ADB:Wastler, Josef

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Artikel „Wastler, Josef“ von Franz Ilwof in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 3–6, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wastler,_Josef&oldid=- (Version vom 26. Mai 2019, 07:48 Uhr UTC)
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Wastler: Josef W., Geodät und Kunsthistoriker, k. k. Hofrath und o. ö. Professor an der technischen Hochschule zu Graz. Er erblickte das Licht der Welt zu Heiligenberg in Oberösterreich am 20. Februar 1831, besuchte die Industrie- und Gewerbeschule zu Linz, studirte am Polytechnikum und an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1853 wurde er zum Assistenten der praktischen Geometrie am polytechnischen Institute zu Wien ernannt und von 1855–1858 wirkte er als Lehrer an der k. k. Oberrealschule zu Ofen. In den Ferien 1858 machte er im Auftrage und auf Kosten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien mit den Professoren Dr. Peters, Dr. Kerner und Schmidt eine wissenschaftliche Reise in das Bihargebirge an den Grenzen von Ungarn und Siebenbürgen, deren Resultate von seiner Seite die von ihm entworfene Karte des Bihargebirges und der Abschnitt: „Die geodätischen Arbeiten“ in Schmidt’s Werk über das Bihargebirge waren.

Am 23. October 1858 wurde er als Professor der niederen und höheren Geodäsie an die technische Lehranstalt (jetzt Hochschule) am Joanneum zu Graz berufen, in welcher Stellung er bis an sein Lebensende in ausgezeichneter Weise wirkte. Er war Mitglied der Prüfungscommission für beeidete [4] Civilgeometer, erhielt für ausgestellte Arbeiten bei der Wiener Weltausstellung (1873) die Verdienstmedaille, wurde 1883 durch den Titel Regierungsrath, 1898 durch den Titel Hofrath ausgezeichnet. Oftmals beriefen ihn seine Collegen an die Spitze einer Fachschule als Decan, ununterbrochen fungirte er als Präses und Examinator in den Prüfungscommissionen und vier Mal bekleidete er die Würde des Rectors der technischen Hochschule.

Als Professor der Geodäsie bildete er eine große Zahl von Schülern heran, die zum Theil in hervorragende Stellungen gekommen sind. Auch litterarisch und praktisch sind seine Verdienste bedeutend. So seine Theilnahme an den Untersuchungen über die Leistungsfähigkeit der Federbarometer, die sich um das Jahr 1860 in die Praxis der tracirenden Ingenieure Eingang verschafften; seine mit dem Bourdon’schen Aneroide gemachten Erfahrungen veröffentlichte er in den Sitzungsberichten der kais. Akademie der Wissenschaften (mathematisch-naturwissenschaftliche Classe, 45. Bd., S. 559–586).

Es folgten Untersuchungen über die Genauigkeit von Längenmessungen, Ergebnisse, die bei der Aufnahme der Stadt Graz zu Ende der sechziger Jahre gewonnen wurden und einen werthvollen Beitrag zu der damals gerade in öffentlicher Discussion stehenden Frage bildeten. Diese Stadtaufnahme gab ihm auch Gelegenheit, sich zu jener Zeit schon als überzeugungstreuen Vertreter von Reformbestrebungen auf dem Gebiete des Vermessungswesens zu erweisen. W. brachte bei dieser Aufnahme jene Principien in Anwendung, welche in den preußischen Vermessungsanweisungen niedergelegt sind und 1887 in den österreichischen Vorschriften bei den Arbeiten für den Grundsteuerkataster zur Geltung kamen. Er ist demnach als Vorkämpfer dieser zeitgemäßen Reform, wenigstens in Oesterreich, anzusehen.

Ein werthvolle Leistung Wastler’s ist seine Neubearbeitung des aus den fünfziger Jahren stammenden „Handbuches der niederen Geodäsie“ von Hartner, dessen Auflagen von der 5. bis zur 8. von W. herausgegeben wurden. Er verstand es, dem Werke den Charakter eines trefflichen Lehrbuches zu bewahren und gleichzeitig den Fortschritten der Wissenschaft und Technik Rechnung zu tragen. Es steht auf der Höhe der Wissenschaft und ist gleich werthvoll für den Studirenden wie für den praktischen Ingenieur.

Neben diesen Studien und Arbeiten auf dem Gebiete der Geodäsie widmete er sich aber auch mit ebenso großer Liebe und bedeutendem Erfolge dem Studium der Geschichte der bildenden Künste. Eine Folge davon war es, daß ihm vom Ministerium der Lehrauftrag ertheilt wurde, an der Hochschule, an der er als Geodät wirkte, auch Geschichte der Architektur vorzutragen, ein Auftrag, dem er mit Begeisterung nachkam, welche er auch auf seine Hörer zu übertragen verstand. Reisen in Italien, welche er in den letzten Jahren seines Lebens fast alljährlich unternahm, bewirkten sein tiefes Eindringen in die italienische Kunst und brachten sein Kunsturtheil zur vollendeten Reife. Durch mehr als zwanzig Jahre war er der Kunstkritiker für die Grazer „Tagespost“, namentlich der Verfasser der kritischen Besprechungen der jeweiligen Kunstausstellungen in Graz, durchaus Arbeiten, welche von dem klaren Geiste, dem gerechten Sinne, dem gediegenen Kunstverständnisse des Verfassers Zeugniß geben.

