ADB:Voigts-Rhetz, Constantin von

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Artikel „Voigts-Rhetz, Konstantin von“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 216–220, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Voigts-Rhetz,_Constantin_von&oldid=- (Version vom 22. April 2019, 10:54 Uhr UTC)
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Voigts-Rhetz: Konstantin Bernhard von V.-Rh., königlich preußischer General der Infanterie, wurde am 16. Juli 1809 zu Seesen im Herzogthume Braunschweig, welches damals zum Königreiche Westfalen gehörte, geboren. Sein Vater war preußischer Regierungs- und Forstrath, seine Mutter eine geborene v. Uslar. Im Alter von zehn Jahren kam er auf das Gymnasium zu Bückeburg, später auf das zu Minden. Schon damals zeigte er zwei Eigenschaften, welche ihn sein Leben hindurch ausgezeichnet haben, Entschlossenheit und nachhaltige Zähigkeit in der Ausführung des Unternommenen. So als er, selbst vierzehnjährig, einem Schulkameraden (v. Schlotheim), welchen beim Durchschwimmen der Weser die Kräfte verlassen hatten, das Leben rettete, indem er seine Haare mit den Zähnen faßte und ihn an das Ufer brachte. Auf der Schule leistete er in Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Erdbeschreibung hervorragendes, während seine Leistungen in den alten Sprachen zu wünschen übrig ließen. Am 10. October 1827 trat er beim 9. Infanterieregimente zu Colberg in den preußischen Heeresdienst, wurde, nachdem er die Divisionsschule zu Stettin besucht hatte, am 12. Februar 1829 zum Secondlieutenant befördert, war vom Herbst 1833 bis zum Sommer 1836 zur Allgemeinen Kriegsschule (jetzt Kriegsakademie) in Berlin und von 1837 bis 1838 zum topographischen Bureau commandirt, ward im April 1841, nachdem er 1840 Premierlieutenant geworden und dem 24. Infanterieregiment aggregirt war, in den Generalstab versetzt und zum Hauptmann, am 1. April 1847 zum Major ernannt und gleichzeitig dem Generalcommando des V. Armeecorps in Posen überwiesen, an dessen Spitze der aus den Befreiungskriegen bekannte General v. Colomb, der Schwager des alten Blücher, stand. Hier ward sein Name zum ersten Male weiteren Kreisen bekannt. Das nächste Jahr brachte die aufrührerische Bewegung der Polen in der Provinz Posen, zu deren Beruhigung General v. Willisen dorthin entsendet wurde, dessen Unterhandlungen und Abmachungen mit den Aufgestandenen in hohem Grade den Unwillen der Deutschen und vor allem der Officiere erregten. Major v. V. gab diesem Unwillen einen kräftigen Ausdruck, indem er, mit Genehmigung des commandirenden Generals, eine „Actenmäßige Darstellung der polnischen Insurrection im Jahre 1848“ durch den Druck veröffentlichte (Berlin 1848), welche den General v. Willisen heftig angriff ob seines Pactirens mit dem von den preußischen Behörden in [217] keiner Weise anerkannten revolutionären Nationalcomité und diesen zu einer Entgegnung, als „Offener Brief an den Major von Voigts-Rhetz“ (Berlin 1848) bezeichnet, veranlaßte. Es war ein eigenartiger, mit den Ansichten und Gepflogenheiten des Officierstandes im preußischen Heere schwer zu vereinbarender Vorgang, den nur das Außergewöhnliche jenes wunderbaren Jahres erklärt. Inzwischen aber hatte V. sich an dem Kampfe, der trotz Willisen’s Vermittlung entbrannte, nachdem er dem mit der Führung der preußischen Truppen betrauten General v. Brandt als Chef des Stabes beigegeben war, wacker betheiligt; der am 29. April erfolgte Angriff auf die Stadt Xions, wo er mit dem Rufe „Ich will Euch zeigen, wie man Barrikaden nimmt“, als der ersten Einer die Eingangsperre überstieg, gab ihm Gelegenheit seine Entschlossenheit und sein Geschick in der Behandlung der Soldaten zu zeigen. Ende August wurde er zum Generalstabe des I. Armeecorps nach Königsberg, 1850 zu dem des IV. nach Magdeburg versetzt, 1852 kehrte er als Chef des Generalstabes des V. nach Posen zurück, wo er 1853 zum Oberstlieutenant, 1855 zum Oberst aufstieg und blieb, bis ihm am 15. Juni 1857 das Commando des 19. Infanterieregiments übertragen wurde, eine Stellung, welche er am 3. Juni 1858 mit der an der