ADB:Sturm, Nicolaus

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Artikel „Sturm, Nicolaus“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 45–48, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sturm,_Nicolaus&oldid=- (Version vom 11. Dezember 2019, 19:28 Uhr UTC)
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Sturm: Nikolaus (Marcelin) St., volksthümlicher Dichter und Componist, geboren am 6. Mai (9. Juli ?) 1760 als der Sohn eines Schuhmachers zu Rötz im damaligen Regenkreise (Oberpfalz in Baiern). Die Armuth seines Vaters hinderte den talentvollen Knaben nicht, sich nach dem Besuch der deutschen Schulen dem Studium der höheren Wissenschaften zu widmen. St. ging deshalb nach Amberg; seine aufblühenden Talente und sein sittliches Betragen erwarben ihm in dieser Stadt, die von jeher durch menschenfreundliches Unterstützen der Studirenden berühmt war, bald so viele Freunde und Gönner, daß er daselbst [46] seine Studien beginnen und bis zur Vollendung des philosophischen Lehrcurses fortsetzen konnte. Ausgezeichnet durch Fleiß und Sittlichkeit, behauptete er stets einen Platz unter den Ersten und Besten. Von da ging St. zum Studium der Rechte nach Ingolstadt. Allein dieser Versuch mißglückte dem geistvoll angelegten, vielbegabten Jüngling. Aus Mangel an Unterstützung suchte er durch sein Dichtertalent und seine Unterhaltungsgabe sich durchzuschlagen, indem er lustige Lieder in Knittelversen dichtete, selbe seinen Zechgenossen und Kameraden vorsang, um auf diese Art seinen täglichen Unterhalt zu gewinnen. Dieses trieb er nach der Art eines mittelalterlichen Vagans, versäumte aber darüber seine Collegien so sehr, daß er nach vier Jahren, die er auf der Akademie zubrachte, nicht im Stande war, sich der zum Absolutorium vorgeschriebenen Prüfung zu unterziehen. Deßungeachtet wanderte St. nun nach München, in der Hoffnung, durch seine Unterhaltungsgabe Freunde zu gewinnen und durch diese etwa eine Stellung oder ein Amt zu erhalten. Seine Erwartungen bewährten sich nicht. Arm und verlassen, überzeugte er sich endlich, daß es sein Beruf nicht sei der Welt als Sorgenbrecher zu dienen. So entschloß er sich plötzlich, sein Leben zu ändern und in einem Orden Schutz und Aufnahme zu suchen. Beides wurde ihm nun von Seite des in München befindlichen Augustinerklosters zu theil. Nachdem St. hinlänglich durch Proben und Prüfungen bewiesen hatte, daß es ihm mit einer gänzlichen Umwandlung seines Lebens Ernst sei, wurde derselbe unter dem Klosternamen Marcelin 1786 zu Ramsau (bei Haag) eingekleidet, und 1788 nach Vollendung seiner theologischen Studien zum Priester geweiht, dann zuerst als Collector nach Seemannshausen, und nach einigen Jahren als Monatprediger nach München versetzt. Da St. aber befürchtete, die Lehrthätigkeit von dieser Kanzel dürfte seiner schwachen Brust in die Länge nicht angemessen sein, wurde ihm 1800 die Stelle eines Parochus Vicarius zu Schönthal in der Oberpfalz angewiesen. Nach der Aufhebung des Klosters 1802 erscheint St. wieder unter seinem Taufnamen Nikolaus in der Eigenschaft eines Cooperator, und in den beiden letzten Jahren seines Lebens als Commorantpriester zu Schönthal; in dieser Stellung muß er auch die Filiale Hiltersried als Vicar versehen haben. Hier starb derselbe am 9. December 1812 durch einen unglücklichen Schnitt in ein Gewächs an der Nase, welches ein Landbader operirte. St. entsprach „sowohl in seinen Amtsverrichtungen als in seinem Betragen ganz dem