ADB:Teja

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Artikel „Teja“ von Felix Dahn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 535–537, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Teja&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 23:33 Uhr UTC)
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Teja (Tejas ist griechische Schreibung), Sohn Fridigern’s, Ostgothenkönig (551 bis September 552). Es war das 15. und 16. Jahr des byzantinisch-gothischen Krieges. König Totila (s. den Artikel), hatte, den drohenden Anmarsch des Narses von Oberitalien her abzuwehren, den besten Theil der gothischen Heeresmacht unter dem ausgezeichneten Helden T. (war er dux oder comes?), nach Verona entsandt, den Feinden, die von Venetien her erwartet wurden, den Weg zu verlegen und die Etsch-, nöthigenfalls die Po-Linie zu halten. In der That sperrte T. durch treffliche Befestigungen diese Straßen völlig. Narses mußte – auch weil ihm die Franken den Zug durch das von ihnen überrumpelte Venetien weigerten –, sich mühsam einen andern schwierigen Weg suchen; er ging längs der Westküste des adriatischen Meeres vor und überschritt den Apennin bei Taginas. Hier verlor Totila Sieg und Leben. Die Trümmer seines Heeres flohen gen Nordwesten über den Po nach Pavia und erhoben dort T. zu ihrem König. Der Muth des Volkes war noch immer nicht gebrochen. Es schaarte sich immer wieder um neue Führer, obwohl es hintereinander die Könige Vitigis, Hildibad, Erarich, Totila verloren. So lange sich noch ein König fand, galt das Volksthum als gerettet. T. erhob den Schatz, den Totila zu Pavia niedergelegt hatte, zog alle zerstreuten Gothen an sich und rüstete, so gut es gehen wollte, zu einem letzten Kampf; er blieb auf sich allein angewiesen, die treulosen Merowingen verweigerten auch jetzt auf sein Anrufen die längst [536] versprochene und schon von Vitigis durch Geld und Abtretung alles gothischen Gebietes in Gallien reichlich vorausbezahlte Waffenhilfe. T. hatte nur noch die Aufgabe, den Kampf der Verzweiflung heldenhaft zu kämpfen und den Untergang des Amalungenreiches seiner glänzenden Vergangenheit würdig zu gestalten. Er hat diese tragische Aufgabe großartig gelöst. Erliegen mußte er schon deshalb, weil die ohnehin erdrückende Uebermacht des Narses überall verstärkt wurde durch den Verrath und Abfall der Italier, welche der Milde Theoderich’s, Amalasuntha’s und Totila’s dadurch vergalten, daß sie auch jetzt wieder, wie schon gleich zu Anbeginn des Krieges auf Sicilien, in Neapel, Rom, Mailand, Genua, den Byzantinern die Thore der Städte und Burgen öffneten, die überall im Lande neben ihnen siedelnden gothischen Weiber und Kinder, deren Vertheidiger in dem Heere standen, überfielen und ermordeten; durch solchen Uebertritt der Italier gewann Narses Rom und fast ganz Italien. Nun übten die Gothen Vergeltung zu Narni, Spoleto, Perugia an den Römern, die sie trafen und als auch von den senatorischen Geschlechtern gar manche zu den Byzantinern eilten, ließ T. die Söhne der Vornehmen hinrichten, die Totila zu seinem Hofdienst, zugleich aber als Geiseln für die Treue ihrer Väter, um sich geschart hatte; auch die auf Totila’s Befehl in Campanien bewacht gehaltenen Patricier und Senatoren wurden erschlagen; nach der zwei Menschenalter hindurch geübten Milde gegen die Italier loderte nun das Rachefeuer des verzweifelnden Volkes wild empor.