Spitze der 9. Infanteriebrigade vertauschte. Am nächsten 21. November wurde er Generalmajor. Die nachfolgenden Jahre bis zum Kriege von 1866 brachten ihm sehr verschiedene dienstliche Verwendung. Schon am 20. Januar 1859 ward er als Director des Allgemeinen Kriegsdepartements in das Kriegsministerium berufen, wo damals die Vorarbeiten für eine Neugestaltung des Heeres ihren Anfang nahmen und wo er namentlich für die Ausrüstung mit gezogenen Geschützen eintrat. Am 12. Juli 1860 erfolgte seine Ernennung zum Commandanten von Luxemburg und zum Führer der Brigade der Bundesfestungen. Hier verheirathete er sich 1862 mit Fräulein Eleonore München, einer Luxemburgerin, welche nach seinem Tode sich mit dem Gutsbesitzer v. Decker auf Dittersbach, Kr. Lüben in Schlesien vermählte. Am 24. Jan. 1868 wurde er zum Commandeur der 7. Division in Magdeburg, am 29. d. M. zum Generallieutenant, am 29. October 1864 zum Oberbefehlshaber der Truppen in Frankfurt a. M. und dort im März 1866 zum 1. Militärbevollmächtigten bei der Bundes-Militär-Commission ernannt. Aber nur ganz kurze Zeit blieb er in dieser Stellung, denn der Ausbruch des Krieges Preußens und seiner Verbündeten gegen die Mehrzahl der Mitglieder dieses Bundes berief ihn zu einer anderen Thätigkeit.

V. wurde zum Chef des Generalstabes der vom Prinzen Friedrich Karl von Preußen befehligten 1. Armee ernannt, welche von Görlitz aus durch das Königreich Sachsen in Böhmen einrückte und sich durch die Kämpfe bei Münchengrätz, bei Podol und bei Gitschin den Weg auf die Wahlstatt von Königgrätz bahnte. An der dort sich vollziehenden Entscheidung hatte General v. V. hervorragenden Antheil. Die im Laufe des 2. Juli im Hauptquartiere der 1. Armee zu Kamenitz eingegangenen Meldungen und die aus ihnen gezogenen Folgerungen ließen Stellung und Absichten des Feindes in einem anderen Lichte erscheinen als bis dahin angenommen war; sie führten den Prinzen und seinen Generalstabschef zu der Ueberzeugung, daß die von der oberen Heeresleitung für den nächsten Tag getroffenen Anordnungen eine Abänderung erleiden müßten und daß es sich empfehlen würde dem vermutheten Angriffe des österreichischen Heeres durch einen kräftigen, in Gemeinschaft mit der eigenen II. und der Elbarmee auszuführenden Gegenstoß zuvorzukommen oder zu begegnen. Um dieser Ansicht Ausdruck zu geben und sie gleichzeitig durch eine Vorlegung der Sachlage, wie solche auf Grund der im Laufe des 2. gemachten Wahrnehmungen gewonnen war, zu begründen, ritt V. selbst am Abend in das königliche Hauptquartier, [218] welches sich in Gitschin befand. Um 11 Uhr Nachts traf er dort beim Chef des Generalstabes der Armee General Frhrn. v. Moltke ein und kurz darauf begab er sich mit diesem zum Könige. Hier wurde sofort der Plan für das am 3. einzuschlagende Verfahren in dem durch V. vertretenen offensiven Sinne festgestellt und bald nach Mitternacht befand sich dieser auf dem Rückwege nach Kamenitz. Schon auf dem Schlachtfelde bestätigte ihm ein aus London eingehendes Telegramm, welches den Inhalt eines beim österreichischen Heere zugelassenen Berichterstatters an eine englische Zeitung übermittelte, die Richtigkeit der eigenen Vermuthungen und der Erfolg des Tages bewies die Zweckmäßigkeit der getroffenen Anordnungen. Im Verein mit der Findigkeit der Befehlsüberbringer, der Tapferkeit der Truppen und der verständnißvollen Thätigkeit der Unterführer hatten sie einen glänzenden Sieg zu Wege gebracht und den Ausgang des Krieges besiegelt. Voigts-Rhetz’s Leistungen wurden durch Verleihung des Ordens pour le mérite, sowie der 1. Classe des rothen Adlerordens mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe und durch Stellung à la suite des 2. Magdeburgischen Infanterieregiments Nr. 27 anerkannt, er wurde zum Generalgouverneur des bei Beginn des Krieges von Preußen besetzten Königreichs Hannover und am 30. October, nachdem das Land dem preußischen Staate als Provinz Hannover einverleibt worden war, zum commandirenden General des dort neugebildeten X. Armeecorps ernannt. Am 22. März 1868 erfolgte seine Beförderung zum General der Infanterie.

