ADB:Tischendorf, Constantin

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Artikel „Tischendorf, Lobegott Friedrich Constantin“ von Caspar René Gregory in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 371–373, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tischendorf,_Constantin&oldid=2547798 (Version vom 17. Oktober 2017, 05:59 Uhr UTC)
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Tischendorf: Lobegott Friedrich Constantin T., geboren am 18. Januar 1815 zu Lengenfeld im sächsischen Voigtlande, † am 7. December 1874 zu Leipzig. Der Sohn eines Arztes, erhielt T. seine erste Schulung in Lengenfeld. Nach seiner Confirmation im J. 1829 bezog er das Gymnasium in Plauen; hier blieb er stets Primus; er hielt sich den meisten seiner Mitschüler gegenüber reservirt. Auf der Schule zeigte er in den classischen Studien den größten Fleiß und drang auf die Notwendigkeit dieser Studien bei seiner Abiturientenrede, doch hatte er zu gleicher Zeit Zeichen nicht geringer dichterischer Begabung an den Tag gelegt; nach seinem Bändchen Gedichte, das er im J. 1838 veröffentlicht hat und einem Büchlein „Der junge Mystiker oder die drei letzten Festzeiten aus seinem Leben“, vom J. 1839 beschränkte er seine Muse größtentheils auf die Feier der Familienfeste. Er errang zu Michaeli im Jahre 1836 einen Preis für eine lateinische Arbeit über die Lehre des Paulus von der genugthuenden Kraft des Todes Christi, im J. 1838 zu Ostern, gegen sieben Mitbewerber, einen für eine Arbeit über „Christum das Lebensbrod“. Eine Zeit lang als Lehrer bei seinem zukünftigen Schwiegervater in der Nähe von Leipzig thätig, hat er im J. 1839 die Vorarbeiten für eine kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes angefangen. Seine Habilitation fand im folgenden [372] Jahre statt und seine Licentiatenschrift erschien als Vorwort zu dem griechischen Neuen Testament, das die Jahreszahl 1841 trug.

Am 30. October 1840 reiste er nach Paris ab und brachte über vier Jahre in Paris, England, Italien und dem Osten zu, Handschriften verschiedener Art, hauptsächlich aber des Neuen Testaments vergleichend, abschreibend, und wo das möglich war, anschaffend, um auf jede Weise den Gelehrten des Westens mit Urkundenmaterial zu dienen. Im J. 1849 besuchte er wieder Paris, London und Oxford. Das Jahr 1853 sah ihn noch einmal auf dem Sinai. Im J. 1854 arbeitete er in Wolfenbüttel und Hamburg, im J. 1855 in London, Oxford und Cambridge, im J. 1856 in München, St. Gallen und Zürich. Anfang 1859 reiste er zum dritten Male nach dem Sinai und blieb bis zum Herbst im Osten. Nach dieser Zeit besuchte er gelegentlich Rußland, England und Italien. So weit mit wenigen Worten seine Reisen, die in einem Maaße, das heute kaum mehr möglich sein würde, vielfach das Gepräge litterarischer Entdeckungsreisen trugen. Wenden wir uns zu seinen Schriften.

Eine Anmerkung Lachmann’s in einem Artikel in den „Theologischen Studien und Kritiken“ scheint das Ziel gesteckt zu haben für Tischendorf’s erste große Veröffentlichung, den Codex Ephraemi, eine Palimpsesthandschrift auf der Pariser Bibliothek, enthaltend Bruchstücke aus der Bibel; der N. T. Theil erschien im J. 1843, der A. T. im J. 1845. Der andere, von Lachmann erwähnte Pariser Codex, der Claromontanus, wurde von T. sofort bearbeitet, doch hat er erst im J. 1852 einen Verleger dafür gefunden. Das Jahr 1846 brachte die „Monumenta sacra inedita“, aus neun alten Handschriften, und den „Codex Friderico-Augustanus“ oder 43 Blätter der jetzt als der „Codex Siniaticus“ bekannten Handschrift. Verweilen wir einen Augenblick dabei. Diese 43 Blätter fand T. im Sinaikloster in einem Abfallkorb und erhielt sie als Geschenk von den Mönchen. Ein weiteres Stück wollten sie ihm nicht geben, doch hat er ein Blatt daraus abgeschrieben. Bei der Herausgabe des nach dem sächsischen König genannten Codex sagte er nur, daß diese Blätter stets in Aegypten oder in der Nähe von Aegypten sich befunden zu haben schienen, und es ist zu bemerken, daß diese Angabe nicht, wie ihm bisweilen vorgeworfen worden ist, unwahr gewesen ist. Die Reise vom J. 1853 galt der Erwerbung der übrigen Blätter, aber er fand keine Spur davon. Auch im J. 1859 war er im Begriffe das Kloster enttäuscht zu verlassen, und die Kameele waren schon bestellt, als er unerwartet den Schatz vor sich sah, vermehrt durch das vollständige Neue Testament sowie den bis dahin fehlenden griechischen Barnabas und einen Theil des Hermas. Es wird nunmehr im Orient und im Occident immer wieder mit allen möglichen Variationen behauptet, T. habe diese Handschrift sofort in die Tasche gesteckt und also aus dem Kloster unvermerkt getragen, und daß die Mönche sie umsonst reclamirt haben. Dem gegenüber genügt es zu sagen, daß T. den Codex überhaupt nicht aus dem Kloster getragen hat. Nachdem er wieder in Kairo war, hat der Klostervorsteher durch einen Kameelreiter den Codex nach Kairo bringen lassen. Dort hat T. je einige Blätter auf einmal mit zwei deutschen Gehülfen abgeschrieben, und bei ihrer Wiedergabe weitere erhalten. Erst mehr als sieben Monate später übergaben ihm die versammelten Mönche in Kairo die Handschrift zur Veröffentlichung und zur Weitergabe an den russischen Kaiser. Die Handschrift wurde erst aus dem auswärtigen Amt auf die kaiserliche Bibliothek getragen, als im J. 1869 die russische Regierung die Quittungen für das übliche orientalische „Gegengeschenk“ in den Händen hatte. (Genaueres findet man in Tischendorf’s N. T. Gr. edit. VIII. crit. mai. vol. 3, p. 345–354.) Die Ausgabe des „Codex Siniaticus“ ist vom J. 1862 in vier Folianten. Das Neue Testament erschien einzeln im J. 1863.