Eine wichtige Rolle in all diesen Reichen spielte der Königsschatz, der Hort, thesaurus; er bildete das wichtigste Regierungsmittel in Frieden und Krieg, stets wird das Schicksal dieses Schatzes, seine Bergung, Vertheidigung, Erbeutung besonders erwähnt; so bei Vandalen, Westgothen, Franken. So ward auch hier zuletzt wie um die Krone so um den Hort der Gothen gekämpft. Den großen Theil dieses von Totila neu angesammelten Schatzes – denn den „Amalungenhort“ hatte Belisar nach Byzanz gebracht – lag in der starken Veste Cumae geborgen, die Teja’s Bruder Aligern heldenhaft vertheidigte. T. versuchte den Bruder, die tapfere Besatzung und den Schatz zu retten; er gab jede Hoffnung auf die fränkische Hilfe auf und eilte, auf kühn und listig gewählten Wegen die ihm entgegen gesandten Unterfeldherren des Narses umgehend, unvermerkt von allen Feinden vom Po durch die ganze Länge der Halbinsel, zuletzt an der Küste des jonischen Busens hin, nach Campanien. Am Fuße des Vesuvs an dem Flüßchen Draco schlug er Lager und behauptete sich hier zwei Monate lang gegen die Uebermacht des Narses, der nun mit allen seinen Truppen hier erschienen war, aber den Uebergang über die von T. stark befestigte Brücke nicht zu erzwingen vermochte. Der Fluß und dessen Quellen versahen die Gothen mit Trinkwasser, Lebensmittel führte ihnen von der See her ihre Flotte zu. Als aber deren Befehlshaber sich und all’ seine Schiffe den Byzantinern ergab, von Sicilien her zahllose kaiserliche Kriegsschiffe erschienen und Narses Belagerungsthürme gegen die Brücke vorschob, da mußte T., vor allem durch den Mangel an Nahrungsmitteln gezwungen, die vortrefflich gewählte und so lang vertheidigte Stellung aufgeben; der Verlust der Flotte entzog ja auch die letzte Hoffnung auf freien Abzug für den äußersten Fall. Die Gothen wichen dann auf den an den Vesuv stoßenden Milchberg mons lactarius), dessen Cassiodor in seinen Varien erwähnt. Wohl konnten ihnen die Feinde hierher nicht folgen die unzugänglichen Felsen empor: – die Oertlichkeit ist offenbar durch Lavaergüsse in diesen dreizehn Jahrhunderten dermaßen verändert, daß es unmöglich ist, die Stätte des Kampfes festzustellen: – allein alsbald gebrach es an Nahrung für Menschen und Rosse. Da beschlossen die Helden, lieber im Kampfe zu fallen als dem Hunger zu erliegen, und brachen in plötzlichem Angriff hervor. Der Byzantiner Prokop hat den letzten Gothen und ihrem letzten König ein edles [537] Zeugniß ausgestellt: „Teja’s Heldenthum in dieser Schlacht stellt ihn den größten Heroen der Vorzeit gleich. Vom frühen Morgen an kämpfte er, aus Allen hervorragend, mit wenigen Gefolgen vor der Schlachtreihe der Gothen. Die Feinde glaubten, sein Fall werde den Kampf beenden; so drangen sie Alle, die tapfersten Krieger voran, in dichten Scharen auf den König ein, von allen Seiten mit den Speeren stoßend und werfend, T. aber deckte sich mit dem Schilde, fing alle Lanzen auf und, plötzlich vorspringend, erschlug er jedes Mal viele Feinde. Und so oft sein Schild ganz voll hing von Lanzen, ließ er sich von seinem Schildträger einen andern reichen. So war im Kampf der dritte Theil des Tages verstrichen: da staken wieder zwölf Lanzen in seinem Schild, so daß er ihn nicht mehr tragen und zur Deckung brauchen konnte. Er rief eilig seinen Waffenträger herbei, ohne auch nur um eines Fingers Breite vom Platz zu weichen oder sich zurückzuwenden und die Feinde vordringen zu lassen; weder seitwärts wich er noch deckte er, sich wendend, den Rücken mit dem Schilde, sondern wie in den Erdboden gewurzelt blieb er stehen mit seinem Schilde, mit der Rechten die Feinde niederstoßend, mit der Linken sich deckend und unablässig nach seinem Waffenträger rufend. Aber in dem Augenblick, da er den mit Lanzen beschwerten Schild gegen einen frischen vertauschte, traf ein Wurfspeer tödlich die ungedeckte Brust.“ Die Feinde zeigten sein abgeschnittenes Haupt auf einem Speer, die ihren zu ermuthigen, die Gothen zur Ergebung zu schrecken, aber diese kämpften weiter bis in die Nacht und auch noch den ganzen folgenden Tag ohne Entscheidung. Endlich erklärten die Verwaisten, sie wollten vom Kampfe lassen, aber nicht dem Imperator sich unterwerfen, sondern mit ihrer Habe aus Italien abziehen, frei mit andern Barbaren zu leben.

Narses bewilligte das und verlangte nur noch, daß sie nicht mehr gegen Byzanz fechten sollten. So zogen die letzten Gothen ab, es waren nur noch tausend Mann. Die übrigen im Lande Zerstreuten schlossen sich ihnen meist unter den gleichen Bedingungen an. Es spricht viel dafür, daß diese Abziehenden sich im Etsch-, Eisack- und Passerthal niedergelassen haben. Teja’s Bruder Aligern gab sich und die Schätze nach heldenhafter Vertheidigung jetzt lieber den Byzantinern in die Hände als den treulosen Franken, die nun vor den Thoren von Cumae erschienen und ein fränkisch-gothisches Königthum in Italien errichten wollten; er half alsdann vor Andern in der Schlacht bei Capua (555) dies fränkische Heer vernichten.

Quellen: Procopius, bellum Gothicum IV 26–35, ed. Dindorf, Bonn 1833. – Agathias, historiarum libri quinque I, 1–12, ed. Niebuhr, Bonn 1828.
Litteratur: Manso, Geschichte des ostgothischen Reiches in Italien, Hamburg 1824. – Dahn, die Könige der Germanen II, München 1862. S. 237 f.; – Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker, I, Berlin 1880. – Hodgkin, Italy and her invaders IV, London 1885, S. 738 f. – Ueber die Silbermünzen Teja’s (mit dem Brustbild des längst verstorbenen Kaisers Anastasius, von dem aber die Gothen das Recht auf den Besitz Italiens ableiteten), s. Könige II S. 235, III 150 und die Münzen selbst Urgeschichte I S. 300.