ADB:Wagner, Heinrich

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Artikel „Wagner, Heinrich“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 437–439, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wagner,_Heinrich&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 04:00 Uhr UTC)
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Wikipedia-logo-v2.svg Heinrich Wagner (Architekt, 1834) in der Wikipedia
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Wagner *): Heinrich Ludwig Ehrenfried W., Architekt, wurde am 5. October 1834 in Stuttgart als Sohn eines Kanzleiraths geboren, besuchte als Schüler der hervorragendsten Fachleute Mauch, des Verfassers der „Säulenordnungen“, v. Leins’, der den „Königsbau“ der schwäb. Residenz geschaffen, und Breymann’s, Verfassers der „Bauconstructionslehre“, welche drei eben in oder unmittelbar vor der Höhe ihres Ruhmes standen, nach Ostern 1853 abgelegter Maturität das dortige Polytechnikum, und machte schon Ostern 1855 das Staatsexamen im Bauchfach. Gemäß der dazumal herrschenden Sitte ergänzte W. seine Studien an der École des beaux arts in Paris, wo er Herbst 1857 eine Prüfung bestand, und darauf in Bauateliers Londons. Im November 1861 kam der kaum 27jährige nach 6 Jahren Aufenthalts in Frankreich und England als Lehrer der Artchitektur ins Lehrpersonal der königlichen Baugewerkschule seiner Vaterstadt, im October 1865 ward er Hauptlehrer für Architektur und Professor, August 1866 auf Antrag des Lehrerconvents des Polytechnikums auch Lehrer für Bauzeichnen daselbst, endlich unter dem 26. Juni 1869 zum ordentlichen Professor der Baukunde (Architektur) an das großherzogl. Polytechnikum nach Darmstadt d. h. in die Stellung berufen, die er seitdem bis zu dem am 19. März 1897 unerwartet erfolgenden Tode – eine schnell vorschreitende Lungenentzündung raffte den in der Vollkraft stehenden Mann dahin – mit Erfolg und Ruhm ausgefüllt hat. 28 Jahre hat er dieser Anstalt, indessen sie zu einer der angesehendsten und besuchtesten ihrer Art aufstieg, seine starke Wissens- und Lehrkraft gewidmet. Seine amtliche Obliegenheit betraf den Unterricht im Entwerfen, Anlage und Einrichtung der Gebäude sowie Bauführung. Als Praktiker des Fachs bewährten ihn besonders, neben einigen Privathäusern zu Stuttgart und Darmstadt, in ersterer Stadt der Monumentalbrunnen in der Reinsbergstraße, das ehemalige Palais Taubenheim, die englische Kirche und das Heim der Museumsgesellschaft, dies gemäß dem ihm zusammen mit seinem langjährigen Freunde Professor Walther, Director der dortigen Baugewerkschule, in der Concurrenz zugefallenen Auftrage, sodann in Darmstadt Anhängsel an das Mausoleum des hessischen Fürstenhauses und, sein bedeutendstes Werk, die neue technische Hochschule in ihrem Hauptstück. Und als diese umfängliche und imposante Gebäude, durch dessen künstlerisch wohlgelungene und nicht minder für den akademischen Gebrauch äußerst geeignete Gestaltung der auffällige neurere Aufschwung dieser Lehranstalt zweifellos tüchtig gefördert worden sein dürfte, knapp zwei Jahre nach der Einweihung infolge des raschen Wachsthums der Studentenzahl zu klein ward, da wurde – seit April 1891 fungirte W. als Vorstand von Abtheilung I der großherzogl. Baubehörde für den Neubau der Technischen Hochschule – Wagner’s Vorentwurf zur Erweiterung seine letzte Arbeit. Ebenfalls gegen sein Ende hat er die alte Kirchenkanzel zu Büdingen, Provinz Starkenburg, erneuert. Der Titel eines Geheimen Bauraths, Juli 1886 verliehen, und das Ritterkreuz I. Classe des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen, das er schon seit Febr. 1875 besaß, lohnten dies unermüdliche Schaffen. Außerdem war er seit October 1880 Mitglied der Commission für die Herausgabe von „Die Kunstdenkmäler des Großherzogthums Hessen“ und hat für das daraufhin in Angriff genommene Inventarisationswerk den Abschnitt „Kreis Büdingen“ (1890) besorgt, einen gar vollgiltigen Beweis seiner bezüglichen Sachkenntniß von dauerndem Werte und seine letzte bedeutsame litterarische That. Seit Juni 1892 war W. auch Mitglied des Kunstraths über die Erhaltung und Wiederherstellung des Wormser Doms, und nahm 1895 an den bezüglichen Berathungen theil, wie 1888 an denen zur Erhaltung der Stadtkirche in Friedberg, 1892 zur [438] Conservirung des Heidelberger Schlosses, und noch 1897 erging an ihn der Ruf, den Sitzungen zur Restauration des kurfürstlichen Schlosses in Mainz beizuwohnen, und endlich im October 1888 als künstlerischer Abgesandter Hessens an den Berathungen betreffs Errichtung eines Kaiser Wilhelm-Denkmals zu Berlin. Zum Director der Technischen Hochschule berief den mit Verwaltungs- und Organisationsgeschick Begabten das Vertrauen der Collegen etliche Male.

