ADB:Sturm, Johann Christopherus

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Artikel „Sturm, Joh. Christophorus“ von Richard Falckenberg in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 39–40, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sturm,_Johann_Christopherus&oldid=- (Version vom 18. August 2019, 12:03 Uhr UTC)
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Sturm: Joh. Christophorus St., namhafter Philosoph – occasionalistischer Cartesianer – des 17. Jahrhunderts, ist am 3. November 1635 in Hilpoltstein, einem der neuburgischen Pfalz benachbarten Städtchen, geboren; sein Vater stand bei dem damals dort residirenden Pfalzgrafen Johann Friedrich in Diensten. Die bei den geringen Mitteln des Vaters begründeten Bedenken gegen eine gelehrte Erziehung des geweckten Knaben wußte dessen Taufpathe, der fürstliche Rath und Secretär Paix, niederzuschlagen. Den Schulunterricht genoß St. im fränkischen Weißenburg, wo der Rector Hupfer ihn in sein Haus aufnahm, und in Nürnberg, wo er über drei Jahre als Amanuensis bei dem Antistes Wulffer wohnte. Die Gunst des letzteren ermöglichte ihm ein achtjähriges Studium. Er ging 1656 nach Jena, wo er am 27. Jan. 1658 den Magistergrad und bald darauf die facultas docendi erwarb, philosophische und mathematische Collegia hielt und Disputationen leitete. Er setzte 1660 seine Studien in Leyden fort, nahm, über Hamburg, Magdeburg und Leipzig nach Jena zurückgekehrt, seine Vorlesungen wieder auf und zog auch die Theologie in den Kreis seiner Studien hinein. Dann lebte er als Hauslehrer bei Wulffer in Nürnberg, später bei seinem Vater in Oettingen, wo derselbe im fürstlichen Hofdienst angestellt war, und war vom Juni 1664 an fünf Jahre lang Pastor in Deiningen. Im J. 1669 erhielt er die durch Abdias Trew’s Tod erledigte Professur der Mathematik und Physik in Altdorf, die er, mehrere Rufe nach auswärts ablehnend, mit berühmten Gelehrten durch wissenschaftlichen Briefwechsel verbunden und im Genusse eines ausgebreiteten Ruhmes, der seine Bescheidenheit nicht zu vermindern vermochte, bis an sein Lebensende bekleidete. Er war zweimal Rector der Universität, neunmal Decan der philosophischen Facultät. Im November 1664 vermählte er sich mit Barbara Johanna Kesler († 1679), in zweiter Ehe 1680 mit Maria Salome Höchstetter († 1691), in dritter mit der Wittwe Dorothea Elisabeth Göring; 6 Söhne und 7 Töchter wurden ihm geboren. Beschwerden der Krankheit blieben ihm fremd, bis ein Schlagfluß ihn traf, der Lähmung der rechten Seite und am 26. October 1703 den Tod zur Folge hatte. – Unter Berufung auf eine Rede von J. H. Müller (in den Acta sacrorum saecularium Acad. Altd. 1727, p. 248) rühmt Apin unsern Denker als einen genauen Kenner der aristotelischen und der scholastischen Philosophie und als einen Mann von selbständigem Urtheil, der auch an der cartesianischen Lehre die Schwächen wol erkannt, von den leeren Wortkämpfen der Gelehrten und von allem Parteiwesen sich ferngehalten, durch eine versöhnlich eklektische Richtung (Physicae conciliatricis conamina, Nor. 1685) sich Achtung gewonnen, den Werth der Erfahrung zu würdigen gewußt, durch sorgfältige und klug ersonnene Experimente (niedergelegt in dem Collegium curiosum experimentale, Nor. 1676 und 1701, II. Theil 1685) die Physik erheblich gefördert, hiermit den Beifall nicht nur Deutschlands, sondern auch des Auslandes erworben und durch ausgezeichnete, allerorten eingeführte Hülfsmittel („Mathesis compendiaria tabulis comprehensa“, Alt. 1670, VI. Aufl. von seinem Sohn [40] 1714, deutsch v. Ehrenberger 1717; „Mathesis enucleata,“ Nor. 1689; „Mathesis iuvenilis,“ 2 Bde., Nor. 1699, deutsch 1704) das Studium der Mathematik neu belebt habe. Er liebte es, aus der Betrachtung der Natur Beweise für das Dasein und die Eigenschaften Gottes zu schöpfen und ließ keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, die geistige und unsterbliche Natur der Seele einzuschärfen. In der von Boyle (Tractatus de ipsa natura, 1682) angeregten Frage nach einer dem modernen Geiste entsprechenden Umgestaltung des Begriffes der „Natur“, an dessen Stelle der des Mechanismus zu treten habe, spricht sich St. (De naturae agentis idolo, 1692) für Verwerfung der Natur als eines Mittelwesens zwischen Gott und Welt und für die Annahme einer den Dingen inwohnenden „göttlichen Kraft“ aus. Auf den Widerspruch des Kieler Professors der Medicin G. Chr. Schelhammer (Natura sibi et medicis vindicata, 1697) antwortet St. mit der Abhandlung „De natura sibi incassum vindicata“ (1698), welche die Passivität der Materie betont. Gegen Schelhammer’s Replik Naturae vindicatae vindicatio 1702 schrieb St. eine „Responsio, quae mentem suam uberius exponit et toti controversiae finem imponit“. Diese war ursprünglich für die Einleitung des zweiten Bandes der hypothetischen Physik bestimmt, ist jedoch erst als Nachtrag zu der Biographie Sturm’s von Apinus 1728 S. 229–236 zum Druck gelangt. Apin ordnet Sturm’s Schriften in fünf Gruppen. Zuerst führt er S. 218 f. in chronologischer Reihenfolge 25 Dissertationen aus der Zeit von 1657 bis 1702 auf. Dann 27 Abhandlungen, welche unter dem Titel „Philosophia eclectica“ (Altorf, Bd. I 1686, II 1698) vereinigt wurden, darunter „De Cartesianis et Cartesianismo“ (1677). „De mathematis et mathematicis“ (1678) und die beiden Aufsätze zum Streit über den Naturbegriff. Hierauf 25 Schriften unter der Ueberschrift „Orationes, epistolae et tractatus varii“, von denen zu den oben citirten noch folgende genannt seien: „Scientia cosmica sive astronomia tam theorica quam sphaerica tabulis comprehensa“ (Altd. 1670 u. ö.); „Physica electiva sive hypothetica“ (Norimb. 1697); „Physica erotematica“ (Norimb. 1704, deutsch Hambg. 1713). Sodann drei posthume Werke: „Vorstellung von der lügenhaften Sternwahrsagerei“, herausgegeben von seinem Sohn (Coburg 1722); (4) „Praelectiones academicae, ed. Dav. Algoewer (1722); „Physicae electivae sive hypoth. tomus II cum praef. Chr. Wolfii“ (Norimb. 1722). Endlich fünf Inedita, worunter jenes letzte Wort im Streit mit Schelhammer.

Vgl. Sig. Jac. Apinus, Vitae professorum philosophiae, qui a condita academia Altorfina ad hunc usque diem claruerunt (m. Bildnissen), Norimb. et Altd. 1728, S. 209 f. Apin verweist auf Chr. Steph. Scheffel, Prof. d. Medic. in Greifswald, Sammlung von Briefen an Schelhammer nebst dessen vita 1737, S. 57–59. – Georg Baku, Der Streit über den Naturbegriff am Ende des 17. Jahrh., in der Zeitschr. f. Philosophie und philos. Kritik, Bd. 98, S. 162–190, Halle 1891.