichtete eine Musikschule nach Logier’s System, gründete eine Musikzeitung und hielt Vorlesungen, sehr bald darauf jedoch finden wir ihn in Stuttgart, und schon im J. 1830 übernimmt sein Geistesverwandter, Gustav Schilling, das von ihm gegründete und geleitete Musikinstitut „nach Logier’s System“. Er selbst ging nach Paris, errichtete die nie fehlende Musikschule, betheiligte sich bei der Gründung der Gazette musicale, schrieb in den Jahren 1835 und 1836 noch drei Artikel für die Leipziger Allgemeine Musikzeitung (siehe das Generalregister), gab die „Principes élémentaires de la musique et du chant, suivis d’un petit recueil de vocalises“ in Paris (o. J.) heraus – er hatte sich also jetzt auf Gesangschulen geworfen – und beschloß bald darauf sein unruhiges und unstetes Leben. Auch als Componist trat er auf – Schilling macht seine beißenden Bemerkungen darüber –, mir liegt ein Druck aus Frankfurt a. M. vor, der sechs ein- bis vierstimmige Lieder enthält. Er nennt sie „Geistliche Gesänge von Gebauer, Göthe …“ und bezeichnet sie als sein „11. Werk“. Sie sind in Erfindung und Arbeit so unbedeutend, daß sie kaum der Erwähnung werth sind. Man kann so ein verfehltes Leben nur bedauern, denn es liegt eine Arbeitskraft, ein Streben nach höheren Zielen und eine Ausdauer in ihm, die man immerhin anerkennen muß.