Eigenartig, vielseitig und reich talentirt, kundig auf allen Rievieren seines Feldes, rastlos, pflichtstreng, bei seinen öffentlichen Leistungen keineswegs selbstisch und ruhmsüchtig, dazu ein eindrucksvoller, höchst beliebter Lehrer war W., und so riß sein Tod eine arge Lücke. Als Preisrichter und Gutachter war er äußerst gesucht, und zwar hat er in ersterer Eigenschaft gesessen in den Ausschüssen für die höhere Töchterschule in Karlsruhe (1877), für eine Volksschule (1884) und die Frankfurter Bank (1888), in Frankfurt a. M., die Sparcasse in Darmstadt (1888), das Realgymnasium in Mannheim (1888), das Concerthaus der Liedertafel zu Mainz (1888) den Erweiterungsbau der Stadtbibliothek zu Frankfurt a. M. (1889/90), das Haus des dortigen „Bürgervereins“ (1890), ein Denkmal Ohly’s (s. d.)[WS 1] in Darmstadt, für Kirchen in Wiesbaden, Heilbronn u. a., einen Saalbau in Ulm, das Landesdenkmal Ludwig’s IV. in Darmstadt u. a. Von Auszeichnungen für Verdienste auf diesem Gebiete sei nur das philosophische Ehrendoktorat der Universität zu Gießen genannt, in den letzten Jahren wegen seiner Bemühungen um die dortige neue evangelische Johanniskirche verliehen, aus der Reihe der vielen ihm anvertrauten Beobachtungen nur die über den Entwurf für ein neues Museum in Darmstadt von Professor Alfred Messel[WS 2].

Die verschiedenen Seiten seiner Thätigkeit berührt das Lob seines Amtsgenossen Wickop (s. u.)[WS 3] mit dem Satze: „Er war durch seine gediegenen kunstgeschichtlichen Kenntnisse und seine verständnisvolle Kunstauffassung ebenso zu erfolgreichem Wirken befähigt, wie durch klaren praktischen Blick und durch bemerkenswerthe Gewandtheit in Wort und Schrift.“ Als Fachschriftsteller machte W. seinen Namen durch seine Beiträge zum „Deutschen Bauhandbuch“ und besonders durch Mit-Ausarbeitung und –Herausgabe (mit seinen Hochschulcollegen Durm, Ende, Schmid) des großartigen „Handbuchs der Architektur“ den weitesten Interessenkreisen genau bekannt. Für dieses hat er mehrere ganze lange Capitel geliefert, aber auch Einzelparagraphen aus seiner Specialität beigesteuert. Die wesentlichsten Erzeugnisse seiner Feder sind darin (hier theilweise wörtlich aufgeführt, da nirgends, auch aus den Registern nicht, deutlich ersichtlich und doch für Wagner’s Vielseitigkeit höchst bezeichnend): Band IV, im 1. Halbband: „Allgemeine Grundzüge der architektonischen Composition“, „Die Anlage des Gebäudes“, „Vorräume, Treppen, Hof- und Saalanlagen“, (dies mit Bohnstedt); im 4. Halbband: „Schank- und Speiselocale, Kaffeehäuser und Restaurants“, „Musik-, Schau- und Bühnenspielhallen, Tanzlocale, Volksbelustigungsgärten und sonstige größere Anlagen für öffentliche Lustbarkeit“, „Baulichkeiten für Kur- und Badeorte“ (mit Mylius), „Gebäude für gesellige Vereine und Clubhäuser“, „Freimaurerlogen, Innungshäuser u. ä.“, „Eis- und Rollschlittschuhbahnen“ (mit Lieblein), „Anlagen für Ballspiel und verwandten Sport“, „Panoramen“ (mit Lieblein), „Stibadien und Exedren, Pergolen und Veranden“ (mit Durm), „Gartenhäuser, Kioske und Pavillons“ (mit Durm), im 6. Halbband: „Pensionate und Alumnate“, sowie bei den „Gebäuden für Ausübung der Kunst und Kunstunterricht“ und „Gebäuden für Sammlungen und Ausstellungen“; im 7. Halbband an den Abschnitten über „Gebäude für Verwaltungsbehörden und private Verwaltungen“, „Gerichtshäuser, Straf- und Besserungsanstalten“, „Parlamentshäuser und Ständehäuser“. Eine Theilnahme und führende Stellung bei [439] dieser Großthat deutscher Architekturwissenschaft sind ein bleibendes Denkmal, das sich der Gelehrte und der Mann der Praxis Hand in Hand gesetzt haben. Das über den Horizont seiner eigentlichen Sparte intuitiv hinausgreifende Kunstverständniß Wagner’s bezeugt die Abhandlung über die Kreuzigungsgruppen am Dom zu Frankfurt a. M., an der Pfarrkirche zu Wimpfen am Berg und an der St. Ignazkirche zu Mainz, veröffentlicht in der Festschrift zur Jubelfeier des 50jährigen Bestehens der großherzogl. Technischen Hochschule zu Darmstadt 1886. Wohl sein oben erwähnter Antheil an der officiellen Veröffentlichung „Kunstdenkmäler im Großherzogthum Hessen“ führte ihn auch unter die Mitarbeiter des „Archivs für hessische Geschichte und Alterthumskunde“. Auch hat er mit seinem Karlsruher Collegen Josef Durm und dem bekannten Kirchenarchäologen Fr. X. Kraus „Die Kunstdenkmäler im Großherzogthum Baden“ (2 Bde., 1887 bez. 1890) zusammenfassend behandelt.

