ADB:Strauß, Johann (Vater)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Strauß, Johann“ von Eusebius Mandyczewski in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 548–550, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Strau%C3%9F,_Johann_(Vater)&oldid=- (Version vom 14. November 2019, 13:25 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 36 (1893), S. 548–550 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Strauss (Vater) in der Wikipedia
GND-Nummer 118619098
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|36|548|550|Strauß, Johann|Eusebius Mandyczewski|ADB:Strauß, Johann (Vater)}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118619098}}    

Strauß: Johann St., der ältere der beiden weltberühmten Walzercomponisten, geboren zu Wien am 14. März 1804, † ebenda am 25. September 1849, war der Sohn armer Wirthsleute, in deren Gaststube „Zum guten Hirten“ sich oft eine kleine Schaar einfacher Wiener Volksmusiker mit ihren bescheidenen Instrumenten und Weisen einzufinden pflegte. Von diesen erhielt der Knabe die ersten musikalischen Anregungen. Er zeigte sehr früh ein feines Gehör und ein treues Gedächtniß, und kannte bald keinen höheren Wunsch, als den, Musiker zu werden. In der Volksschule, die er besuchte, erlernte er sehr rasch das Violinspiel. Aber als er so weit herangewachsen war, daß er für einen bürgerlichen Beruf herangebildet werden sollte, gab ihn sein strenger Vater zu einem Buchbinder in die Lehre. Diese Beschäftigung wollte ihm gar nicht zusagen; er verließ nach kurzer Zeit heimlich seinen Meister und wollte sich mit seiner Geige selbst durch die Welt schlagen. Der Zufall führte ihn mit einem wohlhabenderen Freunde seines Vaterhauses zusammen, der sich seiner und seiner Neigungen annahm, und ihn bei Polyschansky, einem damals wohlbekannten Violinlehrer, im Violinspiel ordentlich ausbilden ließ. Um diese Zeit, St. war etwa 14 Jahre alt, starb sein Vater. Durch die Verwendung seines Gönners erhielt er nun öfter die Aufforderung in privaten Kreisen zu spielen, und zeigte sich besonders als Violaspieler in Quartetten brauchbar. Späterhin fand er Beschäftigung in dem Orchester des damals sehr beliebten Musikdirectors Pamer, der in den großen Vergnügungslocalitäten „beim Sperl“ aufzuspielen pflegte. Dem aufstrebenden St. genügte das aber nicht. Im J. 1819 machte er den ersten bedeutsamen Schritt in seinem Leben, er verband sich mit Lanner und den Brüdern Drahanek, die sich damals schon wegen ihres ausgezeichneten Zusammenspiels ganz besonderer Beliebtheit bei den Wienern erfreuten. Dieses Quartett, das in kurzer Zeit alle ähnlichen Unternehmungen auf dem Gebiete wienerischer Unterhaltungsmusik [549] aus dem Felde schlug, wuchs unter Lanner’s Führung im Laufe einiger Jahre zu einem kleinen Orchester heran, und St. war überall Lanner’s Stellvertreter. Sechs Jahre lang dauerte das vertrauliche Verhältniß der beiden jungen Musiker, die nicht nur Talent, sondern auch Lebensfreude und Leichtsinn aneinander kettete. Aus ihren gemeinsamen Erfolgen erwuchsen im Laufe der Zeit kleine Streitigkeiten und im J. 1825 gingen sie auseinander. St., dem die meisten Musiker der Lanner’schen Capelle die Anhänglichkeit bewahrten, gründete mit ihnen und mit einigen Neugewonnenen ein eigenes Orchester, und fing an auch als Componist hervorzutreten. 