ADB:Zintgraff, Eugen

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Artikel „Zintgraff, Eugen“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 336–338, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zintgraff,_Eugen&oldid=- (Version vom 24. Juni 2019, 22:22 Uhr UTC)
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Zintgraff: Eugen Z., Afrikareisender, geboren am 16. Januar 1858 zu Düsseldorf, † am 3. December 1897 auf Teneriffa. Z. besuchte die Gymnasien in Düsseldorf und Bielefeld und widmete sich dem Rechtsstudium in Straßburg, Bonn, Berlin und Greifswald; in Heidelberg machte er seinen juristischen Doctor. [337] Nach einer kurzen, journalistischen Episode in Berlin ging er 1884 mit dem Oesterreicher Chavanne nach dem unteren Kongo. Unter dem Eindruck der Grenfell’schen Entdeckung des Ubangi, machte er den Plan, vom Kongo her zu Wasser in das Hinterland des eben von Deutschland besetzten Kamerun vorzudringen. Zwar lehnte das Auswärtige Amt Ende 1885 diesen Plan ab, veranlaßte aber Z. im darauffolgenden Jahre das Küstenhinterland zu erforschen. Er löste die Aufgabe geschickt durch vier kleinere Vorstöße. 1887 ging er mit Lieutenant Zeuner bis zum Elefantensee vor, wo er die Barombi-Station gründete. 1888 schritt er von hier nach Batan fort und durchbrach zum ersten Mal den Gürtel, den die gefürchteten Banyang damals zwischen die Küste und das Grasland legten. Anfang 1889 betrat Z. im Grasland das Gebiet der Bali, eines der kräftigsten Stämme des Innern. Z. gewann in Kürze Einfluß bei diesem Volk, so daß er mit dem Bau einer Station beginnen konnte. Wenige Monate später hatte er den Weg von hier bis zum Benue zurückgelegt. In Ibi traf er die erste englische Handelsstation und den ersten Benue-Dampfer. Als er in Donga die Verbindung mit Flegel’s Benue-Reise gefunden hatte, legte er sich Flegel’s in Adamaua landesüblichen Namen Abder Rahmân bei. Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Deutschland kehrte Z. im Herbst 1890 nach Kamerun zurück, um eine Expedition nach Bali zu führen, und von der Station Baliburg aus die Verbindung des Hinterlandes mit der Küste zu sichern. Zugleich führte Z. auch eine kaufmännische Expedition, die in Baliburg eine Handelsstation gründen sollte. An die Stelle Zeuner’s, der 1890 gestorben war, war Lieutenant v. Spangenberg getreten. Die Expedition zählte 375 Afrikaner und 7 Europäer und machte ohne Schwierigkeit den Weg nach Bali. Z. glaubte diese Macht zur Niederwerfung des Widerstandes einiger Nachbarstämme verwenden zu sollen. Er griff am 31. Januar das den Bali feindlich gesinnte Bandeng an, erlitt aber auf dem Rückmarsch große Verluste an Menschen und Munition und mußte nach Kamerun zurückkehren. Z. wurde in seinen Bestrebungen, diese Niederlage auszuwetzen, von der Colonialverwaltung nicht so unterstützt, wie er wünschte. Er kehrte erst im August nach Bali zurück, schloß einen sehr günstigen Vertrag mit Garega, dem Häuptling der Bali, der dem Blutfreunde Z. die Verwaltung über das ganze Baliland in die Hand gab. Die Verhältnisse schienen sich hier wie bei den Banyang und in Barombi günstig zu entwickeln. Z. hatte in Lieutenant Hutter einen neuen Gehülfen erhalten. Leider genügten aber weder die Z. zur Verfügung gestellten Mittel seinen Ansprüchen, noch fand er in Kamerun und in Berlin die volle Billigung seiner Pläne. Z. glaubte schon bei seiner Niederlage bei Bandeng nicht so wie er erwarten durfte, von dem Gouverneur Zimmerer unterstützt worden zu sein. Seiner hohen Meinung von dem Werthe der Bali als Soldaten und Plantagenarbeiter stand die Behandlung entgegen, die die Bali mehrfach an der Küste gefunden hatten. Auch der Wunsch Zintgraff’s einen Vorstoß nach dem Tsadsee zu machen, wurde in Berlin nicht voll gewürdigt. Als Z. fand, daß man sich in Berlin durchaus auf die Seite der Gegner seiner Pläne stellte, nahm er 1892 seine Entlassung. In einer ohne Jahreszahl zu Hamburg erschienenen Schrift übergab Z. seine Beschwerden der Oeffentlichkeit. Dieser Schritt machte es in den Augen der Colonialbehörde unmöglich, Z. weiter irgend eine Thätigkeit im Gebiete von Kamerun entfalten zu lassen; man verbot ihm einfach, in den nächsten zwei Jahren dorthin zurückzukehren. Z. beschäftigte sich mit der Ausarbeitung seines Buches „Nord-Kamerun“, hielt Vorträge über seine Reisen und weilte 1893 in den Goldfeldern von Transvaal. 1896 bot sich ihm endlich die Gelegenheit, lang gehegte Pläne einer Plantagengründung in Kamerun mit [338] Bali-Arbeitern zu verwirklichen. Er wurde Director der Pflanzungsgesellschaft Viktoria; aber an der Schwelle des Erfolges befiel ihn im Spätjahr 1897 Krankheit, die ihn in Teneriffa wegraffte.