Es war eine schwierige Stellung, in welche seine Berufung an die Spitze der preußischen Truppen in dem der Annexion zu großem Theile feindlich gegenüberstehenden Lande und einer das Aufhören staatlicher Selbstständigkeit ihrer engeren Heimath betrauernden Bevölkerung ihn brachte. Aber vortrefflich hat er verstanden, die ihm gewordene Aufgabe zu erfüllen. Hohe Geistesgaben, vollendete Bildung, gewinnende Umgangsformen, Wohlwollen und Freundlichkeit gegen Jedermann, vereint mit Ernst und Festigkeit, gewannen ihm viele Herzen und nöthigten auch den widerstrebenden Gemüthern Achtung und Anerkennung ab. In wie hohem Maße es ihm gelang, das ihm untergebene Armeecorps zu einem brauchbaren und schneidigen Kriegswerkzeuge zu machen, hat der Krieg gegen Frankreich dargethan, in welchem er dieses mit großem Ruhme für sich selbst zu hohen Ehren führte. Wiederum, wie im Jahre 1866, war er den Befehlen des Prinzen Friedrich Karl untergeben; mit seinem aus Hannoveranern, Oldenburgern und Braunschweigern sammt Westfalen und Rheinländern bestehenden Armeecorps, gehörte er der von jenem commandirten Armee an, welche dieses Mal die II. hieß; als Chef des Generalstabes stand ihm Major v. Caprivi, der nachmalige Reichskanzler, zur Seite. Am Tage von Vionville-Mars la Tour, am 16. August, wol dem schwersten Tage des ganzen Krieges, kam das II. Armeecorps zum ersten Male zum Schlagen. In Verein mit dem III. brandenburgischen Armeecorps und einigen Cavalleriedivisionen löste es unter großen Verlusten die ihm gestellte Aufgabe dem Feinde den Weg nach Westen zu verlegen. In der nächsten Schlacht, der zwei Tage später bei Gravelotte-Saint Privat gelieferten, kam es nur gegen Abend zu einiger Thätigkeit. Dann half es die Festung Metz einschließen. Während dieser Zeit stand es nördlich von der Stadt und wurde je nach den Umständen auf dem linken und dem rechten Ufer der Mosel verwendet. Bei den dort vorkommenden zur Abwehr der französischen Ausfallsversuche gelieferten Kämpfen war es nicht hervorragend betheiligt. Solche brachte erst der Monat November, als nach dem Falle der Festung und einem dreiwöchentlichen Marsche die Fühlung mit den nördlich von Orléans befindlichen feindlichen Truppen gewonnen wurde. Gefechte bei Ladon und Maizières, welche am 24. stattfanden, bahnten ihm den Weg zur Vereinigung [219] mit dem übrigen Theile der II. Armee, auf deren linkem Flügel das X. Armeecorps vorgegangen war, am 28. hatte es seinerseits bei Beaune-la-Rolande sich heftiger Angriffe des Feindes zu erwehren, die mit Erfolg abgewiesen wurden. Nach einigen weiteren Gefechten kam es am 3. und 4. September zur Schlacht und zur zweiten Einnahme von Orléans, wobei das X. Armeecorps nicht wesentlich betheiligt war. Dann wurde es zunächst in der Richtung auf Bourges in Marsch gesetzt, aber bald zur Umkehr beordert, weil auf dem jenseitigen, dem rechten Loireufer General Chanzy in gefahrdrohender Weise gegen Orléans vorging. Sein Eintreffen auf dem Kampfplatze, welches am 10. ein angriffsweises Vorgehen auf der ganzen Linie ermöglichte, nöthigte Chanzy zum Rückzuge, das X. Armeecorps nahm am 12. Blois in Besitz und setzte dann den Marsch auf Vendôme fort, wobei es von neuem zu Verfolgungsgefechten kam. Es folgte nun auf diesem Kriegsschauplatze für kurze Zeit eine verhältnißmäßige Ruhe, während deren V. in