1826 brachte er seine ersten Walzerpartien zu Gehör. Diese waren die „Täuberl-Walzer“, die „Döblinger-Reunion-Walzer“ und die „Wiener-Carneval-Walzer“, welche alsbald auch bei Haslinger in Wien erschienen. Seinen großen Ruf als Walzercomponist begründete er aber 1827 mit der ersten Lieferung der „Kettenbrücke-Walzer“, welche einen außerordentlichen Jubel hervorriefen. Nun stand er neben Lanner ebenbürtig da. Von dieser Zeit an theilte sich Wien in zwei Parteien: die Lannerianer und die Straußianer, von denen jede mit heller Begeisterung für ihren Abgott eintrat. Jahraus jahrein wiederhallten nun die Vergnügungsorte Wiens von den Tönen der beiden Meister, und ihr Wettstreit förderte eine große Anzahl von immer neuen Tänzen, meist Walzern, zu Tage. Straußens an und für sich reicheres Talent erhielt hierdurch so kräftige Anregung und Nahrung, daß er seinen Gegner bald überflügelte. 1830–36 spielte er in den Sperlsälen, mit einem in der Geschichte des Wiener Carnevals beispiellosen Erfolg. 1834 wurde er zum Capellmeister des ersten Bürgerregiments, 1835 zum Hofballmusikdirector ernannt. Sein Orchester war mitunter gegen 200 Musiker stark; denn da er mit Engagementsanträgen überhäuft wurde, mußte er es oft in zwei oder mehrere Theile theilen, um an allen Orten, wo man seiner verlangte, zu spielen. Stets hatte er aber ein Stammorchester, das er auf einer Stufe besonderer Vollkommenheit zu erhalten bestrebt war. Denn noch mehr als durch Lanner gewann durch ihn die Unterhaltungsmusik an künstlerischem Schliff. In seinen Programmen suchte er jeder Trivialität auszuweichen und in Beziehung auf die technische Ausführung des Gebotenen stellte er an sein Orchester die höchsten Ansprüche. Seine Compositionen zeugen von einer seltenen Frische und Leichtigkeit der Erfindung. Neue Melodien, von einem zu ihrer Zeit ganz ungeahnten Reiz, und neue Rhythmen von hinreißendem Schwung kamen durch ihn in die Litteratur der Tanzmusik. Ueberdies machte ihn die fortwährende Uebung zu einem Meister der Instrumentirung. Nur in der Harmonie stand er nicht auf derselben Höhe. 1833, als er schon einen Weltruf hatte, machte er sich zum erstenmale zu einer Kunstreise mit seinem Orchester auf. Er besuchte Pest, und der große Beifall, den er hier fand, ermunterte ihn zu weiteren Reisen. Von diesen kehrte er aber für die Carnevalszeit immer wieder nach Wien zurück, das ihn über alle Beschreibung verehrte und liebte, und wo ein Fasching ohne ihn gar nicht denkbar gewesen wäre. 1834 spielte er in Berlin, Leipzig, Dresden und Prag, 1835 in München, Augsburg, Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim, Frankfurt, Nürnberg, Regensburg und anderen Städten des westlichen und südlichen Deutschlands, 1836 in Braunschweig, Hannover, Hamburg, Bremen, Düsseldorf, Amsterdam. Haag, Köln, Aachen, Lüttich, Brüssel, Bonn, Mainz u. a. 1837 reiste er über München, Stuttgart und Straßburg nach Paris. Hier erreichte sein Triumph den Höhepunkt. Von seiner Erscheinung wie von seiner Musik war Alles begeistert, der König und sein Hof, wie der Bürger und der Handwerksmann. Am höchsten schätzte er die Anerkennung, die ihm Meyerbeer, Cherubini und Berlioz zollten. Sein Erfolg veranlaßte ihn sogar über den Fasching in Paris zu bleiben, wo er, wie auf allen Reisen, nie um neue Tänze verlegen war. Was er hier für [550] seine Kunst gewann, war die Quadrille, die er bis dahin nicht so gepflegt hatte wie den Walzer. 