Zutrauen, daß seine Obern in ihn setzten, und erwarb sich durch seinen Eifer in Erfüllung seiner Hirtenpflichten, durch seine Religiosität und durch sein einnehmendes Wesen nicht nur die Liebe und Hochachtung seiner Pfarrkinder, sondern auch aller Menschen, die ihn kannten. Seine Lieder, aus denen Witz und scherzende Laune, hie und da wenigstens unverkennbar hervorleuchteten, sang er immer nur auf dringendes Bitten seiner besten Freunde, und höchst selten“. Diese Lieder, welche größtentheils in der Zeit seines fahrenden Studentenlebens zu Ingolstadt entstanden, wo St., wenn auch nur vorübergehend, eine Rolle spielte, wie ehedem der als „Weingott des Nordens“ neuerdings vielgefeierte Karl Michael Bellmann (1740–95) zu Upsala, blieben mündlich und schriftlich im Umlauf, wurden vielfach corrumpirt, verschönert und durch unechte Producte verstümmelt; sie theilten alsbald das Schicksal des mittelhochdeutschen Neidhart v. Reuenthal oder des vielen unserer Zeitgenossen noch wohl erinnerlichen Franz Stelzhamer. Der derbe Witz und die oft sehr schneidige, meist doch gutmüthige Satire machten sie bald zu Lieblingsgesängen in Privatgesellschaften, wo sie zur allgemeinen Belustigung und Zwerchfellerschütterung dienten. Um nun „den Wunsch so Vieler zu erfüllen, aber auch die Ehre des Verfassers zu retten“, beschloß der Advocat J. Giehrl (zu Neunburg vor dem Wald) die echten Früchte von Sturm’s komischer Muse zu sammeln, alles Unterschobene aber wegzulassen. [47] Obwohl er nichts darüber äußert, auch nur eine oberflächliche Skizze von Sturm’s Lebensgang und Charakter entwirft, wobei er sogar das Todesjahr und Datum anzugeben vergaß, scheint Giehrl doch zu den näheren Freunden des Dichters und Componisten gezählt zu haben. Leider gibt er auch darüber keine Andeutung, ob ihm die Originalmanuscripte nebst den dazu gehörigen Melodien vorgelegen. Das Büchlein erschien 1819 (ohne Angabe von Ort und Drucker) unter dem Titel: „Lieder | zum Theil in baierischer Mundart | von P. Marcelin Sturm | In Musik gesetzt nach den eigenen Melodien des | Verfassers von dem kön. Advokaten Giehrl in Neunburg vorm Walde“ | 1819 (VIII u. 143 S. 8°). Die dazu gehörigen Melodien tragen den Titel: „Lieder | Zum Theil in baierischer Mundart | von | P. Marzelin Sturm | ehemaligen Augustiner. | In Musik gesetzt nach den eigenen Melodien des Verfassers | von | J. Giehrl | königl. Advokaten zu Neunburg“; sie bilden ein Heft in quer-8° von 32 Seiten (ohne Drucker und Jahrzahl). Die Liedertexte, von denen nur das „Kloster- und Weltgeist“ als „zu wenig Interesse bietend“ ausgeschieden wurde, belaufen sich, gleich den Melodien, auf 23, meist sehr viele Strophen umfassende Nummern, deren unsichere Schreibung von der Unkunde zeugt, mit welcher man damals die Mundarten mißhandelte; auch die Transscription der ursprünglich nur von der Guitarre begleiteten Melodien auf „Singstimme und Pianoforte“ leistet gewiß keine Bürgschaft für diplomatische Wiedergabe. Der Dichter geißelt, meist mit scharfem Spott und bitterem Hohn, die Auswüchse der Zeit, die über die bestimmten Grenzen eines Standes schweifenden Ansprüche, die Eitelkeit und Genußsucht der Zeitgenossen u. s. w., Alles mit sicherer Zeichnung und Färbung, in plastisch gestalteter Form und keckem, sicher treffenden Ausdruck. Die ganze Vorstellungsweise trägt natürlich die Signatur von Zopf und Perücke; aber man staunt, wie tiefe Blicke der junge Mann schon in das vielgestaltige Leben geworfen haben