ADB:Weidmann, Joseph

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Artikel „Weidmann, Joseph“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 457–458, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Weidmann,_Joseph&oldid=- (Version vom 19. August 2019, 10:56 Uhr UTC)
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Weidmann *): Joseph W., Komiker, wurde am 24. August 1742 als Sohn eines ärmlichen Bedienten, der aus Würzburg eingewandert war, zu Wien geboren. Er kam, frühzeitig als begabt erkannt, mit seinem Bruder Paul (s. u.) in die tüchtigen Jesuitenschulen, wo er in der da gepflegten Schulkomödie und in eigenen Reden durch Declamations- und Darstellungstalent hervorstach. Der kümmerliche Verdienst des Vaters veranlaßte diesen, den Sohn zum Bedienten zu zwingen, letzteren aber, mit Einverständniß der Mutter, zur Flucht 1757. Bis 1760 trat er bei Brunian’s Truppe zu Brünn in Balletten und Possen als Grotesktänzer auf, floh wegen einer Ohrfeige, die er dem Director applicirte, nach Wien zurück, und betrat hier, nach mühsam erlangter väterlicher Einwilligung, bei Prehauser’s Truppe die Bühne als Statist für 7 Kreuzer den Abend, nach einem Intermezzo mit diesem berufenen Komiker 1762–65 in Salzburg, wegen seines ‚martialischen‘ Gesichtes als Intriguant. 1765 errang W. in Prag Namen und große Beliebtheit durch die nach dem Tode des renommirten Spaßmachers Lipperl von ihm selbst verfaßte Posse „Lipperl, der verliebte Laternbube“ und die von ihm creirte Titelrolle, eine bald stereotype Figur. Damit war W. für immer ins Lager der Komik abgeschwenkt, und er suchte sich dafür, als trotz des außerordentlichen Beifalls die Gage nicht stieg, ein Feld in Linz, wo er, vom Publieum wärmstens aufgemuntert, in den von Jos. Kurz-Bernardon stilisirten Bühnenhumor sich ganz hineinlebte. 1771 ging er nach Graz, von da, weil er mit einer Collegin, die ihn vorübergehend gefesselt hatte, nicht mehr spielen wollte, 1772 nach Wien. Erst nach Jahresfrist, während er inzwischen eifrig an sich gearbeitet, erlangte er einen Posten am späteren Hof- und Nationaltheater, wo er als Cavalier Arnold in Goldoni’s „Pamela“ (deutsch von Weißkern) erfolgreich debütirte und rasch in seinem Fache wie in der öffentlichen Gunst einwurzelte, so daß er 1776, als Kaiser Joseph II. das höherem Niveau glücklich zustrebende Institut zur kaiserlichen Bühne erhob, durch diesen, zunächst ihm mit verdankten Erfolg seine Zukunft gesichert sah. 1779 kam die Leitung an einen Ausschuß fünf wechselnder Regisseure, in welcher Reihe W. 1785/86 fungirte. In die 1786 auf des Kaisers Befehl in den Räumen vor der Hofloge errichtete Galerie, die Porträts der bedeutendsten Schauspieler nach deren Hauptrollen enthielt, wurde W. als Bedienter Johann im „Kobold“ aufgenommen. Die Gnade, in der er bei seinem Monarchen, diesem edeln Patrone der Kunst, stand, beweist auch die von diesem ihm noch allein ertheilte Erlaubniß, die bisherige Freiheit des Extemporirens beizubehalten. Er hat sich übrigens dadurch nie zu Ausschreitungen irgendwelcher Art hinreißen lassen, vielmehr öfters Lücken, die Mangel des Zusammenklappens oder Verspätung verschuldet, glücklich ausgefüllt. Sogar in seinen Improvisationen aus dem niedrig-komischen Gebiete zügelte er sich stets verständnißvoll, obwol er gerade darin Meister war und die Früchte eleganteren Scherzes häufig in etwas gewöhnlicher Schale servirte. Trotzdem hat er durch Gewandtheit des Spiels und angeborene Laune schwache Rollen, ja sogar ganze Stücke gerettet oder wenigstens infolge seiner Kenntniß des Publicums und der Beliebtheit über Wasser gehalten. Seine Routine wahrte ihm bis ans Ende den vollsten Beifall; nach über einem Dutzend vortrefflicher Darbietungen – Hippeltanz im „Epigramm“ wird besonders gerühmt – brillirte er noch eine Woche vor seinem Tode, 18. September 1810, als Commissär Wallmann („Die Aussteuer“). Weidmann’s Repertoire war umfänglich: komische Alte, affectirte und grimacirte Liebhaber, Bonvivants, carikirte und ländliche Charaktere; Chargen und Dümmlinge, die nicht Stützen, sondern retardirende Momente der Handlung [458] liefern, stellte er meisterlich naturwahr und packend dar, und die ersten komischen Partien lagen an drei Jahrzehnte in seinen Händen. Auch in der Operette mußte er wiederholt mit Singen aushelfen; dazu berichtet Castelli’s Charakteristik, daß W. „mit einer erbärmlichen Stimme“, als betrunkner Winzer in einen Haufen Reifen verwickelt, dem Singspiele „Die Faßbinder“ zu starkem Applaus verholfen habe. Seine Eigenheit in Erscheinung – mittlere Statur, etwas corpulent – und Auftreten verleugnete er nie: er that fast immer verdrossen, wußte jedoch trotz unbannbaren österreichischen Dialekts seine volle wohlklingende Stimme vielseitig zu modeln. Die Frage seiner dramatischen Schriftstellerei ist offen: Wurzbach, der sorgfältigste und ausführlichste seiner Biographen, erwähnt davon außer dem erwähnten Lipperl-Schwank nichts, Goedeke schreibt ihm etliche Lustspiele zu, die alle 1785–88 auf der Bühne erschienen, wovon das erste, „Die drei Zwillingsschwestern. Originallustspiel in 5 Akten“ 1785 und 1786, ein ‚Bandenstück‘, von ihm stammen mag, da es ein „Danksagungsschreiben des ganzen Körpers der Kasperln an das Quinquevirat des Nationaltheaters zu Wien [womit das obenerwähnte Fünfer-Comité gemeint ist]“ (Wien 1786) hervorrief, wol auch „Der Dorfbarbier. Komische Oper in 1 Aufzug. Musik von Schenk“ (Eisenstadt 1805, Wien 1809), einst allbeliebte Zugabe, die Wurzbach S. 273a nach einer Ausgabe Wien 1801 Paul W. zuweist; freilich bemerkt Goedeke, bei einigen Dramen von Weidmann’s Bruder Paul (s. u.), in dessen „Bettelstudent“ Joseph die Titelperson am gelungensten verkörperte, sei es zweifelhaft, von welchem der beiden sie stammen. Fr. Schlögl, Vom Wiener Volkstheater (1883, s. S. 17, 80, 101 zum ‚Lipperl‘) S. 56 u. 116 läßt W. im letzten Lebensjahr den Rumor in Matthäus Stegmayr’s drolliger Farce „Rochus Pumpernickel“ mit verüben.

M(annsfel)d in Pierer’s Encyclop. 25 (1836), 679a, wörtlich 2. Aufl. 33 (1846), 420a; Dg. (Heinr. Döring?) im Allg. Theater-Lex. VII, 195 f.; Wurzbach, Biogr. Lex. 52, 267–272 (das meiste Material); J. F. Castelli, Memoiren (1861) I, 211; Goedeke2 V, 330 f. u. 313.

[457] *) Zu Bd. XLI, S. 459.