Blois war. Ein am 19. bei Monnaie stattfindendes Erkundungsgefecht trug dem General das Eichenlaub zum Orden pour le mérite ein, die beiden Classen des eisernen Kreuzes waren ihm schon früher verliehen. Ein Theil seiner Truppen, die bei Vendôme stehende 20. Division des Generals v. Kratz–Koschlau, hatte während dieser Pause eine Reihe von Kämpfen auszufechten. – Zu Anfang des Monats Januar 1871 machte der Vormarsch des Prinzen Friedrich Karl gegen le Mans, von wo General Chanzy sich anschickte einen neuen Versuch zum Entsatze von Paris zu unternehmen, der Ruhe ein Ende. General v. V. erhielt dabei seinen Platz auf dem äußersten linken Flügel der prinzlichen Heeresmacht angewiesen. Am 6. vereinigte er sein Armeecorps bei Montoire, südwestlich von Vendôme, am 7. wurde der Vormarsch angetreten, bei welchem dieses wenig erheblichen Widerstand, der General aber Gelegenheit fand, die Schärfe seines taktischen Blickes durch entschlossene Wegnahme des Mittelpunktes der vom Feinde vor le Mans genommenen Stellung zu bethätigen, und am Nachmittage des 12. rückte es, unter lebhaftem Straßenkampfe, in le Mans ein, wo die Angriffsbewegung im ganzen und großen Halt machte; einzelne dem General v. V. unterstellte Abtheilungen setzten indessen die Verfolgung fort, nahmen dabei das Lager von Conlie und drangen am weitesten von allen deutschen Truppen nach Westen vor. – Nachdem ihr Führer am 16. Juni 1870 dem Einzuge des siegreichen Heeres in die Hauptstadt des geeinten deutschen Reiches beigewohnt hatte und am 25., feierlich empfangen und durch Ueberreichung eines goldenen Lorbeerkranzes geehrt, an der Spitze der Garnison Hannover in sein eigenes Heim zurückgekehrt war, machten sich nicht lange nachher die Spuren eines Gehirnleidens bemerkbar, welches ihn, nachdem sich Curen, die er zur Herstellung seiner Gesundheit unternommen hatte, wirkungslos geblieben waren, veranlaßte um seine Verabschiedung zu bitten. Am 11. December 1873 wurde sein Gesuch genehmigt. Die Verleihung des Schwarzen Adlerordens war das letzte äußere Zeichen der Gnade Kaiser Wilhelm’s I. und seiner Anerkennung der vom General v. V. geleisteten Dienste. Auch eine Dotation aus den von Frankreich gezahlten Contributionsgeldern dankte ihm die letzteren. Das Andenken an den General bewahren die Beilegung seines Namens an das auf dem linken Moselufer nordwestlich von der Festung Metz belegene frühere „Fort Moselle“ und, seit dem 27. Jan. 1889 auf Befehl Kaiser Wilhelm’s II., an das „Infanterieregiment von Voigts-Rhetz (3. Hannoversches) Nr. 79“, dessen Chef der Verstorbene seit dem 22. Juni 1868 gewesen war. Nach seinem Scheiden aus dem Dienste lebte er abwechselnd in der Schweiz und in Wiesbaden, am letzteren Ort ist er am 13. April 1877 seinem Leiden erlegen.

Gleichzeitig mit Konstantin v. V. dienten zwei noch lebende, ihm nachgeborene [220] Brüder im preußischen Heere, von denen im Kriege von 1870/71 der ältere, William, gegenwärtig General der Infanterie zur Disposition, Generalmajor und Commandeur der 18. Infanteriebrigade, der jüngere, Julius, General der Artillerie zur Disposition, Oberst und Chef des Generalstabes des III. Armeecorps war.

Militär-Wochenblatt Nr. 50, Berlin, 23. Juni 1877, von einem älteren Bruder geschrieben. – Militär-Oberpfarrer B. Bußler, Preußische Feldherren und Helden, 2. Bd., Gotha 1893.