ADB:Vierordt, Karl Friedrich

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Artikel „Vierordt, Karl Friedrich“ von Fritz Frankhauser in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 330–332, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Vierordt,_Karl_Friedrich&oldid=- (Version vom 19. Mai 2019, 21:13 Uhr UTC)
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Vierordt *): Karl Friedrich V., Historiker, wurde geboren am 18. November 1790 zu Karlsruhe als Sohn des im J. 1810 verstorbenen späteren großh. Kammerraths Ernst Jakob Vierordt und dessen Gattin Anna Magdalene Scherer. Hier in Karlsruhe hat er auch den größten Theil seines Lebens zugebracht. Nachdem er im J. 1808, im Alter von 17½ Jahren, das Lyceum dieser Stadt mit dem Reifezeugniß verlassen hatte, studirte er, einem Wunsche seiner Eltern folgend, der auch von seinem väterlichen Lehrer und Freunde, dem alemannischen Dichter Johann Peter Hebel unterstützt wurde, Theologie auf der Universität Heidelberg. Nach Beendigung seines Studiums wirkte er seit 1811 zunächst als Vicar in Weißweil, dann als Lehrer an der damals weitberühmten Schule Pestalozzi’s zu Yverdon, als Hauslehrer in einer Fabrikantenfamilie zu Neufchâtel und schließlich wieder als Vicar zu Diersheim, bis er im J. 1816 als Lehrer mit dem Titel Subdiakonus an das Pädagogium zu Lahr berufen wurde. Vier Jahre später vertauschte er, inzwischen zum Diakonus befördert, die Stelle mit einer solchen am Lyceum zu Karlsruhe. An dieser Schule entfaltete er dann bis zu seiner im J. 1860 erfolgten Pensionirung eine reich gesegnete Thätigkeit zunächst als Lehrer – seit 1823 mit dem Titel eines Professors – und von 1855–1860 als Director der Anstalt. Neben seinem Schulamt bekleidete er, auch noch nach seiner Pensionirung, das Amt eines Mitglieds der evangelischen Kirchen- und Prüfungscommission. Er starb am 19. December 1864; aus seiner im J. 1817 geschlossenen Ehe mit Rosette Preue hinterließ er zwei Kinder, den im Jahre 1884 als Professor der Physiologie an der Universität Tübingen verstorbenen Karl (v.) V. und eine Tochter.

Trotz der großen Anforderungen, welche die von ihm bekleideten Aemter an ihn stellten, fand V. noch Zeit, sich in seinen Mußestunden mit historischen Studien zu beschäftigen. Bereits im J. 1833 begann er mit den Vorarbeiten für eine groß angelegte Geschichte der evangelischen Kirche in dem heutigen [331] Großherzogthum Baden. Unendlich groß waren die Schwierigkeiten, die bei der Lösung dieser Aufgabe zu bewältigen waren, mühselig schon mit Rücksicht auf die Vielgestaltigkeit der Territorien, aus denen das heutige Großherzogthum Baden sich zusammensetzt. Brauchbare Vorarbeiten waren so gut wie nicht vorhanden. In zahllosen Wanderungen, landauf, landab, galt es, das in den Registraturen und Archiven der Pfarreien und Gemeinden zerstreute Material zu sammeln. Zu den im großh. General-Landesarchiv aufgespeicherten Materialien erlangte V. erst durch das persönliche Eingreifen Großherzog Leopold’s ungehinderten Zutritt, und das Münchener Reichsarchiv, das zahlreiche und wichtige Archivalien zur Reformationsgeschichte der lange Zeit unter bairischer Vormundschaft stehenden Markgrafschaft Baden-Baden enthält, öffnete ihm erst 1847 durch das freundliche Entgegenkommen Hormayr’s seine Pforten. Nachdem er im J. 1839 bereits eine kleinere Abhandlung „Die sieben ersten Jahre der Reformation in Baden“ als Beilage zum Programm des Karlsruher Lyceums veröffentlicht hatte, erschien 1847 der erste Band der „Geschichte der evangelischen Kirche im Großherzogthum Baden, nach großentheils handschriftlichen Quellen bearbeitet“ (Karlsruhe), bei seinem Erscheinen von der Kritik mit lebhafter Anerkennung und Genugthuung begrüßt. Er behandelt die Geschichte der Reformation bis zum Jahre 1571, dem Zeitpunkte der Wiedereinführung des Katholicismus in der Markgrafschaft Baden-Baden. Allerdings entsprach der äußere Erfolg den gehegten Erwartungen nicht, und erst, nachdem die großh. Regierung in aufrichtiger Anerkennung der von V. geleisteten Arbeit einen namhaften Zuschuß bewilligt hatte, war es letzterem ermöglicht, den II. Band, der die Geschichte der evangelischen Kirche vom Jahre 1571 bis zur Gegenwart fortführte, 1855 folgen zu lassen. Wenn auch im Einzelnen überholt, ist Vierordt’s Werk als Gesammtleistung bisher nicht übertroffen worden. Der Versuch einer Gesammtdarstellung der Geschichte der evangelischen Kirche in Baden ist seitdem nicht wiederholt worden, und Vierordt’s Darstellung ist heute noch jedem, der sich auf diesem Gebiete bethätigen will, unentbehrlich.