muß, und über den sicheren Tact und sittlichen Zorn, womit er die aufgeputzte Lüge und Schlechtigkeit von der guten wahren Natur zu scheiden weiß. Freilich darf man nicht vergessen, daß die Lieder aus der wahren Sturm- und Drangzeit des Dichters stammen, welcher bisweilen ebenso wie Schiller in seinen ersten Schöpfungen, an Caricaturen sich weidet ehe er wirkliche Menschen kannte. Muster dieser Art sind die Schilderung von „Fastnacht und Aschermittwoch“ (in 56 vierzeiligen Strophen), das Gespräch der „zwei alten Teutschen“, der „Guckkasten“ (ganz im Stile der französischen Emigranten, welche dergleichen Bilder zeigten und frivol exegesirten); die in packender Lustigkeit dahin wirbelnde „Kirchweihe“; die Schilderungen von „Hölle“ und „Himmel“ erinnern unwillkürlich an Pater Martin v. Cochem’s Vorbild, dessen Phantasie theilweise wieder in Lucas v. Leyden und Brueghel’s ungeheuerlicher Poesie wurzelte. Als meisterliche Leistung des heitersten Muthwillens mag u. a. auch das „Quodlibet“ gelten. Und nun denke man an die Wirkung des häufig improvisirenden, unmittelbar aus dem Vollen heraussingenden Dichters, welcher durch den trommelnden Ton, durch Zungenschlag und andere Künste des Vortrags, wozu vielleicht sogar die klingende Mitwirkung der mit den Fingern bearbeiteten Gläser gehört, einen alle Zuhörer und Theilnehmer zur glühenden, überquellenden Freudigkeit hinreißenden Effect erreichte. Ein Glück für den Dichter-Componisten war es, daß er dem bodenlosen Treiben, unter welchem er, wie Bellmann, dem sicheren Verderben entgegeneilte, noch rechtzeitig entrückt wurde, ebenso aber ist zu beklagen, daß der gährende Most sich nicht zum echten Wein der Kunst abzuklären vermochte, daß er seine Poesie nicht neu besaitete, denn was er später, wie ausdrücklich bezeugt wird, freilich nur im engsten Kreise und immer nach langem Bitten seiner alten Freunde, zum Besten gab, blieb immer auf die Erzeugnisse seiner Jugendzeit beschränkt. Daß ihm vieles minderwerthiges, apokryphes Zeug zugeschrieben und aufgehalst [48] wurde, liegt unvermeidlich in der Natur jener Kreise, die „mit wenig Witz und viel Behagen“ die von St. betretene, äußerst gewagte Bahn breit trampelten und austraten. Dazu gehören auch jene „Gedichte, Aufsätze und Lieder im Geiste Marcelin Sturm’s. Gesammelt und jedem lustigen Männercirkel gewidmet von D* C* M* (Augsburg bei Kranzfelder 1826), neuerdings herausgegeben von D* C* Müller“ (Stuttgart 1834 und Rorschach 1853), dem durch äquivalente Leistungen berüchtigten Dr. Carl Müller (vulgo S … Müller), welcher im Juli 1873 als königl. bair. Bezirksarzt a. D. zu Deggendorf starb. – Sturm’s Lieder bilden eine wahre Fundgrube für die Sprüche und Sitte, den Brauch und Aberglauben seiner Zeit; eine streng wissenschaftliche, vom germanistischen Standpunkt bearbeitete Textausgabe (wie selbe dem Vernehmen nach der um echte alte Volksdichtung hochverdiente Dr. August Hartmann vorbereitet), verbunden mit einer Revision der Melodien, wäre ein höchst dankens- und wünschenswerthes, preiswürdiges aber mühevolles Unternehmen. Goedeke hat in seinem Grundriß (1881, III, 1241) auf diesen merkwürdigen Charakterkopf neuerdings die Aufmerksamkeit gerichtet; seine theilweise unrichtigen Angaben sind hier möglichst berichtigt und durch die seither unbekannt gebliebene Todeszeit Sturm’s – den Nachweis derselben nebst anderen Angaben verdanke ich der bereitwilligen Güte des Herrn Domcapitular Dr. G. Jakob zu Regensburg – ergänzt.