Z. ist unter den jüngern deutschen Afrikareisenden aus der colonialen Aera einer der hervorragendsten. Er verband Kühnheit im Vordringen mit Klugheit im Verkehr mit den Negern und erzielte große Erfolge unter schwierigen Umständen. Ohne gelehrter Afrikaforscher im Sinne von Barth oder Nachtigal zu sein, hat er sich doch als ausgezeichneter Beobachter der Natur und besonders des Völkerlebens Afrikas erwiesen. Ueber allen standen ihm aber die wirthschaftlichen und politischen Aufgaben einer jungen Pflanzungscolonie, die ihre äußersten Grenzen noch nicht gefunden hatte. Z. hat die wirthschaftliche Entwicklung Kameruns richtig vorausgesehen und würde, wenn ihm eine längere Lebenszeit beschieden gewesen wäre, die Richtigkeit seiner Grundsätze wol selbst erprobt haben. In politischer Beziehung hat er ebenso wie die gleichzeitig mit ihm auf südlicheren Wegen dem Benue Zustrebenden, Kund und Tappenbeck, das Ziel nicht erreicht. Die Schwierigkeiten des innern Afrikas lagen hier der Küste am nächsten, und über die Mittel zu ihrer Bewältigung machten sich diese Pioniere und ihre Auftraggeber zu kleine Vorstellungen. Daher wurden sie zu früh von der Ostrichtung und vom Scharibecken abgelenkt, in Kämpfe verwickelt, zum Stillstand oder Rückzug gezwungen. Die ungünstige Grenze der Kamerun-Colonie im Osten und Norden ist eine Folge dieser Umstände. Auch die Zwistigkeiten zwischen Z. und der Colonialverwaltung führen im Grund darauf zurück. Doch ist nicht zu bezweifeln, daß die Behörden Z. nicht immer in der durch die Sachlage gebotenen Weise unterstützt haben, ebenso wie auf der andern Seite das Auftreten Zintgraff’s übermäßig selbstbewußt war. Im ganzen hat die Entwicklung des Hinterlandes von Kamerun die Voraussetzungen Zintgraff’s bestätigt. Nach den Schilderungen aller seiner Genossen vereinigte Z. die wichtigsten Eigenschaften eines innerafrikanischen Pioniers. Er war unerschrocken, ausdauernd und verstand mit den Negern trefflich umzugehen. Außer seinem einzigen Buche „Nord-Kamerun“ (1895) hat Z. eine Reihe von Aufsätzen, colonialpolitischen und geographisch-ethnographischen Inhalts, veröffentlicht. Das Buch enthält einzelne packende, trefflich geschriebene Abschnitte und wird in der deutschen Afrika-Litteratur immer eine hervorragende Stellung einnehmen.

Schriftliche Mittheilungen von der Familie, von Vorgesetzten und von Wirkungsgenossen Zintgraff’s, das Reisewerk und die einschlägigen Zeitschriften.