Als Kunsthistoriker gehörte W. jener Reihe jüngerer Schriftsteller dieses Faches an, welche als Substrate ihrer Darstellungen nicht bloß das Kunstwerk allein gelten lassen, sondern auch aus Urkunden und Acten, die in den Archiven verwahrt sind, den Werde- und Bildungsgang der alten Meister, ihr Leben, die Umwelt, welche auf sie wirkte, zu ergründen suchen. Dadurch gelang ihm, viele bisher unbekannte Thatsachen aus der Kunstgeschichte der [5] Steiermark, in allen drei Zweigen, der Malerei, der Skulptur, der Architektur zu erforschen und bekannt zu machen. Drei größere Arbeiten lieferte Wastler’s Forschergeist, daneben aber eine fast unübersehbare Zahl von kleineren, jedoch nicht minder werthvollen Abhandlungen und Notizen. Ein großes Verdienst überhaupt und speciell um die Steiermark erwarb er sich zunächst dadurch, daß er eifrigst und erfolgreich bemüht war, von biographischen Daten steiermärkischer Künstler zu retten, was noch zu retten war, all dies mit größtem Fleiße zusammentrug und in seinem „Steirischen Künstlerlexikon“, Graz 1883, veröffentlichte, einer Frucht vieljähriger Studien und eifriger archivalischer Forschungen.

Seine zweite Arbeit ist dem Landhaus (Ständehaus) in Graz gewidmet, einem Meisterwerke der Renaissance und des Rococo; kunsthistorisch würdigt er in der Schrift „Das Landhaus in Graz“, Graz 1890, diese herrliche Schöpfung, schildert in Wort und Bild die allmähliche Entstehung desselben seit dem 15. Jahrhundert, bestimmt die Stelle, welche es in der Entwicklung der Baukunst in Steiermark und überhaupt einnimmt. Dieses Landhaus ist in der Geschichte der Architektur deshalb so bemerkenswerth, weil sich an ihm vier verschiedene Stilarten zeigen: deutsche Frührenaissance, noch halb im Banne der Gothik stehend – ein Flügel desselben wurde im ersten oder zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts erbaut, zählt also mit der als erster Renaissancebau Deutschlcmds geltenden Fuggercapelle bei St. Anna in Augsburg (1512) und mit dem Portale der Salvatorkirche in Wien (1515) zu den allerersten Werken der Renaissance auf deutschem Boden –, venetianische Frührenaissance, deutsche Renaissance im Charakter des 17. Jahrhunderts und französisches Rococo.

Das dritte und letzte größere Werk, das W. der Kunstgeschichte der Steiermark widmete, war: „Das Kunstleben am Hofe zu Graz unter den Herzogen von Steiermark, den Erzherzogen Karl und Ferdinand“, Graz 1897. Es beschränkt sich auf die Zeit von etwa der Mitte des 15. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, auf die Zeit, in welcher Steiermark einen selbständigen Regentenhof hatte, und die mit dem Beginne der Renaissance in den Alpenländern zusammenfällt, da für die vorausgehende Periode fast kein urkundliches Material besteht, nachher aber die Kunst im Lande beinahe erlischt.

Außer diesen Werken liegt noch die kaum übersehbare Zahl von Studien, Aufsätzen und Notizen vor, welche in wissenschaftlichen Zeitschriften und Journalen (in den „Mittheilungen der k. k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale“, in dem Bande „Steiermark“ des Kronprinzenwerkes „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“, in der „Oesterreichisch-ungarischen Revue“, in den „Mittheilungen des historischen Vereins für Steiermark“, in den „Beiträgen zur Kunde steiermärkischer Geschichtsquellen“, in der „Grazer Tagespost“, in der „Zeitschrift für allgemeine Geschichte, Cultur- Literatur- und Kunstgeschichte“) erschienen sind.

Aber nicht bloß auf dem Gebiete der Kunstgeschichte der Steiermark forschte und arbeitete W. – wenn er sich auch vorwiegend auf demselben bewegte –, er war auch ein Kenner der italienischen Kunst und widmete ihr mehrere Arbeiten, welche in Lützow’s „Zeitschrift für bildende Kunst“, und im „Repertorium für Kunstwissenschaft“ veröffentlicht wurden. – Weitere Arbeiten Wastler’s sind auch in „Westermann’s Monatsheften“, in der „Neuen Freien Presse“, in der „Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien“, im Grazer „Industrie- und Gewerbeblatt“ und an anderen Orten erschienen.

So wie in der Kunstgeschichte, so trat W. bei seinen geodätischen Studien [6] und Arbeiten die Steiermark – zwar nicht das Land seiner Geburt, aber das seines Berufslebens – in die erste Reihe; er bedachte sie mit einer Karte der Umgebungen des Curortes Gleichenberg und mit einem Plane von Graz und sprach 1890 in seiner Rectoratsrede über „Die Geodäsie auf steirischem Boden“, in welcher er in großen Umrissen das Bild der geodätischen Thätigkeit in Steiermark von den ältesten Zeiten bis in das 19. Jahrhundert entwarf. – W. starb am 1. April 1899.

Professor F. Ruth, Josef Wastler (in der Grazer Tagespost 1899, Nr. 119). – Ilwof, Josef Wastler, k. k. Hofrath und o. ö. Professor an der k. k. technischen Hochschule in Graz (in dem Gedenkbuch des Historischen Vereins f. Steiermark; Mittheilungen desselben XLIX. Heft, S. 281–308).