ADB:Zürner, Adam Friedrich

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Zürner, Adam Friedrich“ von Viktor Hantzsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 511–514, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Z%C3%BCrner,_Adam_Friedrich&oldid=- (Version vom 20. November 2019, 19:59 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Zurstraßen, Ludger
Band 45 (1900), S. 511–514 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Adam Friedrich Zürner in der Wikipedia
GND-Nummer 121787451
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|45|511|514|Zürner, Adam Friedrich|Viktor Hantzsch|ADB:Zürner, Adam Friedrich}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=121787451}}    

Zürner: Adam Friedrich Z., namhafter Kartograph und Beförderer des Postwesens, stammte aus einer alten Theologenfamilie, die seit der Reformationszeit der sächsischen Landeskirche eine stattliche Reihe von Predigern geliefert hat. Er wurde 1680 in Marieney bei Oelsnitz im sächsischen Voigtlande als Sohn des dortigen Pfarrers Adam Z. geboren. Den ersten Unterricht erhielt er durch seinen Vater und einen Studenten der Theologie. Nach Absolvirung der Lateinschule zu Plauen bezog er die Universität Leipzig. Auf Wunsch des Vaters studirte er Theologie, doch beschäftigte er sich lieber mit darstellender Geometrie und Feldmeßkunst. Nachdem er die Magisterwürde erworben und sich einige Zeit zu seiner weiteren Ausbildung in Hamburg aufgehalten, sowie das Amt eines Katecheten zu Paunsdorf bei Leipzig bekleidet hatte, wurde er 1705 zum Pfarrer von Skassa bei Großenhain gewählt. Die reichliche Muße, die ihm diese Stellung gewährte, benutzte er zu gründlicher Beschäftigung mit den mathematischen Schriften des Euklid, Cartesius, Leibniz und Christian Wolf. Diese Studien entfremdeten ihn allmählich der Theologie, so daß er anfing, sein geistliches Amt zu vernachlässigen. Anstatt sich der Seelsorge zu widmen, reiste er im Lande umher und maß mit Hülfe des Triangulationsverfahrens die Entfernungen der Ortschaften aus. Als er die Ergebnisse seiner Vermessungen mit den damals vorhandenen Karten von Sachsen verglich, erkannte er die außerordentliche Unzuverlässigkeit und Fehlerhaftigkeit der letzteren und beschloß deshalb, auf eigene Hand ein neues kartographisches Bild Sachsens in möglichst großem Maßstabe herzustellen. Zunächst begann er die nähere, dann die weitere Umgegend seines Wohnortes Skassa aufzunehmen. Als Früchte seines Fleißes veröffentlichte er eine Uebersichtskarte des kursächsischen Amtes Großenhain, sowie einen Plan von Dresden und Umgebung. Beide Werke [512] empfahlen sich durch Genauigkeit und Sauberkeit der Zeichnung und erregten nicht nur in Sachsen, sondern auch in den Nachbarstaaten berechtigtes Aufsehen. Da aber die sächsische Regierung befürchtete, daß Zürner’s Karten in Kriegszeiten den etwa eindringenden feindlichen Heeren von wesentlichem Nutzen sein würden, verbot sie ihm weitere Veröffentlichungen auf diesem Gebiete. Er begab sich deshalb nach Böhmen, zeichnete Karten des Egerkreises, sowie der Landschaften um Karlsbad und Teplitz und verkaufte sie an die Badegäste. Inzwischen hatte er durch seine kartographischen Leistungen die Aufmerksamkeit August’s des Starken, seines Landesherrn, erregt. Dieser ging schon längst mit dem Plane um, eine vollständige Vermessung Sachsens vornehmen und an Stelle der vorhandenen ganz veralteten und deshalb wenig brauchbaren Karten der einzelnen Landestheile neue zuverlässige zeichnen zu lassen. Den rechten Mann zur Ausführung seiner Absichten glaubte er in Z. gefunden zu haben. Dieser war sehr gern bereit, in den Dienst des Königs zu treten. Er erhielt den Titel eines Kurfürstlich Sächsischen und Königlich Polnischen Geographen, sowie den eines Land- und Grenzcommissarius und wurde beauftragt, unverzüglich mit einer allgemeinen Vermessung des Landes, namentlich der Poststraßen zu beginnen. Mit der ihm eigenen Geschicklichkeit in mechanischen Künsten erbaute er sich zunächst einen bequemen Reisewagen, der ein Uhrwerk enthielt, mittels dessen man auf einem Zifferblatte die Länge des zurückgelegten Weges ablesen konnte. Mit diesem „geometrischen Wagen“ vermaß Z. in den Jahren 1712 bis 1732 alle Straßen Sachsens, sodaß er während dieser Zeit eine Strecke von 18 000 Meilen zurücklegte und sich rühmen konnte, mehr als drei Mal um die Erde gefahren zu sein. Da er auf diesen Reisen die Mißstände der sächsischen Landstraßen gründlich zu kennen Gelegenheit fand, war er in der Lage, dem Kurfürsten allerlei brauchbare Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu unterbreiten. Insbesondere setzte er es durch, daß seit 1722 an allen Poststraßen steinerne Meilen-, Stunden- und Halbstundensäulen aufgestellt, sowie Bäume angepflanzt wurden.

