ADB:Thudichum, Georg

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Artikel „Thudichum, Georg“ von Friedrich Thudichum in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 136–138, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Thudichum,_Georg&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 14:46 Uhr UTC)
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Thudichum: Georg Th., geboren am 29. März 1794 zu Eudorf bei Alsfeld in Oberhessen, † am 27. December 1873 zu Darmstadt, Uebersetzer des Sophokles sowie der griechischen Lyriker und Elegiker, Verfasser einer biblischen Geschichte. Die Familie Thudichum stammt aus Schwaben, und zwar aus Marbach am Neckar; Friedrich Valentin Th., mit dem Hause Schiller befreundet und durch die Mutter entfernt mit ihm verwandt, wanderte im J. 1778 aus Württemberg aus, weil ihm eine freimüthige Schrift über die Offenbarung Johannis den Eintritt in den württembergischen Kirchendienst verschlossen hatte, wurde Pfarrer zu Eudorf und dann Inspector (Decan) in Nidda, wo er 1818 gestorben ist. Sein Sohn Georg widmete sich der Theologie und Philologie, machte im J. 1814 als freiwilliger Jäger den Feldzug gegen Napoleon I. mit, wurde 1818 dritter Pfarrer an der unirten Gemeinde zu Büdingen und zugleich Lehrer am dortigen Gymnasium, seit 1829 Director desselben, 1842 auswärtiges Mitglied des Oberstudienraths zu Darmstadt, trat im J. 1863 in Ruhestand und lebte die letzten zehn Jahre zu Darmstadt. Dreierlei verschiedenen Bestrebungen hat Th., theils gleichzeitig, theils nach einander seine Kräfte gewidmet, soweit die regelmäßigen großen Anforderungen des amtlichen Berufes dazu Zeit übrig ließen: der Verdeutschung griechischer Dichter, religiösen und kirchlichen Angelegenheiten und der Politik.

In Gießen hatte ihn sein Lehrer und nachheriger Freund Friedrich Gottlieb Welcker für das griechische Alterthum begeistert, und ihn dann in dem Vorhaben, eine neue Uebersetzung der Tragödien des Sophokles, die damals dem deutschen Leser nur in den jetzt vergessenen Uebertragungen von Stolberg und Solger zugänglich waren, zu liefern, aufgemuntert und mit gutem Rath unterstützt. Die ersten drei Stücke erschienen 1827, die vier übrigen 1838 im Druck, und fanden allgemeine Anerkennung, wenn auch wegen der beigefügten gelehrten Anmerkungen und des sehr hohen Verkaufspreises langsameren Absatz; erst 1855 kam es zu einer zweiten, vielfach veränderten Auflage, und erst nach Thudichum’s Tod, seit 1875, ist die Uebersetzung durch Aufnahme in Philipp Reclam’s Universalbibliothek in Aller Hände gelangt. Einer Aufforderung von Professor Teuffel in Tübingen folgend, übersetzte Th. sodann in den Jahren 1857–1859 und dann noch 1870 für die Metzler’sche Sammlung die griechische Anthologie und die griechischen Lyriker oder Elegiker, Jambographen und Meliker, sowie die Homeridischen Dichtungen, womit eine wichtige Seite des griechischen Geisteslebens zum ersten Mal auch den Nichtgelehrten erschlossen worden ist.