Als zweites Hauptwerk Vierordt’s erschien dann in den Jahren 1858 und 1859 die „Geschichte der im J. 1586 in Bruchsal eröffneten und 1724 nach Karlsruhe verpflanzten Mittelschule“ (Karlsruhe), gleichfalls als Beilage zu den Programmen des Karlsruher Lyceums. Ein in Aussicht gestellter dritter Theil, der als Hauptbestandtheile Biographien der Durlacher und Karlsruher Lehrer und eine Nachweisung über die dem Lyceum angehörenden Stipendien umfassen sollte, ist leider im Manuscripte nicht vollendet worden.

Nach seiner Pensionirung begann V. noch mit der Bearbeitung einer Badischen Geschichte, die zu vollenden ihm leider nicht mehr vergönnt war. Der erste, die Geschichte Badens bis zum Jahre 1493 behandelnde Band, wurde nach Vierordt’s Tode von dem Tübinger Gelehrten Dr. Bernhard Kugler herausgegeben. Ein von demselben, unter Benützung der Vierordt’schen Vorarbeiten, in Aussicht gestellter zweiter Band ist niemals erschienen. Außer diesen drei Hauptwerken hat V. noch eine größere Anzahl von Abhandlungen und Reden in Zeitschriften und als Programme des Karlsruher Lyceums erscheinen lassen, aus denen ich nur noch hervorhebe „Die Geschichte der Reformation in Konstanz“ im Taschenbuch für Geschichte in Südwestdeutschland III. Jahrgang, „Glaubenstreue der Pforzheimer in den Zeiten des dreißigjährigen Krieges“ in Ullmann’s und Umbreit’s Studien und Kritiken Jahrgang 1844, „De Johanne Ungero, Pforzhemiensi, Philippi Melanchtonis praeceptore“ (Programm 1844), „De junctarum in precando manuum origine [332] indo-germanica“ (Programm 1851). Ein genaues Verzeichniß befindet sich in der unten erwähnten Schrift von Gockel. – Der reiche handschriftliche Nachlaß Vierordt’s, 23 Bände Collectaneen umfassend, befindet sich heute auf der Heidelberger Universitätsbibliothek.

Vgl. Christ. Friedrich Gockel, Dem Andenken an Carl Friedrich Vierordt: Beilage zum Programm des Karlsruher Lyceums 1864/65. Karlsruhe 1865. – Theodor Löhlein, Karl Friedrich Vierordt: Badische Biographien, herausgegeben von Fr. v. Weech, II, 405–407.

[330] *) Zu Bd. LIV, S. 746.