Neben dieser zeitraubenden Thätigkeit, die ihn zwang, oft wochenlang seinem Wohnorte Skassa fernzubleiben, hatte Z. sein Pfarramt beibehalten, verwaltete dasselbe aber so nachlässig, daß die entrüstete Kirchgemeinde sich mehrfach in den schärfsten Ausdrücken beim Oberconsistorium über ihn beschwerte. Z. wandte sich deshalb 1717 an die theologische Facultät zu Leipzig mit der Anfrage, ob die Beschäftigung mit der Geographie mit dem geistlichen Amte vereinbar sei. Die Facultät beschied ihn, daß er sich zwar ohne Beschwerung seines Gewissens mit geographischen Studien befassen könne, daß er aber doch, um in Zukunft jedes Aergerniß zu vermeiden, sein Amt niederlegen möge, um Gott und dem Vaterlande in einem anderen Berufe mit den ihm verliehenen Talenten besser zu dienen und mehr Nutzen zu schaffen. Z. kam diesem Rathe vorläufig nicht nach. Erst 1722 verließ er den geistlichen Stand und widmete sich ganz der Geographie. Bereits drei Jahre früher hatte er eine bedeutsame Probe seiner kartographischen Leistungen, eine große Poststraßenkarte von Sachsen in 16 Blättern, veröffentlicht. Um die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf dieses Werk zu lenken, verfaßte er 1719 eine kleine Schrift „Kurtzer Entwurff vom Gebrauche, Nutzen und Preise der neuen chursächsischen Post-Charte“. Die Karte selbst, von Moritz Bodenehr vortrefflich in Kupfer gestochen, umfaßte ganz Kursachsen und große Theile der angrenzenden Länder nebst einem Ortsregister. Da sie in keinem Theile auf veralteten Grundlagen, sondern durchgängig auf eigenen, für jene Zeit sehr genauen Messungen Zürner’s beruht und Tausende von Fehlern der früheren Karten verbessert, darf sie als epochemachend in ihrer Art bezeichnet werden. Fehlerhaft sind fast nur die astronomischen Ortsbestimmungen, [513] doch rühren dieselben nicht von Z., sondern von seinem Landsmanne Tobias Beutel her. Die Karte erlebte wegen ihrer Vorzüglichkeit zahlreiche vermehrte und verbesserte Auflagen und blieb zwei Menschenalter hindurch unübertroffen. Wichtiger noch als die Postkarte, war ein anderes, großartig angelegtes Werk Zürner’s, das leider nie vollständig veröffentlicht worden ist: sein großer Atlas von Sachsen, der sogenannte Atlas Augusteus, den er für seinen Landesherrn gezeichnet hatte. Derselbe enthielt 40 Generalkarten, welche die natürlichen, wirthschaftlichen und politischen Verhältnisse des Landes in einer bis dahin ungeahnten Vollständigkeit und Ausführlichkeit darstellten, sowie 40 Specialkarten der einzelnen sächsischen Aemter und Herrschaften, ferner eine Beschreibung des Verfahrens bei topographischen Vermessungen und Aufnahmen, eine Beschreibung und Abbildung des geometrischen Wagens, eine Abhandlung vom Nutzen der Specialkarten, zahlreiche statistische Tabellen, ein Ortsverzeichniß und mehrere Wappentafeln. Z. hätte das große Werk gerne herausgegeben, doch fand er weder einen Verleger, der das Wagniß unternehmen wollte, noch erhielt er die Erlaubniß der Regierung zur Drucklegung. Nur einige Karten erschienen in sehr schlechtem Stich bei dem Buchhändler Peter Schenk dem Jüngeren in Amsterdam. Als 1733 August der Starke starb, besserten sich die Aussichten Zürner’s. Der neue Kurfürst schien der Veröffentlichung der Karten weniger abgeneigt zu sein, doch ehe er eine bestimmte Erlaubniß ertheilte, starb Z. im December 1742 in Dresden. Sein großer Atlas ging in den Besitz des berüchtigten Ministers Hennicke, eines ehemaligen Bedienten, über, der ihn durch seine Leute ohne Vorwissen des Kurfürsten großentheils an Peter Schenk verkaufte. Dieser ließ gegen 50 Karten stechen und gab sie in den Jahren 1745 bis 1760 ohne Zürner’s Namen als „Neuer sächsischer Atlas“ heraus. Viele einzelne Karten desselben wurden von verschiedenen holländischen, französischen und deutschen Unternehmern, namentlich von Homann’s Erben in Nürnberg, sowie von Seutter, Lotter und Probst in Augsburg nachgestochen und fanden starke Verbreitung.