Bei aller Vorliebe für die großen Schöpfungen der Alten, bei aller Begeisterung und Verehrung für die deutschen Dichterfürsten, namentlich für Goethe, mit dessen Werken er auf das genaueste vertraut war, stand doch allezeit im Mittelpunkt seines Denkens und Empfindens die Religion, wozu ihn nicht bloß sein anfänglicher amtlicher Beruf und die Ueberlieferungen der Familie – denn auch seine mütterlichen Vorfahren Löber waren durch viele Geschlechter hessische evangelische Pfarrer gewesen –, sondern auch eigenes Herzensbedürfniß und die Ueberzeugung hinführten, daß „Erkenntniß und Verehrung Gottes“ jeden wahren Fortschritt der Menschheit bedinge. Seine Leitsterne auf diesem Gebiet waren erst Herder, dann Schleiermacher, in dem er „den größten Mann der Zeit“ erblickte, daneben Luther. Der Streit der evangelischen Confessionen über einzelne Lehrsätze und die damit gepaarte Unduldsamkeit erschienen ihm als sittliche Verirrung, das Recht der freien Forschung galt ihm, dem gründlichen Philologen, auch gegenüber der heiligen Schrift als unveräußerliches Menschen- und Christenrecht; auch dem Scharfsinne von David Strauß ließ er volle Gerechtigkeit widerfahren obwohl er seine Folgerungen ablehnte. Als nun seit 1840 in Preußen, und bald darauf auch in Kurhessen die Wortführer der orthodoxen Richtung zu [137] Einfluß gelangten, hielt es Th. für die nächste wichtigste Aufgabe, den künstlichen Lehrgebäuden der Katechismen und Bekenntnisse mit der Bibel selbst entgegenzutreten, diese zum Mittelpunkt des Religionsunterrichts zu erheben, und zwar für die Jugend in der Form eines Bibelauszuges. Einen solchen veröffentlichte er daher im J. 1847 unter dem Titel: „Die biblische Geschichte. Ein Lesebuch für Schule und Haus.“ Büdingen, Heller’sche Buchh., 508 S., ließ ihm auch 1852 einen „Kurzen Inbegriff der biblisch-christlichen Wahrheiten, nebst Anweisung zum Lesen der biblischen Geschichte“ folgen. Das Werk ist dann später im J. 1870 unter dem Namen „Schulbibel“ in wenig veränderter Gestalt zu Heidelberg neu aufgelegt worden. Einmal schien sich eine willkommene Gelegenheit zur praktischen Durchführung dieser Gedanken bieten zu wollen, als Th. im J. 1848 zum Mitglied der Commission für Entwerfung einer Presbyterial- und Synodalverfassung und zum Präsidenten einer Commission für Reform des Volksschulwesens ernannt worden war, das Ministerium Jaup ihn auch für die Stelle des Directors des Oberstudienraths in Aussicht genommen hatte; allein unter dem folgenden Ministerium Dalwigk verschwanden alle Aussichten dazu. Als dann aber mit dem Regierungsantritt König Wilhelm’s I. von Preußen sich in allen deutschen Gauen neues Leben regte, stellte sich Th. an die Spitze der Bewegung für Synodalverfassung in Hessen, veröffentlichte auch 1862 „Grundzüge einer evangelischen Kirchenverfassung“, welche tausendweise verbreitet wurden und im Volke zuerst genauere Kenntniß von dem Ziele der Reformbestrebungen vermittelten, auch in vielen Stücken in die hessische Kirchenverfassung von 1874 übergegangen sind. Der Satz der Grundzüge § 11: „in Sachen des Cultus und der Lehre darf einer Gemeinde wider ihren Willen auch von der Gesammtkirche Nichts aufgedrungen werden“ hat nicht blos in die hessische, sondern in die meisten neueren evangelischen Kirchenverfassungen Eingang gefunden.

Th. war von Jugend auf Anhänger constitutioneller Freiheit und nationaler Einigung, wie sich das für einen freiwilligen Jäger von 1814 von selbst verstand. Im J. 1832 wurde er von der liberalen Partei zum Deputirten in die II. Kammer der Landstände gewählt, erhielt aber keinen Urlaub, und entging nur durch große Vorsicht und durch den Schutz des Fürsten v. Ysenburg der Gefahr, politischen Angebereien zum Opfer zu fallen. Im J. 1848 widerstand er den Radicalen; bei den Wahlen zum Frankfurter Parlament fiel auf ihn die gleiche Stimmenzahl wie auf den radicalen Dr. Heldmann, zu dessen Gunsten dann das Loos entschied; dagegen erhielt Th. im Herbst 1849 ein Mandat zur I. hessischen Wahlkammer und im Herbst 1850 ein solches zur II. Kammer, welche jetzt das Ministerium v. Dalwigk sich gegenüber sah, das systematisch auf einen Conflict ausging, da es gegen den klaren Wortlaut der Verfassung eine fünfte provisorische Verlängerung des Budgets verlangte, während es zugleich sich weigerte, über die bisherigen Ausgaben und den künftigen Bedarf irgend welche nähere Auskunft zu geben. Th. stimmte gegen die Verlängerung, wofür ihm aber dann der Minister lange Jahre hindurch seine Ungnade durch Vorenthaltung der von den Ständen bewilligten Besoldungsaufbesserung hat empfinden lassen. Im Herbst 1862 wurde Th. vom Wahlbezirk Büdingen von neuem in die II. Kammer gewählt, suchte nunmehr seine Pensionirung nach, um nicht durch Urlaubsverweigerung am Eintritt in die Kammer verhindert werden zu können, hat als Angehöriger der liberalen Mehrheit das Regierungssystem Dalwigk’s bekämpft und gehörte in Allem, was Kirchen- und Schulangelegenheiten anbelangte, zu den Führern der Partei. Obwohl auch noch nach 1866 der Politik Bismarck’s eine Zeit lang nicht recht vertrauend, söhnte er sich allmählich ganz mit ihr aus und begrüßte in der Einigung Deutschlands [138] die mit Gottes Hülfe erreichte Verwirklichung der Sehnsucht seiner Jugend, machte sich auch in seinem 78. Lebensjahre noch auf, um in Begleitung seines Sohnes Friedrich das wiedergewonnene Straßburg und Elsaß zu besuchen, dessen Verlust im J. 1815 die Jünglinge der Befreiungskriege niemals hatten verschmerzen können. – Seine Gattin Friederike, geb. Baist, folgte ihm 1879 in den Tod nach; die sechs Kinder, drei Söhne und drei Töchter, befinden sich gegenwärtig (1894) noch alle am Leben.

S. den eingehenden Nekrolog in Darmstädter Zeitung vom 13. Januar 1874, verf. von F. Zimmermann. – Friedr. Thudichum, Geschichte des Geschlechts Thudichum. Tübingen 1893 und persönliche Erinnerungen.