Der Charakter und die Persönlichkeit Wagner’s hoben seine breite Wirksamkeit noch beträchtlich. Gelassen und an sich haltend, aber freundlich, vorurtheilslos, klaren Blicks, Gegensätze vermittelnd, duldsam gegen abweichende Ansichten wird er gerühmt: „mit großer Uneigennützigkeit war er Schülern und Collegen ein aufrichtiger Helfer, Berather und Freund“. Nach allem Obigen greift das zweimalige Beiwort „bedeutend“, das ihm die kurze Meldung seines Todes in d. „Dtsch. Bauzeitung“ XXXI, Nr. 25 (27. März 1897) S. 164a spendet, nicht zu hoch. Ein ausführlicher Nekrolog, dem der eben gegebene Satz der Charakteristik sammt unsern meisten Angaben über Wagner’s Theilnahme an Preisgerichten und Ausschüssen entstammt, steht, II. unterzeichnet, ebd. Nr. 28 (vom 7. April) S. 178 f. Dieser entnimmt aber die übrigen meisten Daten (die litterarischen siehe ganz kurz bei Kukula, Bibliographisches Jahrbuch d. dtsch. Hochschule, S. 969) dem von Wagner’s Collegen Prof. Georg W(icko)p im „Centralblatt für Bauverwaltung“ XVII, Nr. 13, S. 147 f. geschriebenen Nachrufe. Dieser prägnante Artikel, verkürzt Frkf. Ztg. 41. Jahrg. Nr. 89, ist mit Hülfe von Wagner’s langjährigem Amtsgenossen, Freunde und Mitredacteur Geh. Baurath Prof. Dr. Eduard Schmitt, der auch mir freundliche Auskunft gab, und den Acten der Technischen Hochschule zu Darmstadt (diese konnte ich durch das Entgegenkommen des Secretärs Rechnungsraths W. Koch benutzen) angelegt. Mit seinem Schlußpassus endige auch unsere Biographie Wagner’s: „Von großer Liebenswürdigkeit und seltener Hülfsbereitschaft in Rath und That gegen Jedermann, ein treu ausharrender und zuverlässiger Freund und ein hingebend liebevoller Gatte und Vater hinterlässt der in voller Manneskraft dahingeraffte bei den Seinigen, bei den von nah und fern zu seinem Grabe herbeigeströmten Freunden, bei Schülern und Fachgenossen ein immerdar treues Angedenken.“


[437] *) Zu Bd. XLI, S. 244.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. kein Artikel in der ADB; lt Wikupedia war Albrecht Ohly (1829-1891) seit 1874 bis zum Tode Bürgermeister von Darmstadt.
  2. Alfred Messel (1853-1909), Architekt
  3. kein Artikel in der ADB; lt. Wikipedia war Georg Wickop (1861-1914) Architekt, Baubeamter und Hochschullehrer, zuletzt in Darmstadt.