1838 reiste er, nachdem er auch in Amiens, Lille und anderen Städten Frankreichs, dann in Belgien und in den Niederlanden gespielt hatte, nach London. Hier gab er in kurzer Zeit eine glänzende Reihe von 72 Concerten, theils bei Hofe und bei den Reichen, meist aber öffentlich. Er besuchte auch andere Städte Englands, und selbst Dublin, und wurde nur durch die Zaghaftigkeit seiner Orchestermitglieder an der Ausführung seiner Lieblingsidee, einer Reise über den Ocean, gehindert. Das Heimweh, das seine Musiker beschlich, veranlaßte ihn, nach Frankreich zurückzukehren. Nachdem er sie hier beruhigt hatte, unternahm er eine neue Reise durch England und Schottland. In Edinburg befiel ihn ein starkes Fieber und zwang ihn zur Heimreise. Er reiste über Calais, Paris, Straßburg und München, in diesen, wie in anderen Städten stets concertirend, nach Wien, wo er in einem bejammernswerthen Zustand ankam. Durch die Kunst seiner Aerzte hergestellt, feierte er am 1. Mai 1839 sein Genesungsfest, an dem ganz Wien mit Freude und Begeisterung theil nahm. Zwei Jahre blieb er nun in Wien, und brachte in dieser Zeit die Quadrille in die Mode. In den Jahren 1841–44 bereiste er die Provinzstädte Oesterreichs und Ungarns, war aber im Fasching, wie früher, immer in Wien. 1845 spielte er wieder in Berlin. Hier geschah es daß Mendelssohn ihm insbesondere für seine Kunst des Instrumentirens das höchste Lob spendete. 1846 blieb er wieder in Oesterreich, 1847 besuchte er aber neuerdings Berlin, Hannover und Magdeburg. Im J. 1848 verherrlichte St. den Wiener Fasching, wie in den früheren Jahren. Aber auch die Stürme dieses Jahres fanden in seiner Thätigkeit keinen anderen Wiederhall, als den, daß er seine Compositionen mit politisch gefärbten Titeln versah, in denen er seiner Treue für das Kaiserhaus Ausdruck gab. 1849 machte er noch eine Reise durch Deutschland, die Niederlande und England. In London erkrankte er wieder. Rasch kehrte er nach Wien zurück, rasch erholte er sich auch und fing im herannahenden Herbst in gewohnter Weise seine Concerte an. Aber ebenso rasch ereilte ihn auch der Tod. Er erlag einer Gehirnlähmung. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß an seinem Leichenbegängniß jedermann in Wien theilnahm. Denn man liebte in ihm nicht nur den Meister, der in seiner Kunst den Wiener am treuesten verkörpert hat und der Tausenden unzählbare Stunden heiterster Lebensfreude bereitet hatte, sondern auch den Menschen, dessen Liebenswürdigkeit, Güte und Charakterfestigkeit allgemein bekannt waren. Auf seinen Reisen kannte er nur zwei Rücksichten: die auf seine Kunst, welche ihn von seinen Untergebenen unbedingten Gehorsam fordern ließ, und die auf das Wohl seiner Musiker, infolge deren er trotz aller Triumphe, die seiner überall harrten, nie einen wesentlichen materiellen Ertrag zu verzeichnen hatte. St. hat 241 Werke veröffentlicht. Unter seinen Tänzen ragen die Walzer über alle hervor. Viele darunter haben bis heute ihren Reiz nicht eingebüßt. Der populärste seiner Märsche ist der „Radetzky-Marsch“, der seit dem Jahre 1848, wo er zum ersten Male aufgeführt wurde, eine Art patriotischen Losungswortes für alle Oesterreicher geblieben ist. Aus Straußens Ehe, die er in jungen Jahren schloß und in jungen Jahren löste, gingen drei Söhne hervor, die sein geistiges Erbe antraten: Joseph, Johann und Eduard. Unter ihnen steht Johann, der Walzerkönig der neueren Zeit, seinem Vater am nächsten.

L. Scheyrer, Johann Strauß’ musikalische Wanderung durch das Leben. Wien 1851.