Außer diesen kartographischen Darstellungen Sachsens hat Z. noch eine große Anzahl anderer Karten meist kleineren Formats gezeichnet. Sie sind nirgends vollständig gesammelt, sondern in den verschiedensten Werken geographischen, geschichtlichen und theologischen Inhalts zerstreut. Erwähnenswerth sind namentlich 37 Specialkarten in dem wiederholt aufgelegten Atlas portatilis des Nürnberger Buchhändlers Weigel, ferner ein „Atlas von ganz Deutschland nach den 10 Kreisen“ (zuletzt Nürnberg 1780), sowie ein „Atlas von der ganzen Welt für Schulen“ (zuletzt Nürnberg 1786). Im ganzen beträgt die Zahl der Zürner’schen Karten 902.

Außerdem verfaßte er aber auch noch mehrere geographische Werke anderer Art. Infolge der vielfachen politischen und wirthschaftlichen Beziehungen zwischen Kursachsen und Polen hatte sich das Bedürfniß eines Reiseführers für die Strecke Dresden–Warschau herausgestellt. Da Z. diesen Weg wiederholt mit Hülfe seines geometrischen Wagens vermessen hatte und in jeder Hinsicht genau kannte, gab er 1738 eine „Kurze Anleitung zur gewöhnlichen Reise von Dresden nach Warschau“ mit einer Reisekarte, sowie mit einer Specialkarte von Warschau und Umgegend heraus. Kurz nach Ausbruch des 1. Schles. Krieges 1741 ließ er eine „Kurze Nachricht von Schlesien“, 1742 eine „Kurze geographische Nachricht von dem Markgrafenthum Mähren u. dißfalligen Müllerischen Charten“, bald darauf einen „Kurzen Extrakt einer geographischen Nachricht von Böhmen“ erscheinen. Alle drei Schriften, die noch 1770 in Leipzig neu aufgelegt wurden, waren von Karten begleitet und sollten den Zeitungslesern ermöglichen, den Gang der Ereignisse auf dem Kriegsschauplatze genau zu verfolgen. Schließlich sind noch als Werke Zürner’s zu erwähnen eine „Kurze Anweisung zum nützlichen Gebrauche [514] einer großen Landkarte von Palästina“ (Leipzig 1740, zuletzt 1770), sowie ein „Register über die in Bayern, Oberpfalz und Salzburg liegenden Städte, Flecken etc.“ mit 2 Karten (Leipzig 1770). Mehrere von ihm gezeichnete handschriftliche Karten, u. a. eine Specialkarte des Meißner Kreises, besitzt die Dresdner Bibliothek.

Rathlef, Geschichte jetztleb. Gelehrten 3, 245. – Zedler. UL. 63, 1536. – Dietmann, Kursächsische Priesterschaft 1, 659. – Adelung, Verzeichniß d. Landkarten v. Obersachsen. Meißen 1796. – Merkel, Erdbeschreibung von Kursachsen, 3. Aufl. 6, 66–68. – Hauber, Zusätze z. Historie d. Landkarten S. 11 ff. – Schumann, Ortslex. v. Sachsen 11, 173. – Sachsens Kirchengalerie 7, 172. – Zschoke, Kurfürstl. Sächs. Geograph Mag. A. Fr. Zürner (Arch. f. Post u. Telegr. 1892, Heft 5–6).