ADB:Ulrichs, Heinrich

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Artikel „Ulrichs, Heinrich“ von Friedrich Koldewey in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 259–261, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ulrichs,_Heinrich&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 01:55 Uhr UTC)
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Ulrichs: Heinrich Nicolaus U. wurde am 8. December 1807 in Bremen als der Sohn eines Kaufmanns geboren. Nachdem er den Plan, sich wie sein Vater dem Handelsstande zu widmen, aufgegeben hatte, besuchte er die Gelehrtenschule seiner Vaterstadt und betrieb auf derselben unter der anregenden Leitung des Directors Friedrich August Menke mit besonderer Vorliebe und bestem Erfolge das Studium der griechischen Sprache. Im J. 1827 bezog er die Hochschule zu Leipzig, ging dann nach Bonn und zuletzt nach München, wo er nach einem dreijährigen Aufenthalte die philosophische Doctorwürde erwarb. Noch während seiner Universitätszeit hatte eine Reise nach Italien, die ihn bis Neapel führte, seine Begeisterung für das classische Alterthum in hohem Maaße befestigt. Vor allem aber erfüllten ihn, wie so viele junge deutsche Männer, die Freiheitskämpfe der Griechen mit Enthusiasmus, und so betrachtete er es denn als die glücklichste Wendung seines Lebens, daß er den jugendlichen König Otto nach Griechenland begleiten durfte. Auch Johannes Franz, der 1851 als Professor an der Berliner Universität gestorben ist (s. A. D. B. VII, 317), befand sich im Gefolge des Fürsten. Im Februar 1833 betrat U. das Land seiner Sehnsucht, wo schon vor ihm zwei andere deutsche Gelehrte, Ludwig Roß (s. A. D. B. XXIX, 246) und Peter Wilhelm Forchhammer eingetroffen waren. Im September desselben Jahres wurde er als Lehrer des Lateinischen an das neuerrichtete Gymnasium zu Aegina berufen und siedelte 1834 mit dieser Anstalt nach Athen über. Hier bildete sein Haus, nachdem er eine Tochter des Bremer Senators Joh. Gildemeister als Gattin heimgeführt hatte, den Sammelpunkt [260] gleichgesinnter Freunde. Seit Mai 1837 verband er mit seinem Schulamte die ordentliche Professur der lateinischen Sprache an der neubegründeten Universität und wirkte zugleich als Mitdirector des philologischen Seminars, sowie als Mitglied einer Commission, die mit der Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes für das gesammte griechische Universitätswesen beauftragt war. Aber trotz der großen Verdienste, die U. sich um die griechische Nation erworben hatte, erfuhr er infolge der Gereiztheit, die sich allmählich bei den Neuhellenen gegen die Deutschen entwickelt hatte, den bittersten Undank. Als er 1843, um mehr Zeit für sein akademisches Lehramt und seine Privatstudien zu gewinnen, die Entbindung von seiner Stellung am Gymnasium erbat, wurde ihm, angeblich aus finanziellen Rücksichten, die Professur an der Hochschule genommen, um mit der der Archäologie vereinigt zu werden. Zwar erfolgte auf Betrieb des Königs seine Wiedereinsetzung; als aber die unglückliche Septemberrevolution die Entlassung aller Deutschen herbeiführte, theilte U. das Schicksal seiner Landsleute. Die Nachricht davon traf ihn bereits auf dem Krankenlager, an das er durch ein gastrisches Fieber gefesselt wurde. In den Morgenstunden des 10. October 1843 machte der Tod seinem Leben ein Ende.

Als U. nach Griechenland kam, war dort das Studium der lateinischen Sprache noch völlig unbekannt, auch waren die Einwohner mit wenigen Ausnahmen von der Nothwendigkeit und Nützlichkeit desselben keineswegs überzeugt. Man begreift es daher, daß der Einführung dieses für alle Geistesbildung so wichtigen Unterrichtsgegenstandes sich große Schwierigkeiten entgegenstellten. Daß dieselben schließlich überwunden werden konnten, war hauptsächlich Ulrichs’ Eifer und Zähigkeit zu danken. Da er sich die neugriechische Sprache durch unermüdlichen Fleiß in verhältnißmäßig kurzer Zeit angeeignet hatte, so vermochte er bald seine tüchtigen Kenntnisse auf dem Gebiete der lateinischen Philologie und sein ausgezeichnetes Lehrgeschick in ausgiebigster Weise zu verwerthen. Die reine Begeisterung, mit der er an seine Aufgabe herantrat, die persönliche Theilnahme, die er seinen Schülern entgegenbrachte, seine feinen Umgangsformen und seine zuvorkommende Freundlichkeit gewannen ihm die Herzen seiner Schüler und rissen viele zu edlem Streben fort. Durch eine lateinische Grammatik („Γραμματικὴ τῆς Λατινικῆς γλώσσας ὑπὸ Ἐνρ. Οὐλερίχου“, Athen 1835) und ein zweibändiges lateinisches Lesebuch („Στοιχειώδη μαθήματα τῆς Λατινικῆς γλώσσας ὑπὸ Ἐνρ. Οὐλερίχου“, Athen 1836), die in allen höheren griechischen Schulen eingeführt wurden, sowie durch ein lateinisch-griechisches Lexikon („Lexicon latino graecum. Λεξικὸν λατινο-ἑλληνικόν“, Athen und Leipzig 1843), gab er dem von ihm vertretenen Fache auf dem hellenischen Boden eine feste Grundlage. Nicht seine Schuld ist es, daß dasselbe schließlich doch nicht recht Wurzel zu schlagen vermocht hat. Neben diesen sprachlichen Werken veröffentlichte U. eine Reihe von mustergültigen topographischen und archäologischen Arbeiten, die für die Wissenschaft von großem Werthe sind. („Reisen und Forschungen in Griechenland. I. T.: Reise über Delphi durch Phocis und Böotien bis Theben.“ Bremen 1840. II. T.: „Topographische und archäologische Abhandlungen. Herausg. von A. Passow.“ Berlin 1863.) Sie enthalten die Ergebnisse seiner Ferienausflüge, die er alljährlich bald mit seiner Gattin, bald mit Freunden wie Welcker und Roß, nach verschiedenen Gegenden Griechenlands, insbesondere nach Delphi und anderen bemerkenswerthen Oertlichkeiten in Phocis, nach Böotien und Euböa unternahm. Auch Athen und seine Häfen gehörten zu dem Felde seiner Forschung. Im Sommer 1843 besuchte er noch die Gefilde von Troja; aber sein frühzeitiger Tod hinderte ihn, die dort angestellten Untersuchungen und Entdeckungen fachgemäß zu verarbeiten.

Vergl. besonders den Lebensabriß, den A. Passow dem 2. Theile der [261] „Reisen und Forschungen in Griechenland“ vorausgeschickt hat. Außerdem auch Konr. Bursian, Gesch. d. class. Philol. in Deutschland, S. 1121 f. u. 1245.