[373] Um zu den Schriften zurückzukehren: T. veröffentlichte im J. 1847 den „Codex Palatinus“ der lateinischen Evangelien, im J. 1850 den „Codex Amiatinus“ desselben Textes, im J. 1852 den Gr.-Lat. „Codex Claromontanus“ (s. o.) der Paulinischen Briefe, und im J. 1855 einen Band „Anecdota sacra“ sowie in den Jahren 1855–1870 sieben Bände einer neuen Sammlung von den „Monumenta sacra“. – Im J. 1851 sah seine von der Haager Gesellschaft gekrönte Preisschrift über die apokryphischen Evangelien das Licht, und seine Ausgabe der apokryphischen Apostelacten, denen im J. 1853 die apokryphischen Evangelien, im J. 1866 die apokryphischen Apokalypsen folgten. – Seine Ausgabe des Hermas erschien im J. 1856, und des Clemens Romanus im Jahre 1873. – Ohne einiger Einzelpredigten zu gedenken, erwähnen wir noch eine Abhandlung über den Uebergang der Israeliten durchs Rote Meer vom J. 1847, eine über Pilati Urtheil „circa Christum“, vom J. 1855, zwei Reisebücher vom J. 1846 (in 2 Bänden) und vom J. 1862, ein Bändchen „Philonea inedita“, und ein populäres Büchlein „Wann wurden unsere Evangelien verfaßt?“ das im J. 1865 erschien und in Tausenden von Exemplaren Deutsch, Französisch, Englisch, Schwedisch, Dänisch, Holländisch, Italienisch, Russisch und Türkisch verbreitet wurde. – Die acht Ausgaben seines griechischen Neuen Testaments find auf folgende Weise zu zählen: I. Leipzig 1841; II. III. eine protestantische und eine katholische Ausgabe, beide in Paris, 1842; IV. Leipzig 1849; V. Leipzig (Tauchnitz) 1850, 1862 u. s. w. bis heute; VI. Leipzig (Mendelssohn: Triglotte und Academica) 1854, 1855 u. s. w. bis heute; VII. Leipzig „maior et minor“; VIII. Leipzig 1869–1894 „maior et minor“. Von diesen sind nur IV, VII und VIII noch besonders zu beachten, indem V und VI sich heute nach VIII richten. Der Text von VIII ist unzweifelhaft der beste, den T. herausgegeben hat; er hat den Codex Siniaticus keineswegs darin so sclavisch benutzt wie gelegentlich behauptet wird.

Die akademische Thätigkeit hat er nie gepflegt. Er war fünf Jahre ordentlicher Professor, ehe er ein vierstündiges Colleg angekündigt hat; ein anderes vierstündiges hat er im 12., ein anderes im 14. Ordinariatsjahr angekündigt. Die angekündigten Collegien wurden aber häufig, wegen der Fülle anderer Arbeit, nicht gehalten.

Von dem unberechtigten Vorwurf unredlicher Erwerbung von Handschriften ausgehend, haben einige dem Todten ein feines Ehrgefühl absprechen wollen. Der Verfasser dieser Biographie hat zwar T. nie gesehen, hat aber bei Freund und Feind fleißig nachgeforscht und Tischendorf’s Privatbriefe ohne Beschränkung untersucht. Ueberall trat ihm ein vollkommener Ehrenmann entgegen.

Seine ihm häufig übelgenommene Vorliebe für Auszeichnungen scheint doch wenigstens nur harmloser Natur gewesen zu sein. Wenige Gelehrte haben früh und spät so angestrengt gearbeitet wie er; Ehrgeiz der so wirkt, ist dankenswerth.